Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for November 2012

„Es war einmal“, beginne ich.

„Oh, ein Märchen?“

Raoul zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Nein“, ich muss lachen, „aber es muss ja einen Anfang für die Geschichte geben. Ich kann auch beginnen mit: Es wird einmal sein. Diese Geschichte kann immer und jederzeit stattfinden.“

„Gut. Entschuldige, ich werde versuchen, nicht mehr dazwischen zu reden.“

Raoul zwinkert mir zu.

„Es ist die Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes. Nennen wir sie Maja und Gabriel. Sie trafen sich in einem fernen Land, an einem fernen Meer, wie es der Zufall so wollte.“

„Oder das Schicksal“, murmelt Raoul.

Ich ignoriere den Einwurf.

„Maja hatte das Gefühl, von einer Last befreit zu sein. Ihr Herz atmete auf und warf alles von sich, was sie bedrückte. Vor ihr lag das Meer und über ihr erstrahlte ein blauer Himmel, der so hoch war, dass man das Ende nicht abwägen konnte. Die kleine Pension, in der sie untergekommen war, lag auf einem Felsen, direkt über einer winzigen Bucht, die man über eine schmale Steintreppe erreichen konnte. In ihrem Koffer befanden sich nur die wichtigsten Dinge, kein unnötiger Ballast. Ihre beiden Lieblingsbücher und ein Laptop steckten in einem Rucksack und warteten auf ihren Einsatz. Der Balkon vor ihrem Zimmer lag zum Meer hin und hatte gerade genug Platz für ein Tischchen und zwei bequeme Korbstühle. Am Geländer war ein Sonnenschirm angebracht, der alle Farben des Regenbogens auf seinem Schirm vereinte. Von irgendwoher ertönte leise Musik. Sanfte lateinamerikanische Rhythmen, die sich wie aromatische Düfte in die Luft erhoben und sich in ihren Gedanken verewigten. Sie war sich sicher, dass sie später, wenn sie an diese ersten Augenblicke zurückdachte, immer diese Musik hören würde. Unauslöschlich verbanden sie sich mit diesem magischen Moment. 

Sie setzte sich auf den Balkon und lauschte gedankenverloren der köstlichen Melodie, die zu ihr herauf schwebte, sich in ihre Ohrmuschel setzte, unter ihre Zunge kroch, die Bilder in ihrer Iris einkreiste, über ihren Hals, ihre Schultern strich, bis sie schließlich von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen hatte.

Noch vor ein paar Stunden hatte sie auf einem lauten Flugplatz gestanden. In einem grauen Häusermeer, unter einem stahlgrauen Himmel, mit der Schuld einer gescheiterten Beziehung beladen, die sie befürchten ließ, sich eher von einer Klippe zu stürzen, als einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erblicken. Aber nun, hier an diesem Meer, unter diesem Himmel gab es nichts mehr, das sie von sich trennte. Ihr Herz, ihre Seele und ihre Gedanken begannen wieder im Einklang miteinander zu schwingen. Alles relativierte sich unter der Unendlichkeit des Himmels und er Tiefe des Meeres. Was ist Zeit im Angesicht der Ewigkeit der Gezeiten? Was für eine Bedeutung hat das Leben im Angesicht der unbändigen Gewalt der Elemente?

Da hörte Maja einen Schrei. Hastig sprang sie auf und sah, dass jemand im Wasser trieb. Die Person musste von der Klippe gesprungen sein. In Windeseile rannte Maja die Treppe hinunter, zu der Stelle von der die Person gesprungen war. Der Körper trieb leblos im Wasser. Maja riss sich die Kleider vom Leib und sprang hinter her. Sie war eine gute Schwimmerin, aber es fiel ihr schwer den leblosen Körper zum Ufer zu schleppen. Die Wellen waren nicht hoch, aber es kostete sie alle Kräfte. Sie zog die Person an den Strand. Es war ein Mann, Gabriel. Sein schwarzes wirres Haar ließ sein schönes Gesicht noch bleicher erscheinen. Maja beugte sich zu ihm herunter und blies ihm ihren warmen Atem zwischen die kalten Lippen. Immer wieder gab sie ihm ihren Atem zu trinken, bis sein stummes Herz einen Schlag tat. Voller Angst, dass er wieder in die schreckliche Dunkelheit zurückfiel, küsste sie ihn. Da schlug er seine Augen auf. Sie waren von einem goldenen Braun und in ihnen lag alle Traurigkeit der Welt. Er sah Maja fragend an.

„Warum?“

Gabriel fiel in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

„Ich kenne den Grund“, flüsterte Maja leise.

 

„So!“, unterbricht Raoul ungehalten meine Erzählung, „und was ist der Grund dafür?“

Erstaunt, von so viel Leidenschaft, sehe ich ihn an und bemerke ein dunkles Glimmen in seinen schönen Augen.

„Unerwiderte Liebe. – Verzeih mir, wenn ich dich verletzt haben sollte.“

„Man lebt nur einmal und man liebt nur einmal!“, sagt er ohne mich anzusehen.

Raoul blickt aus dem Fenster und ich sehe, wie aufgewühlt er ist.

„Du hast meine Geschichte erzählt“, stößt er wütend hervor.

„Das wusste ich nicht! Verzeih mir. Es ist so herausgesprudelt.“

Deshalb hatte ich so viel Traurigkeit in seinen Augen gesehen und deswegen, war es mir gewesen, als ob ich ihn kennen würde. Mir ist so etwas schon öfter passiert. Ich setze mich neben ihn, nehme seine Hand und streichele sie beruhigend. Er zittert bei meiner Berührung. Still sitzen wir einfach nur da. Sehen der Landschaft zu, die an uns vorbei huscht und ich bemerke, dass sich langsam der Abend über dem Land ausbreitet. Die untergehende Sonne hat den Himmel mit einem sanften rosa Schleier überzogen.

„Wie der Schleier einer Braut“, sage ich leise.

Ich will mich wieder auf meinen Platz setzen, aber Raoul hält meine Hand fest.

„Erzähl mir noch eine Geschichte“, bittet er.

„Gut. Ich habe von einem netten Herrn ein paar Bücher geschenkt bekommen. Daraus werde ich dir vorlesen“, schlage ich vor.

