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Archive for März 2013

Mein Leben verlief in recht geordneten Bahnen, bis ich vor drei Tagen eine Tür öffnete und mit einem Mann zusammenstieß, der meine schöne Ordnung völlig durcheinanderbrachte.

Es war die Tür meiner Lieblingsbäckerei, gleich neben dem Haus, in dem ich wohnte. Gerade hatte ich mir einen Kaffee und ein Croissant gekauft, um mir eine gemütliche Schreibstunde an meinem Roman und in der Sonne sitzend zu gönnen.

Ich trug meine Laptoptasche über der Schulter, meinen Becher Cappu in der einen und meinen Teller in der anderen Hand. Der besagte Mann kam mir in dem Moment entgegen. Seine ganze Konzentration war auf sein Handy gerichtet, dass er fest an sein Ohr drückte. Groß und wichtig rechnete er nicht mit Gegenverkehr oder nahm zumindest an, dass dieser prompt ausweichen würde. Mercedes vor Mini.

Also preschte er mit unverminderter Geschwindigkeit an mir vorbei, oder hatte es vor, aber ich, beladen wie ein Maulesel, konnte nicht schnell genug von der Bildfläche verschwinden und stieß mit ihm zusammen.

Es war wie in einem dieser Filme. Ich sah in Slow Motion, wie meine Tasse im Flug Flüssigkeit verspritzend hinunter fiel und konnte, das Geräusch des Zerbrechens hören, noch bevor sie aufschlug. Mein Croissant segelte zwischen die Bistrotischchen auf dem Bürgersteig und was am Schlimmsten war, die Tasche mit dem Laptop rutschte mir von der Schulter. Ich konnte nichts dagegen tun. Nur zusehen. Der dumpfe Aufprall des Computers drang durch meine Gehörgänge in mein Hirn und ließ sofort meine Tränenproduktion in Aktion treten. Mein bestes Stück lag auf kalten Betonfliesen.

Er hatte innegehalten, ohne das Handy vom Ohr zunehmen. Mit der freien Hand schüttelte er ein paar Tropfen Cappu von seinem Designerjackett, als wären es lästige Fliegen. Ich kannte ihn vom Sehen. Er wohnte in dem Haus gegenüber. Im Penthouse. Glas und Stahl vom Feinsten.

„Alles OK“, fragte er, das Handy schien an seinem Kopf angetackert zu sein.

Ich versuchte die aufkommende Hysterie zu unterdrücken. „Kaffee und Croissant kann ich neu kaufen, aber mein Laptop ist meine Existenz!“

Er zog eine Augenbraue hoch, als ob er damit sagen wollte, dass ich nicht so maßlos übertreiben sollte.

„Ich bin Schriftstellerin und arbeite nebenbei als freie Mitarbeiterin bei einer Zeitung“, schob ich nach und ärgerte mich über meinen Versuch mich zu rechtfertigen. Immerhin hatte er mich überrannt.

„Tut mir leid“, endlich nahm er das Handy herunter und steckte es in die Jackentasche. Ich glaubte ihm nicht.

Dann bückte er sich, hob meine Tasche auf und reichte sie mir. Ich öffnete den Reißverschluss und sah hinein. Natürlich gab es nichts zu sehen. Wenn mein Laptop etwas abbekommen hatte, dann würde sich das erst zeigen, wenn ich es in Betrieb nahm.

„Alles OK?“, fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Woher soll ich das wissen? Ich habe noch keinen Röntgenblick.“

Es sollte witzig klingen, hörte sich aber nicht so an.

„Dann sollten sie meinen Techniker mal einen Blick darauf werfen lassen.“

Ich sah mich suchend um.

„Und wo haben sie den versteckt? In ihrem Handy vielleicht?“

Unsere Blicke trafen sich und die Kälte, die ich auffing, ließ mich in der Sonne frösteln.

„Wenn sie meine Hilfe nicht wollen – noch einen schönen Tag.“

Er drehte sich um und ging. Völlig perplex sah ich ihm nach. War das wirklich passiert oder gehörte das zu dem Film von vorhin? Ohne sich umzudrehen, ging er über die Straße. Ich eilte hinter ihm her. So leicht würde er nicht davon kommen. Er betrat das Foyer seines Wohnhauses. Kurz bevor die schwere Haustür zu schlug, schlüpfte ich durch den Spalt. Der Portier sah mich mit prüfendem Blick an. Bevor er Fragen stellen konnte, deutete ich auf die Aufzüge, zeigte ein entschuldigendes Lächeln und log, ohne rot zu werden:

„Ich bin seine neue Privatsekretärin. Er hat es mal wieder ganz besonders eilig. Aber sie kennen das ja bestimmt.“

Ein winziges Zögern, dann winkte er mich durch. Er schien großen Respekt vor Mister X zu haben. Bestimmt hatte er sich schon den ein oder anderen Tadel eingefahren.

