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Archive for Januar 2014

Sam war sich nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen oder das Zeichen einer kommenden Katastrophe war, aber er wusste, …

… dass gleich etwas Aufregendes geschehen würde. Er hatte es im Gefühl. Diese leise Vorahnung, die sich mit einem erregenden Kribbeln im Bauch ankündigte. Bis jetzt hatte er noch nie daneben gelegen. Sam lauschte. Eine Tür wurde aufgerissen, schlug zu. Dann hastete Misses Miller, Archers Sekretärin, schnellen Schrittes den Korridor entlang. Das Geräusch ihrer Pumps war schon von Weitem zu hören. Ein rhythmisches Klappern, vergleichbar dem spanischer Kastagnetten. Der Karren, mit dem der Hausbote die Post auslieferte, erinnerte Sam immer an einen alten Regionalzug, dessen Räder nicht ganz rund liefen und bei jeder Umdrehung einen dumpfen Ton von sich gaben.

„Hallo, Misses Miller“, Sam hatte sich von seinem Drehstuhl erhoben. Im Türrahmen blieb erstehen, „ist was passiert?“

„Ja. Schrecklich“, stieß sie im Vorbeilaufen atemlos aus.

„Was denn?!“, rief Sam hinter ihr her.

„Jetzt nicht. Später!“, wehrte sie mit einer Handbewegung ab und lief weiter.

Für einen kurzen Moment überlegte Sam, ob er ihr folgen sollte. Er bezwang sich. Nur nicht auffallen, sagte er sich. Nachdenklich ließ er sich wieder in seinem Bürostuhl nieder. Langsam drehte er sich um seine eigene Achse. Wer wusste am meisten und am schnellsten über alles bescheid? Misses Miller war mit Betsy aus Buchhaltung befreundet. Die Zwei gönnten sich nach der Arbeit oft noch einen Drink im Pub auf der anderen Straßenseite. Sam hatte sie schon ein paar Mal dort gesehen. Er griff zum Telefon wählte die 232. Das Freizeichen ertönte. Sam wartete. Betsy nahm nicht ab. Nach dem zehnten oder zwölften Tuten legte er auf.

Was soll`s, dachte er, früher oder später werde ich schon mitkriegen, was los ist. Er drehte sich wieder. Seine grauen Aktenschränke gelangten in sein Blickfeld. Dann die Tür zu seinem Büro, mit dem Poster gesuchter Krimineller und dem Aufruf, sich bei sachdienlichen Hinweisen bei der Polizei zu melden. Sein Kleiderständer, die Regale mit den Gesetzestexten, die Ecke mit der Kaffeemaschine über der ein hässlicher Druck hing, den er von seinem Vorgänger übernommen hatte, dann das breite Fenster mit den senffarbenen Vorhängen.

Als er die komplette Runde gedreht hatte, hielt es ihn nicht mehr. Verdammt! Auffällig oder nicht, ich muss wissen, was vor sich geht. Er sprang auf, verließ sein Büro und folgte Misses Millers Spur. Hätte er geahnt, was ihn am Ende seines Weges erwartete, er hätte sein Büro niemals verlassen.

Der erste Satz war nur der Anreger 😉 .

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Die letzten Gäste waren gegangen. Ich seufzte. Am liebsten wäre ich ihnen sofort gefolgt, aber es gab noch einiges zu tun, bevor ich nach Hause gehen konnte. Die benutzten Gläser mussten gespült, die Tische abgewischt, der Pub ausgefegt und abgeschlossen werden. Ich hatte eine anstrengende Nacht hinter mir. Sam, mein Barkeeper und einziger Angestellter, hatte sich eine Grippe zugezogen und hütete das Bett, während ich den Laden alleine schmiss. Ausgerechnet an einem Freitag!

Ich hatte die Gläser gespült, mir ein kleines Eimerchen mit Wasser und Spülmittel gefüllt, um die Tische abzuwischen, als ich ein Geräusch hörte.

„Hallo! Ist da wer?“

Suchend blickte ich mich um. Niemand zu sehen. Wieder dieses Geräusch. Mein Herz schlug schneller. Ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Bauch breit.

„Zeigen sie sich“, rief ich, „ich kann Karate!“

Das entsprach nicht ganz den Tatsachen. Ich hatte einen Selbstverteidigungskurs für Frauen besucht, gefühlte hundert Jahre her, aber manchmal heiligt der Zweck die Mittel.