Ich hoffe, dass die Geschichten darin weniger aufregend für Raoul sind. Raoul nickt zustimmend. Ich hole das Bündel Notizbücher aus dem Rucksack und reiche es Raoul.

„Aus welchem soll ich dir vorlesen?“

Er schaut sich die Etiketten an. Dann nimmt er eins davon und legt es auf die anderen.

„Dies hier“, sagt er und sein eindringlicher Blick trifft mich.

„Gut. Die Windrose.“

Ich stecke die anderen Bücher wieder ein und schlage, das Notizbuch auf.

 

„Es war einmal eine Zeit, als noch Götter auf Erden weilten, da lebte ein Nomadenvolk am Rande einer großen Wüste. Sie wurde Sandmeer genannt, da es in ihr soviel Sandkörner, wie Wassertropfen in den Ozeanen gab. Am Tage war es dort so heiß, dass sich kaum jemand aus den Zelten herauswagte, nur die mutigsten Krieger bestiegen ihre Kamele und kundschafteten die mächtigen Sanddünen aus. Nur während der kurzen Zeit der Dämmerung und der Morgenröte war es möglich unbeschadet hinauszugehen, denn in den sternenübersäten Nächten sank die Temperatur so stark, dass man aufpassen musste nicht zu erfrieren.

Die Nomadenfrauen waren die schönsten Blumen, die je ein Menschenauge erblickte. Ihre Haut war weiß, ja fast durchsichtig und ihre Augen so schwarz, wie der nächtliche Himmel. Sie waren feingliedrig und zart und doch von starkem Willen. Wer einmal eine dieser Frauen sah, verfiel ihr ohne sich je wieder davon zu erholen. Deswegen passten die Wüstensöhne besonders gut auf ihre Töchter und Schwestern auf.

Eines Tages, es war zurzeit der Dämmerung, kam der Gott Asch auf die Erde, um nach seinen Kindern zu sehen. Um nicht erkannt zu werden, nahm er die Gestalt eines Falken an und kreiste über der Oase Nahadip, wo die Wüstensöhne ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Asch ließ sich auf einer Palme nieder und beobachtete das Treiben der Menschen. Da wurde er eines Mädchens gewahr, so schön, dass die Göttinnen vor Neid erblassen würden. Ihre langen Haare hatten die Farbe von glänzendem Kupfer, und als sie ihre Kleidung ablegte, um in dem Spiegelteich der Oase zu baden, sah Asch ihren makellosen Körper im Licht der untergehenden Sonne wie einen Mondstein leuchten. Er hielt den Atem an und war gebannt. In dem Moment, in dem er seine Augen auf sie richtete, erfasste ihn eine unbändige, unsterbliche Liebe zu dem Mädchen. Sein Falkenherz schlug so laut, dass das Mädchen für einen Moment zu ihm aufblickte. Ein Lächeln huschte über ihre sanften Gesichtszüge und Asch hatte das Gefühl bei diesem Anblick sterben zu müssen.

Da aber die Götter nicht bei den Sterblichen verweilen dürfen, kehrte Asch in den Himmel zurück. Aber was er auch tat, immer sah er nur sie vor seinen Augen, die holde Wüstenblume aus der Oase Nahadip. Asch kehrte jeden Abend zu dem Spiegelsee der Oase zurück und wartete auf das Mädchen. Oft sah er sie und sie erblickte ihn. Eines Abends streckt sie die Hand aus und rief ihn. Nach einer Schrecksekunde breitete der Falke seine Flügel aus und schwebte auf ihren Arm. Ganz nah kam sie ihm und betrachtete seine Augen, die ganz anders als Vogelaugen blickten.

„Wer bist du?“, fragte sie.

„Ich bin Asch, der Falkenköpfige“, antwortete er.

„Und ich bin Saphira, die Tochter von Amir dem Helden“, stellte sie sich vor und fragte ihn, „warum kommst du jeden Abend hier her? Du bist ein Gott und hast sicher Wichtigeres zu tun?“

„Was gibt es Wichtigeres als dich zu sehen, Schönste aller Wüstenblumen.“

Asch verwandelte sich in einen Mann und Saphira betrachtete ihn voll Wohlwollen.

„Ich danke dir für dein Lob, aber du hast meine Schwestern noch nicht gesehen“, lächelte Saphira bescheiden.

„Und wenn sie tausend Mal schöner wären als du, bist du doch die eine, die ich will“, sagte Asch voller Inbrunst und Leidenschaft.

„Ich danke dir abermals. Du bist der schönste Mann, den ich je erblickte und wenn meine Schwestern dich sehen, dann werden sie um dich buhlen und du wirst mich vergessen.“

„Niemals!“, stieß Asch erregt hervor.

Inzwischen hatte sich die Nacht auf die Oase herabgesenkt und Asch musste Saphira wieder verlassen. Durch diese Begegnung war er in noch größerer Liebe entbrannt und ließ keinen Abend verstreichen, ohne Saphira zu besuchen. Seine Vorliebe für die schöne Menschenfrau blieb den anderen Göttern nicht verborgen. Eines Tages stellte ihn Bastet, die Göttin des Glücks und der Fruchtbarkeit, zur Rede. Asch schüttete ihr sein Herz aus. Bastet, die ein großes Herz für Liebende hatte, versprach ihm ein gutes Wort bei Amun einzulegen. Tatsächlich ließ sich Amun erweichen und ließ Asch zu sich rufen.

„Wie ich von Bastet hörte, hast du dein Herz an eine Sterbliche verloren“, sagte Amun.

„Ja, so ist es, Herr. Es ist über mich gekommen, wie ein Sandsturm, den man kommen sieht und dem man nicht entkommen kann.“

„Du weiß, dass es verboten ist, sich eine Menschenfrau zu erwählen?“

„Ich weiß, mein Herr, aber ich kann nichts dagegen tun. Lieber verzichte ich auf mein ewiges Leben, als auf Saphira.“

„Große Worte, Asch, große Worte“, sprach Amun, „wenn es aber nun dein unbedingter Wunsch ist, dann soll er sich erfüllen.“

Asch fiel auf die Knie.