Die Lifttüren schwebten geräuschlos auf und ich trat ein. Mein Bild wurde von der Rundumverspiegelung mehrfach wiedergegeben und ich beschloss auf dem Rückweg die Treppe zu nehmen. Mich so deutlich ausgeleuchtet von allen Seiten zu sehen, war nicht gut für mein Selbstwertgefühl. Daran änderte das sanfte Gedudel der Fahrstuhlmusik auch nichts.

 

Dieser Text entstand aus den Anfangsworten, die dick gedruckt sind 🙂 . Da mich zur Zeit ein eingeklemmter Nerv ärgert, ist die Geschichte leider noch nicht fertig geworden, aber wer Lust hat, darf nach den Anfangsworten gerne seine eigene Story schreiben.

 

 

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Der erste Absatz entstammt einer Kurzgeschichte von Victor Auburtin und wurde von mir ergänzt. Entstanden in einem Schreibkurs.

Es war in der reizenden kleinen Stadt Ottmachau in Oberschlesien, wo ich als Student zum Besuch bei einem Verwandten wohnte. Der Rittergutbesitzer und die Gutspächter veranstalteten eine große Treibjagd auf Hasen und Rebhühner, was man, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, in Schlesien eine Kleckerjagd nennt. Zu diesem Jagdvergnügen hatten die Herren auch einige Intellektuelle aus der Stadt eingeladen, nämlich den Pfarrer, (den Apotheker, nicht erwähnt) den Photographen und mich. (von Victor Auburtin)

Die beiden Herren und ich machten schnell ein schönes Plätzchen unter einer Trauerweide aus, dass für die übrige Jagdgesellschaft uneinsehbar war und machten es uns gemütlich. Der Pfarrer und auch der Photograph, waren so wie ich selbst, keine leidenschaftlichen Jäger und auch weit entfernt davon welche zu werden. Wobei mein Motto: Sport ist Mord, mich entschieden daran hinderte, mich größeren Anstrengungen auszusetzen.

„Darf ich den Herren ein hochgeistiges Getränk anbieten?“, fragte der Herr Photograph.

„Warum nicht mein Lieber, das wärmt auf und macht das ganze Halali erträglicher“, lachte der Herr Pfarrer.

Dem musste ich nichts hinfügen. Es war ein windiger kühler Tag Ende Oktober und gegen ein bisschen Brennstoff gab es nichts einzuwenden. Der Herr Photograph holte einen silbernen Flachmann aus seiner Rocktasche und bot ihn zuerst, wie es die Höflichkeit gebot, dem geistigen Herrn an.

„Auf ihr Wohl, meine Herren“, prostete er uns zu und nahm einen ordentlichen Schluck Hochprozentigen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das bestätigte meine Erkenntnis, dass der geistliche Stand ein gutes Maß an Verträglichkeit dem Alkohol gegenüber an den Tag legte. Der Herr Pfarrer reichte mir das Fläschchen mit dem Schnaps und ich tat es ihm gleich. Allerdings kniff ich die Augen zusammen, als der scharfe Alkohol mir die Kehle herunter lief und auch ein heftiges Schütteln konnte ich nicht unterdrücken. Dem Herrn Photograph ging es nicht anders, obwohl er doch sein Gebräu kennen musste.

„Wissen sie“, begann der Herr Pfarrer, „diese ganze Aufregung um die Jagd, entspricht überhaupt nicht meiner Natur. Ich gebe zu, dass ich gerne Rebhühner und Hasen esse, wenn sie gut zubreitet sind, wie etwa mit einem leckeren Haschee von Schlangengurken, aber jagen, nein, dass muss nicht sein.“

Er fuhr sich zufrieden mit einer Hand über seinen stattlichen Bauch.

„Da kann ich nur zustimmen“, nickte der Herr Photograph eifrig, „aber scheinbar sind diese Rituale für die Jagd in vielen Ländern der Erde gleich. Das Ganze erinnert mich an meine Zeit in China.“

„Sie waren tatsächlich im Land der aufgehenden Sonne“, staunte der Herr Pfarrer, „als gerade ins Priesterseminar eingetreten war, hielt einmal ein Missionar aus China einen Vortrag. Seine Begeisterung riss mich mit und ich wäre ihm sofort gefolgt. Leider hatte der Herr einen anderen Auftrag für mich.“

„Auf welchem Wege sind sie denn nach China gekommen?“, fragte ich und hoffte den Redefluss des Photographen dadurch anzuregen.

