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Archive for September 2013

In der Stille, in der nur der Wind und das Klingeln der Glöckchen an den Spitzen der Pagoden von Bagan zu hören sind, habe ich den Eindruck von der Gegenwart in die Vergangenheit zu fallen. Ehrfürchtig steige ich die Stufen zu den lichtlosen Gängen einer jahrtausendealten Pagode mit hunderten Buddha-Figuren hinauf, die am Ufer des Irrawaddy-Stroms steht, der hinter den Tempeln träge dahin gleitet.

Es ist mein erster Aufenthalt im Ausland. Gesponsert vom britischen Museum, dass eine Gruppe von Archäologiestudenten und zwei Professoren in so eine Art Sommercamp geschickt hat. In meinen kühnsten Träumen habe ich mir nicht vorgestellt, eines Tages an so einer heiligen Stätte zu stehen und doch bin ich hier.

Der Kegel meiner Stabtaschenlampe geistert über die rauen Tempelwände und erhellt die ausdruckslosen Buddha-Gesichter. Immer tiefer wandere ich durch die labyrinthischen Gänge des Tempels. Als würde mich ein unsichtbarer Faden weiter und weiter ziehen. Durch die Dunkelheit und die verworrenen Flure habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Es können Minuten vergangen sein – oder Stunden. Vielleicht bin ich im Kreis gelaufen. Unter Umständen habe ich, wie in einem unterirdischen Tunnelsystem, verschiedene Tempel durchlaufen, und komme an einer ganz anderen Stelle ans Tageslicht. Im schlimmsten Fall bin ich auf dem Weg ins Jenseits.

Ich bleibe stehen und lausche. Stille. Bagan ist der Ort, an dem die Stille geboren wurde, denke ich. Die kalte, leicht modrige Luft, die mich einhüllt, erinnert mich an eine Begebenheit meiner Kinderzeit. Ich entwischte meiner Mutter im Freibad, stürzte mich, ohne nachzudenken von einer Wasserrutsche ins Schwimmbecken, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass ich nicht schwimmen konnte. Einfach nur angezogen von dem Gedanken an herrlich klares Wasser und wäre beinahe ertrunken.

Genauso habe ich mich in diesen Tempel gestürzt. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass ich mich verirren könnte oder darauf gewartet, dass mich jemand begleitet und bescheid gesagt, habe ich auch keinem meiner Kommilitonen. Tauche ich nicht wieder auf, weiß niemand, wo ich abhanden gekommen bin. Ich weiß es ja selbst nicht. Ein Areal von 36 Quadratkilometer, das 2300 Tempel fasst, abzusuchen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll.

Angst verspüre ich dennoch nicht. Obwohl es hier in der Dunkelheit sicher nichts Ehrenrühriges wäre, eine gewisse Furcht zu empfinden. Es könnte sogar eine Notwendigkeit sein, um mich zum Handeln zu veranlassen. Dazu sehe ich keinen Bedarf. Es wird einen Ausweg geben, da bin ich sicher. Und ich bin selten zuversichtlich. Ich neige eher dazu die Dinge schwarz zu sehen, aus der verrückten Ansicht heraus, dass es dann nur noch besser werden kann. Klar, wenn man sich ausmalt 1000 Tode zu sterben, kann das Resultat nur positiv ausfallen. Ein Mensch kann nur einmal sterben, wenn man den westlichen Religionen glauben schenkt.

Im Buddhismus ist das anders. Nach dem Tod gehen wir in einen neuen Kreislauf des Lebens ein, um uns zu veredeln, bis wir ins Nirwana aufsteigen. Möglicherweise ist es der Geist dieser Idee, die hier seit hunderten Jahren existiert, der mich umfängt und mir eine ungewohnte Zuversicht vermittelt. Ein Abdruck, der sich durch die ständig wiederholten Gebete der Mönche in das Gestein, die Luft, das Leben eingegraben hat.

Dieser Text ist mir „zugefallen“, nachdem ich einen interessanten Bericht über das Tempelgebiet von Bagan in Myanmar gelesen habe.