„Was soll denn das sein?“, hörte ich plötzlich eine tiefe Stimme neben mir, die mir einen heißen Schauer den Rücken hinunter jagte.

Erschrocken fuhr ich herum und stieß den Eimer vom Tisch. Das Wasser ergoss sich über den Fußboden und versickerte langsam zwischen den dicken Dielenbrettern.

„Was wollen sie?“

Mir stockte der Atem, beim Anblick des hünenhaften Mannes, der vor mir stand. Sein dunkles, dichtes Haar fiel in langen Locken bis auf die breiten Schultern. Seine irisierend blauen Augen maßen mich mit einem intensiven kritischen Blick. Er war ganz in Schwarz gekleidet, was ihn unheimlich und Furcht einflößend erscheinen ließ. Aber das, was mich wirklich aus der Fassung brachte, waren seine riesigen Flügel aus glänzend blauschwarzen Federn. Ein Rabe, der sich in einen Menschen verwandelt hat, dachte ich.

„Bist du Lea Winter?“, antworte er mit einer Gegenfrage.

Ich nickte stumm. Manchmal luden mich die Gäste zu einem Drink ein, aber heute Abend hatte ich keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt. Diese Erscheinung war nicht auf ein Alkoholdelirium zurückzuführen. Ich war durchaus geneigt an mehr zu glauben, als ich sehen konnte, aber dieser Hüne mit den schwarzen Flügeln konnte nicht echt sein. Skeptisch streckte ich die Hand aus und berührte seinen Flügel. Samtweich glitten die Federn durch meine Finger. Bei meiner Berührung spürte ich ein leichtes Zittern im Gefieder. Es war echt, nichts Künstliches oder Ausgestopftes. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen. Ein spöttisches Lächeln huschte über sein makelloses Gesicht mit der schmalen Nase.

„Meinst du, du bringst heute noch ein Wort über die Lippen?“

„Bist du ein Engel?“, presste ich die Worte heraus.

„Hey gut erkannt.“

Durften Engel so unverschämt sein und waren Engel mit schwarzen Flügeln nicht die von der Gegenseite? Ich reckte mich zu meiner vollen Größe auf und raffte meinen ganzen Mut zusammen.

„Dürfen Engel so frech sein? Oder musst du den Mistkerl raushängen lassen, weil du einer von den üblen Burschen bist?“

Er zog eine seiner fein geschwungenen Augenbrauen hoch.

„Ich glaube, hier geht’s nicht um mich“, dabei sah er mich scharf an, „ich bin nur hier, weil ich dir etwas Wichtiges sagen wollte.“

„Deinen Namen?“, unterbrach ich ihn zornig über seinen anmaßenden Ton, „ganz schön dreist mich erst so zu erschrecken und sich nicht mal anständig vorzustellen.“

„Du solltest aufpassen, was du sagst. Ich kann auch wieder gehen.“

Mein erster Impuls war mich zu entschuldigen. Aber seine Arroganz war so aufreizend, dass ich nicht anders konnte und antwortete:

„Bitte. Es steht dir frei zu gehen. Dort ist die Tür.“

Ich deutete Richtung Ausgang. Doch statt zu gehen, wie ich es erwartet hatte, begann er zu lachen. Seine Flügel wippten auf und ab. Das verursachte einen heftigen Luftzug. Die Gläser in den Regalen klangen und die Lampen schwangen hin und her. Konnte er einen Sturm entfachten, wenn er richtig mit den Flügeln schlug?

„Was ist so witzig?“, fragte ich ungehalten.

Er war wieder ernst geworden.

„Eigentlich nichts. Aber ich beobachte dich schon lange und hätte kaum für möglich gehalten, dass du dich so auflehnen würdest. Ich hatte erwartet, dass du weinst, nach Hilfe rufst oder etwas in der Art, wenn wir uns begegnen.“

Ich zuckte mit den Schultern. Er war wirklich ausgesprochen eingenommen von sich. Meiner Vorstellung von einem Engels entsprach das nicht.

„Tut mir leid, dass ich deinen Fantasien nicht entspreche. Wenn du mich so lange beobachtest, wie du sagst, solltest du mich besser kennen“, erwiderte ich und dann, „und was heißt hier, du beobachtest mich?! Bist du etwa ein Stalker?“

„Nein. Wenn ich bei dem menschlichen Terminus bleibe, würde ich mich eher als Voyeur bezeichnen.“

Er ging zum Tresen hinüber, nahm sich ein Glas und goss zwei Fingerbreit von meinem besten Whiskey ein.