„Nun, es war bei meiner zweiten Reise nach China, die mich in den Süden des Landes führte. Das erste Mal war ich in Nanking im Norden, als Photograph für eine große Zeitung unterwegs. So auch diesmal, ich begleitete einen befreundeten Journalisten. Wir gingen in Fuzhou von Bord der Queen Victoria und suchten unser Quartier auf. Die Straßen quollen über von Rikschafahrern und Sänftenträgern. Ich hatte die Gerüche vergessen, den Lärm, die vielen Menschen, den Dreck und die Eintönigkeit. Mir wurde klar, dass nur die schönen Seiten in meinem Gedächtnis geblieben waren, die unvergleichliche Exotik und Fremdartigkeit der Kultur dieses geheimnisvollen Landes. Die Zeit lässt die schlechten Erinnerungen verblassen, und der Eindruck bleibt auf geradezu naive Art positiv.“

„Da haben sie sicher Recht, mein Bester!“, stimmte der Herr Pfarrer zu, „darf ich sie noch einmal um ihre Flasche bitten?“

„Natürlich, gerne“, der Herr Photograph überließ dem Herrn Pfarrer den Flachmann, „und sie junger Mann, auch noch ein Schlückchen?“

„Vielen Dank für das Angebot, aber lieber nicht, solch edle Wässerchen bin ich nicht gewöhnt.“

Der Herr Pfarrer lachte laut auf und schlug sich auf die dicken Schenkel.

„Die jungen Leute heute, vertragen auch nichts mehr, wie!“

Dann nahm er noch einen Schluck.

„Erzählen sie noch etwas von China. Weswegen waren sie dort?“, lenkte ich ab.

„Wegen des weißen Goldes“, antwortete der Herr Photograph.

Die Frage musste mir ins Gesicht gemeißelt sein, denn der Herr Pfarrer erklärte:

„Porzellan, mein Junge, Porzellan. Das weiße Gold.“

„Genau!“, der Herr Photograph nickte, „wir hatten mit einer Fabrik Kontakt aufgenommen, in der wir eine Reportage über die Herstellung von Bone China Porzellan machen wollten. Sie haben vielleicht schon einmal die hauchdünnen Tassen und Teekannen gesehen, durch dessen feines Material man sogar Licht sehen kann.“

„Leider nein“, musste ich gestehen, „wir sind keine so begüterten Leute, aber ich hörte schon davon.“

„Nun, wo war ich stehen geblieben – ach ja, bei unserer Fahrt ins Hotel, obwohl, ich muss gestehen, es hatte diesen Namen kaum verdient. Im Grunde war es eine billige Absteige, in die man uns eingemietet hatte. Gleichwohl waren die Zimmer sauber, wenn auch winzig, nur mit dem nötigsten ausgestattet und direkt über einer Garküche. Den ganzen Tag und die ganze Nacht kamen und gingen Menschen, lärmten, und immer hing der Geruch von Essen in der Luft. Der Besitzer der Pension, ein winziger Chinese in einer schwarzen Leinenhose und einem roten Kimonojäckchen, kam schon morgens und brachte Lackholzkästchen voller Speisen. Der alte Herr war vertrocknet und faltig wie eine Dörrpflaume und schien hundert Jahre alt zu sein. Leider konnte ich die meisten Speisen nicht vertragen, wegen eines Geschwürs am Magen, und musste mich mit Reis begnügen.

Am Tag nach unserer Ankunft setzten wir uns mit der deutschen Auslandsvertretung in China in Verbindung. Leider lag der Botschafter mit einer schweren Typhuserkrankung danieder und konnte uns nicht empfangen. Es galt also zu warten und uns die Zeit zu vertreiben. Während mein Begleiter die Zeit mit Schlafen zubrachte, nahm ich meine Kameraausrüstung, miete mir einen Boy und einen Esel und machte Ausflüge in die Umgebung. Zum Glück lag unsere Pension nicht direkt im Herzen der Stadt, sodass ich innerhalb einer Stunde freies Land erreichen konnte, um dort Bilder der außergewöhnlichen Fauna und Flora zu machen.

Eines Tages, ich hatte gerade mein Stativ aufgestellt, als ein Chinese auf mich zukam, der in offizielle Gewänder gekleidet schien und sich verbeugte. Er sprach mit mir, aber ich beherrschte kein Wort Chinesisch und so versuchte er mir mit Händen und Füßen etwas zu erklären. Es dauerte eine Weile bis ich darauf kam, dass ich Fotos von der Gesellschaft seines Herrn machen sollte, die, passend zu unserer Situation, eine Jagdgesellschaft war. Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als man den Jagdherren in einer Sänfte durch die Gegend trug. Das Aufgebot an Mensch und Hund, war beträchtlich, wobei einzig der Herr das Recht auf die Jagd hatte und alle anderen nur zu seinem Schutz, seiner Bequemlichkeit und seiner Unterhaltung anwesend waren.“

„Oje, Oje, dass ist ja noch schlimmer als hier“, lachte der Herr Pfarrer, der sich inzwischen den restlichen Schnaps einverleibt hatte und dessen Wams schon ganz schief hing.