„Danke, oh Herr, ich werde dir auf ewig dankbar sein.“

„Aber es sind Bedingungen daran geknüpft“, warf Amun ein, „niemals darfst du Saphira unglücklich machen, indem du anderen Frauen nachschaust, oder sie betrügst.“

„Das verspreche ich, ich werde Wort halten!“, sagte Asch voller Leidenschaft und überglücklich, seinem Wunsch so nahe zu sein.

„Hältst du nicht Wort, wirst du den Rest deiner Tage als Falke verbringen, ohne dich zurück verwandeln zu können und ich werde Saphira einen würdigeren Mann geben, als dich.“

„Das wird niemals geschehen! Niemals!“

Asch sprang auf und verneigte sich.

„Dann geh und handele weise!“, sagte Amun.

Nachdenklich sah er Asch nach, denn er kannte das verräterische Herz der Menschen und wusste, wie viel Leid sie über sich brachten.

     Asch nahm Saphira zur Frau und war glücklich. Sie versüßte seine Nächte und erfreute seine Tage. Dann, eines Tages, kam eine Schwester von Saphira zu Besuch. Erst bemerkte Asch sie nicht, er hatte nur Augen für seine Frau. Aber je länger die Schwester im Haus weilte, umso mehr sah er, wie schön sie war. Dann lauerte er ihr eines Tages am Spiegelsee auf, als die Stunde der Dämmerung nahte. Begehrlich betrachtete Asch die schöne junge Frau. Plötzlich kam ihm seine eigene Frau so glanzlos und einfach vor. Immer öfter schlich er sich hinaus und beobachtete die Jungfrau. Sein Herz wurde immer dunkler und schwärzer. Seine verbotene Leidenschaft machte ihn streitsüchtig und reizbar, das ließ er an seiner Frau aus. Saphira konnte Asch nichts mehr recht machen und wurde von Tag zu Tag unglücklicher. Eines Abends, als er wieder am Spiegelsee auf das Mädchen wartete, erschien Bastet und sah Asch traurig an.

„Was willst du hier?“, fragte Asch wütend.

„Ich bin hier, um dir eine Nachricht von Amun zu überbringen“, erwiderte Bastet traurig, „er lässt dir sagen, dass er die Not deiner Frau Saphira gesehen hat und wenn du dich nicht änderst, wird er die Strafe an dir vollziehen.“

„Mach dir keine Sorgen, ich mach das schon“, wehrte er Bastets guten Rat ab.

In der nächsten Zeit versuchte er sich zu ändern, aber es dauerte nicht lange und er fiel wieder in seine unselige Verhaltensweise zurück. Als er versuchte Saphiras Schwester zu verführen, vollstreckte Amun die Strafe an Asch und verwandelte ihn in einen Falken. Niemals wieder würde er menschliche Gestalt annehmen können. Asch weinte und flehte, er demütigte sich, aber Amun ließ sich nicht erweichen.

„Du warst ein Gott und ich habe dich gewarnt, aber du hast nicht auf mich gehört.“

Amun suchte unter den mutigsten Söhnen der Nomaden einen stattlichen guten Mann aus, Samadi, der nach langen Prüfungen und Härten Saphiras Herz gewann. Ihr Vertrauen war durch Aschs Verrat verloren gegangen und musste erst von Neuem gewonnen werden. Es dauerte lange ehe sie Asch, den schönen Gott, vergessen konnte, aber der Krieger Samadi erwies sich Saphiras Liebe als würdig und die Beiden lebten ein langes glückliches Leben in der Oase Nahadip.“

Read Full Post »

Teil I

Erst einmal sollte ich erzählen, wie ich verloren ging. Ehrlich gesagt, ich erinnere mich nicht mehr genau. Mit Erinnerungen ist das immer so eine Sache, in dem erlebten Moment wissen wir nicht, wie wichtig die Dinge sind und in der Rückschau verklären sie sich. Wie auf alten Fotos, die einmal scharf, im Laufe der Jahre mit gelblicher Patina die bitteren Augenblicke mit einem gnädigen Schleier verdecken.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich mich verloren habe, oder ob ich verloren ging, wie ein Ding, das aus einem Loch in einer Manteltasche fiel. Am Anfang ärgert man sich noch, dass man das Eurostück oder das Feuerzeug verlor, aber schon ein paar Stunden später, ist es vergessen.

Das Leben geht weiter. Selbst für die Verlorenen geht das Leben weiter. Nur was ist, wenn du verloren gegangen bist, und dich niemand finden will? Wohin gehst du, dein Haupt zur Ruhe zu betten? Wer leiht dir ein hörendes Ohr? Kann ich gefunden werden und will ich das überhaupt?

Der Anfang meines Verlorenseins begann auf einem Bahnhof. Gibt es einen besseren Ort? Wohl kaum. Ich kenne keine Orte, an denen mehr verloren geht und wieder gefunden wird, als an Bahnhöfen. Gut, es gibt auch Airports, aber das ist nicht dasselbe. Ein Bahnhof hat immer eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich stehe auf dem Bahnsteig, mein kleiner Trolley steht neben mir. Fast hat er etwas Tröstliches an sich, mit seinen winzigen Rädern und den persönlichen Sachen. Kalt pfeift der Wind zwischen den schmucklosen Säulen hindurch. Das Plexiglaswartehäuschen bietet weder Kälte- noch Sichtschutz und die Gitterbänke sind hart und unbequem. Es gibt ein festeingezeichnetes Areal, auf dem sich die Raucher um einen metallenen Ascher drängen. Die Durchsagen dröhnen unpersönlich durch die Lautsprecher. Ein Bahnsteig hat nichts Gemütliches an sich. Ich habe das Gefühl, dass auf Bahnsteigen niemals die Sonne scheint und sich die Regenwolken vornehmlich über Bahnhöfen festsetzen. Die Regentropfen vermischen sich mit den Tränen, die fließen, oder symbolisieren sie für die, die nicht mehr weinen können.