„Das ist auch nicht viel besser!“, ich war empört, „was bildest du dir ein? Kommst hier rein, erschreckst mich, bist unhöflich und sagst mir solche“, ich suchte nach den passenden Worten und fand keine, „solche Dinge. Was willst du von mir!“

Er nahm einen Schluck. Dabei schloss er die Augen und ließ sich den honiggelben Alkohol genüsslich die Kehle hinab laufen.

„Ich stelle ihn mir samtig und süß wie Honig vor“, murmelte er.

„Eher rauchig, malzig, mit einem scharfen Zug im Abgang“, erwiderte ich gereizt.

Er verschluckte sich und stellte das Glas mit einem lauten Klacken auf dem Tresen ab. Ich verkniff mir ein Grinsen, als er sich mit einer ruckartigen Bewegung umdrehte und mich ärgerlich ansah.

„Du hast es verdorben. Die schöne Vorstellung verdorben.“

„Whiskey ist nun mal hochprozentiger Alkohol. Dein Realitätssinn scheint nicht sehr ausgeprägt zu sein“, spottete ich.

Als er auf mich zu kam, hob ich abwehrend die Hände. Selbst wenn ich Karate beherrschte, hätte ich mich nicht gegen diesen Riesen wehren können. Dicht vor mir blieb er stehen. Ein merkwürdig betörender Duft ging von ihm aus. Ich roch Meer, Sonne, Wiesenblumen, Wald, Quellen, Herbstlaub, Schnee. Bilder regten sich in meiner Erinnerung, steigen auf und zogen vorbei. Ein Rausch aus Farben, Tönen, Gerüchen. Schwerfällig legte ich den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen.

„Ich glaube, es reicht“, sagte er leise, aber bestimmt.

Unerwartet nahm er mein Gesicht in seine Hände. Obwohl sie kühl waren, strömte Wärme durch meinen Körper. Ein angenehmes Kribbeln rann durch meine Adern. Sein Blick tauchte in meinen und seine Stimme war dunkel und weich.

„Mein Name ist Aryon. Dein ganzes Leben lang beobachte ich dich. Aber die Zeit läuft ab. Ich musste endlich in deine Augen sehen, dich fühlen, bevor alles zugrunde geht. Ich bin deinetwegen hier.“

Es dauerte etwas bis seine hypnotische Wirkung nachließ und der Grund seiner Anwesenheit durchsickerte.

„Was sagst du da?! Die Zeit geht zu Ende? Willst du mir damit sagen, du bist gekommen, weil ich sterben muss?“

Das alles war ein böser Traum! Doch so sehr ich mich ermahnte die Augen aufzumachen, ich wachte nicht auf.

„Es tut mir leid, das ist kein Traum.“

Las er jetzt etwa meine Gedanken!

„Wir sind am Ende der Zeit angelangt. Deine Welt geht unter. Alles wird vergehen. Zerfallen zu Staub.“

„Aus Staub bist du und zum Staub wirst du zurückkehren“, flüsterte ich. Tränen traten mir in die Augen. „Alles? Wirklich alles?“

Aryon nickte. Ein schmerzlicher Ausdruck trat in seine Augen. Diese Traurigkeit machte ihn noch schöner. Das Dunkle an ihm wurde unversehens ätherisch und anziehend.

„Wann?“

Ich war mir nicht sicher, ob ich es gedacht oder gesagt hatte.

„Morgen Nacht.“

Ich riss mich los. Unglaublich! Morgen sollte die Welt in Schutt und Asche liegen und er kam jetzt. Am liebsten hätte ich ihn geschlagen.

„24 Stunden! Du tauchst hier auf und willst mir allen Ernstes sagen, ich habe nur noch 24 Stunden?!“

„Wärst du lieber unwissend gestorben?“

Aryon schien meinen Ärger nicht zu verstehen.

„Ja! Dann hätte ich wenigstens keine Zeit meinen verpassten Chancen nachzutrauern. Und hätte ich es früher gewusst, könnte ich noch einmal die Orte besuchen, an denen ich glücklich war.“

Vor Wut zitterte ich wie Espenlaub. Meine Hände waren zu Fäusten geballt und meine Stimme schnappte beinahe über. Aryon machte einen Schritt auf mich zu und legte seine Arme ganz fest um mich.

„Lass mich los“, schimpfte ich.

„Nein. Erst beruhigst du dich wieder“, sein Ton duldete keinen Widerspruch.