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… wie wahr! Meiner steckt in meinem Kopf. Auf den ersten Blick mag er nicht sehr furchteinflößend sein. Aber wenn man anfängt, ihm zuzuhören, dann wird schnell klar, dass er einer der schlimmsten Dämonen ist. Er ist immer da und wenn ich die kleinste Schwäche zeige oder er einen Anflug von Angst/Zweifel spüre, legt er los. Er redet auffällig viel, aber dann kann ich ihn nicht mehr stoppen oder ihn überhören. Wenn es halbwegs gut läuft, kriege ich es hin, den Tag ohne größere Unsicherheitsattacken zu überstehen und mich nicht dauernd nach dem warum oder meinem möglichen/eingebildeten Versagen zu fragen. Aber wenn es Komplikationen gibt, Missverständnisse, unerwartete Rechnungen, problematische Vorhaben usw., dann tut er alles Dämonen mögliche, um mich immer weiter in meine Panik zu treiben und mich zum Aufgeben zu zwingen. Er zerrt alle meine früheren schlechten Erfahrungen und alle negativen Kommentare heraus, die ich je gehört habe. Macht sich einen Spaß aus meiner Traurigkeit und meiner Angst.

„Der Text? Das ist doch Mist, wer will denn den lesen?“

„Sieh mal zu, wie du die Rechnung bezahlst! An Urlaub brauchst du nicht mehr zu denken!“

„Termin verschlafen – wieder mal nicht aufgepasst, was?!“

„Durchhalten konntest du noch nie. Hab ich dir ja schon immer gesagt!“

„Unfähig Druck auszuhalten, wundert mich nicht. Versagerin.“

„Hast du wieder nichts Sinnvolles getan? Zeit verschwendet.“

Wenn er merkt, dass er Erfolg mit der Masche hat, dann kommt er richtig in Fahrt. Schlag auf Schlag, bis ich mich so schnell im Kreis drehe, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann und ich mich frage, wie lange es wohl dauert, bis mein Gehirn von selbst abschaltet:

„Achtung, Achtung! Halten sie Abstand. Dieses Gehirn zerstört sich in wenigen Sekunden selbst.“

Es hat lange gedauert, diesen „Zustand“ als meinen Dämon zu identifizieren. Inzwischen arrangiere ich mich mit ihm. Er ist meine Herausforderung, nicht alles wörtlich zu nehmen und ihn als einen Geist meiner Vergangenheit zu sehen. Nur weil Dinge gesagt wurden oder passierten, müssen sie nicht wieder passieren. Ich habe mein Schicksal in der Hand und muss mich nicht von meinem Dämon in die Enge treiben lassen. Ich werde in wohl nie ganz los werden, aber ich kann ihn schrumpfen. Manchmal reicht schon ein Einfaches: Stop! Es reicht! Manchmal dauert es etwas länger, um meinen inneren Frieden wieder herzustellen.

Ich analysiere die Situation und frage mich, ob sie lebensbedrohlich ist oder meine Welt untergehen wird. Da dies zu 99 Prozent nicht der Fall ist, kann ich den Tatsachen ruhiger ins Auge sehen und eine Lösung finden. Das hört sich jetzt so einfach an, aber das ist es nicht, war es nie. Allerdings wird es Stück für Stück leichter. Ich bin schon stolz auf mich, wenn ich den Sturm kommen sehe, und mir das Dilemma nicht erst auffällt, wenn ich schon drin stecke.

„Hör mal zu du kleiner Dämon! Ich kenn dich und weiß, wie du arbeitest! Mich kriegst du nicht klein!“  

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Der Fordbus des „Fed“ schnauft den schmalen Weg zur Ronneburg hinauf. Inständig hoffe ich, dass mir kein Auto entgegen kommt, weil es rechts und links keine Ausweichmöglichkeiten gibt. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Ronneburg eine Höhenburg ist. Die Ritter haben sie auf einen Basaltkegel gebaut. Er ist eine der höchsten Erhebungen im Umkreis und man hat einen sagenhaften Blick auf die Landschaft. So konnten die Burgherren frühzeitig erkennen, wann Gefahr drohte oder Gäste kamen.

Die Kinder vom Kidsclub sind ziemlich aufgeregt. Besonders die Jungs, die komplett in der Überzahl sind. Die besondere Umgebung beflügelt die Fantasie der Kinder. Kevin bezahlt den Eintritt und bringt eine nette ältere Dame in historischen Gewändern mit. Sie stellt sich vor. Ihr Name ist Jana. Kinder und Betreuer nehmen auf Bänken platz. Jana erzählt etwas über die Geschichte der Ronneburg und beantwortet Fragen. Einer der Jungen fragt, ob es auch Drachen gegeben hat. Jana sagt: nein. Ich will ihr nicht widersprechen, aber insgeheim bin ich mir sicher, dass immer ein Körnchen Wahrheit in den Legenden steckt. Außerdem bin ich Schriftstellerin, wir müssen alles für möglich halten.