Da hörten wir ein großes Geschrei aus dem Wald zu uns her dringen. Vorsichtig schauten wir, zwischen den dichten Zweigen der Trauerweide hindurch, nach, was das für ein Getöse war und sahen, wie der Herr des Ritterguts von vier seiner Getreuen aus dem Dickicht getragen wurde. Man hatte eine provisorische Trage angefertigt, auf der er auf dem Bauch liegend befördert wurde. Die Jagdgesellschaft schwärmte aufgeregt um ihn herum. Der arme Mann war von einem seiner Pächter getroffen worden, als er sich mit einer Dame unüberlegt in einem Gebüsch aufhielt. Die Schrottkugeln hatten ihn in seinen Allerwertesten getroffen. Jeder hatte einen Rat oder etwas zu sagen. Wir verhielten uns ganz ruhig, bis die Meute abgezogen war. Dann traten wir still vergnügt den Heimweg an, nicht ohne im Dorfgasthaus zu verweilen und uns einen leckeren Hasenbraten zu genehmigen, nicht ganz frisch geschossen, aber dafür nicht weniger gut.

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Die Texte entstanden im Schreibkurs unter dem Thema Perspektivwechsel.

Thea

Thea steht vor der gotischen Kapelle und dreht den schweren Schlüssel zaudernd hin und her. Rein gehen oder nicht, das ist die entscheidende Frage. Der Weg von Galway bis London war lang, der Mietwagen teuer und überhaupt, was blieb ihr anderes übrig? Als sie der Brief vom Tod ihres Vaters erreichte, war sie in Tränen ausgebrochen, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gab. Immerhin hatte sie ihn nie gesehen. Danach, in einem überschwänglichen Moment der Trauer und des Selbstmitleids, packte sie ihren Koffer, mietete sich den Wagen und fuhr los.

Thea steckte den alten Eisenschlüssel in das Schloss und dreht ihn herum. Es knirscht. Sie drückt die Tür auf und tritt ins Halbdunkel der Eingangshalle. Ein dicker Samtvorhang versperrt ihr die Sicht auf den Andachtsraum. Sie gibt sie sich einen Ruck, schiebt den Vorhang zur Seite und dringt den Hauptraum vor. Es riecht stark nach Weihrauch und Kerzen. Thea schnürt es die Kehle zu. Sie muss ein Husten unterdrücken. Die bemalte Kapellendecke breitet sich wie ein bunt bestickter Baldachin über ihr aus. Dicke Granitsäulen stützen das Kirchenschiff.

Thea erschrickt, als sie das Echo ihrer Schritte von den Wänden wieder hallen hört. Sie hält inne und geht auf Zehenspitzen weiter. Neben dem Altar führt eine ausgetretene Steintreppe hinunter in die Krypta. Dort werden die verstorbenen Kirchendiener der oberen Schicht beigesetzt. Und dort ist er begraben. Ihr Vater. Der Mann, der ihre Mutter schwängerte und dann allein ließ, weil er einem höheren Ziel folgen musste.

Bei dem Gedanken dreht sich Thea der Magen um. Höheres Ziel! Thea denkt an ihre Mutter, die irgendwann aufgab und ihrem „sündigen“ Leben ein Ende machte. Schande! Selbstmörder sind verflucht. Noch ausgestoßen im Tod.

Unschlüssig steht Thea da. Will sie wirklich das Grab ihres Vaters sehen? Des Mannes, der sie und ihre Mutter opferte?

Thea kramt die kleine Taschenlampe aus ihrer Jackentasche. Ein Knopfdruck und ein helles Licht flammt auf. Vorsichtig steigt sie die glatten Stufen hinab, wendet sich nach links, wie der Friedhofswärter sagte.

Trotzdem die Beerdigung einige Tage her ist, liegen Blumen auf dem marmornen Sargdeckel. Ein süßer Duft von Rosen, Chrysanthemen und Nelken erfüllt die stickige Luft und macht das Atmen schwer. Wie ungerecht, geht es Thea durch den Kopf, er hatte alles. Geld, Macht und sogar im Tod liegt er da wie ein König, während Mama auf dem Selbstmörderfriedhof verscharrt wurde, wie ein streunender Hund. Sie spukt auf den Sarg, dreht sich um und will gerade die erste Stufe erklimmen, als sie ein beängstigendes Geräusch hört.