„Ich kann mich nicht beruhigen!“, da kam mir ein Gedanke, „du bist überhaupt nicht meinetwegen hier. Du bist hier, weil du schnell noch einmal erleben wolltest, wie das Leben in Wirklichkeit ist.“

Ich versuchte seiner Umarmung mit aller Kraft zu entkommen. Ohne Erfolg. Aryon hielt mich in eisernem Griff. Erschöpft gab ich auf.

„Warum?“, flehte ich um eine Antwort.

Ich sah ihn an. Aryon beugte sich zu mir herunter. Mein Herz stand für einen Moment still. Seine Lippen nahmen meine Lippen. Gefühle stürmten durch meinen Körper, die mir heftige Schmerzen und gleichzeitig köstliche Lust bereiteten. Wieder tauchten Bilder auf. Ich kannte sie nicht. Es waren nicht meine Erinnerungen. Unendliche dunkle Räume, Hallen angefüllt mit gleißendem Licht. Stille, die in den Ohren wehtat, dann Stimmen tausendfach hallend, die mein Gehirn fast in Stücke rissen. Kälte, tiefer als die Finsternis und Hitze, größer als das Sonnenlicht zerrten an mir. Ich schrie bis meine Lungen brannten und hörte doch keinen Ton. Meine Finger krallten sich in Aryons Fleisch. Tränen lösten sich, wie eine Springflut und durchnässten Aryon und mich.

Als Aryon seinen Mund von meinem löste, schlug ich meine Augen auf. Die Qual verebbte. Wir schwebten in einer Blase aus sanftem Licht. Wärme hüllte unsere nackten Körper ein. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Nie hatte ich etwas Vollkommeneres gesehen.

„Ich muss dich um Verzeihung bitten. Obwohl ich dich liebe, seit die Welt existiert, habe ich dich falsch eingeschätzt. Es war mein Fehler. Das hätte nicht passieren dürfen.“

„Liebe“, flüsterte ich.

Aryon nahm meine Hand und legte sie auf seine Brust.

Ich fühlte seinen Herzschlag, heftig und rasend, wie den eines verletzten ängstlichen Vogels, den man in der Hand hält.

„Ich hätte es dir früher sagen müssen. Hätte uns mehr Zeit verschaffen müssen. Mein Zaudern hat sinnlose Zeit gekostet und am Ende läuft es auf dasselbe hinaus.“

Der Kummer in seiner Stimme war nicht zu überhören. Ich wollte Aryon fragen, was das bedeutete, aber in dem Moment, als sich die Frage stellte, wusste ich die Antwort. Aryon gab für die Begegnung mit mir seine Ewigkeit auf. Die Dunkelheit, das Licht, die Stille und den Lärm. Er hatte gewählt, während der Ausgang für mich feststand.

Sein Mund suchte meine Lippen. Wir tauchten tiefer in das Meer aus Licht und Glanz, bis es uns ganz durchdrang, sich tief in unseren Seelen ausbreitete. Der Schmerz der Vergänglichkeit löste sich in diesem unendlichen Leuchten. Ich fühlte Aryons starken Körper, seine Hände, seinen Mund, die mich in einen Strom aus Erregung und Ekstase zogen, dem ich nichts entgegensetzen konnte. Es war so leicht sich mit ihm dahin geleiten zu lassen, immer weiter empor gehoben in einem rasenden Sturm aus Lust und Verschmelzung. Ich ging unter, ohne zu ertrinken und flog zwischen den Sternen, ohne einen Flügelschlag.

Es bedeutete mein Ende. Ich erkannte es ohne Bedauern. Kein Mensch vermochte der Kraft eines Engels standzuhalten. Wenn Aryon sich mit mir vereinigte, würde meine Lebenskraft dahinschwinden, wie ein Tropfen Wasser in der Wüste.

Es hatte keine Bedeutung. Mir war in meinem Erdendasein oft alles so dunkel und schwer vorgekommen. Die Zeit zu kurz, das Glück so flüchtig, Liebe oft nur ein Wort und Freundschaft beschränkte sich meistens auf ihren Nutzen. Alles endete. Irgendwann. Nichts blieb. Nur das Licht. Aryon machte mich zu einem Teil dieses Lichts.

Als er in mich eindrang, ließ ich jeden Gedanken, jeden Wunsch los. Gab mich völlig Aryons Begehren hin, dass eine Euphorie in meinem Körper und meiner Seele auslöste, die alles verschlang. Es gab nur Aryon und mich. Und dann nichts mehr.

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Ich lese gerade Irvin D. Yalom: Und Nietzsche weinte. Ein sehr interessantes, gutes Buch.

Dr. Breuer versucht Nietzsche zu helfen und begibt sich, aufgrund Nietzsches Misstrauen, selbst in seine „Behandlung“.

Das Buch besteht im Grunde zur Hauptsache aus den Problemen des Doktors und der Krankheit Nietzsches, aus Gesprächen und Briefen. Der Beginn der modernen Psychoanalyse (Freud erscheint am Rande als Schüler Dr. Breuers, wie es tatsächlich gewesen ist) und der Philosophie Nietzsches.

Es geht um Ausübung von Macht, Gedanken und Wille, Triebbeherrschung und ebenfalls auf die Auswirkung dieser Dinge auf den Körper, die Seele.

Als Dr. Breuer Nietzsche offenbart, dass seine Gedanken zwanghaft immer wieder zu Anna O. (in Wirklichkeit Bertha Pappenheim, die er zusammen mit Freud „behandelt“ hat) zurückkehren und ihm das Leben vergällen, weil er weiß, dass sein Begehren niemals erfüllt werden kann, fragt Nietzsche: „Was würden sie denken, wenn nicht Bertha ihre Gedanken verstopfen würde?“

Eine sehr bedeutsame Frage! Mein Denken ist auch sehr häufig verstopft. Mit Gedanken, die, wenn man sie genauer betrachtet, total unnütz sind.

Wie denken andere über mich?

Ich werde es wohl kaum erfahren.

Wie sinnvoll ist es zu schreiben, wenn ich keinen Verlag finde, der bereit ist, meine Geschichten zu drucken?

Ist es nicht genug Sinn an sich?

Verdammt schreib einfach …

Ich habe die Hälfte meiner Zeit erreicht und habe das Gefühl sie rast mir davon. Ich werde niemals schaffen, was ich noch will.

Statt darüber nachzudenken, sollte ich mich einfach daran machen, meine Wünsche umzusetzen. Mal sehen, wie weit ich komme.

Was hätte in meinem Leben anders laufen können?

Eine Menge, aber ändern lässt sich das heute nicht mehr. Ich lebe vorwärts und nicht rückwärts.

Warum will ich soviel und kann mich so unheimlich schlecht mit dem zufriedengeben, was gerade ist?

In der Lehre Buddhas gibt es das unheilvolle Anhaften an Dinge, die man nicht ändern kann. Ich verspüre den Wunsch, den Dingen nicht mehr verhaftet oder geradezu verklebt zu sein.

Warum fällt mir das so schwer? Bin ich zu schwach mich zu lösen?

Wieso hackt der innere Zensor immer wieder auf mich ein, auch wenn mir mein Kopf sagt, dass ich nicht auf ihn hören soll?

Warum höre ich bloß auf diesen Idioten und lasse mich von seinen Gemeinheiten lähmen?

Hundert Gedanken lauern mir auf. Ich muss die winzigen Pausen nutzen, um schnell einen Text hinzuwerfen. Manchmal gelingt es mir, die Verstopfung für eine längere Zeit zu vermeiden, aber sobald ich für einen Moment locker lasse, spülen diese üblen Gedanken wieder hoch und der Durchgang ist zu.

Verflixt! Warum gibt es keinen Schalter die Gedanken abzuschalten?

Weil ihn keiner eingebaut hat.

Es stimmt, ich kann schlechte Gefühle nicht gut aushalten. Ich versuche durch Tätigkeit meine kreative Blockade zu kompensieren, was im Umkehrschluss aber das kreative Tun unterbindet. Immerhin habe ich auch nur zwei Hände. So bin ich zwar nicht völlig tatenlos, aber was ich mir wünsche, nämlich zu schreiben – endlich wieder eine Geschichte zu Ende zu schreiben, geschieht nicht. Das treibt mich weiter in die Blockade und dem Zensor in die Arme.

Manchmal denke ich, wenn ich endlich einen Verlag fände, dann würde sich das ändern. Säuselt mir mein Kritiker ein: Wenn du einen Verlag findest, dann bezeugt das dein Talent. Blödsinn! Ich kenne genug Bücher, die grottenschlecht sind (Stil, Inhalt, Figuren, Adjektive, Erzählfluss, Spannung usw.), einen Verlag gefunden haben und von denen Kritiker behaupten sie sind ein großer Wurf.

Am Ende zeigt das Ganze: Mein Denken könnte sich mit den wichtigeren Dingen beschäftigen. Ich könnte in Ruhe meine Geschichte schreiben, ohne an Verlage zu denken. Einfach aus Spaß. Geschichten müssen erzählt werden und was macht es, ob sie nur von ein paar Menschen gelesen und für gut befunden werden oder von tausend?!

Das muss es wohl sein. Loslassen. Diesen kleinen eitlen Gedanken: gedruckt werden. Nicht so einfach, wenn man etwas mit so großer Leidenschaft betreibt, so davon eingenommen ist und diese Begeisterung teilen will.

Schön, wenn man die anderen Menschen durchschaut und sich selbst doch das größte Rätsel ist. Nun, so wird mir wenigstens nicht langweilig. Ich versuche die Stränge meines Lebens/Denkens zu entwirren, und dabei meiner Leidenschaft zu frönen. Schreiben.

Ergibt das alles einen Sinn? Vielleicht. Vielleicht nicht. Wer weiß, möglicherweise finde ich eines Tages die Antwort auf diese doch sehr komplexe Frage. (Und tatsächlich hält mein innerer Zensor gerade seine große Klappe und lacht mit mir. Sehr, sehr wohlwollend.)

 P.S.: Wer sich für Psychologie (Philosophie) interessiert, sollte sich unter Irvin D. Yaloms Büchern einmal umsehen. Sehr gut geschrieben!

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Mitternacht meiner Seele

Dunkelster Abgrund

Starrt zu mir hinauf

Tiefster Fall

Nicht aufzuhalten

Mein Schrei ohrenbetäubend

Zerschmettert jeder Knochen

Zermahlen alle Gedanken

An dich

 

Du rufst

Ich bin stumm

Du siehst

Mein Blick ist leer

Du berührst

Ich bin kalt

Du küsst

Blutlose Lippen

 

Nichts ist übrig

Atem vergeht

Zeit verrinnt

Unaufhörlich

Wandelt sich alles

Dünung des Lebens

Nur eins bleibt

Ruheloses Sehnen

Nach Liebe

Mitternacht der Seele – siehe „Ein Versuch“ …

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Ein Versuch

Ein surrealistisches Gedicht in 10 Worten … eine Aufgabe aus „Schreiberlebentipps“. Ich habe es versucht 🙂 – hier das Ergebnis:

Mitternacht meiner Seele

Tiefster Fall

Es klingelt

Du schriebst Licht

PS.: Mitternacht der Seele ist ein Begriff aus dem Buch: Und Nietzsche weint, von Irvin D. Yalom.

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Der Wind heulte um die Kapelle St.Jacobi und die kleine Glocke auf dem roten Ziegeldach gab ein leises Klingen von sich. Der Herbst hatte Santa Maria de Monte fest im Griff. Die engen Gassen, in denen im Sommer Reisende lustwandelten, waren nun menschenleer und still. Sie machten einen beinahe abweisenden Eindruck. Ein Schwarm Krähen flog auf. Ihr lautes Krächzen vermischte sich mit dem Sturm. Die grünen Fensterläden des herrschaftlichen Gutshofes, der an St.Jacobi grenzte, klapperten rhythmisch gegen die rohen Steinmauern. Die mächtige Zeder auf dem vorgelagerten Rondell ließ ein sonores Knarren hören, als würde sie bei jeder Windböe, der ihre ausladenden Äste erfasste aufstöhnen. Es roch nach Erde und nassem Gras. Auf dem einsamen Kirchplatz verweisten die Steinbänke und das Wasser des kleinen Zierbrunnens spritze weit über seine Umrandung hinaus. Ein leichtes Aufflammen von Rot stahl sich zwischen der schweren Wolkenbrandung hindurch, die über den Himmel toste, und zeigte das Ende des Tages an.

In der Ferne mischte sich das Knattern eines heranbrausenden Autos unter das Heulen des Windes. Es dauerte nicht lange und ein knallroter Adler mit schwarzem Verdeck bog in das schmiedeeiserne Tor des Gutshofs ein und hielt abrupt vor der ausladenden Haupttreppe. Misstrauisch beäugt von der Katze des Hauses, die sich eilig über den Hof trollte, weil sie hoffte, mit dem Neuankömmling hineinzugelangen.

Ein großer schlanker Mann, Mitte zwanzig, sprang elegant aus dem Wagen. Noch eher er den großen Lederkoffer aus dem Fond gezerrt hatte, scholl ihm ein vielfaches Willkommen entgegen. Das Haus hatte seine Bewohner ausgespienen, den ältesten Sohn der Familie, Leonardo, zu begrüßen. Ein Schwall gelben warmen Lichts schwappte über die breiten Marmorstufen in die Dunkelheit. Ein Bediensteter nahm dem jungen Herrn den Koffer ab, während die Familienangehörigen ihrer freudigen Pflicht nachkamen und ihn mit Umarmungen, Küssen und Freudentränen begrüßten.

Leo lächelte. Er hatte es erwartet, seine laute italienische Familie, und doch fühlte er sich, wie immer etwas fremd, wenn er aus Florence heimkehrte. Es brauchte seine Zeit, aus einer pulsierenden Stadt, in der man oft anonym blieb, wieder in die vertrauten heimatlichen Gefilde zurückzufinden. Trotz aller Liebe zu diesen Menschen überkam ihn das Bedürfnis sich in einen stillen Winkel zu verkriechen, um anzukommen.

In dem großen Esszimmer war eine beachtliche Tafel gedeckt, und während man ein opulentes Mahl einnahm und dem selbst gekelterten Rotwein des hauseigenen Weinberges zusprach, redeten und lachten alle durcheinander. Jeder wollte wissen, wie es Leonardo in den letzten Monaten ergangen war, wen er getroffen hatte und welche besonderen Neuigkeiten es in der Stadt gab. Seine drei Brüder und die Männer der Familie interessierten sich vorzugsweise für die neusten technischen Errungenschaften, während sich der weibliche Teil der Anwesenden für Bälle und Klatsch erwärmten. Breitwillig gab er Auskunft. Nach dem Essen zogen sich die Männer in das Rauchzimmer zurück. Leonardos Vater Matteo schenkte den guten Grappa ein und bot Zigarren an. Leonardo und seine Brüder hatten inzwischen das Alter erreicht, sich den älteren Männern anzuschließen. Bevor sie den Salon erreichten, zog ihn Gabriele, sein Lieblingsbruder, ihn am Ärmel seines Jacketts.

„Komm Leo.“

Er hatte ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen und zwinkerte Leo zu. Der nickte. Die beiden jungen Männer blieben zurück und bogen in einen der spärlich erleuchteten Flure ab. In dem alten Gutshof gab es unzählige Flure, Türen, Räume verschiedenster Größe, Dachböden, Treppen und Kellergewölbe. Nachdem Leo und Gabriele eine Tür geöffnet, eine Treppe hinab gestiegen, zwei Keller durchquert, einen modrigen Flur entlang, eine Treppe hinauf gegangen, Gabriele eine Tür aufgeschlossen, sie einen kleinen Vorraum betreten und eine dritte Tür geöffnet hatten, befanden sie sich in der Sakristei der Kapelle.

„Nicht gerade warm hier?“, stellte Leo fest.

„Jammer nicht“, lachte Gabriele, „sonst müsste ich denken, die Stadt verweichlicht dich.“

Leo knuffte seinen Bruder freundschaftlich in die Seite.

„Ja, nicht frech werden.“

„Ich dich nicht“, wehrte Gabriele lachend ab.

Er zündete einen Kienspan an und warf ihn in den kleinen eisernen Gussofen. Sofort fingen die dünnen Äste unter den Holzscheiten Feuer und innerhalb kürzester Zeit bollerte der Ofen sachte vor sich hin und gab eine angenehme Wärme ab.

„Wird Pater Daniele nicht böse, wenn du seinen Holzvorrat abfackelst?“, fragte Leo schmunzelnd.

Gabriele schüttelte unwillig den Kopf.

„Vater lässt uns jeden Herbst soviel Holz herüber schleppen, damit könntest du den Mailänder Dom heizen, da werde ich ja wohl etwas für uns verbrauchen können.“

Er nahm eine der dicken Altarkerzen, die Pater Daniele in der Sakristei aufbewahrte, und zündete sie an. Sie flackerte einen Augenblick, brannte dann aber gleichmäßig vor sich hin.

„Außerdem genießt Pater Daniele jeden Sonntag unsere Gastfreundschaft. Wie war das noch: geben ist seliger denn nehmen?“

Leo konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

„Schön wieder zu Hause zu sein.“

Die Brüder setzten sich neben den Ofen. Leo zog ein silbernes Etui aus der Brusttasche des Jacketts und reichte es Gabriele.

„Danke! Die guten Kubanischen.“

Gabrieles Augen leuchteten. Er zog eine Zigarrenschere aus seiner Hosentasche entfernte das obere Ende der schlanken Cohiba und reichte sie an seinen Bruder weiter. Bevor die Zwei ihre Zigarren anzünden konnten, öffnete sich die Tür zur Sakristei. Die Zwillinge erschienen.

„Schau sie dir an!“, Riccardo schüttelte den Kopf, „ein konspiratives Treffen ohne uns.“

„Das sieht euch ähnlich“, fügte Antonio an.

Die Zwillinge ließen sich ebenfalls am Ofen nieder und Leo reichte ihnen sein Etui und die Zigarrenschere. Gabriele seufzte.

„Kann man in diesem Haus keine Geheimnisse habe?“

Die Zwillinge grinsten.

„Ein Friedensangebot.“

Antonio und Riccardo reichten ihren älteren Brüdern jeweils eine flache silberne Flasche. Gabriele öffnete den Verschluss und schnupperte an der Öffnung.

„Wie habt ihr das geschafft? Vaters guter Whiskey!“, sagte er anerkennend und nahm einen Schluck.

„Tja, wer kann, der kann.“

Die Zwillinge grinsten und zündeten sich die Cohibas an. Schweigend saßen die Brüder beieinander und pafften. Ab und an nahm einer einen Schluck Whiskey. Zwischen ihnen brauchte es nicht viele Worte, auch wenn es in Diskussionen oft heiß herging.

Leo war 25, Gabriele 24 und die Zwillinge 22 Jahre alt. Niemals hatte es ein Außenstehender geschafft einen Keil zwischen die Brüder zu treiben. Ihre Charaktere waren manchmal Feuer und Wasser, aber die Stimme des Blutes war so stark, dass sie bis dahin allen Anfeindungen standgehalten hatte. Selbst ihren Eltern gegenüber bildeten sie eine gemeinsame Front. Sie konnten nicht ahnen, dass ihre Loyalität in dieser Nacht auf eine harte Probe gestellt werden sollte….

Der Text entstand in einer Schreibstunde, in der es um den Ort im Text ging. Erst sollte der Ort beschrieben werden, dann sollten die Personen auftreten. Als Anregung hatten wir ein Bild von einem italienischen Dorfplatz mit Kapelle und Haus.

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Der Briefkasten ist grün. Ziemlich verbeult. An einigen Stellen ist die Farbe abgeplatzt, dort setzt sich Rost ab. Grün – Farbe der Hoffnung. Doch jeden Tag, wenn ich den kleinen silbernen Schlüssel in das Schloss stecke, enttäuscht er mich seit Tagen. Kein Brief von George. Er hat es versprochen und was er zusagt, hält er. George ist der zuverlässigste Mensch, den ich kenne. Das mag an seinem Namen liegen. George – ein alter Name mit Sicherheitsgarantie, Erde und Arbeit verschmolzen. Ein Landwirt lässt seine Heimat nicht im Stich.

Die Unruhe hat mich gepackt. Es muss etwas Schreckliches passiert sein. Ein Unfall oder ein anderes tragisches Schicksal hat ihn ereilt, weswegen George sich nicht meldet.

Ich höre den schweren Schritt meiner Nachbarin. Ihre schweren Holzclogs dröhnen durch den Hausflur. Klack, klack, klack. Ich eile die Stufen hinunter. Heute muss ein Brief von George dabei sein. Ich will vor ihr am Briefkasten sein. Sie soll nicht sehen, wie ich seinen Brief herausnehme und mich fragen: „Von wem haben sie denn Post bekommen?“, in dieser näselnd neugierigen Tonart.

Hastig öffne ich das grüne Maul. Es gibt nichts her, sein Bauch ist leer. Ich kämpfe die Tränen nieder.

„Na Kindchen wieder nichts?“, höre ich meine Nachbarin hinter mir.

Ich presse die Lippen zusammen, will nicht weinen. Ich schüttele den Kopf, wende mich ab und gehe zurück ins Haus. Wieder nichts. Die Enttäuschung zieht sich in mir zusammen, wie ein dickes schwarzes Knäul, dessen feine Fäden sich in jeden Winkel meines Körpers winden und mir die Freude heraussaugen. Es gibt nichts zu tun. Nur das Warten auf Morgen und die schwindende Hoffnung auf ein Lebenszeichen von George.

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