Aufmerksam folge ich Janas Ausführungen über die Ritterzeit und die Besonderheiten der Burg. Dann führt sie uns in das Innere der Burg. Bevor wir die Wohnräume zu sehen bekommen, führt sie die Gruppe ins „Brunnenhäuschen“. Der 96 Meter tiefe Brunnen beeindruckt die Kinder, und wohl auch uns Erwachsene, am meisten. Die Kinder rufen in den Brunnen und amüsieren sich über das Echo, das ohrenbetäubend wieder hinauf hallt. Auf Janas Kommando singen sie sogar ein Lied.

Wie haben die alten Ritter es bewerkstelligt einen beinahe 100 Meter tiefen Brunnen in den Fels zu hauen? Basalt ist nicht gerade ein weiches Gestein. Das muss ungeheuere Mühe gekostet haben. Aber so hatten sie selbst in Belagerungszeiten immer Trinkwasser. Jana lässt Wasser in einen Blecheimer laufen, und als die aufgekratzte Gruppe endlich still ist, schüttet sie es in den imposanten Brunnenschacht. Es dauert einige atemlose Sekunden, ehe wir das Platschen auf dem Wasserspiegel hören. Faszinierend. Später zeigt sie uns dann den Burgturm, der 30 Meter misst. Hinaufzusehen macht mich mit meiner Höhenangst schon schwindelig. Mir vorzustellen, dass der Brunnen noch zwei Mal tiefer ist, fordert meine ganze Fantasie und davon habe ich eigentlich genug.

Die Ronneburg ist im Inneren sehr gut erhalten (oder restauriert). Auf unserem Rundgang begegnet uns Ritter Bernd im Mittelaltergewandt, mit Stiefeln, Schwertgürtel und Messer. Ritter Bernd hat sehr kurze Haare. Ich hatte mir Ritter immer mit langem Haar und Bart vorgestellt? Er grüßt fröhlich. Später treffen wir ihn wieder und da hat er sogar ein Schwert dabei. Die Jungs sind begeistert und als Ritter Bernd sie anspricht, sind sie richtig ehrfürchtig und plötzlich ganz kleinlaut.

Die Küche ist ein interessanter Ort. Mit einem riesigen Kamin über einer großen Feuerstelle. In großen Kupferkesseln wurde für die Bewohner Eintopf gekocht und bei Festlichkeiten briet man dort die Schweine am Spieß. In der kalten Jahreszeit hielten sich die Bewohner meistens in der Küche auf. Erstens gab es dort zu essen und zweitens brannte dort immer ein Feuer. Jana zeigt uns, wie schnell sich die Glut wieder entfachen lässt. Allerdings würde mich auf die Dauer der Geruch von Rauch stören. Ich nehme an, die Ritter waren daran gewöhnt – und heilfroh, wenn sie aus der Winterkälte an einem Feuer ihre Hände und Füße wärmen konnten. In einer Außenwand macht Jana uns auf ein Loch aufmerksam, durch das der Abfall aus der Burg befördert wurde.

Jana schenkt Kevin eine Handvoll Glückssteine für alle. Sie sind so klein, dass die Gefahr besteht, dass sie ausversehen von einem der Kinder geschluckt werden könnten. Ich schlage die kleinen Halbedelsteine in ein Taschentuch und bewahre sie sicher in meiner Tasche auf.

Heute stehen sie in einem kleinen Glas neben meinem Laptop, mit Datum und Ort versehen. Ich durfte sie behalten, damit ich mich immer an diesen schönen Tag erinnere.

Der Burghof ist beinahe romantisch. Mit Bäumen und versteckten Nischen. Ob sich hier der Burgherr heimlich mit der Magd getroffen hat? Immerhin bietet er genug Platz für die Kinder sich auszutoben. Wir müssen aufpassen, dass uns niemand abhanden kommt. Aber nach ihrer Geduld bei der Führung, haben sie sich die Bewegung redlich verdient.