Nirgendwo gibt es so viele Menschen mit gebrochenem Herzen. Ich höre in mich hinein. Bin ich auch eine von ihnen? Es ist möglich, sicher bin ich mir nicht. Wie sicher kann man sich sein, wenn man verloren gegangen ist? Es gibt eine elementare Wahrheit: Nichts ist sicher, nur der Wandel.

Ich schaue dem Treiben auf dem Bahnsteig zu und frage mich, wo ich verloren ging. Da Bahnhöfe austauschbar sind, scheine ich auf meiner Reise die Übersicht verloren zu haben. Ich würde den Bahnhof gerne verlassen und mir die dazu gehörige Stadt ansehen, aber ich fürchte, ich bin noch nicht angekommen. Ich habe mir geschworen erst anzuhalten, wenn ein Bahnhof nach Kaffee und Schokolade riecht(warum, erzähle ich euch später). Bis jetzt war allerdings keiner dabei. Es roch nach vielem: Alkohol, Abort, Rauchschwaden, Menschenmassen, aber nie nach Kaffee und Schokolade. Ich habe in Erwägung gezogen, dass ich diesen einen Bahnhof nicht finden werde, dass er möglicherweise verloren ging, so wie ich. Allerdings habe ich nie gehört, dass ein Bahnhof verloren gegangen ist. Wer weiß?

Da fällt mir ein, ich habe vergessen mich vorzustellen. Wie unhöflich! Mein Name ist Noelle Snow. Ein lustiger Name, ich weiß, wer ihn einmal hört, der vergießt ihn nicht mehr. Allerdings könnte das auch im Zusammenhang mit meinem Äußeren stehen. Jedenfalls sagte mir das der ältere Herr, der mir vor ein paar Stunden im Regionalexpress Gesellschaft leistete. Ich habe feuerrote Haare, grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und liebe alle Grünschattierungen mit Glitzerelementen in Gold und Rot. Der ältere Herr lächelte mich verschmitzt an und sagte:

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie sind die schöne Tochter des Weihnachtsmannes.“

„Wer weiß, wer weiß“, erwiderte ich geheimnisvoll und zwinkerte lachend zurück.

Wir unterhielten uns sehr angeregt, und als er ausstieg, machte mich das traurig. ER erinnerte mich an meinen Großvater. Er hatte schlohweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Sein Lachen war warm und herzlich und er erzählte seine Geschichten so lebendig, dass ich den Eindruck hatte, dabei gewesen zu sein. Als ich ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er rätselhaft:

„Den verrate ich ihnen nicht. Er ist ein Geheimnis, aber sie werden früher oder später selbst darauf kommen.“

Ich machte neugierig, aber ich wollte höflich sein und drang nicht weiter in ihn. Nachdem er ausgestiegen war, fiel mir ein Beutel auf, den er neben seinem Sitz lag.

Oh, nein! Er hat seine Tasche vergessen, hoffentlich ist nichts Wertvolles darin, schoss es mir durch den Kopf.

Ich öffnete die Tasche und erschrak. Sechs Notizbücher lagen darin. Sie waren feinsäuberlich zusammengebunden und oben im Knoten steckte ein Bleistift. Der Zug hatte inzwischen eine längere Strecke zurückgelegt. Ich überlegte fieberhaft, wie ich dem Mann sein Eigentum zurückgeben könnte, obwohl ich seinen Namen nicht kannte und nicht wusste, wie der Bahnhof hieß, an dem er ausgestiegen war. Da bemerkte ich einen zusammengerollten Zettel. Ich zog ihn aus dem Knoten und rollte ihn auf. In sauberer geschwungener Handschrift stand darauf:

„Liebe Noelle,

ich wünsche ihnen auf ihrer Reise alles Gute. Es ist nicht einfach den Platz zu finden, an dem man sich nicht mehr verloren fühlt. Haben sie keine Angst, wenn es etwas länger dauern sollte, haben sie Zutrauen zu sich selbst und sie werden den richtigen Ort finden. Schließen sie die Augen und denken sie an die Dinge, die sie am meisten lieben.“

Ich schloss die Augen und hörte in mich hinein. Ich hörte das Sprudeln der Kaffeemaschine und konnte den Duft von Kaffee und Schokoladenkuchen riechen.

„Haben sie es getan? Dann wissen sie, wo sie aussteigen müssen. Bis dahin können sie sich mit meinen Geschichten die Zeit vertreiben. Aber seien sie vorsichtig, es könnte sein, die Zeit wird ihnen zu lang und sie wollen irgendwo bleiben. Halten sie nicht an, bevor sie wirklich den richtigen Bahnhof gefunden haben.

Mit Hochachtung der Ihre

Ihr Jacob Grimm

PS.: Es ist noch Platz ihre eigene Erlebnisse aufzuschreiben.“

Das konnte unmöglich wahr sein. Jacob Grimm. Etwa einer DER Grimms? Ich kniff mich in den Arm. Das tat weh. Ich schlief nicht. Der Mann war mir tatsächlich begegnet, wer immer er in Wahrheit sein mochte. Vorsichtig, ja fast ehrfürchtig, öffnete ich den Knoten und sah mir die Notizbücher an. Es waren alte Hefte, schwarz-weiß gemustert, mit einem kleinen weißen Feld, in das der Titel jeden Buches eingetragen war:

1. Ferne Jahre

2. Beginn eines unbekannten Zeitalters

3. Das Buch der Wanderungen

4. Erzählungen vom Leben

5. Der Beginn eines verschwundenen Zeitalters

(Wie kann ein beginnendes Zeitalter verschwinden? Weil morgen heute schon gestern ist?) und als Letztes:

6. Die Windrose

Ich höre das Rattern eines Zuges herannahen und muss gleich einsteigen. Woher er kommt und wohin er fährt, weiß ich nicht, aber ich freue mich einzusteigen und mich den interessanten Geschichten in den Notizbüchern zu widmen.

Wenn ich nachts fahre, gehe ich in ein Zugabteil. Dort habe ich Ruhe und kann schlafen, ohne zu oft gestört zu werden. Tagsüber suche ich mir einen Platz am Fenster in einem Großraumwaggon. Ich kann mir die vielen Leute anschauen, die ein- und aussteigen, die hindurch gehen, auf der Suche nach einem Platz oder dem Bordrestaurant. Ich lausche den Atemzügen meines Nachbarn, der gerade eingeschlafen ist, oder höre einem Gespräch zu, das in meiner Nähe geführt wird. Wenn sich jemand zu mir setzt, der mir sympathisch ist, unterhalte ich mich gerne mit ihm.