 

Connor

Ich starre die Decke der Kapelle an. Die Gemälde sind wirklich beeindruckend. Die Farben, die Feinheit der Figuren. Egal wie oft ich sie angesehen habe, ich kann mich nicht daran sattsehen. Kein Wunder, wenn man sonst nicht sehr viele Möglichkeiten der Beschäftigung hat.

Es ist ein Kreuz allein zu sein. Und damit meine ich allein. Allein und verlassen von aller Welt. Niemand weiß, dass ich existiere, weil mich niemand sieht, sich niemand an mich erinnert. Ist schon komisch, wenn das ich alle sehen kann, aber mich niemand und doch kann ich nicht darüber lachen. Es ist verrückt, total Psycho. Wenn ich mich wenigstens jemandem zeigen könnte, dann wäre noch ein Kick dabei. Aber nichts!

Und das blöde ist, obwohl ich in einer Kapelle residiere, und die Toten hier rein und raus getragen werden, ist mir noch niemand begegnet, der ist wie ich. Ein Geist, ein Gespenst, ein Körperloser, – was immer ich auch bin. Vielleicht besser? Wer weiß, nachher ist dieser jemand einer, der dauernd quatschen muss, oder ein Trauerkloß, der sein Ableben nicht verwinden kann. Dann ist es allemal besser allein zu sein.

Das Geräusch der Tür ist nicht zu überhören. Jedesmal wenn der Schlüssel herumgedreht wird, knirscht es, als würde Metall auf Metall geschabt. Ein hässliches Geräusch. Mich wundert, dass das noch niemand abgestellt hat, aber die müssen das auch nicht dauernd hören.

Ich setze mich auf. Der Samtbehang des Vorraums wird zurückgeschoben und eine Frau kommt herein. Sie trägt einen roten Mantel und ihre langen blonden Haare sind zu einem Zopf geflochtenen. Ihre Absätze klackern auf dem Granitboden. Sie bleibt stehen und schaut sich um, dann schleicht sie weiter, als ob sie befürchtet, dass sie jemand bei etwas Ungesetzlichem erwischt. Allerdings kann man hier nicht viel mitgehen lassen. Ein paar silberne Leuchter, die alte Bibel, aber sonst? Vielleicht die beiden Heiligenbilder in den Nischen. Aber die stehen hinter schmiedeeisernen Gittern und sind mit schweren Schlössern gesichert. Der Christus hängt angenagelt über dem Altar in luftiger Höhe, der geht nirgendwohin und außerdem ist er nicht antik genug.

Ich frage mich, wieso sie in die Gruft hinabsteigt. Da stehen doch nur die Särge der alten Priester. Vermutlich sind sie zu Staub zerfallen, oder verschrumpelte wie Mumien. Aber es soll ja einen schwunghaften Reliquienhandel geben und irgendwann sind die alten Fingerglieder und Zehen aufgebraucht, und die Leute brauchen Nachschub.

Himmel, die spukt auf den Sarg vom alten Matthew! Ich muss lachen. Sie sieht gar nicht so gewalttätig aus. Eher brav, mit ihren großen Kinderaugen. Sie dreht sich um. Erschrocken starrt sie mich an. Sie sieht nicht durch mich hindurch, sondern direkt in meine Augen. Das gibt`s doch gar nicht!

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Ich wünsche mir

… die Zeit zurück, als wir zusammen im Café saßen. Meine Brüder und ich. Die kleine Kellnerin konnte unsere Rechnung nicht teilen. Sie gab sich redlich Mühe, aber auch nach dem dritten Mal, stimmten die Beträge nicht. Meine Brüder versuchten ihr auf die Sprünge zu helfen, aber sie verrechnete sich wieder. Dann sagte sie, es täte ihr leid, aber sie hätte nur Abitur. Wir drei haben so gelacht.

Ich wünsche mir

… die Zeit zurück, in Omas Küche. Bei Linsensuppe oder Apfelpfannkuchen. Wenn Kaffeeduft durch alle Räume strömte, Kinderlachen zu hören war, Mutti den Kaffee an die Wand spukte, weil wir sie zum Lachen brachten.

Ich wünsche mir

… die Zeit zurück, in Omas gute Stube. Zum Zeitunglesen und klönen. Über die gute alte Zeit, wenn Oma aus ihrer Jugend erzählte, oder wir unsere Erinnerungen aus unserer Kindheit hervor kramten, als wir noch alle zusammen waren. Noch nicht getrennt voneinander lebten, überlebten.

Ich wünsche mir

… die Zeit zurück, als wir noch Kinder waren. Noch nicht getrennt durch das, was man Umstände des Lebens nennt. Wie schön, wenn wir uns damals so gut gekannt hätten, wie heute.