Außer dem Burgturm, Bergfried heißt er glaub ich, gibt es auf der Außenmauer der Burg noch mindestens zwei Aussichtsplattformen, von denen man einen herrlichen Ausblick hat. Damals waren sie sicher eher praktischer Natur – immerhin musste man die Gegend im Blick behalten, schließlich weckte so eine schöne Burg zweifellos begehrliche Wünsche bei den Nachbarrittern.

Die Kinder, die keine Angst haben, steigen mit Christine auf den Burgturm, während Kevin den Proviant aus den Autos holt, den Henni mit viel Liebe zubereitet hat. Es gibt belegte Brötchen, Karotten, Gurken und als Highlight Schokoküsse. Wie still die Kinder auf einmal sitzen können! Man hört kaum ein Wort.

Und tatsächlich machen sich die Glücksteine sofort „bezahlt“! Ich finde eine glänzende Pfauenfeder auf dem Kieshof vor dem Geschenkeshop, wo wir unser Picknick machen. Dort hat bei unserer Ankunft ein Pfau gesessen. Vielleicht hat er meinen bewundernden Blick bemerkt und sie mir als Geschenk zurückgelassen? Sie wird einen Ehrenplatz in meinem Tagebuch bekommen. Pfauenfedern findet man schließlich nicht jeden Tag.

Die Flugschau können wir nicht ansehen. Sie ist nur zwei Mal am Tag. Allerdings ist der Weg zur Ronneburg nicht so weit. Ich nehme mir fest vor, wieder zu kommen und die Burg noch einmal genauer zu erkunden. Außerdem will ich ganz viele Fotos machen. So eine schöne Burg ist eine Inspiration für märchenhafte Geschichten. Recherche direkt vor der Haustür, sozusagen. Dabei fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor einigen Monaten geschrieben habe. Sie handelt von einem Zauberer, der in seinem Keller geheime Experimente macht. Zeit sie wieder hervorzuholen und weiter zu schreiben.

Die Zeit geht viel zu schnell vorbei, an diesem Nachmittag. Es war harmonisch und angenehm, mit den begeisterten Kindern und den netten Betreuern. Wir hatten Spaß, haben gelacht, etwas gelernt und alle sind wieder gut nach Hause gekommen. Bis zum nächsten Kidsclub.

Dies ist ein Bericht aus meinem „Tagebuch“. Ich musste diesen Nachmittag unbedingt festhalten, weil es ein so angenehmer Tag war und es mir wirklich sehr viel Spaß gemacht hat.

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You save me

Sie stand im Regen. Die Tropfen, die ihr über das Gesicht liefen, vermischten sich mit ihren Tränen. War das Leben nur ein einziger Scherz? Ausgetragen zwischen Göttern und Dämonen. Der warme Lichtstrahl, der aus dem Haus zu ihr hinaus drang, erhellte ihr Gesicht, ohne ihr Herz zu berühren. Sie würde gehen, weit fort. Er hatte sie gerettet, ihr kümmerliches Leben aus den Fluten zurück gebracht, in die sie sich lebensmüde gestürzt hatte. Mehr konnte er nicht tun.

Sie sah ihn mit der hübschen blonden Frau und dem kleinen Mädchen, das sich in seine Arme schmiegte. Sie hätte an ihrer Stelle sein sollen. Sie liebte ihn so sehr, dass alles wehtat, sich ihr Inneres unter Qualen zusammenzog. Aber dieses Leben war nicht für sie bestimmt. Sie fragte sich, wer sie gerettet hatte? Ein Gott, der ihr Leben für wertvoll hielt, oder ein Dämon, der ihr das Messer unglücklicher Liebe ins Herz rammte, um zu sehen, wie viel ein Mensch erdulden konnte?

Sie wandte sich ab, ging den schmalen Gartenweg entlang und trat auf die Straße. Die Trauer schnürte ihr die Kehle zu. Aber es gab keinen anderen Weg, um das bisschen Leben zu leben, das noch in ihr atmete. Einfach nur fort von hier. Weit, weit fort. Die Tränen würden versiegen. Irgendwann. Aber der Stachel steckte fest. Als Mahnmal zementiert im Stein ihres Herzens.