Ich habe es mir gemütlich gemacht, als unerwartet der junge Mann an mir vorbei geht, der mir auf dem Bahnhof aufgefallen ist, und sich nach einem Platz umschaut. Vorhin als er den Bahnsteig betrat, fiel er mir sofort auf. Ich fühlte, dass es nicht unsere erste Begegnung war. Auch er warf mir einen erkennenden Blick zu und mit einem strahlenden Lächeln sagte er:

„Hallo.“

Ich erwiderte seinen Gruß. Dann war er vorübergegangen. Als er sich kurz nach mir umdrehte und mir zu nickte, setzte mein Herzschlag für einen Moment aus. Nach ein paar Augenblicken verlor er sich im Gewühl der Wartenden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich ihn wiedersehen würde. Woher kenne ich ihn nur? Bis jetzt ist es mir nicht eingefallen. Ich höre das Pfeifen des Zugbegleiters und schon setzt sich der Zug in Bewegung, um mich irgendwann an mein Ziel zu bringen.

In diesem Zug ist es nicht sehr voll. Überall sind Plätze frei. Einige der Passagiere dösen vor sich hin, andere schauen aus dem Fenster, oder sprechen leise miteinander. Die Landschaft fliegt vorbei und ich wünschte, ich könnte mehr davon sehen. Aber als Reisende darf man nicht unzufrieden sein. Eines Tages werde ich ankommen und dann kann ich alles ganz genau anschauen. Die Berge oder das Meer. Am liebsten beides. Vor mir das Meer und hinter mir die Berge, Bäume aller Art. Wenn ich es mir aussuchen dürfte, dann Zypressen, Oliven- und Mandelbäume, Korkeichen und Pinien. Ich liebe Bäume. Die verschiedenen Blätter, die raue Rinde, die bei jedem Baum anders ist, wie eine Signatur, ein Fingerabdruck. Ich finde es faszinierend Bäume zu fühlen, ihnen zu lauschen, wenn der Wind durch ihr Laub fährt und sie mit ihrem Rauschen immer neue Geschichten erzählen. Außerdem soll es dort Häuser geben, aus rotem Backstein mit Reetdächern, oder weiß getünchte Häuser, die in der Sonne wie Edelsteine strahlen, mit Dachterrassen, auf denen man die Weite des Meeres und des Himmels sehen kann. Ich wünsche mir einen Ort mit Blumen. Bougainvilleas in ihren wundervollen Farben, Rosen, die mit ihrem zarten Duft die Luft erfüllen. Flieder, Goldregen, Schneebälle und Rhododendron, ich weiß, das sind Büsche, aber ich mag ihre Blüten so sehr. Aber Lavendel, Veilchen, Margeriten, Vergissmeinnicht und Gänseblümchen sind Blumen. Ich bin leider kein guter Blumenkenner, aber ich mag sie außerordentlich.

„Hallo“, sagt eine freundliche Stimme.

Ich blicke auf und sehe in zwei bernsteinfarbene Augen.

„Darf ich mich zu ihnen setzten?“

„Ja, gerne“, antworte ich erfreut.

Der Mann vom Bahnsteig setzt sich mir gegenüber.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragt er und lächelt.

„Ich weiß es nicht.“

„Oh, das ist aber selten. Sie wollen also in ein Abenteuer aufbrechen“, stellt er belustigt fest.

„Nein, so würde ich es nicht sagen“, ich schüttele den Kopf, „ich bin verloren gegangen und suche diesen einen bestimmten Ort, wissen sie?“

Da verdunkeln sich seine schönen Augen und eine große Traurigkeit senkt sich auf ihn herab.

„Ja, ich weiß“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu mir.

Wir schweigen eine Weile, dann hebt er den Blick und sieht mich bedauernd an.

„Ich möchte sie nicht beunruhigen, aber ich fürchte sie werden ihn niemals finden.“

Ein kleiner Stich geht mir durchs Herz. Ob der Mann die Wahrheit sagt. Er sieht aus, als hätte er schon Erfahrungen mit dem Verlorensein und dem Finden gemacht. Doch dann denke ich an Jacob Grimm. Er sagte, ich solle nicht einfach irgendwo bleiben. Ich glaube fest, dass ich meinen Zielort finden werde.

„Wohin wollen sie?“, frage ich den Mann.

„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Ich bleibe, wo es mir gefällt, und fahre weiter, wenn ich es nicht mehr aushalte.“

Nervös fährt er sich durch sein pechschwarzes Haar. Seine Haut ist von der Sonne gebräunt und schimmert golden in ihren Strahlen. Meine Haut dagegen ist weiß, wie Schnee und egal was ich tue, sie bleibt es.

„Wenn sie möchten, lade ich sie ein, ein Stück mit mir zu reisen“, schlage ich ihm vor.

Er legt den Kopf etwas schief und ein kleines Lächeln huscht wieder über sein Gesicht.

„Warum nicht“, antwortet er, „ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen. Wer weiß, vielleicht, wenn sie ihren Platz gefunden haben, werde ich eine Weile bleiben und sehen, wie das Leben dort ist. Getreu meinem Motto, man muss immer gierig sein, auch wenn man nicht hungrig ist.“

Ich strecke ihm die Hand hin.

„Das ist ein Wort. Mein Name ist übrigens Noelle Snow.“

„Sehr erfreut, Noelle, mein Name ist Raoul Kapoor.“

Er nimmt meine Hand und drückt sie fest. Raoul hat warme, schlanke Hände mit schönen Fingern.

„Sie haben Klavierhände“, stelle ich fest, „sind sie Klavierspieler?“

Raoul schaut mich erstaunt an.

„Woher wissen sie das?“

„Ich weiß es nicht. Ich nehme es nur an. Ihr Name hat so eine eigene harmonische Melodie und ihre grazilen Finger dazu.“

„Ich kann nicht nur Klavier spielen. Ich spiele jedes Instrument, das es gibt.“

„Oh, geht das?“, jetzt ist es an mir erstaunt zu sein.