Ich wünsche mir

… die Zeit zurück, als alle Kinder noch zu Hause waren, ich ihnen Märchen vorlas, wir zusammen Lieder sangen. Die Tage am Meer verbrachten, Drachen steigen ließen, bummeln gingen.

Ich wünsche mir

… die Zeit zurück, als ich euch weniger vermissen musste. Ihr, die ihr nicht bei mir sein könnt. So weit weg und doch so nah, in meinem Herzen.

Ich wünschte mir

… diesen Tag herbei. So blau, so voller Sonnenschein, wie heute. Die Luft so leicht und sanft. Und so herrlich er war, so angefüllt war er mit Melancholie. Ich wusste euch an meiner Seite. Euch geht es gut und doch vermisse ich euch so, dass es mich schmerzt.

Ich wünschte mir

… ich könnte die Zeit zurückdrehen. Aber so sehr ich es auch wünsche, es wird mir nicht gelingen. Die Zeit ist gnadenlos. Hast du den Stein einmal angestoßen, kommt er nicht mehr zum Stillstand. Auch wenn ich seiner Spur folgen muss, ihr werde immer ein Teil meines Herzens und meines Lebens sein. Liebe ist stärker als die Zeit.

 

 

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Ich habe gerade ein Buch von Jane Austen gelesen. Im Nachwort steht:

„Die Helden dieses Romans leben parasitär – von einem Vermögen, das sie nicht selbst erarbeitet haben. Ihr sozialer Status als Grund – und Kapitalbesitzer bedingt und verursacht Isolation. Das Leben, das sie führen, zeigt ihre Bedeutungslosigkeit. Ihr gesellschaftlich steriles Dasein mündet folgerichtig in innerer Leere und Verschrobenheit, fragwürdige Ersatzinteressen und starre Förmlichkeit, eitle Selbstbespiegelung und bornierte Standesdünkel. Der heutige Leser mag sie komisch finden und ihre Kuriosität belächeln, weil sie im als seltene Exemplare einer Gattung erscheinen, die unwiderruflich der Vergangenheit angehört.

Ich wünschte, ich könnte dies auch so sehen. Wie man annehmen kann, tu ich es nicht. Wir leben angeblich in einer aufgeklärten, zivilisierten Zeit. Und trotzdem suche ich sie vergebens, diese Zeit.

Vielleicht sollte ich die Medien nicht als Untermauerung meiner Ansicht hinzuziehen, aber ich tue es doch. Ich will nicht so weit gehen zu sagen, wir sind, was wir sehen. Immerhin gibt’s auch das ein oder andere Trashformat, über das ich mich amüsieren kann. Trotzdem wundert es mich immer wieder, wie viele absurde Geschmacklosigkeiten, völlig hirnlose Kommentare/Meinungen/ Ansichten den Weg in unsere Wohnzimmer und möglicherweise in unsere Köpfe finden. Und besonders dann, wenn es um Kommentare Prominenter geht, die als Vorbilder oder Meinungsbilder dienen oder sich dafürhalten. Dazu gehört alles, vom Z-Promi aus dem Dschungel bis zum A-Promi im Bundestag.

Es gibt Leute, die kaufen sich Fürstentitel und glauben, sie wären der Nabel der Welt. Andere denken, weil sie ein dickes Bankkonto haben und Bohlen heißen, dass sie harmlosen Kindern, die durch das Versprechen der nächste Superstar zu werden, jede Gemeinheit an den Kopf werfen dürfen, um Quote zu machen. Sendungen, in denen jeder Dummkopf seine ungefilterte Meinung sagen darf, in der es keine Diskussion zum Austausch gibt, sondern einfach nur ungehemmte Streitszenen, in der die Teilnehmer der Ansicht sind, wer lauter schreit hat Recht. War das nicht eher andersherum: wer schreit hat Unrecht?

Andere Dagobert Duck`s meinen, ihr Geld erhebe sie über den „ordinären“ Bürger, deswegen müssen sie keine Steuern zahlen, können auf der Autobahn rasen wie bekloppt, sich so schlecht benehmen, wie es ihrer Laune gerade entspricht, betrügen (siehe Dotorarbeiten) und noch Schlimmeres, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Arbeitgeber, die ihre Arbeitnehmer immer wieder gekonnt über den Tisch ziehen, obwohl das Gesetz eigentlich auf der Seite der Arbeitnehmer ist. Und Anwälte, die einen Geringfügigbeschäftigten scheinbar ebenso wenig ernst nehmen, wie der Arbeitgeber, der ihn schamlos ausnutzt (da kommt einem das Wort parasitär wieder in den Sinn). Lohnt sich der Kampf, wenn es statt um Millionen nur um Tausend oder Hundert Euro geht? Wie ist es möglich, dass Menschen in Deutschland hart arbeiten und sich ihr bisschen Leben nicht leisten können? Was erhebt das Recht des einen, in so absurdem Maß über das des anderen? Geld?! Geld regiert die Welt, keine neue Weisheit, aber leider regiert es auch das Recht. Hast du Geld, dann hältst du länger durch.

Warum trägt Justitia eine Augenbinde? Angeblich, damit sie unbeeinflusst entscheiden kann. Ich glaube, weil sie keine Lust darauf hat, zu sehen, was in ihrem Namen für Schindluder mit dem Volk getrieben wird. Alles ist nur eine Frage der Auslegung. Ob es das Rechtsempfinden der Allgemeinheit stört, ist nicht das Entscheidende, sondern ob man der rhetorisch Geschicktere ist.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen nicht. Im Gegenteil. Konnte man sich früher auf einen Handschlag verlassen, gilt heute kaum ein Vertrag als sicher. Irgendwo gibt es ein Schlupfloch und hast du Geld, kein Problem, wir finden für alles eine Lösung. Hast du keins, mach dir bloß keine Hoffnung. Irgendwann haben sie dich zermürbt. Während du nachts nicht schlafen kannst, weil du dich fragst, woher das Geld für den nächsten Einkauf kommen soll, sitzen sie in ihrer Villa, bestellen Kaviar und warten gelangweilt, bis du aufgibst. Haste was, biste was.

Geld verdirbt den Charakter. So extrem ist es sicher nicht, aber es sieht so aus, als hätte es die unglückliche Neigung dies zu unterstützen oder zu beschleunigen. Menschen die Geld und der damit verbundenen Stellung eine übertriebene Bedeutung beimessen, verlieren die Bodenhaftung. Empathie, Mitleid und Rücksicht büßen ihren Wert als Tugenden ein. Von diesem Standpunkt aus gesehen könnte ich beinahe dankbar dafür sein, nur so über die Runden zu kommen. Immerhin bin ich dadurch dem Leid anderer gegenüber nicht abgestumpft. Andererseits würde es mich ruhiger schlafen lassen, wenn ich mehr von dem „Laissez – fair“ der Reichen hätte, weil ich mich in der Ruhe sonnen könnte, dass meine Interessen mit Feuereifer wahrgenommen und ich nicht als notwendiges Übel angesehen werde.

Obwohl meine Grundeinstellung optimistisch ist, fürchte ich, dass ich nie reich genug, noch jemals so viel „Laissez -fair“ haben werde, damit sich jemand mit Feuereifer für mich in die Bresche stürzt. Gefallen tut mir dies nicht. Im Gegenteil. Es macht mich sehr wütend, dass ich das Risiko trage und nicht ernst genommen werde. Genauso, wie meine Leidensgenossen. Ich weiß, dass mir mein Zorn mehr schadet, als denen, denen er gilt. Doch ich kann es im Moment nicht ändern. Das Einzige, das mich zurzeit aufrecht hält und mir hilft den letzten Rest von Würde zu wahren, sind Freunde, die mir Gutes wünschen und auf meiner Seite stehen.

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Aufgabe: Schreibe einen „Schlangentext“.

 

Ende

 

„Falsche Schlange!“

John sprang auf, sein Stuhl kippte nach hinten.

Elisa blieb seelenruhig sitzen.

„Du hast es die ganze Zeit gewusst, ich bin wieder der Letzte, der etwas erfährt!“

Seine Hände ballten sich zu Fäusten. In seinem Kopf herrschte Chaos. Elisas Ankündigung traf ihn bis ins Mark. Heimlich regelte sie alles hinter seinem Rücken und überging ihn.

Elisa gab keine Regung von sich. Kein Wimpernschlag, kein Muskelzucken. War sie so gleichgültig, so kalt geworden? Und er hatte es nicht bemerkt.

„Hast du mir sonst noch etwas zu sagen!“, er spukte die Worte aus, wie Gift.

„Wenn du mich so fragst“, Elisa erhob sich gemächlich. Ihr schlanker, biegsamer Körper hatte auch nach zwanzig Jahren noch die Anmut einer Tänzerin. „ich möchte, dass du morgen mein Haus verlässt.“

Langsam ging sie um den Tisch herum, legte ein schmales Büchlein neben seinen verschmähten Teller.

„Hier, deine Abfindung“, ein spöttischer Unterton hatte sich in ihre Stimme geschlichen. „Ich denke, du kannst zufrieden sein.“

Sie drehte sich um, nahm ihr halbvolles Weinglas und ging ins Wohnzimmer. Einen Augenblick später hörte John die Stimme des BBC-Moderators, der einen Krimi ansagte. John stand nur da, konnte sich nicht rühren, es nicht fassen. Die Gedanken rasten durch sein Hirn, ohne anzuhalten. John vermochte nicht zu begreifen, was Elisa ihm mitteilte. Die Worte waren zu ihm hindurchgedrungen, aber er konnte ihnen keine Bedeutung zuordnen.

Abfindung, sagte sie. Eine Abfindung wovon? Ihr Haus verlassen, hatte sie gesagt. Aber es war doch auch sein Haus. Zwanzig Jahre hatte er hier gewohnt, gearbeitet, Kinder aufwachsen sehen, und hier hatte er Elisa geliebt.

Was war geschehen? Der Tag begann, wie so viele Tage in den letzten Jahren. Nichts hatte auf dieses Desaster hingedeutet. So gar die Sonne schien, an diesem Januarmorgen. Es gab keinen Stau auf der Autobahn und im Büro war alles glattgegangen.

Johns Anspannung ließ abrupt nach. Er sank vor dem Tisch auf den Boden. Ab morgen gab es kein Büro mehr, keine Firma, kein zu Hause. War es das, was Elisa damit sagen wollte?

John fiel aus seinem ausgefüllten Leben in eine schwarze tiefe Leere. Kein Geld der Welt konnte ihn darüber hinweg trösten. Der Schmerz in seinem Inneren zog sich zusammen wie ein riesiges unentwirrbares Knäul aus tausend Fäden, die er nicht gesponnen und die ihn doch zu Fall gebrachten.

John raffte sich auf. Für ihn gab es nur einen Ausweg. Er griff nach seinen Autoschlüsseln und ging.

 

Aufgabe: Satzassoziationen zu:

 

John fiel aus seinem ausgefüllten Leben in eine schwarze tiefe Leere.

 

Voll, Universum, hoch, Sturz, Hochhaus, hell dunkel, Film Noir, Stress, laufen, stolpern, einsam, Trauer, schwarzes Loch, Geburt, Ende, Lauf der Dinge, fliegen, Absturz, Zerstörung, Krypta, Gruft, Schmerz, endlos, bersten, Bewusstlosigkeit, Aufprall,

 

Ausgewählte Worte für den nächsten Text: Tod, Stress, allein, Jahre, Feuer, bodenlos

 

I am legend

 

Karim sah Selina immer noch. Er konnte sich nicht erinnern, wie viele Jahre vergangen waren. Am Anfang zählte er die Stunden, die Tage, Wochen, Monate. Aber er war nun schon so lange allein, dass Zeit keine Bedeutung mehr hatte.

Zeit – welch seltsames Ding. Damals, vor Selinas Tod, war sie angefüllt bis an den Rand und doch so schnell vergangen, als verschüttete man ein Glas. Nach Selinas Tod gab es kaum noch etwas zu tun, und die Stunden krochen dahin, langsam und quälend, nie enden wollend.

Karim erhob sich. Es wurde Zeit auf die Suche nach etwas Essbarem zu gehen. Hätte er die Ruinenstadt verlassen, wäre es vielleicht einfacher, immer genug Nahrung zu finden. Und möglicherweise begegnete er anderen, die das große Feuer überlebt hatten. Karim konnte nicht gehen. Er hätte den Ort verlassen, an dem seine letzten glücklichen Erinnerungen wohnten.

Karim verließ sein Haus, nicht ohne die Tür zu verschließen. Es gab niemand, der etwas genommen hätte, aber die Rituale halfen ihm, nicht völlig verrückt zu werden. Oder war dies schon das Verrückte? Der Stress des Alleinseins. Lächerlich. Stress der Einsamkeit.

Karim wanderte durch die Straßen. Um etwas zu Essen zu finden, musste er immer weitere Kreise ziehen. Anfangs hatte er nur in den Nachbarhäusern nach Nahrung gesucht. Inzwischen waren die Vorräte verbraucht und die Wanderungen wurden länger. Manchmal schaffte er es vor Einbruch der Nacht nicht nach Hause. Dann kampierte er in unwirtlichen Gebäuden voller Schutt und Unrat. Dort konnte er nicht schlafen. Wenn ihn die Müdigkeit trotzdem übermannte, hatte er Albträume, die ihn tagelang verfolgten.

Und überall begleitete ihn Selina. Er redete mit ihr, auch wenn sie ihm nicht antwortete. Sie hielt ihn davon ab ins Bodenlose zu stürzen. Selina, seine wunderschöne Selina. Am Ende der Zeit stand sie. Er hatte sie bald erreicht.

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