Schmerzen waren ihr vertraut, seit sie denken konnte. Sie hatte das Gefühl, der Schmerz selbst zu sein. Vielleicht war es ihr Schicksal. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, während sie mühsam einen Fuß vor den anderen setzte und langsam zu einem Schemen in der Dunkelheit verschwamm, bis nichts mehr von ihr übrig war.

Dieser Text ist nach einem Musikstück entstanden, dass ich sehr mag. Jonathan Jeremiah, You save me. Trotzdem der Titel eher positiv ist, hat das Gefühl der Melodie und seiner Stimme etwas sehr Trauriges für mich. Ein kleines Beispiel für die Schreibaufgabe für den Oktober, in dem wir jeden Tag mit/über ein Lied schreiben, das wir mögen oder auch nicht mögen 😉 .

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Freak out

Endlich fühle ich mich unbeobachtet und traue mich den Deckel der seltsamen Truhe hochzuheben. Sie steht schon lange auf meinem Schreibtisch. Wenn ich sie ansehe, verspüre ich den Drang sie zu öffnen und zu sehen, was darin liegt. Aber immer wenn ich kurz davor stehe, es endlich zu tun, kommt etwas dazwischen, oder die Angst, vor dem, was darin ist, wird so groß, dass ich es nicht vermag. Damit ist nun Schluss. Ich habe inzwischen den Zenit meines Lebens überschritten. Es wird Zeit mich meiner Angst zu stellen.

Mit angehaltenem Atem schlage ich den Deckel der Truhe ganz zurück und blicke voller Neugier hinein. Enttäuschung macht sich breit. Da ist nichts. Nur ein wertloses Stück Spiegelscherbe. Vorsichtig nehme ich es heraus und drehe es hin und her. Davor habe ich also so viele Jahre gezittert? Lächerlich. Ich lege die Scherbe zurück und will gerade den Truhendeckel schließen, als ich eine Stimme höre.

„Hey, du! Wage es nicht mich wieder einzusperren!“

Ich bekomme eine Gänsehaut. Die Stimme kenne ich nur zu gut, habe sie schon oft gehört.

„Wer bist du und was willst du von mir?“, ich bemühe mich ahnungslos zu klingen. 

„Das weißt du ganz genau!“, erwidert die Stimme ärgerlich, „ich bin der fehlende Teil deines Selbst. Du hast mich weggesperrt, weil du denkst, ohne mich hättest du es leichter!“

„Ja, es hat auf jeden Fall geholfen!“

„Denkst du? Das bezweifele ich sehr! Sie mich an und sag es mir ins Gesicht.“

Ich gehorche und nehme die Scherbe wieder aus der Truhe. Auf der Spiegelseite erscheint ein Auge. Es ist blaugrau, wie meine Augen.

„Nun sag es! Sag mir, dass du ohne mich glücklicher warst!“

Ich hole tief Luft, nehme meinen ganzen Mut zusammen und doch kommt kein Laut über meine Lippen.

„Ich habe es gewusst!“, triumphiert ES.

„Lass mich in Ruhe! Du bist mein Freak und ich will dich nicht!“, stoße ich wütend hervor.

„Das hast du nicht zu bestimmen. Nicht mehr. Es hat lange genug gedauert, bis du die Truhe geöffnet hast und ich werde garantiert nicht so einfach verschwinden!“, antwortet ES.

Das hört sich fast ein bisschen traurig an. Das Auge vergießt eine Träne.

„Glaubst du, es ist schön mit anzusehen, wie wenig du gelebt hast, weil du mich verbanntest? Wo war dein Spaß, deine Abenteuer, deine Leidenschaft, Liebe und deine Fantasie?“, fleht ES, „dass alles macht doch erst das Leben lebenswert. Du bist gehetzt und getrieben und weißt doch nicht wohin. Du brauchst mich, um endlich das Ganze zu entdecken. Heil zu werden.“

Die einschmeichelnde Stimme wiegt mich in Sicherheit. Alles hört sich so wahr, so logisch an und doch, sind die vergangenen Jahre tatsächlich umsonst gewesen?