„Ja“, erklärt er, „natürlich muss ich es in den Händen halten und mich daran gewöhnen, aber es gelingt mir innerhalb kürzester Zeit, jedes Instrument zu erlernen.“

„Was für eine wundervolle Gabe!“, bewundernd sehe ich ihn an.

„Und was für eine Gabe haben sie?“

„Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, ich bin eine Erzählerin.“

Ich höre ganz tief in mich hinein und es fühlt sich richtig an.

„Warum sind sie sich nicht sicher?“

„Weil ich mich verloren habe und nun muss ich mich finden und dazu den Ort, an dem ich gefunden werde.“

„Wer wird sie finden?“, fragt Raoul, „oder weiß jemand, dass sie verloren gingen?“

„Ich weiß es nicht. Bis jetzt scheint niemand nach mir zu suchen.“

„Woher wissen sie dann, dass sie eine Geschichtenerzählerin sind?“, hakt Raoul nach.

„Weil ich Geschichten über alles liebe und mir selbst immer neue Geschichten ausdenke, wenn ich alle anderen schon kenne“, erkläre ich, „dazu ist das Reisen übrigens von Vorteil. Ich sehe und höre soviel, dass mir die Geschichten niemals ausgehen.“

Raoul sieht mich nachdenklich an. Seine Augen ruhen auf meinem Gesicht, als würde er es mit den Fingern abtasten. Ich erröte und senke meinen Blick. Ein warmes Gefühl erfüllt mich. Es fühlt sich ein bisschen so wie finden an. Als ich Raoul wieder anschaue, hängt sein Blick an meinen Lippen und ich spüre ein leichtes Kitzeln, wie von Sonnenstrahlen.

„Sie mögen Schokolade, nicht wahr?“, fragt er ohne Zusammenhang.

„Ja, und wie gerne.“

Ich klatsche in die Hände. Raoul lächelt über meine kindliche Begeisterung.

„Darf ich meine mit ihnen teilen?“

Raoul zieht eine bunte feine Seidentüte aus seinem Rucksack. Er öffnet die goldene Schleife und gibt mir die glitzernde Kordel.

„Für sie“, sagt er nur.

„Danke, wie schön!“

Ich schlinge das Band um meine roten Locken und binde mir einen Pferdeschwanz. Raoul hat ein winziges Päckchen aus der Tüte geholt und hält es mir hin.

„Bitte sehr.“

Er lächelt. In seinen Augen tanzen kleine Funken. Ich nehme das Päckchen, öffne es vorsichtig, um die Verpackung nicht kaputt zumachen. In dem Schächtelchen liegt eine kostbare Praline. Obenauf ist ein winziger Splitter Blattgold drapiert, der das Ganze noch wertvoller macht. Verzückt sehe ich Raoul an.

„Die ist wunderschön! Viel zu schön, um sie zu verspeisen.“

Raoul lacht.

„Bedenken sie aber, dass solch ein Kunstwerk vergänglich ist. Zuviel Wärme, ein Stoß … und schon ist es kaputt und verliert an Geschmack.“

Raoul hat Recht. Ich nehme die kleine Kugel in die Hand und lege sie behutsam auf meine Zunge. Raoul schaut mir gebannt dabei zu. Ich schließe meinen Mund und meine Augen. Man kann besser schmecken, wenn die Augen geschlossen sind, weil sich der ganze Sinn auf das Schmecken konzentriert. Langsam schmilzt der äußere zartbittere Kern und setzt die Nuancen der anderen Zutaten frei. Ich erkenne Mandeln, Orangen, ein Hauch von Lavendel und Rose, und einen Geschmack, den ich nicht kenne.

„Das ist das Gold“, höre ich Raoul.

Als die kleine Kostbarkeit sich aufgelöst hat, öffne ich meine Augen wieder, sehe Raoul an und habe plötzlich das übermächtige Gefühl, als würde ich ihn eine Ewigkeit kennen. Ich zögere einen Moment, dann fasse ich mir ein Herz.

„Raoul, da du mir so eine Kostbarkeit zum Geschenk gemacht hast, darf ich dir auch etwas von mir geben?“, frage ich.

„Ja, sehr gerne. Was ist es denn?“

„Nun, ich habe nichts Kostbares, außer meinen Geschichten.“

„Ich liebe Geschichten.“

Raoul lehnt sich bequem in seinem Sitz zurück und sieht mich erwartungsvoll an. Etwas nervös, weil er mich so genau betrachtet, ziehe ich das goldene Band aus meinem Haar und spiele damit herum, während ich nach einem Anfang suche.

Read Full Post »

Stumm

Bin verstummt

Mein Herz

Meine Gedanken

Finde keine Worte

Stundenlang gesucht

Steinerne Wege gegangen

Um mein Empfinden aufzuwecken

 

Steh vor dem Sarg aus Glas

Der Deckel ist verschlossen

Ich will schreien

Kein Laut löst sich aus meiner Kehle

Ich will das Glas zertrümmern

Meine Arme hängen schlaf herunter

 

Ich sitze da

Stumm

Das Geschrei der anderen

Ist voller Hass

Rache in blutigen Herzen

Jedes Wort ein Pfeil

Eine Kugel direkt ins Schwarze

 

Ich bin stumm

Das Geschrei wird lauter

Ich bin stumm

Das Geschrei wird lauter, lauter

Ein Crescendo aus Verbitterung und Feindseligkeit

Wie bittere Galle und giftiger Schwefel

Der jeden Atemzug unmöglich macht

 

Ich sitze da

Stumm

Das Gift breitet sich aus

In meinen Eingeweiden

Alles tut weh

Die Gehässigkeit verursacht mir Übelkeit

Ich krümme mich vor Schmerz

 

In meiner Seele

Stumm

Dreht sich mein Inneres nach außen

Stille! Stille!

Keine Worte mehr!