„Heilwerden“, seufze ich, „wie kann ich mit dir ganz werden? Du bist das Chaos in meinem Kopf, der Schmerz in meinem Herzen, die Narben auf meiner Seele.“

„Nein“, sagt die Stimme sanft, „du denkst, es wäre so. Aber ich bin das Bunte, Lebendige, Märchenhafte, Magische. Du solltest das Chaos nicht zwingen, sondern es strömen lassen. Du wirst sehen, alles wird sich fügen. Es ist wie ein Puzzle. Wie viele Teile auch in der Packung sein mögen, es wird ein Ganzes werden. Du wirst Teile falsch zusammensetzen, am ungünstigen Ende anfangen, aber am Ende wird es ein Bild ergeben, dass dich für die Mühe entschädigen wird. Wenn nur ein Teil fehlt, war es umsonst.“

„Ich habe Angst. Du weißt gar nicht, wie sehr!“

„Doch ich weiß es, ich bin du!“

„Wenn ich den Freak herauslasse, wird sich alles ändern. Ich werde ihn nicht beherrschen können und ich weiß nicht, ob ich das will!“

„Du wirst ihn beherrschen“, beschwört ES mich, „der Freak ist in dir und er wird herausbrechen, wenn du es am wenigsten erwartest. Je länger du wartest, um so heftiger wird die Reaktion.“

Wie paralysiert starre ich auf das Auge. Durch meinen Kopf rast ein Sturm von Gedanken. Es ist zu spät den Freak aufzuhalten. Ich habe zugehört und zugelassen, dass ES seine Zweifel säen konnte. Ich spüre die Veränderungen, der Panzer bricht auf, das Chaos beginnt.

„Wehr dich nicht. Lass es geschehen und du wirst sehen, du kannst auf dem Strom schwimmen, ohne unterzugehen“, versichert ES mir.

Ich schließe die Augen. Tauche in den Strudel aus Farben und Tönen, Licht und Dunkelheit, Schmerz und Glück, Hitze und Kälte. Wir sind verbunden. ES und ich. Wir waren es schon immer. Jetzt ist ES frei und es gibt kein zurück. Nur immer weiter vorwärts.

Der Text entstand aus einem Bildimpuls heraus, der eine alte Truhe zeigte. Dabei ging es um autobiografisches Schreiberleben.

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Das Loch in meinem Herzen. Erst ist es ganz klein, aber der Virus ist bösartig. Er frisst sich von dort immer weiter in meinen Organismus. Zerstört meine Ruhe und meinen Frieden. Es kommt plötzlich. Verschüttete Träume, die an die Oberfläche gezerrt werden. Von denen ich dachte, ich hätte sie schon längst in den Aktenschränken meiner Vergangenheit abgelegt. Nichts davon ist wahr. Es schwellt immer unter meiner beherrschten Oberfläche und stößt an meine Grenzen, bis es eine brüchige Stelle gefunden hat und herausquillt. Dann habe ich alle Hände voll zu tun, den Schleim wieder dorthin zu schicken, wo er hingehört. Aber es bleibt meistens etwas zurück. Wie war das? Ich kann eigene Regeln für mich aufstellen. Ok – aber da fängt mein Dilemma an. Immerhin bin ich nicht allein auf der Welt und muss Rücksichten nehmen. Alles sausen lassen und los fahren. Gute Idee – leider fehlt das nötige Kleingeld, das hilft nicht gerade beim Spontansein. Aus einem Impuls heraus würde ich manchmal einfach reagieren. Ein Flirt mit dem gut aussehenden jungen Mann, dem ich begegne. In den Zug steigen, egal wohin er fährt, und noch `ne Menge anderer Sachen. Sobald ich anfange nachzudenken, fallen mir tausend Gründe ein es nicht zu tun. Ich bin gut darin meine Wagnisse auf ein Minimum herunter zu schrauben. Aber vielleicht bin ich einfach so – ein Sicherheitsfreak. Es ist ein Teil meiner Vergangenheit. Ich bin ohne Sicherheit aufgewachsen und verlasse meine Komfortzone ungerne. Wer weiß, was hinter der nächsten Ecke lauert? Alles sollte so sicher wie möglich sein – aber da ist diese Sehnsucht nach Freiheit – Abenteuer – etwas erleben.

Wer bin ich eigentlich? Wer will ich sein? Ich denke dass ist es, was ich herausfinden sollte. Es kann spannend sein zu sehen, was da ist – hinter der Mauer, hinter der Traurigkeit, hinter der Einsamkeit, hinter meinen Wünschen, unter meiner Betonschicht.

Ich wünsche mir vor allem als Erstes: Dass ich mich so annehmen und akzeptieren kann. Ich bin so, wie ich bin. Ich habe überlebt. Ich kann überleben. Ich kann für mich stehen und einstehen, ohne unterzugehen. Ich mag ein Handicap haben – aber das lässt sich verbessern. Mir stellt sich allerdings die Frage, warum sich das so schwer anfühlt. Alles kostet mich Kraft. Unglaubliche Kraft.

Ich muss, da hilft diesmal keine Änderung von muss in darf, ich muss meine Quelle finden. Meinen Antrieb, den Sinn. Im Grunde eröffnet er sich mir, wenn ich einen Stift in die Hand nehme, oder am PC sitze und mein Word-Programm aufgeht, wenn ich mit meinen Freunden an einem Tisch sitze und ich eine Aufgabe für einen Text gebe. Um so schlimmer, wenn ich mir meine Gedanken wund reibe und nicht in die Gänge komme. Wie sagte Douglas Adams: „Schreiben ist ganz einfach. Du musst nur so lange auf ein blankes Blatt Papier starren, bis dir die Stirn blutet.“ Ich bin also in bester Gesellschaft, das tröstet mich ein bisschen. Immerhin kenne ich das andere Gefühl auch sehr gut: Den wahnsinnigen Flow, wenn der Text fließt und funktioniert. Da kommt nicht viel gegen an – bis auf eine Sache – aber die dürft ihr euch selbst ausdenken *gg*.

Was bleibt? Ich muss es hinnehmen, dass mein künstlerisches Gleichgewicht ab und an gestört ist – vielleicht sollte ich weniger gegen die Mauer rennen und statt dessen einen kleinen Umweg machen. Schreiben kommt aus dem Leben … und manchmal muss man eben erst wieder etwas leben, bevor man schreiben kann?!

 

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Konstanten

Was wären wir ohne Konstanten? Besser ist es zu fragen: was sind wir mit zu vielen Konstanten? Bestimmte Fixpunkte oder Werte im Leben zu haben ist sicher sinnvoll, um nicht im Chaos zu versacken – aber dieses monotone Alltagseinerlei? Der Himmel möge mich verschonen. Mein Fixpunkt ist mein Zuhause, meine Familie – aber sonst würde ich sagen, gibt es keinen. Klar, das Schreiben, aber das haftete an mir, wie eine zweite Haut.

Ich will gar nicht so viele Konstanten in meinem Leben. Die, die ich habe, sind schon reichlich. Es gibt Zeiten, da würde ich sie am liebsten abschütteln und mich auf die Reise machen. Deswegen fahre ich wohl auch so gerne Auto – egal wohin – immer wenn ich am Steuer sitze, stelle ich mir vor, ich bin auf großer Fahrt. Autofahren ist meine Meditation. Fahren und die Gedanken schweifen lassen. Sie kommen und gehen. Beim Spazierengehen funktioniert das auch, aber auf einer langen Autofahrt dahin zu gleiten noch besser.

Tatsächlich beneide ich manchmal Menschen, die weniger Verpflichtungen haben als ich. Ich denke dann immer, was könnte ich alles tun, wenn ich die Zeit, die Freiheit hätte? Ist ja auch einfach, wenn man sich in der Sicherheit einer Familie sonnt. Man will immer das, was man nicht hat und über das, was andere tun, kann man, da man nicht in der Situation ist, besonders „gut“ urteilen. Aber ich stelle fest, mit zunehmendem Alter (Erfahrungswerte, Kinder gehen eigene Wege, einen Partner, der einen frei entscheiden lässt) kann ich mir erlauben, die Konstanten langsam fallen zu lassen. Und das gefällt mir. Meine Zeit einzuteilen, wie ich möchte. Öfter alle Fünfe gerade sein lassen. Mir Arbeit zu suchen, die mir in den Kram passt.

Konstanten sind gut, wenn sie uns Halt geben und sicher brauchen wir sie in gewissen Maß. Zu viel davon ist, wie alles von dem man zu viel hat, auch nicht gut. Weil man es möglicherweise nicht richtig schätzen kann oder weil man sich wie ein Hamster in seinem Rad dreht, bis man tot umfällt ohne richtig gelebt zu haben. Leben ist jetzt.

 Der Text entstand nach dem letzten Satz aus dem Buch „Der Schwarm“, von Frank Schätzing.

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