 

Ich stehe auf

Stumm

Springe

Totenstille

 

Ende

Read Full Post »

Zungen reißen Seelen aus dem Leib

Blicke schneiden Herzen in Stücke

Lassen die Liebe mit Beilen zur Ader

Malträtiert mit Verachtung und Sarkasmus

 

Zuneigung wird mit Gold aufgewogen

Bist du dein Gewicht wert

Zu leicht befunden und entsorgt

Heimatlos

 

Gefühle bedeuten nichts

Gezahlt mit harter Münze

Liebe geht Konkurs

 

Die Gier frisst

Was die Geier übrig lassen

Nur noch Asche auf den Knochen

Ausgezehrt bis an den Grund

 

Selbst deine Haut hat man genommen

Vergessen deinen Namen

Der auf dem Grabstein steht

Warum tust du dir das an?

Read Full Post »

Die folgenden zwei Texte, beide mit demselben Anfangsabsatz, sind in unserem Schreibcafe entstanden. Dazwischen liegen vier Wochen.

Aufgabe: erster Absatz

Text I

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß …

Es kostete Alexander viel Mühe ihn ausfindig zu machen und jetzt, in dem Moment des Erkennens, war ihm flau im Magen. Alle hatten ihn gewarnt. Seine Mutter, seine Verlobte. Seine Freunde und Arbeitskollegen, Journalisten wie er. Nicht zimperlich, die die gefährlichsten Orte der Welt besucht hatten. Alexander stand da, wie angewachsen, hilflos. Er zögerte. Entweder weiter gehen und tun, als ob nichts wäre, oder ansprechen und sich der Realität stellen, dass dieser Mann sein Vater war. Ein Verräter, der seine Familie im Stich gelassen hatte.

Alexanders Unschlüssigkeit dauerte einen Moment zu lange. Der Obdachlose erwachte aus seiner Versunkenheit und bemerkte ihn. Sein trüber Blick gab Alexander das Gefühl, dieser Mann lebte seit Langem nicht mehr in dieser Welt. Der Mann zog eine Hand aus der Tasche. Sie steckte in einem zerschlissenen Handschuh, denen die Fingerspitzen fehlten. Seine Nägel glichen ungepflegten Klauen. Er hielt die Handfläche auf. Alex schauderte. Trotzdem ging er auf ihn zu, kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Als er vor dem Obdachlosen stand, schlug ihm ein Geruch nach muffiger Kleidung, Schweiß und kaltem Rauch entgegen. Alexander war schlimmere Gerüche gewöhnt, sonst wäre ihm der Schwaden auf den Magen geschlagen. Seine Finger tasteten nach zwei harten Münzen. Er legte sie in die Hand des anderen Mannes. Der beäugte die Geldstücke misstrauisch. Als er zwei zwei Eurostücke erkannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Die Hand klappte zu wie eine Auster. Hastig verbarg er den Schatz in seiner Tasche. Er sah Alexander an und nickte ihm zu. Seine Augen schienen ihm klarer. Für einen kurzen Moment dachte Alexander einen Funken Bewusstsein in ihnen zu entdecken. Es verglomm so schnell es gekommen war. Alles Einbildung, dachte Alexander, wenn man etwas unbedingt glauben will, klammert man sich an den kleinsten Hoffnungsschimmer. Die Frage nach dem Namen des Obdachlosen lag ihm auf der Zunge. Jetzt oder nie. Alexander schluckte sie herunter. Vielleicht war er sein Vater, vielleicht nicht. Alexander wollte es nicht mehr wissen. Er war der, der er war. Nichts würde daran etwas ändern.

Text II

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß…

Ich blieb im Schatten stehen und beobachtete ihn. War das wirklich Declan? Da er saß, konnte ich seine Größe nur schätzen. Der Mann, den ich suchte, war groß. Etwa 1.90 Meter. Die zotteligen langen Haare, die abgewetzte Kleidung und dieser Schnurrbart. Declan hätte sich niemals so in der Öffentlichkeit gezeigt. Jedenfalls nicht freiwillig. Für einen Auftrag möglicherweise, aber privat, keine Chance. Nur über seine Leiche. Das war so ein Kindheitsding, erzählte er mir in einer schwachen Stunde. Als ich nachfragte, schüttelte er nur den Kopf und sagte: Alles vorbei. Muss man nicht aufwärmen.

Mir wird bewusst, wie wenig ich über ihn weiß. Obwohl wir fünf Jahre fast jeden Tag zusammen verbrachten. Er konnte singen. Ich erwischte in einmal dabei, seitdem war er vorsichtig. Declan hielt sich, wenn es um sein Privatleben ging, sehr bedeckt.

Beruflich war er der zuverlässigste, kompetenteste Partner, den ich je hatte. Dazu einer der begnadetsten Schützen des NYPD. Mehr als einmal rettete er mir den Hals.

Als er vor einem Jahr verschwand, konnte ich es nicht fassen. Er erschien morgens nicht zum Dienst. Meldete sich weder krank, noch ließ sonst etwas von sich hören. Er verschwand, wie vom Erdboden verschluckt. Tagelang klapperte ich die Krankenhäuser ab. Seine Wohnung war leer. Nicht ein Stäubchen. Ich suchte in den dunklen Vierteln nach ihm, weil ich fürchtete, jemand hätte ihn erschossen. Ich setzte sämtliche Unterweltkontakte auf seinen Verbleib an. Nichts! Wie konnte ein Mann so spurlos verschwinden? Ich hatte die Mafia in Verdacht.

Seitdem arbeitete ich allein. Mehr oder weniger. Mein Chef drehte mir immer mal wieder einen neuen Partner an. Aber es dauerte nicht lange, bis sie von selbst das Handtuch warfen. Das funktionierte einfach nicht. Entweder Declan oder keiner.

Was hat Declan dort hingebracht? Als einer meiner Informanten mir mitteilte, dass er ihn gefunden hat, wollte ich es nicht wahrhaben. Aber je länger ich ihn betrachte, umso unausweichlicher  ist die Gewissheit. Mein Gefühl will es nicht wahrhaben, aber mein Verstand muss akzeptieren, was meine Augen sehen. Der Mann mit dem leeren Blick ist Declan.

 

 

Read Full Post »

  1. Eindrücke von Übungen, Settings
  2. Fragen für die ich Antworten suche
  3. Textfragmente
  4. Beispiele
  5. Titel für mögliche Texte
  6. Notizen zu Gesprächen und Mails
  7. Gliederungen
  8. Ideen für Geschichten, Bücher, Artikel usw.
  9. Cluster
  10. Diagramme
  11. Beobachtungen
  12. Skizzen
  13. Zitate
  14. Zeitungsausschnitte
  15. Bücher, die man lesen möchte/sollte
  16. Aufgaben, die zu erledigen sind
  17. Zeitpläne
  18. Briefe
  19. Listen aller Art
  20. Gedichte
  21. Dialoge (mit dem inneren Zensor, meinen Figuren, mitgehörte Gespräche usw.)
  22. Träume
  23. Schreibübungen
  24. Bilder

Damit uns keine gute Idee, Inspiration usw. mehr durch die Lappen geht.

Read Full Post »

Egal was ich tue, ich kriege die Gedanken an das Sterben im Besonderen und im Allgemeinen nicht aus meinem Kopf. Ist vielleicht auch ein bisschen viel verlangt, wenn ich bedenke, dass mein Bruder um sein Leben kämpft oder gegen den Tod. Ich fühle mich wie festgenagelt auf diese Gedanken. Wenn ich lese, dann komme ich zeitweise davon weg, aber wenn ich schreiben will und nach Worten suche, komme ich am Ende wieder an diese Kreuzung. Ich bin müde. Mein Kopf ist erschöpft.

Ich möchte den NaNo zu Ende schreiben, oder sagen wir mal weiter schreiben. In diesem Monat werde ich das nicht mehr schaffen. Es sei denn, ich könnte 20.000 Worte schreiben in der nächsten Woche (könnten ja auch weniger sein, wenn die Geschichte zu einem Abschluss käme … ja wenn!). Die Geschichte mit den zwei „künstlichen“ Kreaturen gefällt mir. Jetzt wieder hängen zu bleiben, macht mich bestimmt nicht fröhlich, wenn ich bedenke, dass ich noch einen Roman in der Warteschleife habe. Das frustriert mich nicht nur. Nein! Das deprimiert mich definitiv und macht mich wütend. Am liebsten würde ich mich einfach irgendwo hinlegen, Decke über den Kopf und schlafen, bis alles vorbei ist.

Was ist dieses Alles? Keine Ahnung und davon habe ich zurzeit viel zu viel. Ich mit meiner großen Klappe habe zu allem was zu sagen und eine Meinung und jetzt sitz ich da und krieg keinen graden Satz raus?! Habe ich wirklich was zu sagen? Sind nicht alles nur Nichtigkeiten, Kleinkram? Meine „Probleme“ sind ein Witz, wenn ich an meinen Bruder denke, an dritte Weltländer, Krieg im Nahen Osten usw. Die Liste ist lang. Ich fühle mich elend, weil ich so ein Jammerlappen bin und doch nicht in der Lage mich aus meinem Tief aufzurappeln.

Ich hasse es, wenn die Dinge ihren Sinn verlieren. Muss denn alles einen Sinn haben? Ich fürchte, ich bin tatsächlich so gestrickt. Was ich tue, soll „gut“ sein, auch wenn in diversen Schreibratgebern immer wieder gesagt wird: „Schreiben sie schlecht, um ihren inneren Zensor zu überwinden.“ Mein innerer Zensor hat genug mit meinen allgemeinen Texten zu tun, was alles erst, wenn ich auch noch absichtlich „schlecht“ schreiben soll. Wobei „er“ mir sofort die Frage stellt (und ich sehe sein hämisches Grinsen): „Schreibst du nicht schon „schlecht“? Da musst du es doch nicht absichtlich machen und mir den Tag versauen.“

Gibt es irgendein Gift, das diesen Mistkerl langsam und qualvoll um die Ecke bringt?!

Gedankenkarusselle sind übel. Wohin du sie auch drehst, es kommt nichts dabei heraus. Du landest immer an derselben Stelle. Du weißt meistens, dass deine Gedanken völlig absurd sind und du doch endlich (verdammt noch mal) aufhören solltest sie lang und breit zu treten. Aber du kannst es nicht. Aussteigen! Jetzt sofort! Wenn es jemand gibt, der einen guten Vorschlag hat: Du wirst ein Vermögen damit machen, wenn das funktioniert!

Könnte auch sein, ich bin nicht überzeugt genug von mir. Henry Miller schrieb dauernd, verweigerte sich einer „anständigen“ Arbeit. Pumpte Freunde und Fremde an, schrieb Bittbriefe und machte Zeitungsaufrufe ihn zu unterstützen. Und egal wie viel Erfolg er mit seinen Büchern hatte, er war zwar wütend darüber, nicht genug gewürdigt zu werden, aber er hielt sich für einen guten (sehr guten) Schriftsteller. Das gab ihm sicher auch das Selbstverständnis dafür, dass er ohne Gewissensbisse dazu in der Lage war, die Spenden anzunehmen. Henry war ein entschiedener Mann. In allem, was er tat. Er verabscheute den Krieg und die Atombombe. Hielt Amerika für ein kulturloses Land. Liebte schöne Frauen (besonders wenn sie jung und hübsch waren), schrieb wie ein Besessener und muss trotz aller Widrigkeiten ein charmanter Mann gewesen sein. Er hatte viele Bewunderer, die ihn unterstützten und Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um sein Werk drucken zu lassen und zu verbreiten.

Ich lese gerne Biografien von Schriftstellern. Es gibt mir Auftrieb, wenn ich lese, dass sie ebenso kämpfen mussten und es ihnen nicht leicht fiel immer dabei zu bleiben und am Ende Meisterwerke dabei heraus kamen (bei machen erst post mortem). Anderseits macht es mir Bauchschmerzen, weil ich die Befürchtung habe, dass ich nicht so bin. Nicht so enthusiastisch und willensstark. Besonders an diesen Tagen, in denen ich mich so ungelenkig und sprachlos fühle. Rainald Goetz sagte: „Don`t cry work.“ Ja, ja, ich weiß, dass du recht hast. Ich mach ja schon! Aber vorher brauch ich noch einen Kaffee und ein paar Seiten Henry Miller.

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: