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Archive for Februar 2014

Angeregt durch den Diary Slam (Thema: Liebe), am 14.02.2014 diesen Jahres in Frankfurt, an dem ich teilnehmen durfte habe ich ein Texte zusammengestellt, in denen es um die Liebe und das Finden derselben geht. Ich habe direkt aus meinem Tagebuch zitiert (nicht komplett, dass wäre dann doch etwas viel geworden) und Texte aus der Zeit eingebracht, die das Thema, meine Gefühle und Gedanken aus der Zeit, ergänzen. Der Text „Dorfklatsch“ hat so nicht stattgefunden. Allerdings gibt es die eine oder andere Äußerung, die mir tatsächlich so zu Ohren gekommen ist ;-).

Vorgeschichte:

Frau zieht in ein anderes Bundesland (Hessen), weil sie einen Mann kennengelernt hat (Internet Datingseite), den sie für Wert hält. Doch statt Liebe gibt es Langeweile, Einsamkeit und er akzeptiert ihre drei Kinder nicht, die sie mit in die Beziehung brachte. Das Ende kam schnell. Nach drei Monaten saß sie in einem Kurort im Spessart fest. Ohne Auto, ohne Familie und Freunde. Dazu muss man sagen, dass Völkchen in diesem Ort ist Fremden gegenüber nicht sehr aufgeschlossen. Die Leute sind misstrauisch und tratschen gerne über die „Außenseiter“. Frau sucht sich also einen Job, was nicht einfach ist am Ende der Welt, erzieht Kinder, macht den Haushalt (ein Einkauf nahm fast einen ganzen Vormittag in Anspruch) und frönt dem Schreiben. Ihr Wunsch ist es Schriftstellerin zu sein. In ihrer 300 km entfernten Heimat sitzt die Familie und ist entsetzt. Eines Tages erscheint ihre beste Freundin Tina, sie haben sich bei einem kreativen Schreibkurs in der VHS kennengelernt, in dem Hinterwäldler Kaff (sorry, ich würde mich ja entschuldigen, aber ich tu es nicht). Sie hat sich frisch von ihrem Freund getrennt und bringt ihren Sohn mit. Neuer Stoff für Klatschgeschichten. Dazu kommt, dass „Frau“ auf der Suche nach Liebe, im Internet auf die Suche geht. Was soll Frau sonst tun, an einsamen Wochenenden, ohne mobil zu sein und mit drei Kindern? Schließlich ist sie hartnäckig und gibt die Liebe nicht auf.

Der Übergangsmann

Es begann eigentlich am Tag des Umzugs. Ich hatte mich mit ihm gestritten und hätte am liebsten alles wieder ausgepackt. Aber alles war geplant. Kinder in anderen Schulen angemeldet, eine Wohnung gemietet, die andere Wohnung aufgegeben, die Familie im Nacken, die einem nie Ruhe lässt. Als meine Freundin sagte, ihr passt nicht zusammen, wusste ich sie hat Recht. Aber ich kämpfte das schlechte Gefühl nieder und fuhr los, mit den drei Mädchen. Auf der Raststätte Göttingen hielten wir an. Als wir wieder ins Auto stiegen, um den Rest des Weges zurückzulegen, sagte ich zu meiner ältesten Tochter: Wir werden dort nicht für immer bleiben. Ich war auf der Flucht. Mit drei Kindern und einem ganzen Hausstand im Gepäck. Dann begann das böse Erwachen. Knapp sechs Wochen nach dem Umzug. 

13.09.2005

Ich bin nur ein Teil und niemals ganz. Ich suche und finde nicht. Kann nicht ganz und heil werden, dazu fehlt mir die Liebe. Ich habe mich verraten, mein Herz und mein Gefühl. Dabei kann es keine Gewinner geben. Ich wollte mich finden und hab das Ziel aus den Augen verloren. 

06.10.2005

… und ich geh aus dieser Stadt, wo gerade angefangen hat, was du nicht willst und ich zu sehr. Ich bin der Regen und du das Meer. (Auszug aus einem Lied)

Kann es noch einmal passieren? Dieser Blick, der alles sagt. Alles, was man wissen muss, um zu lieben?

Mein Herz ertrinkt langsam aber sicher in dieser bleiernen eiskalten Beziehung. Diese Woche ist es wieder passiert. Wegen einer Kleinigkeit. Die Reaktion war erschreckend. Mein Vorschuss schmilzt. Er liebt mich nicht. Ich bin das Mittel gegen seine Langeweile und der Garant für eine warme Mahlzeit, gebügelte Hemden und ein sauberes Klo.

Mein Herz war plötzlich hart wie Stein und kein Gefühl war in mir, bis auf die Faust in meinem Magen. Ich will raus! Atmen, atmen, atmen … . Ich bewege mich in Zeitlupe. Mein Leben läuft in einem Film vor mir ab und ich kann es nicht mit leben. Wenn ich in seine kalten wütenden Augen sehe, graust es mir. Alles in mir sträubt sich. Meine innere Stimme schreit die ganze Zeit: Sag es! Sag es, damit es ein Ende hat. Endlich wieder Ruhe! Keine Angst mehr, was oder wie ich etwas sage. Vorbei das erzwungene Schweigen, weil er nichts begreift. Vorbei die unerträgliche Stille, wenn er da ist. Dabei kann es so schön sein mit jemand zu schweigen, aber dazu muss man lieben.

Ich muss dringend zum Amt. Wissen was mich erwartet, wenn es nicht weitergeht. Die Sonne scheint, aber der Regen in meiner Seele lässt mich ertrinken. 

19.10.2005

„Hartnäckige Übellaunigkeit ist ein allzu klares Symptom dafür, dass ein Mensch gegen seine Bestimmung lebt.“

J. Ortega y Gasset 

20.10.2005

„Tage, wenn sie leise uns entgleiten

Gleiten leise doch in uns hinein

Doch wir verwandeln alle Zeiten

Denn wir sehnen uns zu sein

Ob die Stunden uns wieder entfernen

Wir sind immer beisammen im Traum

Wie unter einem aufblühenden Baum

Wir werden die Worte, die laut sind, verlernen

Und von uns reden, wie Sterne von Sternen.“

Rilke Projekt  

Der Übergangsmann und ich beschlossen, uns zu trennen. Aus wohnungstechnischen Gründen mussten wir aber noch bis zum Ende des Jahres 2005 zusammen in einer Wohnung aushalten. Jeder begann wieder seine eigenen Wege zu gehen und aus der Beziehung wurde eine WG. Erstaunlich, was man alles aushalten kann. 

31.10.2005

Bei meinem Besuch zu Hause traf ich N. wieder. Den Mann, in den ich mich vor über einem Jahr unsterblich verliebt hatte. Ein Osterfeuer brannte ab. Das Ende vom Lied: lass uns Freunde sein (wie soll das gehen?). Auch das trug dazu bei, mein Heil in der Flucht zu suchen. Ich dachte, wenn ich fort bin, dann erkennt er, wie sehr er mich braucht. Kein guter Grund! Aus Fehlern lernt man, aber man muss sie erst machen.

Bei N. sein ist zu Hause sein. Ankommen. Seelenverwandtschaft finden, Gefühle teilen, Ideen zünden, wieder lächeln können. Küsse, die jedes Rauschmittel übertreffen. Berührungen, die unter die Haut gehen. Es ist, wie es ist. Ich liebe ihn.

(Durch diese Begegnung flammten die alten Gefühle wieder auf. Ich klammerte mich mit aller Kraft daran fest.)

23.11.2005

Ich habe Angst zu vergessen. N. zu vergessen. Die Gefühle, die er in mir aufgeweckt hat. Diese alles überschäumende Zuneigung, alles vergessende Liebe, die ich empfinde. Er ist in meinen Gedanken. Jeden Tag, nachts, wenn ich mich freue, wenn ich traurig bin. Ich stelle mir sein Gesicht, seine Bewegungen, den Ton seiner Stimme, seine Berührungen vor. Er ist es und er weiß es wahrscheinlich auch. Aber es soll wohl nicht sein. Ich kann nichts tun. Mir sind die Hände gebunden, wen ich ihn nicht völlig verlieren will, darf ich ihn nicht lieben.

Aber wenn ich an die Dinge denke, die er mir sagte? Als wir uns das erste Mal in die Augen sahen, als wir in dem Café stundenlang redeten und er meine Hände nahm, die Küsse … . Es ist Magie. Ich kann nichts dafür. Es ist wie eingebrannt. Ich wünschte, er hätte weniger Angst (eine üble Scheidung, nach dem ihn seine Frau nach Strich und Faden betrogen, ihn danach abgezockt und ihm seine Kinder vorenthalten hatte) und Liebe wäre eine Option.

19.12.2005

Tina ist in der Schweiz. Irgendwie beneide ich sie darum. Andererseits ist sie viel ruheloser als ich. Der Spruch „das Genie beherrscht das Chaos“, trifft bei ihr den Nagel auf den Kopf. Bei mir ist es eher ein geordnetes Chaos. Ich suche auch manche Sachen, von denen ich genau weiß, dass ich sie da oder dorthin gelegt habe. Ich komme ums Suchen absolut nicht herum. Ich suche viel und finde viel. Tina fehlt mir. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm sein könnte. Und mein Schreibkurs fehlt mir. Freu mich schon, wenn ich zu Hause bin, wenigstens einmal hingehen zu können. Auf meine Anzeige, eine Schreibgruppe zu gründen, hat sich eine ältere Dame gemeldet. Vielleicht kommt ja noch was. Wäre toll. Wenn nicht versuche ich es im Januar noch mal. „Leute, jeden Alters, die gerne schreiben oder es schon immer einmal probieren wollten, sind herzlich eingeladen, sich zu melden … .“

Am 27.12. habe ich einen Termin im Frauenbüro. Hoffentlich haut das alles so hin. Mache mir Sorgen, versuche sie aber zu verdrängen. Der Laden von Frau K. (in dem ich gearbeitet habe. Und in dem ich zum Glück, drei supernette Kolleginnen hatte, die mich und meine Mädchen „adoptiert“ haben und mir in schwierigen Situationen halfen. Und wir sind heute noch regelmäßig in Kontakt und besuchen uns.) steht kurz vor der Insolvenz.

Was mache ich mit N.? Nachdem ich ihm mein Herz ausgeschüttet habe, hat er sich bis jetzt in Schweigen gehüllt. Und wie ich meinen Liebling kenne, wird es auch so bleiben. Ich würde ihn gerne sehen, aber ich bezweifele, dass das was wird. Ich liebe ihn. Die anderen Männer haben das Problem, an ihm gemessen zu werden.

Bin gespannt, was Mutti vom Stapel lässt, wenn sie hört, dass ich mich vom Übergangsmann getrennt habe. Und da sitze ich wieder am PC und suche nach den wahren Gefühlen. Sogar D. versucht es auf diese Weise. Dabei ist er jung, gut aussehend und nicht auf den Mund gefallen. Was soll ich denn da sagen? Wo der „Markt“ in unserem Alter um einiges geschrumpft ist und die Selbstdarstellerei der Männer teilweise sehr penetrant ist (wie das bei Frauen ist? Ich habe nur nach Männern Ausschau gehalten J.) Davon hebt sich Francesco wohltuend ab. (Ich lernte ihn kurz vor meinem Besuch zu Hause kennen und verabredete mich mit ihm. Wir wollten Sylvester miteinander verbringen. Haben uns aber letztendlich nicht getroffen.). Er hat sogar gesagt, er ist aufgeregt. Freut mich. Ich auch.

Dagegen ist mir dieses Hase-usw.-Gerede von Ralf auf die Nerven gegangen. (Ein Mann, den ich über eine Zeitungsannonce kennengelernt hatte, in dem Jahr zu vor. Wir trafen uns zum Essen, einmal.). Ziemlich doll sogar. Er wusste überhaupt nichts von mir und dachte sich ein Leben mit mir aus. Nicht einmal fragte Ralf mich nach meinen Interessen. Von seinen erzählte er mir dagegen weit und ausschweifend. Er wollte sich selbstständig machen und redete von mir „nicht nur als einer Mitarbeiterin, sondern als von einem Familienmitglied“. Hilfe! Wer denkt denn an so was? Hatte ich mit der Einwilligung in das Treffen einen bindenden Vertrag unterschrieben, von dem ich nichts wusste? Als er dann seine Hand auf meine legte und das verängstigte kleine Mädchen in mir erkannte, war die Sache für mich erledigt. Alles was ich dachte war, wie komme ich hier so schnell wie möglich wieder raus.

Die Frage, die sich stellt: will ich überhaupt noch mit einem Mann zusammenleben? Bis auf N. habe ich bis jetzt bei keinem das Gefühl gehabt. Wie das wohl wäre, wenn wir zusammenleben würden? N. will von allem frei sein. Könnte das dann anders sein? Ich glaube, er hat mich mit seinem Zweckpessimismus schon angesteckt. Oder es gefällt mir einfach zu gut meinen eigenen Weg zu gehen, ohne jemand zu fragen. Aber allein sein ist auch doof. Und was jetzt?

28.12.2005

Das Gespräch beim Amt war gut. Lässt hoffen. Am 24.12. hat M. mich besucht. (Ein Kontakt über eine Datingseite. Wir führten einige lange Telefongespräche. Sein Bild gefiel mir, seine Stimme und das, was er sagte.) Einfach so. Er rief an und fragte, ob wir zu Hause wären. Ich sagte, ja. Dann meinte er, er wäre in fünf Minuten da. Ich müsste ihn auch nicht hereinlassen, aber er wollte mich endlich sehen und wenn es nur für fünf Minuten wäre.

Kaum hatte ich aufgelegt, stand er vor der Tür. M. sah mich an und es hat „Krach“ gemacht. Ich war perplex. Er hat Kuscheltiere für die Kinder und ein tolles Parfüm und Duschgel für mich mitgebracht. Der Besuch dauerte nur eine halbe Stunde. Als er ging, zog er mich in den Flur und küsste mich einmal.

Am nächsten Tag, Sonntag, waren wir Kaffee trinken mit den Mädchen, Montag hat er uns zu Burgerking eingeladen (das erste Mal seit ewigen Zeiten, dass ich den Ort für ein paar Stunden verlassen konnte). Wir haben mit den Kindern gespielt, sind spazieren gegangen, Fernsehen geschaut und geschmust. M. ist über Nacht geblieben. Es ist traumhaft. M. ist toll. Er ist da und gehört einfach dazu. Als ob es schon immer so war. Er sagt so schöne Sachen, lacht oft und ist ganz sanft und lieb.

Auszüge den SMS von M.

25.12.2005

„Aufgeschlossene intelligente Kinder. Freu mich auf euch.“

„Du bist eine wunderbare Frau und Mama. Schlaf gut mein Leben.“

26.12.2005

„Du und deine Familie seid mein neues Leben.“

„Ich lieb dich, alles andere werden wir meistern. Du hast mich in deiner lieben Hand, da komm ich sowieso nicht mehr raus.“

„Ich liebe dich und das wird so bleiben!“

28.12.2005

„Ja das Leben meint es gut mit uns. Ich hätte gerne eine Wiederholung der vergangenen Nacht, nur mit etwas mehr Schlaf. Dich zu spüren ist wunderbar.“

„Eine Nachricht von dir versetzt mich in Erregung. Es wäre unfair zu sagen, das vorher nichts war. Es ist fair zu sagen, dass das Vorangegangene uns nur noch mehr wissen lässt, wie sehr wir zueinander gehören, mein Engel.“

01.01.2006

„(Für immer und einen Tag) das ist länger als die Ewigkeit. Ein Superlativ, dass man nicht steigern kann. Du bist ein Schatz! Freu mich auf deine Stimme.“

„… du bist wunderbar. Uns bleibt das Wissen des Wiedersehens und mehr.“

02.01.2006

„Denke an euch und es macht mich glücklich.“

03.01.2006

„Hallo Liebes, es trennen uns die räumliche Entfernung. Unsere Gedanken sind bei dem anderen.“

04.01.2006

„Guten Morgen mein Schatz, eine Nachricht von dir lässt die Sonne in mein Herz. Sehne mich danach dich zu spüren.“ 

09.01.2006

„Tja, jetzt geht es nur noch zusammen!“

11.01.2006

„Was du alles für mich machst! Würde dich jetzt am liebsten verwöhnen. Du bist wunderbar!“

„Hallo Süße, bei soviel Lob schwebe ich nur noch über dem Boden. Die Zukunft wird es richten. Wir müssen geduldig sein. Du bist mein Hauptgewinn. Eine gute Nacht und träum was Süßes.“

20.01.2006

„Hi Süße, war bezaubernd gestern Abend, dich in deinem süßen Dessous spüren zu dürfen. Hab dich lieb.“

 

24.01.2006

M., die Kinder, sein Freund A. und ich waren im Tierheim und haben Hunde ausgeführt. Es hat allen gefallen. Danach sind wir essen gegangen. M. hat sich gefreut, dass wir diese Erfahrung geteilt haben. Sonntag haben wir über Gefühle, uns, Beziehung usw. geredet. M. mag keine Frauen die „die Hosen anhaben“, er findet es sollte ausgeglichen sein. Denke ich auch. Er hat mich gefragt, ob er dominant wäre. Kann sein. Aber er ist ein Mann, die sollten wissen, was sie wollen. Ist manchmal nicht so einfach das Mittelmaß zu finden. Ich wäre froh, wenn wir es schaffen könnten zusammenzuleben. Er und die Kinder sollten der Mittelpunkt meines Lebens sein.

SMS von M.

24.01.2006

„Schlaf gut Engel, wenn ich helfen kann, tue ich es, mit Geld oder wie auch immer. Hab leider nicht so viele Möglichkeiten. HDL M.“

25.01.2006

„Hi Süße, bis heute Nacht. HDL M.“

Die Kinder und ich besuchten M.`s Familie. Es war schön wie immer. Wir fühlten uns wohl. Auf dem Rückweg, meine M. er fände es liefe toll zwischen uns. Seinetwegen könnten wir weiterhin so leben. Ich sagte ihm, dass ich es auch gut fände, so wie es gerade ist. Allerdings wollte ich, mit den Kindern nicht für ewig in dem Spessartkaff hängen bleiben. Ich sagte ihm, dass ich 2007 dort wegziehen wollte. Wenn es mit uns klappen sollte, dann würde ich gerne mit ihm zusammenziehen (seine Eltern boten uns das Haus an, in dem seine Mutter allein mit seinem Bruder lebte. Sie hatte vor, dort auszuziehen und M. hielt das für eine gute Idee. Wir haben sogar eine Hausbesichtigung vorgenommen.) und wenn es nicht klappen sollte, dann würde ich wieder nach Hause ziehen. 

27.01.2006

Es ist schon eine merkwürdige Sache mit der Liebe. Habe ich nicht schon tausend Mal darüber nachgedacht und genauso oft darüber geschrieben?

Als M. kam, weil er unbedingt wissen wollte, wer hinter dem Foto und der Stimme steckt, war mein Herz getroffen. Wir haben im Schnellverfahren alle wichtigen Punkte geklärt und heute, nach vier Wochen und drei Tagen habe ich das Gefühl, als hätte es nie einen anderen Mann in meinem Leben gegeben. (Ich kannte seine Freunde, seine komplette Familie und war zu einer Familienfeier eingeladen gewesen.)Obwohl wir uns fremd sein müssten, ist er mir sehr vertraut und der Gedanke, dass er und ich nicht so „richtig“, nur tageweise, zusammen sind ist komisch. Ich fühle mich nur halb, weil ich denke, dass wir zueinander gehören. M. würde es nicht stören, wenn es so weiter ginge, wie bisher.

Es hat eine gewisse Logik, dadurch ist jedes Zusammensein etwas „Besonderes“ und jeder hat seine „Fluchttage“. Ich zweifele nicht (noch nicht) daran, dass M. mich gern hat, aber für mich ist es schwierig, ohne ihn einzuschlafen oder er kommt heute nicht. Irgendwas fehlt.

Da wusste ich noch nicht, dass es sich bei M. um einen Typ Mann handelt, der unter Bindungsangst leidet und durch den Zustand des Verliebtseins in die Panik verfällt dadurch umzukommen. Dagegen waren die Gründe für N.`s Rückzug geradezu einfach zu verstehen.

M. hat eine SMS geschrieben. Er kommt nicht. Braucht Zeit für sich. Habe ihn angerufen. Er weiß nicht, ob er das Richtige tut???? Bin am Ende. Ich liebe ihn. Könnte immer nur weinen. Weine eigentlich schon seit zwei Stunden. Erst die blöde Lehrerin (die Klassenlehrerin von meiner jüngsten Tochter und ich hatten eine Auseinandersetzung.) und jetzt das. Ich glaube ihm, dass er mich nicht angelogen hat, als er sagte, er liebt mich. Hat er noch gestern Abend geschrieben. Und jetzt sagt er mir das am Telefon! Dabei wäre es doch besser zu reden. Der Sex ist gut (oder nicht)? Er hat gesagt, sogar wenn wir Fernsehen oder er lernen muss, wie letzten Sonntag, dann ist das schön. Aber was ist es dann?? Angst vor Verantwortung, Angst vor Liebe, Angst, dass es nicht klappt?

Seine Gefühle können doch nicht gespielt gewesen sein. „Ich schenke dir mein Herz und mich dazu.“ Er spürt mich gerne. Diese Blicke im Bett und die Blicke am Tag. Das war doch nicht gelogen? Was ist passiert?

Gestern hat er mir noch ganz stolz A.`s SMS gezeigt. Er sagte gesagt, ich sei zu gut. Ich bin total ratlos, hilflos. Wenn ich doch auf irgendetwas hoffen könnte. Jede Stunde ohne Klärung tut unendlich weh. Der Gedanke heute Nacht ohne ihn zu sein, zerreißt mir das Herz. Kann es denn keinen Weg geben? Liebe ist doch das Einzige, für dass es sich zu kämpfen lohnt.

SMS von M.

28.01.2006

„Ich habe selbst bei H. das nicht Reden bemängelt. Jetzt kriege ich selbst keinen Ton raus. Sollte nicht mehr über andere urteilen. Kann nicht gegen meine Gefühle gehen. Sie sagen Nein und ich schäme mich dir wehzutun. Kann dir nicht mehr in die Augen sehen. Helfe euch finanziell. M.“ 

28.01.2006

Was heißt das denn? Ich will sein Geld nicht! Mein Bauch schmerzt, als hätte jemand ein Messer reingebohrt. Mein Herz bricht. Ich muss dauernd weinen. Kann nicht aufhören. Ich habe mich so verliebt. Das kann doch nicht alles Lüge gewesen sein? Das ist doch nicht möglich. Ich fühle mich wie tot. Allein und tot.

31.01.2006

M. war total lieb zu mir. Es ging ihm auch schlecht. Er hat am Freitag und Samstag allein mit sich getrunken und wollte mit keinem reden. Bin froh, dass es ihm auch so gegangen ist. Wir hatten eine Wahnsinnsnacht! Ich liebe ihn. Ich habe ihm gesagt, er muss mir nichts versprechen. Einzig mit mir reden. Wir haben uns geküsst, als wäre es das erste Mal.

Inzwischen hatte der Übergangsmann mit bekommen, dass es einen neuen Mann gab. Gerüchte verbreiten sich schnell! Er begann, mir mit einem Rechtsanwalt und dem Sozialamt zu drohen. Ich hätte von seinem Geld gelebt (haha! Dabei hat er nur die Miete gezahlt. Alles andere: Nebenkosten, Essen, Strom, Telefon habe ich gezahlt) und ich würde meine Kinder vernachlässigen und schwarzarbeiten. Zum Glück hatte alles seine Richtigkeit und sein Geschwätz für mich nur leere Drohungen. Außen groß, innen klein. Normalerweise gibt es für solche Leute Ärzte mit Couch. 

01.02.2006

M. erzählte mir, er hat seine Ex-Freundin getroffen. Sie machte ihm Vorwürfe, dass er eine Frau mit vier Kindern liebt. Jetzt hat er keine Zeit mehr für sie und M. sollte nicht vergessen, wie einsam sie ist. Was hat seine Ex zu unserer Beziehung zu sagen? Ich glaube, die ist gestört.

Meine Mutter, die zu Besuch ist, hat schon wieder, so ganz nebenbei erwähnt, dass ich zurück nach Hause kommen soll. Die Kinder und ich sind schon von den wenigen Tagen angestrengt, die wir zusammenverbringen. Ich schätze das überlege ich mir noch mal. 

SMS von M.

01.02.2006

„Guten Morgen Sweetheart.“

03.02.2006

„Kisses all over for you as well Sweetheart.”

04.02.2006

„Hi Herz, du bist in meinen Gedanken.”

06.02.2006

„Das ist schön zu hören. Hab euch alle lieb.“

06.02.2006

Von Samstag auf Sonntag hatte ich einen schrecklichen Traum. M. war ein japanischer General und ich seine Ehefrau. Ich hatte etwas (ich weiß nicht genau, wie schlimm es war) getan. M. verlor sein Gesicht und musste mich verstoßen, obwohl er mich liebte. Ich habe ihn nicht wieder gefunden. Danach ging es mit richtig schlecht.

SMS von M.

07.02.2006

„OK, kannst mich ja dabei vernaschen my love.“

     Um das ganze Desaster abzukürzen, euch nicht zu sehr zu langweilen, nur noch ein paar Auszüge. Erstaunlich, wie blind Frau (Mann) doch ist, wenn es um die Liebe geht. Die folgenden sechs Wochen fiel ich also vom Feuer ins Wasser und zurück. Von, ich liebe dich, bis zu, ich bin genervt, war alles dabei. Und weil ich M. nicht verlieren wollte, obwohl bei Licht besehen unausweichlich, hielt still. Litt und weinte.

         20.02.2006

         Am Samstag hat er gesagt, er freut sich wieder bei uns zu sein. Er denkt über ein Auto nach, das zu „uns“ passt. Ich freue mich, dass er in „wir“ denkt.

         25.02.2004

     Gestern hat M. gesagt, er wüsste nicht, ob er in einem Mietshaus leben könnte. Ich verstehe ihn, aber es macht mich auch traurig. Natürlich will ich ihn nicht drängen, denn auch Zeit ohne ihn kann ich sinnvoll verbringen. Sehnsucht kann anstrengend sein. 

         02.03.20006

     Tja und nun? Ich weiß nicht mehr weiter. Wusste ich das überhaupt jemals? Jetzt fühle ich mich erst recht einsam. Als ich M. fragte, wann er wieder kommt, hat er gesagt, er wüsste es nicht. Ob ich etwas einzukaufen oder transportieren hätte. Als wäre das der Grund, warum er herkommen soll. Meine Güte ist mir elend. – Es fällt mir schwer ohne ihn zu sein. Ist das schon einengen oder Freiheit nehmen, ihm das zu sagen? Neulich sprachen wir darüber, ob man jemand zu viel Freiheit lassen kann. M. war der Ansicht, der andere könnte denken, man hätte zu wenig Interesse an ihm. Dadurch, dass er mich heute Morgen so im Ungewissen gelassen hat, kam ich mir genauso vor.

Manchmal habe ich eine Mordsangst davor „abgeschossen“ zu werden, wie ein alter Schuh, den man nicht mehr braucht. Ich sagte M. ich hätte Angst etwas Falsches zu sagen. Er denkt, man kann nichts Falsches sagen. Trotzdem habe ich das Gefühl, für meine Offenheit bestraft zu werden.

Er hat gesagt, mehr als das, was jetzt ist, kann er mir nicht geben. Dabei war es nicht mein Gedanke mehr zu    fordern. Sondern zu wissen, ob ich wichtig genug bin weiter zu denken. Wenn ich mit M. über dieses Thema rede, tritt der Fluchtreflex sofort ein. Vielleicht sind Liebe und Vertrauen abstrakte Begriffe für ihn und er wartet darauf, wann unsere Beziehung sich in Gewohnheit verwandelt. Er hat mir einmal gesagt, dass er bei jeder Frau dachte, es wäre für immer.

05.03.2006

M. hat gesagt, er glaubt nicht, dass er den Trubel bei uns aushält. Er wäre nicht belastbar. Ich muss immer darauf warten, dass er zu mir kommt. Bin auf seinen Wunsch angewiesen. Ich frage mich, ob M. so viel für mich empfindet, dass er nach außen zeigen kann, dass wir zusammengehören. Oder ob ich ihm fehlen würde, wenn ich plötzlich vor dem Laster liege. 

06.03.2006

Ob irgendwann der Punkt kommt, an dem er meine Liebe nicht mehr ertragen kann. M. hat gesagt er muss an sich denken. Ich verstehe das, aber ich wünsche mir, auch für ihn wichtig zu sein. Er soll ja nicht an seine Grenzen gehen, er sollte mich nur ein bisschen vermissen, wenn er nicht bei mir ist.

08.03.2006

Was bedeutet Liebe? Einerseits soll Liebe das Einzige sein, andererseits sind die Kämpfe zwischen den Menschen, die sich „lieben“ oft am schlimmsten. Warum? Weil sie so oft zusammen sind, laut M.? Oder ist es nicht viel mehr ein Verlust an Respekt und Gedankenlosigkeit? Die Leute denken, der andere müsse wegen der Liebe alles ertragen können.

Das ist vielleicht ein Grund, warum meine Freundin ständig dieses Theater provoziert. Sie denkt, wenn er mich liebt, muss er es „so und so“ tun. Wenn nicht ist sie sauer und macht Szenen.

Im nächsten Sommer steht ein neuer Umzug an, denn die Wohnung ist dann zu groß für mich und die beiden Kleinen. Wenn sich hier nichts für mich ändert, was ich befürchte, dann weiß ich nicht, wo ich hin soll. Nach Hause will ich nicht mehr, allein und ohne Freunde will ich auch nicht mehr sein. 

11.03.2006

Am Donnerstag haben wir geredet. Er mag solche Gespräche nicht. Na, ich auch nicht. Ich will die wenige Zeit nicht mit Problemgesprächen hinüberbringen. Außerdem redet man solche Sachen dann tot und genervt ist man auch.

Heute Nacht habe ich von N. geträumt. Komisch. Ausgerechnet jetzt.

Verdammt kann Liebe wehtun! M. meint, es hätte etwas Gutes durchschaut zu werden. Dann weiß jeder, woran er ist. Die Aussichten sind beängstigend, weil ich dir Gefahr sehe, dass er einfach wegbleibt und das war es.

13.03.2006

So ist es gekommen. Heute kenne ich N. ein Jahr und M. hat heute Schluss gemacht. Ich sei hübsch, der Sex sei gut, ich wäre was Besonderes usw. Trotzdem geht es mit uns nicht. Es ist so ein Gefühl. Er müsste das tun, damit ich frei für jemand anders sei??? In der Ewigkeit ginge es weiter, dann findet er das Richtige. Am Anfang hätte es sich angefühlt, wie das Richtige. Das Schlimmste ist, es tut unheimlich weh. Ich fühle mich, als sei ich gestorben. Ist die Liebe tot? Ist sie nur ein Wort? Ich glaube, sie bedeutet nichts mehr.

SMS von M.

13.03.2006

„Die Schlittschuhe sind da, mein fünfter Gang (Auto) bleibt gar nicht mehr drin und ich hab dich fallen lassen, kann nur noch besser werden. Hoffe dir geht`s einigermaßen.“

(Was soll das heißen? Und ich sitz zu Hause und denke, ich sterbe vor Kummer!)

„Nichts geschieht zufällig.“

15.03.2006

Was soll das bedeuten? Es soll nach M. etwas von neuen Horizonten bedeuten und er will mir nichts über das Warum? Sagen, weil er mich sonst noch mehr verletzt. Geht noch mehr? Die Nacht war schrecklich. Durch das Bier schlafe ich ein, aber dann wache ich wieder auf und kann nicht mehr einschlafen. Wenn ich essen könnte, würde ich die ganze Zeit kotzen. Die Grundlosigkeit macht mich fertig. Ich denke dauernd daran, wie es anfing. – Vorbei Einfach so. Ich fühle mich leer und ausgepumpt.

16.03.2006

Wenn heute die Nacht meines Lebens wäre, würde ich sie mit den Kindern und M. verbringen. Eigentlich wäre es schlimm, wenn man dann sterben müsste, aber andererseits könnte man dieses Gefühl auskosten und mit diesem Gefühl einzuschlafen ist besser, als in Einsamkeit.

Und am „Schlusspunkt“ fängt alles wieder von vorne an. Paradox, dass es am Schlusspunkt weiter geht. Das ist das Leben. Am Ende beginnt es neu. Bei mir war es ein neues Tagebuch und eine Anmeldung bei einer Datingseite. 

März 2006 – Sind wir nicht cool? Eine Kampfansage

Wir sind es! Die neue Frauengeneration.    Alleinerziehend, mit Kindern, Haushalt, Beruf. Tough vom gestylten Haar, bis zum lackierten Zeh (wenn wir nicht gerade unser Bad putzen). Stark und selbstständig. Wir kriegen alles auf die Reihe und nur kein Neid, wir fühlen uns wohl dabei. Obwohl, da war noch was! Ach ja, jetzt erinnere ich mich! Die interessante Spezies Mann. Aber wer braucht schon Männer? Wo wir selbst so leistungsfähig und widerstandsfähig sind.

Erziehen wir unsere Töchter nicht zu selbstbewussten Frauen, die sich von keinem Typen die Butter vom Brot nehmen lassen? Das dachte ich jedenfalls. Aber wie war das mit der allseits heraufbeschworenen Vorbildfunktion? Tja Mutter fass dich an deine eigene Nase! Da findet mich (und nur fürs Protokoll: ER findet mich, ohne dass ich ihn suchte. Immens wichtiges Detail, da wir doch angeblich immer so krampfhaft nach Mister Right suchen) endlich(!!!) der Mann meines Lebens. Alles passt. Man glaubt es kaum, aber wirklich wahr. Frau blüht auf, erlebt den Frühling im Winter, glaubt wieder an „immer und ewig“, da passiert es.

Ohne Vorwarnung ist es aus. Warum? Kein Streit, keine Meinungsverschiedenheiten, keine warnenden Vorzeichen, die es an angekündigt hätten. Einfach so, aus und vorbei. Und ich? Statt cool zu sein, neuer Anfang – neuer Mann, folgt der Sturz ins Bodenlose. Hatte ich mir nicht geschworen: „Beim nächsten Mann wird alles anders?“ Als ER auftauchte gab es kein Halten mehr, nur noch dieses unglaubliche Glücksgefühl. Das war alles.

An ein Danach verschwendete ich keine Gedanken. Wieso auch? Liebe war es, was ich wollte und als sie kam, war alles klar!? Jetzt sitze ich zu Hause, mit einer Flasche Bier (ganz cool, Mutter betäubt sich) und heule Rotz und Wasser. Es fühlt sich genauso schrecklich an, wie damals, als die erste große Liebe vorüber war und ich ein halbes Jahr kaum essen konnte, danach hatte ich endlich mein Idealgewicht. Und es tut genauso weh, wie vor 1 1/2 Jahren, als es für meine Ehe keine Basis mehr gab (wiedermal Idealgewicht erreicht). So habe ich allen guten Vorsätzen zum Trotz mein ganzes Herz gegeben, das ich jetzt Stück für Stück wieder zusammensetzen muss, aus Tausend kleinen Teilen. Lieben geht eben nicht halb. Ganz oder gar nicht, das ist die Devise. So sind wir, die starken coolen Frauen. Was wir tun, tun wir richtig. Mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Das ist es, was uns so besonders und einzigartig macht, dass wir bei all dem Cool- sein lieben können.

Glaubt mir Schwestern, wir haben es uns verdient, die Liebe zu finden und zwar die ganz Große. Ohne Wenn und Aber! Und ob wir suchen oder gefunden werden, Aufgeben gilt nicht! Denn dazu sind wir viel zu cool!!!

01.04.2006

Was N. und T. zu der Sache mit M. sagen würden, kann ich mir vorstellen. Wenn er ein Kerl, nein ein Mann ist, dann wüsste er, was er will. Ist auch müßig. Es ist, wie es ist. T. wäre jetzt stolz auf mich. 

02.04.2006

A. neuer Mann – alles anders? Nee! Dasselbe von vorn. Helfersyndrom. Netter Typ, Probleme mit Frau und Kind. Verhaftet in alten Beziehungen, aus denen er sich nicht lösen kann. Besucht Selbstfindungskurse, aber ich denke es liegt an der Konsequenz und dem Mut, Dinge durchzuziehen.

09.04.2006

Ich will nicht schon wieder leiden. Das mit N. und M. war genug. Finde ich. Es hat den Anschein, das ich von schwierigen Beziehungen den Hals nicht vollkriegen kann. Habe ich den Cinderellakomplex? Will ich gerettet werden? Bloß von wem? Der Ritter mit dem zarten Zungenschlag oder der mit den zärtlichen Komplimenten oder doch den mit den wilden Fantasien? So mein Herzblatt, jetzt musst du dich entscheiden. Oder alle? Einen für die Fantasie, einen fürs Bett und einen fürs Herz.

Ich will einen für alles! Er soll meinen Geist betören, mit seinen Fantasien und mich in Ekstase küssen wie N. Zu viel verlangt? Wir Frauen sollen doch auch alles sein: Mutter, Hausfrau, Freundin und Geliebte.

14.04.2006

A. sieht nett aus. Hört sich nett an. Hat einen Hund. Mag Kaffee, spanische Musik, Tango. Ist intelligent. Könnte der Funke überspringen? Was weiß ich. Bei Männern weiß ich im Moment gar nichts mehr. 

17.04.2006

Was soll das noch werden? J. sucht nach einer ominösen Magie. M. nach einem ominösen Gefühl. T. will gar nicht mehr lieben. Achtung: Verletzungsgefahr! N. lieber allein sein. Und A.? Ich bin erschöpft von diesen Gefühlen, von Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Von Liebe, die ist und nicht sein kann. Von Hoffnungsschimmern, die ruckzuck zerplatzen. Wie ernst ist den Menschen Beziehung? T. und N. würden es, wenn sie es wollen ernst meinen. Wollen sie aber nicht. Und A.? Na morgen werde ich es ja sehen. Es ärgert mich, dass ich an M. denke. Aber vergessen ist nicht so einfach, denn durch ihn ist ein starkes Misstrauen entstanden. Aber wie geht kontrolliert verlieben? Ich krieg die Krise. 

18.04.2006

Liebe ist jedes Mal anders. Sie ist immer etwas Neues. Vielleicht ist es das. Man sucht die Liebe, die man hatte, aber die gibt es nicht mehr.

Das mit dem Kennenlernen ist echt kompliziert. Denn die Kinder hängen ja auch gefühlsmäßig mit drin. Generell O. K., wenn er gleich mitbekommt, wie es läuft, aber für die Kinder nicht gerade toll, wenn sie einen Mann mögen und der dann nicht wiederkommt.

Was hat T. geschrieben? Kontrolliert an die Sache rangehen. Wie? Bei A. denke ich schon wieder, es könnte was werden. Das verbitte ich mir! Nachher muss ich mir wieder anhören, ich wäre eine tolle Frau, aber der Funke ist nicht übergesprungen.

20.04.2006

Endlich ein schöner warmer Frühlingstag. Die Sonne geht hinter den Bergen unter. Saß mit Tina, die sich frisch von ihrem Freund getrennt hatte, und den Kindern auf dem Balkon …

Ist der Ruf erst ruiniert oder bestimme dein Leben selbst!

 Kerzen brennen. Eine Faxrolle „Lieben und Leiden“ ist über den Tisch ausgebreitet. Frau Morgenstern liest aus ihren Memoiren. Unser Lachen schallt über die Dächer des Ortes. Na, was soll schon dabei herauskommen, wenn Schriftstellerinnen aus ihrem Leben erzählen. Eicheltürme (freudscher Versprecher*g*), Portionen von gestreiften Bademänteln und so viele Männer aus Zuckerwatte, dass Frau Bauchweh bekommt.

Frau Morgenstern referiert über die Liebe (was sonst???) auf den ersten Blick (hast du, etwa was im Auge?) und Frau Rilke meint, sie sollten das Leben sehr viel leichter nehmen und es mit Oskar Wilde halten. In einem sind sie sich auf jeden Fall einig, sie müssen noch viel abgeklärter werden.

Ach ja, um das kurz am Rande zu notieren (als ob wir je etwas anderes täten), wir sind nicht schuld am Unglück der Welt (habt ihr zugehört, Mütter, Väter, Männer?). Wir nicht!!! Die Männer, die wir lieben, zeigen uns die kalte Schulter und haben folglich unsere Liebe nicht verdient. Wenn sie es so wollen? Bitte! Vergeuden müssen wir unsere Gefühle nicht. Wenn wir lieben, dann den Mann, der es wert ist.

Wir werden den Traum von der großen Liebe weiter träumen. Früher oder später wird sie uns finden. Und unter uns: zeigt nicht die Erfahrung, dass gerade wenn wir uns in unserem Leben eingerichtet haben, ein bisschen Spaß in Sicht ist, ein Mann daher kommt und sich denkt, „Hey die Kleine schnapp ich mir“. Schon steht unser wohlgeordnetes Chaos wieder auf dem Kopf.

Also ehrlich, manchmal denkt man fast das Leben gönnt uns den kleinen Spaß, mit den Männern ab und an, nicht (… gute Mädchen … böse Mädchen kommen überall hin … *lacht*). Oder sind es unsere Mütter, die kleine Münzen in irgendwelche Brunnen werfen – was für eine Verschwendung, kauft mehr Bücher – und sich wünschen, dass wir endlich Mister Right treffen? Der Kerl, der es mit uns aushält, und uns vom Heiratsmarkt schafft. Damit wir doch noch ehrbare Frauen werden.

Also Frau Morgenstern lassen wir die Liebe ihre Wege gehen. Irgendwo wird sie uns finden und wenn es auf den Malediven ist. Wir beschließen hiermit als ersten Punkt in den Luderklubstatuten: Wir lassen uns nicht mehr stressen. Das Leben bietet genug Aufregung. Warum mehr davon als nötig? Eines Tages begegnen wir dem Mann, der es wert ist von uns geliebt zu werden, und sich an unseren Macken zu erfreuen. Bis dahin habt Spaß. Was wäre unser Leben ohne Männer? Es wäre ziemlich langweilig.

Um auf die große Liebe zurückzukommen: Wir üben erst mit der kleinen Liebe, damit wir für die Große bereit sind. Bis dahin gönnen wir uns den Spaß und die Freiheit. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert …

21.04.2006

Ich sollte aufhören, meine „vergangenen“ Männer zu analysieren. Aber meine Gedanken gehen immer wieder dorthin. Wie das Perpetuum mobile. Das sich ewig drehende Rad. Frau kann sich auch selber nerven. Das Nerven nervt mich. Holt mich hier raus …! Gefallene Engel können hier nicht überleben.

23.04.2006

„Lass deinen Atem in meinen versinken, damit unsere Herzen schneller schlagen.“

„Unsere Seufzer such liebkosen, Schleier der Nacht herabgesenkt, Verzückung, liebkose meinen Körper, wie ein wohlklingendes Instrument. Im Himmel liebt man anders.“

(Zitate)

Hannah Arend, Philosophin – aus dem Denktagebuch:

Was ist Liebe?

„Das Missverständnis ist zu glauben, die Liebe entspringe dem Herzen und sei daher vom Herzen wie ein Gefühl hervorgebracht. Diesem Gefühl geben die Frauen sich hin, mit dem Erfolg, dass die Liebe im Gefühl und von ihm verzehrt wird, dass der dazugehörige Mann sich so schnell wie möglich retten muss …“

Ich bin absolut perplex! „Liebe“ als hypothetisches Konstrukt. (So ein blöder Satz!) Was soll das werden? Ich habe mir selbst tausend Mal versucht die Liebe zu erklären. Die Liebe ist das Einzige, das alles erhält. Wie könnte sonst die Menschheit bestehen? Sollen diese Theorien Entschuldigung dafür sein, dass Menschen sich so lieblos, gedankenlos und rücksichtslos verhalten. Männer, die flüchten, weil Frauen sie lieben und sie dadurch verzehren? Warum muss Liebe eine Bedrohung sein? Von was? Freiheit? So ein Quatsch! Ich leugne nicht, dass es genug Beispiele gibt, in denen dieses Fesselanlegen stattfindet, aber das kann nicht die wahre Liebe sein. Wer liebt, lässt dem anderen Freiheit, weil er weiß, dass der andere freiwillig zurückkommt. Und der der frei ist, geht mit diesem Gut verantwortlich um.

Wir sind spazieren gegangen. Schick angezogen, haben Eis gegessen und in der Sonne gesessen. Alles war gut. Trotzdem fühle ich mich halb. Ich würde mich gerne heil fühlen. Immer ist da der Drang meine andere Hälfte suchen zu müssen. Statt den guten Augenblick zu genießen, mach ich mir lieber sinnlos Gedanken und fühl mich schlecht. Als würde das Schicksal darauf Rücksicht nehmen! Wenn es dicke kommt, dann so oder so. Also könnte ich jetzt noch Spaß haben, bevor das große Donnerwetter kommt.

Meine Güte bin ich schlau! Wenn das einer liest, denkt er, ich habe eine Schraube locker. Eine?

Das ist doch der größte Schwachsinn, den ich da verzapfe. Oder ist das auch konditioniert? Ich habe mir für die Männer, mit denen ich zusammen war, ein Bein oder auch beide ausgerissen, entweder war es nie genug oder einengend. Ich muss mal kurz und trocken lachen: hahaha. Als hätte ich etwas Gutes für den Mann getan, damit er sich „schuldig“ fühlt. Ich habe es getan, weil ich es wollte und dem Mann das Gefühl zu vermitteln, wie viel er mir bedeutet. Ist mein Verständnis von Liebe antiquiert? In dieser schnelllebigen Zeit, zählt dieses starke echte Gefühl nicht mehr viel, wird als Freiheitsberaubung und Last empfunden. Diese Hyänen-Frauen und die ihren Männern die Hölle heißmachen, die haben die guten Kerle und trampeln auf ihnen rum. Und die lassen sich das auch noch gefallen! Ich geb mein letztes Hemd und bin einsam. Dazu fällt mir gar nichts mehr ein.

29.04.2006

Es gibt übrigens das Broken-Heart-Syndrom. Den Menschen bricht tatsächlich das Herz, ähnlich eines Herzinfarkts. 

30.04.2006

Der Mann mit dem Hund will nur Freundschaft. Ist OK. Schließlich muss Frau wissen, woran sie ist. Allerdings war der Tangoabend toll. Was vor allem an der Musik und dem Ambiente in dem Gewölbekeller lag.

03.05.2006

„Liebe C., die Nacht mit dir war wundervoll. Dich zu spüren, dich in meinen Armen zu halten hat mir viel bedeutet. Den ganzen Tag war ich in Gedanken immer wieder bei dir. Leider habe ich in der Woche wenig Zeit, aber ich rufe dich an und wir verabreden für das Wochenende ein Date. Küsse deinen Mund … .“

Jetzt muss ich mir meine Liebesbriefe schon selber schreiben! Ein paar liebe Zeilen, einen Anruf. Aber nein, dann ist man gleich die hysterische Frau, die klammert. Ach ja! Freiheit gewähren … ganz wichtig, die brauchen sie ja unbedingt. Ohne Worte.

Also über O. brauche ich nicht mehr nachzudenken. Und kann mich beruhigt mit J. treffen. Wenn sowieso alles unverbindlich ist. Kein schlechtes Gewissen. Tina meint, das soll aufhören. Ich bin dafür. Aber das bedeutet, dass es einen Mann gibt, für den ich eine Oper bin und kein kurzes Intermezzo. Der Liebe ernst nimmt und sich entscheiden kann. Wo findet Frau so ein Exemplar? Oder muss man jeden Mann nur noch als Sexobjekt sehen (kann auch nett sein), damit Frau etwas Zärtlichkeit bekommt? Aber wenn Frau sich mit mehreren Männern trifft, ist sie schnell ein Flittchen (siehe unten).  

Dorfklatsch

 

Y.: Kennst du die Frau mit den drei Mädchen von gegenüber?

X.: Ja vom Sehen. Wieso?

Y.: Die sind nicht von hier, nur zugezogen. Ich glaub, die

    ziehen bald wieder weg.

X.: Kann sein, ich hab gesehen, wie der Mann, der am

    Wochenende immer kommt, Umzugskartons mitgebracht hat.

Y.: Ist also immer noch der Gleiche?

X.: Bis jetzt ja, aber eine ganze Weile standen da immer

    verschiedene Autos vor der Tür.

Y.: Scheint ein Flittchen zu sein.

X.: Keine Ahnung, aber der M., wegen dem sie hergezogen

    ist, der erzählt da so gewisse Geschichten.

Y.: So? Was denn?

X.: Die hatte schon einen Freund, da war er noch nicht

    ausgezogen.

Y.: Das ist ja ein Ding.

X.: Und Geld schuldet sie ihm auch noch.

Y.: Einmal hab ich gesehen, da ist sie einfach zu einem Mann

    mit fremden Kennzeichen ins Auto gestiegen.

X.: Die hat es wirklich nötig, drei Kinder und dann so was.

Y.: Das ist ja noch gar nichts. Du kennst doch Frau S. aus

    der Faulhaberstraße?

X.: Ja, klar.

Y.: Neulich saßen wir beim Friseur, da hat sie mir erzählt,

    dass bei ihr im Haus auch so eine Zugezogene wohnt, die

    treibt es noch viel schlimmer.

X.: Wirklich?

Y.: In der einen Nacht brachte sie ein Mann nach Hause, wohl

    der Exmann. Den hat sie im Streit rausgeworfen. Eine

    Stunde später stand schon ein neuer Kerl vor der Tür.

X.: Unglaublich!

Y.: Manchmal haben sich da in der Woche drei verschiedene

    Männer die Klinke in die Hand gegeben. Und immer das

    Kind dabei.

X.: Das kann ja nicht gut sein.

Y.: Meine Rede. Neulich bei der Kerb hab ich gesehen, wie

    sie die Musiker angesprochen hat und einen davon hat

    sie mit nach Hause genommen.

X.: Die Leute haben überhaupt kein Schamgefühl mehr.

Y.: Ich könnte dir Sachen erzählen … Oh, da kommt das

    Flittchen. Ich muss jetzt los.  – Hallo Frau V. schön

    sie zu sehen.

Ich lehne dieses Flittchen-Image strickt ab. Nur weil ich Sehnsucht nach Zärtlichkeit habe, und mir nehme, was ich brauche, bin ich noch kein Flittchen. Trotzdem ist mir das auf Dauer zu blöd. Ich will einen Mann, mit dem ich einschlafen und aufwachen kann. 

04.05.2006

Wenn sich zwei lieben, wie Ertrinkende ertrinken sie dann miteinander oder ineinander. Ineinander ertrinken ist die schönere Vorstellung, miteinander nicht so. Sich wie wahnsinnig zu lieben, sich zu verschenken, den Geist loslassen, nur fühlen und dann am Ende der Zusammenstoß – aufgelöst zu werden in der Lust und Leidenschaft des Augenblicks. Zerlegt in sämtliche Einzelteile des Daseins und doch verschmolzen miteinander. Eins, untrennbar verbunden für diesen kostbaren ewigen Moment. Vergänglich, weil wir uns mit der völligen Hingabe aufgeben und doch unsterblich in der Liebe sind. Wie Romeo und Julia. Geliebt und gestorben. So unendlich geliebt, dass ihnen kein anderer Ausweg blieb, als gemeinsam zu sterben. Unsterblich gemacht durch Shakespeare, Dichter der hohen Liebe und des mörderischen Dramas. Viola ertrunken und doch auferstanden durch die Liebe zu Herzog Orsino. Geliebt, gelitten ineinander ertrunken.

 

Mein Herz will in dir versinken

Mein Körper von dir trinken

Ohne nachzudenken springen

In deinen Sturm

Will mich in dir verlieren

Mit dir untergehen

In ungezählten Sternennächten

Caroline

 

     06.05.2006 

Ich liebe die Nacht

     Dunkelheit, die jedes Geräusch aufnimmt

     Stille, in der ich meinen Herzschlag höre

     Sanftes Licht zeichnet alles weich

     Eine Uhr tickt

     Sterne auf blauen Samt gestreut

     Der Mond wirft schatten

     Die Zeit der Träume kommt

     Ungestört vom Alltagslärm

     Stunden, die nur uns gehören

     Eingehüllt in Nachtstille

Genießen wir uns und unsere Leidenschaft 

                             Caroline S.

     07.05.2006

     Es fühlte sich richtig an. Als ich mich an J. lehnte und er mich in die Arme nahm, fühlte es sich richtig an. Anders als bei den anderen. Nicht nur den Kick einer Nacht. Ich will auch Sex, aber auch das Danach. Nicht nur heimliche Nachtstunden und sonst nur Unverbindlichkeiten. J. hat mir seine Handynummer gegeben, eine SMS geschrieben und eine Mail geschickt.

     Als er ging, sagte er liebevoll: „Du brauchst viel Zärtlichkeit.“ – „Ja.“ – „Ich komme wieder.“ – „Aber ich möchte, dass du gerne wiederkommst.“ – „Das tue ich. Sonst hätte ich es nicht gesagt.“ Und ich glaube ihm. J. ist groß und stark. Ich kann mich an ihn kuscheln. Meine Arme um ihn schlingen. Er hält mich fest wie ein Mann.

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne …

… sagt man. Zumindest die Dichter der Romantik. Ob die damals noch zaubern konnten? Gut, ich gebe zu, allem Anfang wohnt ein Zauber oder eine Faszination inne, wie man heute in den modernen Zeiten sagen würde. Oder kennen sie einen Wissenschaftler, der zugeben würde, dass Verliebtheit etwas mit übernatürlichen Kräften zu tun hätte? Ich nicht.

Irgendwie drängt sich mir der Verdacht auf, dass die Halbgötter in Weiß nicht einmal das Wort Faszination gelten lassen, obwohl sich das so schön professionell anhört.

Nichts ahnend sitz man vor dem Fernseher, zappt sich durch das Land und befindet sich plötzlich in einer Doku über die chemischen Gegebenheiten des Verliebens. Besonders anregend, wenn man gerade selbst wild verliebt ist und denkt, das ist Mister Right! Endlich wird mein Warten belohnt. Da erklärt der nette Herr Doktor, welche entzückenden chemischen Botenstoffe unser Hirn und unser Körper ausschüttet. Warum wir uns deswegen verlieben und warum das meistens nicht der/die Richtige ist. Sondern eine Laune der Evolution (Einen Mann, der potent ist um Kinder zuzeugen. Passiert meistens zur Zeit des Eisprungs. Dann der Mann zum Heiraten. Passiert meistens, wenn das Dilemma (Kuckucks-Kinder Syndrom) schon passiert ist). Alles nur eine Frage der richtigen Säfte? (Nein, bitte nicht!!! Warum beraubt ihr mich dieser Illusionen?)

Dann ein anderer Kanal: Arte. Ähnliches Thema. Arrangierte Ehen in Indien. Am liebsten würde ich sofort weiter schalten, aber die bunten exotischen Bilder halten mich fest. Ich denke, nur mal schauen (Denkt man das nicht immer? Es ist zu schrecklich, um hinzusehen, aber wir können unsere Blicke nicht abwenden). Die Erklärung, dass Eltern die Kinder am besten kennen und deswegen auch, was die Partnerwahl betrifft, den besten Durchblick haben, lässt mich auflachen (zugegebenermaßen bitter, aber immerhin lache ich heute darüber, es gab Zeiten da habe ich deswegen geweint. Ist doch schon mal ein Fortschritt!). Ob das so sicher ist?

Mit Blick auf meine eigenen Eltern, die sich schon mehrmals erfolglos in der Partnerwahl versucht haben und in ziemlich verkorksten Beziehungen festhängen, kann ich da nur sagen: good luck! (Und da ich auch ein paar Mal (ja leider paar kleingeschrieben und nicht Paar großgeschrieben) daneben gegriffen habe, werde ich mich tunlichst hüten meinen Kindern zu sagen, welcher Partner der oder die Richtige ist!!! Versprochen!)

Etwas später, anderer Sender: Öffentlich Rechtliche: One Night Stand oder nicht? Dabei eine flotte Nonne, die offensiv die anwesenden Talkmänner anflirtet. Sie behauptet, sie würde sich zurückziehen, wenn sie merkt, dass ein Mann mehr von ihr will. Aber so, wie ich das sehe, ist sie in dem Ausdruck ihrer Weiblichkeit nicht sehr zurückhaltend. Erst scharfmachen und dann zieren? Nicht gerade die feine römische Art, oder? (Andererseits wurde in den letzten 2000 Jahren nirgendwo so begeistert das Gebot der Keuschheit übertreten, wie in der römisch katholischen Kirche. Bei den Indern ging’s auch heiß her, aber die haben das wenigstens genossen und nicht unter dem Deckmantel der Heimlichkeit getan.)

Ich seufze so tief, dass bei meinen Nachbarn die Kronleuchter wackeln müssten. Wo bitte bleibt da der Zauber? Frühling, Mai, Küsse, Liebesschwüre, stundenlange zärtliche Telefongespräche, Gedichte, Liebesbriefe, Blumen usw. Ich mache noch einen Versuch: Privatsender. Nackte Busen, obszöne Tanzerei, abstoßende Worte, g*** Männer, die zu viel Alkohol intus haben und die Frauen gierig mit den Augen ausziehen.

Reporter: „Warum kommen sie hier her?“ – Typ: „Weil`s geil ist.“ Es fehlt nur noch, der greift sich in den Schritt. Kurz und schmerzlos, aber bei dem Alkpegel ist nicht mehr drin. Sein Blut hat die Hirnregionen schon verlassen. Reporter: „Warum tanzen sie Strip?“ – Frau: „Weil es Spaß macht (kicher, kicher).“ Ob die einen sinnvollen Satz raus bekommt, oder war sie bei der Verteilung der Synapsen gerade nicht anwesend war? (Sorry, Mädels, ich war jung und brauchte das Geld.) Reporter: „Gehen sie auch mit einem Mann ins Bett, wenn er ihnen genug Geld bietet?“ – Frau: „Nein. Nur kucken. Nicht anfassen. (kicher, kicher).“ Wer`s glaubt wird selig, wer nicht, kommt auch in den Himmel(und ich zuerst, kicher, kicher).

Enttäuscht und entnervt will ich aufgeben. Meine Tochter ruft von neben an: „Ma, schalt mal bei Kabel ein!“ – Ma: „Wieso?“ – Tochter: „Da läuft ein schöner Film (sie lacht).“ – Ma: „Welcher?“ – Tochter: „Unser Lieblingsfilm. „Während du schliefst“!“

Ich drücke den kleinen Knopf. Jack und Lucy sehen sich in die Augen. Alles um sie herum versinkt, es gibt nur noch die Zwei … . Ich versinke auch, schmelze dahin. In Hollywoods Hochglanz Bildern. Denke an den Mann, den ich liebe, bekomme Herzklopfen und sehne mich nach seiner Nähe. Allem Anfang wohnt ein Zauber inne … . Hollywood sei Dank!

     08.05.2006

     Erich Fried – Sucht

     Ich wünschte manchmal

Ich könnte

Mich an dir satt küssen

Aber dann müsste ich sterben

Vor Hunger nach dir

Denn je mehr ich dich küsse

Desto mehr muss ich dich küssen

Die Küsse nähren nicht mich

Nur meinen Hunger

J. hat sich noch einmal für den schönen Nachmittag und die Nacht bedankt. Er hat geschrieben, dass er sich meldet. Vorhin hat er angerufen. Am Samstag bringt er eine Tastatur für Hanni mit. Er meint, wenn ich am Wochenende einkaufen müsste, fährt er mich. Das ist echt lieb. Ich würde ihn gerne fragen, ob ich ihn lieben darf. Ich würde mich gerne in ihn verlieben.

10.05.2006

„Manchmal spreche ich mit den Sternen, aber meistens nur kurz, vermutlich, weil ich Angst habe, dass sie mir eines Tages antworten.“

Dabei habe ich gar nicht mit den Sternen gesprochen, aber die Sterne habe geantwortet, wie es aussieht. Als J. fragte, ob ich ihn lieben darf, antwortete er mir mit einem schlichten „ja“. Mein Herz sprang drei Meter hoch und meine Sehnsucht verdoppelte sich. Liebeszeit ohne Begrenzung? Ein Mann, der mein Bedürfnis nach Liebe erkennt und nicht davor zurückschreckt. Im Gegenteil – der genau das will. Liebe, die heilt und das Leiden vergessen lässt.

Ich wusste nicht, dass er es sein würde, aber er war es. Liebe wie in einem Buch. Meinem Lebensbuch. Und so ist es bis heute geblieben.

Ende gut alles gut – sagt man, und doch ist es eine Tatsache, dass das Herz nie aufhört, sich zu sehnen. Nach Liebe, nach Zärtlichkeit und dem wilden Herzklopfen des Anfangs. Wie heißt es so hübsch, allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Solange wir leben, denken, fühlen, hungern wir nach mehr. Eine typisch menschliche Eigenschaft. Aber sie macht uns zu dem, was wir sind. Schriftsteller, Philosophen, Forscher, Maler, Musiker … . Wir können nicht zurück, nur nach vorne. Wird jemals jemand die schlüssige Antwort auf die Frage haben, was ist Liebe? Ich glaube nicht. Sie ist zum Glück immer noch die größte Kraft auf Erden. Sie treibt uns vorwärts, lässt uns Opfer bringen, ist völlige Hingabe und kann auch völliger Verzicht sein. Ohne Liebe keine Musik, keine Romane, Bilder und Gedichte. Also lieben wir.

„Wenn es dir möglich ist, mit nur einem kleinen Funken die Liebe in der Welt zu bereichern, dann hast du nicht umsonst gelebt.“

Jack London

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Kurz-Dialog

„Meinen sie, er sucht sie?“

„Nein.“

„Vielleicht doch. Männer sind bei so was immer irgendwie … .“

„Idiotisch?“

„Ich dachte eher unbeholfen.“

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Heute eine kleine Liebesgeschichte….es musste einfach sein – ich brauchte dringend Romantik 😉 .

Meine Lungen brannten vom beißenden Qualm. Mit letzter Kraft zerrte ich Colin soweit aus dem brennenden Haus, dass wir uns außer Reichweite der Flammen befanden. Heftiger Husten schüttelte mich. Ich kniete neben dem ohnmächtigen Colin, fühlte seinen Puls und prüfte die Atmung. Er lebte! Ich hatte meinen Auftrag erfüllt. Colin war in Sicherheit. Es wurde Zeit für mich zu gehen.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich, dicht neben seinem Ohr.

Meine Beichte hatte keine fassbare Konsequenz. Es war nur das Bekenntnis der Wahrheit, bevor ich New York den Rücken kehrte und Colin aus meinem Leben strich. Ich erhoffte mir Erleichterung. Sie kam nicht. Wie sollte sie? Niemand hatte mich gehört. Genau der Aspekt, auf den es ankam. Ein Gegenüber, das dir Vergebung und Erlösung gewährt.

Colin schlug die Augen auf, sah mich verwundert an. Ich beugte mich zu ihm hinunter und küsste ihn sanft. Colin erwiderte meinen Kuss. Der Geschmack meiner Tränen mischte sich mit dem seiner Lippen. Er fiel wieder in die gnädige Bewusstlosigkeit. Der erste und der letzte Kuss.

Als die Sanitäter eintrafen und ich Colin in guten Händen wusste, machte ich mich auf den Heimweg. Der Sturm in meinem Herzen brüllte wie ein wildes verwundetes Tier gegen meinen Plan an, aber mein Verstand übernahm die Führung.

***

Es gab nicht, dass ich noch tun konnte. Wenn ich irgendwie überleben wollte, musste ich eine Distanz zwischen Colin und mich bringen, die sich nicht so einfach überwinden ließ. Zu Hause angekommen rief ich bei der Umzugsfirma an und veranlasste alles Nötige. Dann packte ich die wichtigsten Sachen, rief ein Taxi und fuhr zum Flughafen. One Way Ticket New York – London, von dort mit dem Zug nach Somerset, Minehead, mit dem Taxi in die Quay Street zum „The Quay Inn“.

***

Tante Muriel begrüßte mich herzlich und selbst Onkel John ließ sich zu einer angedeuteten Umarmung herab, was angesichts seines kargen Charakters eine besondere Auszeichnung darstellte. Er war der Stiefbruder meines Vaters und das ganze Gegenteil von ihm. Meine „Cousins“, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, begrüßten mich mit neugieriger Zurückhaltung. Alle drei hochgewachsen, breitschultrig und mit gut geschnittenen Gesichtern eingerahmt von dunklem Haar. Eher ungewöhnlich für englische Verhältnisse, aber das mochte an Tante Muriels französischen Wurzeln liegen. Sean, der Jüngste und in meinem Alter, zeigte mir meine Zimmer und wuchtete meinen Koffer die Treppe hinauf.

„Mensch Lea hast du da Backsteine drin?“, fragte er und stellte den Koffer in der Mitte des Zimmers ab.

Ich musste lächeln.

„Nein, aber meine wichtigsten Bücher. Der Rest kommt im Container.“

Er machte große Augen.

„Wie viele hast du denn?“

„So etwa 2000.“

Für einen Augenblick war er sprachlos, dann lachte er.

„Warum machst du nicht eine eigene Bücherei auf?“

„Ich fürchte, ich verleihe meine Bücher nicht besonders gerne“, erwiderte ich und grinste.

„Genau wie Vater. Der ist mit seinem Werkzeug auch so pingelig.“

Dass ich etwas mit Onkel John gemeinsam haben sollte, kam mir zwar etwas übertrieben vor, aber ich war zu erschöpft, um mich mit Sean auf eine Diskussion einzulassen.

„Um sieben gibt’s Dinner“, klärte er mich auf.

„Gut.“

Ich nickte ihm zu, aber statt zu gehen, blieb Sean abwartend neben meinem Koffer stehen.

„Mum sagte, dass du in New York etwas ganz anderes gemacht hast, als Bücher zu sortieren.“

Ich seufzte innerlich. Wie sollte ich dem netten Sean erklären, dass ich eine der besten Computerspezialistinnen war und bei der Aufklärung von Schwerverbrechen mitgewirkt hatte?

„Stimmt. Ich habe mit Computern gearbeitet“, fasste ich meinen Job zusammen.

„Sehr cool! Könntest du dir bei Gelegenheit mal meinen PC anschauen? Mit dem stimmt was nicht.“

Das Übliche. Sobald jemand wusste, mit was ich mein Geld verdiente, wurde ich gebeten mich um ein PC-Problem zu kümmern. Zum Glück war das bei meiner zukünftigen Arbeit als Büchereiangestellte nicht mehr der Fall. Die einzigen Arbeiten am PC waren dann dem Bücherkatalogisieren und dem Bestellen vorbehalten.

„OK, ich sehe in mir an. Unter einer Bedingung!“

„Und die wäre?“

„Du verrätst es niemand. Ehrlich gesagt stehen mir die Computer gerade bis hier.“

Ich machte mit der Hand eine Schnittbewegung vor meinem Hals. Sean nickte hastig.

„Klar, ich halte dicht. – Also dann bis später.“

„Ich werde pünktlich sein.“

***

Ich schloss die Tür, streifte mir die Schuhe von den Füßen und warf mich auf das geräumige Bett. Die weiße rosenbestickte Tagesdecke passte zu der Tapete in zarten Pastelltönen. Die Deckenbalken waren weiß gestrichen und ließen das niedrige Zimmer heller und weiter erscheinen. Vor dem Fenster mit den duftigen Stores stand ein zierlicher Schreibtisch mit geschwungenen Beinen und einem Aufsatz, den man aufklappen konnte. Er war, wie auch alle anderen Möbel weiß. Die Stühle und das kleine Sofa im Wohnraum hatten Bezüge aus gestreiftem Stoff in der Farbe der Tapeten. Ein kleiner Tisch und mehrere stabile Bücherregale vervollständigten das Mobiliar. Tante Muriel hatte alle Vorkehrungen getroffen, um für mein Wohlbefinden und das meiner Bücher zu sorgen.

Das Beste an meinem Zimmer war jedoch, nach meinem Empfinden, die Aussicht. Ich hatte direkten Meerblick. Gegenüber des „Quay Inn“ lag nur noch eine niedrige Mauer, die die Straße vom Strand trennte und ich erinnerte mich an die Urlaube meiner Kindheit, die ich dort mit meinen Cousins in einträchtigem Spiel verbracht hatte.

Ich raffte mich auf. Vor dem Dinner wollte ich wenigstens noch meinen Koffer auspacken und meine mitgereisten Bücher in die Regale stellen. Ich stieß das Fenster auf. Eine laue Brise wehte herein und wirbelte die dünnen Stores durcheinander. Die Sonne warf lange Strahlen auf das Wasser der Bucht, das in einem Rausch aus Silberglimmer vor sich hin wogte. Es roch nach Salz, Tang feuchtem Holz und Farbe, mit denen die Fischer ihre Boote auffrischten. Im Sommer war Minehead ein gern besuchter Touristenort. An dem sich besonders die Einheimischen erfreuten. Die Fischer frischten ihre Börsen mit Bootsfahrten auf und stellten interessierten Besuchern ihre Kähne zu Angelausflügen zur Verfügung. Auch mein Onkel besaß ein Boot, mit dem er sich in der Saison ein gutes Handgeld verdiente, während Tante Muriel das Restaurant und die Pension bewirtschaftete. Meine Cousins mussten, nach ihren normalen Jobs, ihren Anteil zum Familiengeschäft beitragen.

Es fiel mir schwer mich von diesem traumhaften Ausblick loszureißen, aber schließlich würde ich nun hier leben und konnte mich dem Sujet jederzeit hingeben. Wie gerne hätte ich Colin bei mir gehabt. Ich wusste, wie sehr er das Meer liebte, und war mir sicher, er wäre begeistert gewesen. Der Gedanke schnitt mir ins Herz. Colin. Ständig stand mir sein Bild vor Augen. Das markante Gesicht, mit den grauen Augen und den langen Wimpern, der geraden Nase und dem sinnlichen Mund. Warum er? Immer wieder hallte der Gedanke durch meinen Kopf. Hätte ich nicht einen anderen lieben können? Oder liebte ich, ebenso wie er, dass was ich nicht haben konnte? So unähnlich waren wir uns also doch nicht. Der Unterschied war, dass ich Colin im Verborgenen liebte, während er nichts unversucht ließ, Sara für sich zu gewinnen. Die Ex-Freundin seines besten Freundes Oliver, die sich weder für den einen noch den anderen wirklich entscheiden konnte. Mein Vater hätte so etwas eine „unheilige Dreieinigkeit“ genannt. Das war mehr, als ich ertragen konnte. Mein Entschluss zu gehen hatte zu lange gedauert. Immer wieder hatte ich es wegen „wichtiger“ Aufträge aufgeschoben, aber meine Kräfte waren erschöpft.      

„Liebes! Kommst du?“, rief Tante Muriel die Treppe herauf und erlöste mich fürs erste von meinen düsteren Gedanken. Ich wusste, dass sie sich nur eine kurze Auszeit gönnten. Spätestens, wenn ich das Licht ausschaltete, kehrten die Dämonen zurück und suchten mich heim, bis jede Zelle in meinem Körper vor Verlangen nach Colin brannte und mich um den Schlaf brachte.

***

Das harte Klopfen an meiner Tür ließ mich aus dem Schlaf fahren.

„Lea! Frühstück ist fertig!“

Finlay, mein ältester Cousin, steckte den Kopf zur Tür herein und betrachte mich ungeniert.

„Was? Wo bin ich?“, Colin steckte noch in meinem schlaftrunkenen Körper und Geist. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, wo ich mich befand. „Entschuldige Fin, ich bin noch nicht ganz da. Habe ich etwa verschlafen?“

„Nein. Aber Mum meinte, ich sollte nach dir sehen.“

„Gut, gut. Danke.“

Ich krabbelte aus meinem Bett und streckte mich. Fin hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sein Blick glitt offen über meinen Körper, der nur von einem engen T-Shirt und einer kurzen Hose bedeckt war, und blieb an meinen nackten Beinen hängen. Er stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Also hatte ich mich beim gestrigen Dinner nicht geirrt, was sein Interesse an mir betraf.  

„Ich stelle fest, aus dem kleinen staksigen Mädchen ist eine schöne junge Frau geworden“, sagte er gerade heraus.

Seine warme Stimme streichelte mein Ego und eine wohlige Gänsehaut lief mir über den Rücken. Wieso hatte Colin das nicht gesehen? Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass mich ein Mann so intensiv betrachtete und mir ein Kompliment machte. Umso mehr, als Finlay der Stillste der Brüder und durch wenig zu beeindrucken war. Ich erinnerte mich, dass sich mein Vater während eines Urlaubs den Fuß böse an einer Glasscherbe verletzte. Finlay ohne ein Wort zu verlieren, stoppte die Blutung und versorgte die Wunde so gut, dass die angerückten Sanitäter mehr als erstaunt waren. Er war 10 Jahre alt.

   Finlays dunkelblaue Augen, sein schwarzer wilder Haarschopf und sein ernstes Gesicht, über das selten ein Lächeln huschte, ließen ihn melancholisch erscheinen. Ich mochte Finlay, und doch bedrückte mich seine düstere Aura ebenso, wie meine eigene Dunkelheit. Sein Blick war so durchdringend, dass mich eine Beklemmung überfiel, die mir ein Frösteln verursachte.

Ich spürte, dass in ihm dasselbe lauerte, dass sich in mir wie ein zehrender, alles verschlingender Parasit festgesetzt hatte. Die Sehnsucht nach der absoluten Liebe. Erfüllung und Ekstase, bis zur Selbstaufgabe. Darin hatte ich Erfahrung, mehr als mir lieb war und ich ertragen konnte. Vielleicht war das der Punkt. Colin suchte Selbstbestätigung. Er wollte Oliver ausstechen, der bessere Mann sein. Ich suchte Erfüllung durch Liebe. Opferbereit, freiwillig. Zu sehr. Finlay musste es ebenso erfahren haben. Dieses Zerrissensein, die Hilflosigkeit. Auch in seinem Leben schien es diese schwärende Wunde zu geben. Zwei verletzte Seelen, die sich anzogen.

Immer noch wie unter einem Bann, standen wir uns gegenüber. Unerwartet drehte Finlay sich um und ging. Als die Tür hinter ihm zufiel, erwachte ich aus einer Art Trance. Energisch schüttelte ich meine Benommenheit ab und öffnete das Fenster. Tief atmete ich die morgenkühle Seeluft ein, die meine Lungen mit frischem Sauerstoff fühlten. Ein leichter Schwindel erfasste mich. Die Luft in New York angereichert mit Abgasen und Schadstoffen war schwer und stickig, während sie in Minehead sprudelte und spritzig schmeckte wie trockener Sekt.

***

Der rosafarbene Morgenhimmel schmückte sich mit zarten Federwolken. Möwen schaukelten gemütlich auf dem leicht gekräuselten Wasser der Bucht, während andere auf der Mauer der Strandpromenade saßen und gelangweilt darauf warteten, dass etwas Spannendes geschehen möge.

Es war mein erste Arbeitstag in der Bücherei. Da galt es einen guten Eindruck bei meinen neuen Kollegen zu hinterlassen. Sorgfältig wählte ich einen hellblauen knielangen Leinenrock mit weißer Bluse und weißen Ballerinas. Meine Haare bändigte ich in einem Zopf und wählte unauffällige Perlohrringe als einzigen Schmuck.

Als ich im Esszimmer erschien nickte Onkel John anerkennend und murmelte etwas von „kann sich sehen lassen“, während Tante Muriel beinahe Tränen in die Augen stiegen.

„Ach Liebes, wie hübsch.“

„Bring doch das Mädchen nicht in Verlegenheit“, knurrte Onkel John und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

„Was du nur immer hast“, schalt Tante Muriel ihn sanft, „wenn wir eine Tochter hätten, würdest du anders reden.“

Sie goss mir eine Tasse Kaffee ein.

„Mit Milch und Zucker, Liebes?“

„Nur mit Milch, bitte.“

„Hi Mum, Dad“, David, mein mittlerer Cousin, setzte sich neben mich und strahlte mich an, „hi Lea.“

Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte:

„Na Cousinchen, hast du dich in Schale geworfen.“

Als sein Atem über meinen Hals strich, kroch mir eine Gänsehaut in den Nacken. Meine Alarmglocken schrillten, nein sie brüllten mich an. Verdammt, ich war genau an dem Ort gelandet, an dem ich gerade nicht sein sollte. Umgeben von drei gutaussehenden Männern.

„So würde ich direkt mal mit dir ausgehen“, flirtete er weiter.

„Tja aber ich nicht mit dir“, ich deutete auf seinen Blaumann, ihm gehörte eine Autowerkstatt, „da müsstest du dich schon etwas mehr anstrengen.“

„Oh, bitte Schätzchen, du stehst doch auf Männer, die sich auch mal die Hände schmutzig machen können.“

David grinste über das ganze Gesicht.

„Junge, wie redest du mit Lea!“, fragte Tante Muriel entsetzt, „tut mir leid Schätzchen, manchmal ist er nicht ganz stubenrein.“

Ich sah David an, dann Tante Muriel und musste plötzlich lachen. Einfach so. Es kam heraus und war ganz leicht. David lachte mit mir, dabei legte er ganz unverbindlich seinen Arm um mich und zog mich zu sich herüber. Es war eine unverfängliche Geste, aber seine Augen sagten etwas anderes. Was für ein freches Kerlchen! Wie oft hatte ich mir gewünscht, dass Colin mich einmal so berührte. In der ganzen Zeit, in der wir zusammenarbeiteten, lebte ich wie eine Nonne. Seit ich vor 24 Stunden englischen Boden betreten hatte, konnte ich mich vor Aufmerksamkeit nicht retten. Hatten die britischen Ladys samt und sonders die Insel verlassen?

„Hey, was ist denn hier los?“, Sean, im eleganten Anzug, kam in die Küche. „Mum, hast du den beiden etwas in den Kaffee getan. Das will ich auch.“

Er hatte seine dunklen Locken gebändigt und war glatt rasiert. Man sah ihm den Bänker an. Tante Muriel stellte ihm seinen Kaffee hin.

„Junge wovon redest du?“

Tante Muriel sah ratlos von einem zum anderen.

„Hanf, Absinth, happy Pills? Etwa in der Reihenfolge.“

„Drogen!“, ihre Augen weiteten sich entsetzt, „aber Kind, wie kommst du nur auf so eine schreckliche Unterstellung.“

„Schon gut, Mum, das ist nur die gute Luft bei uns“, David zwinkerte mir zu, „schön dich lachen zu sehen.“

„Stimmt, so sieht sie noch hübscher aus.“ Sean stupste seinen Bruder in die Seite. „Finger weg! Ich habe sie zu erst gesehen.“

„Oh bitte! Das kannst du vergessen. Ich bin viel witziger und eloquenter als du.“

„Das Wort kannst du doch nicht mal schreiben.“

„Hey Jungs. Sollte ich da nicht vielleicht auch gefragt werden?“, warf ich ein.

Aber zu spät. Sean und David losten mich unter sich aus. Finlay steckte den Kopf zur Tür herein. Das Gebaren seiner Brüder war keine wirkliche Überraschung für ihn. Er verdrehte die Augen, gab mir einen Wink:

„Komm, ich fahr dich. Sonst kommst du an deinem ersten Tag zu spät.“

Finlay trug Jeans und T-Shirt, darüber einen Sweater, wie am Tag vor her. Ich stand auf, gab Tante Muriel einen Kuss auf die Wange:

„Danke, Tante Muriel. Danke.“

Sie lächelte und wieder standen ihr Tränen in den Augen.

„Weint deine Mutter immer soviel?“, ich sah Finlay an.

„Nein, eher nicht. Normalerweise ist sie ziemlich abgehärtet. Scheinbar zu viele weibliche Schwingungen oder so“, er lächelte spöttisch.

„Hört, hört“, knurrte Onkel John.

Finlay nahm meinen Arm und zog mich aus der Tür. Bevor er sie schloss, rief er:

„Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wir sind weg!“

Sofort wurde es still in der Küche. Dann wurden Stühle gerückt.

„Hey kommt sofort zurück!“, riefen Sean und David.

„Schnell!“

Finlay zog mich hinter sich her aus dem Haus. Er öffnete mir die Autotür, und bevor seine Brüder mich ihm abspenstig machen konnten, ließ er den Motor an und fuhr los.

Finlay fuhr auf der Quay Street Richtung Innenstadt. Dann bog er in die Blenheim Road ein und folgte ihr entlang der Blenheim Gardens, bis er in „The Parade“ und von dort in die Bancks Street einbog. Häuser im besten victorianischen Baustil säumten saubere Straßen. Liebevoll angelegte Gärten taten ein Übriges, um aus Minehead einen anziehenden Touristenort zu machen. Die Bücherei bestand aus einem roten Backsteinbau mit anthrazitfarbenem Schieferdach, dort waren die Leseräume untergebracht, und einem neumodischem siebziger Jahre Anbau, der leider nicht besonders gut zum Rest des schönen Gebäudes passte. Finlay hielt vor der Bücherei.

„So da wären wir. Ich wünsch dir einen guten Start“, sagte er und lächelte.

„Danke! Und womit verbringst du heute die Zeit?“

„Ich gehe ins Atelier. Ich muss noch eine bestellte Skulptur fertigstellen.“

„Das hört sich nicht so begeistert an.“

„Was soll man machen. Das Los jeden Künstlers. Willst du Geldverdienen, musst du dich manchmal verkaufen. Nicht schön, aber notwendig.“

Finlays düsterer Blick strafte die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit Lügen. Er tat mir leid. Ich wusste nur zu gut, was es bedeutete immer etwas zurückhalten zu müssen. Hastig beugte ich mich zu Finlay hinüber, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und sprang mit einem atemlosen „bis heute Abend“ aus dem Auto. Ohne mich umzudrehen, betrat ich die Bücherei.

***

„Guten Morgen, mein Name ist Lea Winter. Ich bin die neue Bibliothekshilfe.“

Die ältere Dame hinter dem Tresen sah mich kritisch über ihre Goldrandbrille hinweg an. Auf dem Plastikschild an ihrer creme farbigen Bluse, unter der sandfarbenen Strickjacke, über einem dunkelbraunen Rock, stand „Mrs. Emily Smith“. Sie entsprach genau der Vorstellung, die man sich von einer Bibliotheksdame machte.

„Da sind sie bei mir richtig“, erwiderte sie.

Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr faltiges Gesicht. Sie erhob sich von ihrem Platz und kam zu mir auf die andere Seite des Tresens. Misses Smith reichte mir die Hand.

„Emily Smith. Büchereileitung. Dann wäre da noch Misses Jean Miller ist zurzeit im Urlaub“, ich verkniff mir ein Schmunzeln, Miller und Smith. Immerhin leicht zu merken. „Und unsere Praktikantin“, Misses Smith wurde von einer fröhlichen Stimme unterbrochen.

„Patricia, aber sie können Pat zu mir sagen.“

Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein Mädchen, etwa achtzehn Jahre alt, in einem schwarzen Rüschenkleid, Stiefel, mit langem schwarzem Haar, in dem silberne Spangen steckten und dunkel geschminkten Augen. Ihre Lippen waren feuerrot.

„Lea“, sagte ich.

Ihr Händedruck war fest.

„Führ bitte Miss Winter herum und gib ihr das Namenschild“, delegierte Misses Smith mich an Patricia weiter.

„Klar mach ich gerne. Wollen wir?“, fragte sie mich.

Ich folgte ihr hinter den Tresen ins Büro. Den größten Teil nahm ein klobiger Eichenschreibtisch ein, der in der Mitte des Raumes stand. Vermutlich war er so schwer, dass die Damen ihn nicht bewegen konnten und ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihn an Ort und Stelle zu belassen, egal wie sperrig er war. An den Wänden standen Aktenschränke bis obenhin voll mit Ordnern. Es roch nach Papier und Staub. Patricia zog eine Schublade aus dem Schreibtisch und wühlte darin herum.

„Ah, da ist es ja.“

Sie hielt mir eine Plastikkarte mit meinem Namen hin.

„Danke Pat.“

Ich steckte mir die Karte an den Blusenkragen.

„Ich hoffe, ihnen gefällt`s hier. Die Misses sind ja ganz nett. Aber ich bin froh, dass sie den Altersdurchschnitt nah unten reißen.“ Patricia grinste und zeigte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. „Etwas frischer Wind in den geheiligten Hallen kann nicht schaden.“

„Verstehe“, ich musste schmunzeln, „dann zeigen sie mir mal die anderen Räume.“

Patricia führte mich erst in den Ausleihbereich und zeigte mir die verschiedenen Abteilungen. Dann betraten wir die Lesesäle. In einen Raum standen lange Tische, feinpoliert, bestückt mit grünen Glaslampen auf goldfarbenem Fuß und bequemen Stühlen. In den Regalen standen hauptsächlich Sachbücher. Geografie, Geschichte, alle Naturwissenschaften, Atlanten und alte Karten, Seefahrt und Nautik, Technik und vieles mehr. Der Duft von Bienenwachs und alten Büchern übte eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf mich aus.

Selbst in New York war ich in meiner spärlichen Freizeit in die Bibliothek gegangen. Manchmal griff ich aus einem beliebigen Regal willkürlich ein Buch und las darin. So lernte ich einiges über Bereiche, die ich persönlich nicht ausgewählt hätte.     

Der andere Saal erinnerte eher an einen Gentlemensclub. Im ganzen Raum verteilt standen Sitzgruppen aus schweren Ledersesseln und kleinen Tischchen. Nur der Kaffeeautomat neben der Eingangstür störte das Ambiente.

„Und wie finden sie es?“

Patricia schien etwas nervös zu sein. Sie verhakte die Finger ineinander und trat von einem Bein auf das andere.

„Eine sehr schöne Bücherei. Ich bin froh, dass ich hier arbeiten darf.“ Ich legte Patricia freundschaftlich den Arm um die Schulter. „Und wo fange ich an? Ich hoffe als Neuling muss ich nicht die Fußböden schrubben.“

„Nein“, Patricia lachte, „das macht unsere Perle. Anja.“

„Beruhigend. Also Pat machen wir uns an die Arbeit.“

„Kommen sie. Als Erstes sortieren wir die Bücher vom Vortag ein, die abgegeben wurden oder die die Leser auf die Ablagetische legen, wenn sie gehen.“

Bemerkt hatte ich die Tische und mich gewundert, warum die Bücher dort wild durcheinander standen und lagen. Ich folgte Patricia zu einem Abstellraum. Jeder von uns bekam ein Tischchen mit Rädern. Wir sammelten die herumliegenden Bücher ein, fuhren durch die Regalreihen und sortierten die Bücher an ihre angestammten Plätze.

***

So vergingen die nächsten Wochen ohne besondere Vorkommnisse. Meine restlichen Habseligkeiten hatten den weiten Weg über den Ozean geschafft und in jeder freien Ecke stapelten sich die Bücher. In der Bücherei lernte ich das Computersystem kennen und unterzog es einigen Korrekturen, die das Arbeiten erleichterten, bereitete Leseabende vor, sortierte Bücher, lernte die Stammkunden kennen und verbrachte die Mittagspausen mit Patricia. Manchmal gesellten sich Sean oder David zu uns. Es freute mich zu sehen, dass Sean und Patricia sich näher kamen. Finlay sah ich selten. Er war im Atelier sehr eingespannt, und mir war es recht nicht mit einer neuen schwierigen Beziehung konfrontiert zu werden. Und Onkel John und Tante Muriel erwiesen sich als liebevoll Gasteltern.

Alles hätte so schön sein können, wenn nicht immer wieder Colin in meinen Gedanken herumspukte. Am Anfang hatte ich ein paar Mal im „New York Memorial Hospital“ angerufen und mich nach Colins Gesundheit erkundig. Er erholte sich schnell, und nachdem er entlassen wurde, gab es keinen Grund mehr, die Verbindung nach Übersee aufrechtzuerhalten. Aber einmal mehr bestätigte sich, dass man vor Problemen nicht davon laufen kann. Wenn man nicht loslassen kann, schleppt man sein „Päckchen“ bis in den entferntesten Winkel der Erde.

Immer wieder sah ich sein blasses Gesicht vor mir, den Ausdruck des Erstaunens und dann den Geschmack seiner Lippen. Hätte ich ihm schreiben sollen? Den Grund meiner Flucht erklären? In Gedanken formulierte ich unzählige Briefe. Ich versuchte sogar einen Brief zu schreiben. Aber als ich ihn las, kamen mir die Worte so lächerlich, kleinlich und dumm vor, dass ich ihn in tausend Stücke riss, und mich schämte derart willensschwach zu sein.

***

„Hast du mal wieder etwas von Colin gehört?“, fragte Patricia, der ich eines Tages von meinem Kummer erzählt hatte.

Wir saßen auf der niedrigen Mauer der Strandpromenade, blickten auf die Bucht, die in der Maisonne verschwenderisch glitzerte, und aßen Eis. Es war Freitagnachmittag und Misses Smith hatte uns, wegen mangelnder Besucher, vorzeitig entlassen.

Als Patricia Colins Namen aussprach, zuckte ich zusammen. Obwohl ich jeden Tag, jede Stunde an ihn dachte, erschreckte es mich, seinen Namen zu hören. Vielleicht erschreckte mich der Gedanke, dass mich allein das so sehr aus der Fassung brachte, noch mehr. Ich schüttelte den Kopf.

„Seitdem mir das Krankenhaus sagte, er wäre entlassen nicht mehr.“

Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Der Geschmack von Meer und Salz lag auf meiner Zunge. Ich versuchte an ein Segelschiff zu denken, das auf den Wellen schaukelt, aber ich sah Colins nachdenklichen intensiven Blick. So hatte er mich oft angesehen, wenn ich ihm ausweichend auf die Frage nach meinem Befinden antwortete. Und wieder bohrte sich die Frage nach einer Erklärung in mein Herz.

„Meinst du er, sucht dich?“

Patricia ließ ihre Füße hin und her wippen.

„Nein.“

„Vielleicht doch! Männer sind bei so was immer …“

Ich unterbrach Patricia.

„Idiotisch?“

„Nein – möglicherweise. Ich meinte eher unbeholfen.“

Patricia lachte.

„Mag sein. Aber Colin ist bestimmt nicht auf den Mund gefallen. Glaub mir. Außerdem wird er es mir sehr übel nehmen, dass ich einfach abgehauen bin.“

„Was man ihm nicht wirklich verdenken kann. Ich wäre auch sauer.“

„Ich auch“, gab ich zu.

„Vielleicht würde es dir guttun mit Fin auszugehen. Er mag dich.“

Ich runzelte die Stirn.

„Wie kommst du darauf?“

Patricia grinste.

„Sean hat es mir gesagt. Aber wenn Fin dir zu melancholisch ist, würde sich David auch anbieten.“

„Mag sein. Aber ich habe von komplizierten Beziehungen echt genug. Und da ich immer noch auf etwas warte, das niemals passieren wird, kann ich mich gerade keinem Mann zu muten. Ich hätte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Er wäre nur ein Notnagel.“

„Aber wenn du alles so genau siehst, warum lässt du Colin nicht hinter dir?“

„Ich kann nicht damit aufhören. Es ist wie ein Zwang. Mein Verstand sagt vergiss ihn, aber mein Herz klammert sich an ihn, wie eine Seepocke.“

Ich brach ab. Patricia sah mich mitleidig an. Sie legte sanft einen Arm um meine Schultern.

„Alles wird wieder gut. Irgendwann.“

„Ich weiß“, flüsterte ich, „Colin war alles, wonach ich mich je gesehnt habe. Jeder Gedanke galt ihm, jeden Atemzug und jeden Herzschlag habe ich für ihn getan. Mein Leben hätte ich für ihn geopfert und nun ist alles weg. Das schwarze Loch in meinem Innern ist noch schmerzhafter, als es die unerwiderten Gefühle waren.“

Tränen liefen mir über die Wangen. Sie schmeckten salzig, wie das Meer. Wenn ich nur genug Tränen vergösse, könnte ich mich auflösen und ins Meer fließen. Mir fiel Hans Christian Andersens Meerjungfrau ein. Sie setzte alles auf eine Karte und verlor. Ich hatte auch verloren, im Gegensatz zu der Meerjungfrau war ich allerdings nicht mutig genug so hoch zu pokern.

Patricia zupfte ein Taschentuch aus ihrer Tasche und reichte es mir.

„Tut mir leid, ich wollte nicht, dass du dich schlecht fühlst.“

„Du kannst nichts dafür. Ich bin selbst schuld. Wenn ich Colin mit meinen Gefühlen konfrontiert und er abgelehnt hätte, dann könnte ich vielleicht einen Schnitt machen – so ist da immer noch dieses: was hätte sein können.“

„Verstehe ich. Aber dich einzuigeln hilft auch nicht weiter – es würde dir bestimmt guttun dich etwas umgarnen zu lassen.“

 „Ich kann das nicht. Dabei hätte ich ein schlechtes Gewissen. Ich will keinem falsche Hoffnung machen“, wehrte ich ab.

„Aber sieh es doch mal so: wer weiß, ob nicht mehr draus wird?!“

Als wäre dies das Stichwort gewesen, klingelte mein Handy. Als ich das Gespräch annahm und erstaunt: „Fin?!“ sagte, grinste Patricia und zeigte mit beiden Daumen nach oben.

„Ins Kino?“

Patricia nickte heftig.

„Ja, gerne. Wann?“

„Ok, wir sehen uns zu Hause. Bis später.“

Patricia drückte mich überschwänglich an sich.

„Der Junge hat ein perfektes Timing.“

„Hast du ihm den Tipp gegeben?“, argwöhnte ich.

„Niemals! Aber ich hätte es nicht besser planen können.“

Ich sah auf die Uhr.

„Wenn ich pünktlich sein will, muss ich jetzt los.“

Patricia sprang auf und klatschte aufgeregt in die Hände.

„Ich wünsche dir einen tollen Abend und erzähl mir alles! Versprochen?“

„Ja, versprochen.“

 ***

Als Finlay an meine Zimmertür klopfte und fragte, ob ich fertig sei, schlug mein Herz einen Schlag schneller. Ich wusste nicht, ob es die nervenaufreibende Anprobe der passenden Garderobe war oder der Gedanke, nach ewigen Zeiten ein Date zu haben.

„Hey Lea, gut siehst du aus.“

Finlay lächelte, und ich überlegte in Panik auszubrechen. Er sah auf jeden Fall ein Date in unserem Kinobesuch. Ich hatte ihn noch nie so chic gesehen. Schwarze Jeans, Lederschuhe, weißes Hemd. Gut rasiert und sogar die wilden Locken hatte er gezähmt.

„Und wer sind sie“, versuchte ich einen Scherz, „sie können unmöglich Finlay Monroe sein. Der lächelt nie.“

Ein Anflug von Röte flog über sein Gesicht.

„Wer weiß? Es könnte lohnen ihn näher kennenzulernen.“

Unser Gespräch ging eindeutig in eine Richtung, die mir nicht zu sagte. Schnell wechselte ich das Thema.

„Welchen Film möchtest du anschauen?“

„Es gibt den neuen Science Fiktion Film mit Matt Damon, Elysium und einen neuen Film mit Jennifer Aniston.“

„Ich bin für Elysium“, entschied ich.

Ich war kein ein Fan von Jennifer Aniston, außerdem hatte ich keine Lust auf Beziehungsschmus. Was ich nicht bedachte war, dass mich Action-Filme immer nervös machten, wenn ich die Hauptfigur mochte. Und Matt Damon mochte ich. Während also auf der Leinwand die Fetzen flogen, verhakte ich meine Finger ineinander, um die Spannung auszuhalten und zuckte regelmäßig zusammen, wenn etwas Unvorhergesehenes passierte. Irgendwann konnte Finlay es nicht mehr mit ansehen.

„Wir hätten doch lieber den anderen Film ansehen sollen?“ Er nahm meine Hände in seine und streichelte sie behutsam. Langsam ließ die Spannung nach. „Ich wusste gar nicht, dass du so schreckhaft bist.“

„Tut mir leid.“

Ich hatte den falschen Film ausgesucht. Über Jennifer Anistons Beziehungschaosfilm hätte ich hinterher wenigstens herziehen können. So machte ich Finlay zum Retter in der Not und es war nicht unangenehm. Seine Hände waren weder rau noch grob und er roch nach frischem Wind und einem herb-fruchtigen Aftershave. Unfreiwillig schlich sich Colin in meine Gedanken. Ich verfiel ihm, als ich ihm das erste Mal begegnete. War es sein gut geschnittenes Gesicht, seine geschmeidigen Bewegungen, seine samtige Stimme? Es war all das und noch mehr. Als er mir die Hand gab, ein fester Händedruck, mir direkt ohne Umschweife in die Augen sah und mich sein Duft einhüllte, wurde mein Hirn von einer Welle des Begehrens überflutet. Colin lächelte und seine Augen strahlten. Er hielt immer noch meine Hand.

„Freut mich sie kennenzulernen Lea. Ich bin froh, dass sie sich entschlossen, haben bei uns anzufangen.“

„Danke Sir“, presste ich heraus.

Eigentlich war ich nicht auf den Mund gefallen, aber in Colins Gegenwart ging mir jede vernünftige Antwort flöten. Jedes Mal wenn ich direkt mit ihm zu tun hatte, und das kam immer öfter vor, setzte meine Sprachsteuerung aus. Ich redete zu viel, zu schnell und dummes Zeug. Je mehr ich Colin beeindrucken wollte, desto schlimmer wurde es und doch arbeiteten wir gut zusammen. Ich war der Theoretiker und er der Praktiker. Colin vertraute mir und gab Dinge von sich preis, die niemand außer mir wusste. Er war einer der wenigen Menschen, die es fertigbrachten, wie ein Sonnenstrahl in meine innere Dunkelheit, die mich seit dem Tod meiner Eltern anfüllte, einzudringen und mich zum Lachen zu bringen. Im Gegenzug hätte ich alles für ihn geopfert.

„Hat dir der Film gefallen?“, fragte Finlay und riss mich aus meinen Gedanken.

Wir folgten den anderen Kinobesuchern nach draußen.

„Ja, danke.“

„Und etwas Gutes hatte es doch“, er lächelte und ich wusste genau, was er sagen wollte, „ich durfte deine Hand halten.“

Ich schwieg. Was gab es dazu zu sagen? Ich wollte Finlay nicht wehtun und ihn auch nicht ermutigen. Konnte man sich noch elender fühlen. Neben mir ging ein gutaussehender Mann, der mich anflirtete, und wenn ich ihn ein klein wenig ermutigte, könnte ich heute Nacht vermutlich Sex haben. Finaly war geschickt mit den Händen. Ich hatte seine Skulpturen gesehen … und wenn man der Legende glauben durfte, waren geschickte Handwerker auch gute Liebhaber. Aber stattdessen dachte ich an Colin.

„Was hat er dir getan?“

Finlay riss mich aus meinen Gedanken.

„Was meinst du?“, fragte ich zurück, um Zeit zu gewinnen.

„Du lässt niemand an dich heran, obwohl du dich nach Zärtlichkeit geradezu verzehrst. Und sag nicht Nein. Ich weiß, dass ich recht habe.“

Schweigend gingen wir nebeneinander her. Der Himmel war sternenklar und die Bucht lag glatt wie ein gestärktes Laken vor uns. Wir setzten uns auf eine Bank.

„Fin“, ich brach ab.

„Ja?“, er wandte sich mir zu.

„Er – er hat mir nichts getan.“

„Was ist es dann?“, fragte er erstaunt.

„Liebe kann man nicht an und abschalten. Und man kann auch nicht davon laufen. Man kann es versuchen, aber es klappt nicht. Ich glaube, dass macht es nur noch schlimmer.“

„Stimmt“, Fin strich mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht, „gegen ein Phantom kann ich nicht ankämpfen.“

„Oh Fin“, Tränen drängten sich hinaus und rannen mir über die Wangen, „ich bin so unendlich traurig. Und es tut mir so leid.“

„Das muss es nicht. Alles ist gut.“

Finlay zog mich in seine Arme. Seine Wärme hüllte mich ein. Sein Herz schlug schnell. Er strich mir über das Haar, drückte einen Kuss auf meine Stirn. Tränen durchnässten sein Hemd. Ein heftiges Schütteln durchzog meinen Körper.

„Und jetzt?“, schluchzte ich.

„Unter anderen Umständen würde ich dich jetzt küssen“, flüsterte er und drückte mir kleine Küsse auf die Schläfen, „ich würde dich liebkosen“, seine Finger strichen über meinen Hals und meinen Nacken, „solange, bis du mir alles gibt’s was ich will.“

Finlay küsste mich. Es tat gut. Wirklich gut. Finlay war ein guter Küsser. Genau die richtige Mischung zwischen Leidenschaft und Zartheit. Ich wollte loslassen. Wollte, dass es Finlay wäre, aber es ging nicht. Ich hätte Sex mit ihm haben können, einfach so. Einen One-Night-Stand. Ich könnte die Augen schließen, mich verwöhnen lassen, nicht an Colin denken. Ich würde es nicht schaffen, nicht an ihn zu denken. Obwohl es kein Versprechen zwischen uns gab, Nichts, hatte ich das Gefühl ihn zu betrügen. Und Finlay verdiente es nicht benutzt zu werden. Er hob den Kopf und sah mich an.

„Du bist wunderschön. Und wenn du wüsstest, was ich gerne alles mit dir tun würde …“, er lächelte spöttisch, „ich wette du würdest mit fliegenden Fahnen zu mir überlaufen. Aber ich denke, was auch immer du für ein Ding am Laufen hast, es ist noch zu früh für mich.“ Finlay stand auf, „allerdings gebe ich nicht auf. Das ist nicht mein Ding.“

Er streckte mir die Hand hin. Ich legte meine Hand in seine. Finlay zog mich von der Bank.

„Lass uns heimgehen. Du brauchst Schlaf, damit du bald wieder klar sehen kannst.“

„Danke, du bist lieb.“

„Ich weiß. Und ehrlich gesagt, das macht mir überhaupt keinen Spaß.“

„Trotzdem danke.“

Hand in Hand gingen wir schweigend nach Hause.

 ***

In der Bücherei bereiteten wir eine Lesung für den Samstag vor. Ich war froh viel zu tun zu haben. So konnte ich mich von den Gedanken an Finlay und Colin ablenken. Zumindest tagsüber. Dafür spielte mir mein Unterbewusstsein nachts besonders schlimme Streiche. Mehrmals träumte ich davon, dass mich Colin in einem unpassenden Augenblick mit Finlay erwischte, und zwei Mal sah ich Colin in den Flammen sterben. Schweißgebadet wachte ich auf und konnte keinen Schlaf mehr finden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Jeden Abend ging ich angstvoll zu Bett. Ich las solange, bis mir die Augen zu fielen. Es nutzte nichts.

Am Samstag war ich so erschöpft, dass ich verschlief und Misses Smith sich genötigt sah, mir einen Tadel auszusprechen.

„Miss Winter“, sie schob sich die Brille zurecht, um mich genau in Augenschein zu nehmen, „ich bin wirklich zufrieden mit ihrer Arbeit. Aber Zuspätkommen mein liebes Kind – das geht nicht. Aus Prinzip wissen sie.“

„Ja, Misses Smith. Ich verstehe.“

Es lag mir auf der Zunge zu sagen „da könnte ja jeder kommen“, aber ich war zu müde. Außerdem mussten noch einige Dinge erledigt werden. Patricia spähte um die Ecke eines Regals und gab mir einen eindeutigen Wink.

„Kann ich jetzt gehen? Ich muss noch ein paar Dinge überprüfen.“

„Gehen sie nur. Gehen sie.“

Misses Smith nickte nachdenklich. Sie schien im Geiste schon mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Ich beeilte mich aus ihrem Blickfeld zu kommen.

„Was ist los Pat?“

„Hm, nicht viel“, flüsterte sie verschwörerisch, „bis auf den heißen Typen, der gerade hereingekommen ist.“

„Wo?“

Ich sah mich suchend um.

„Da vor dem Tresen. Er sieht sich gerade das Programm für die Lesung an.“

Mein Blick blieb an einem gut gewachsenen eleganten Mann hängen.

„Colin.“

Er drehte sich um. Obwohl ich mir sicher war, dass ich nicht laut gesprochen hatte.

„Lea.“

Er kam auf mich zu.

„Was! Das ist DER Colin“, Patricia war begeistert, „jetzt weiß ich, warum du so verliebt bist.“

Ich drehte mich um und lief weg. Colin! Er hatte mich gesucht und gefunden.

„Lea“, rief er hinter mir, „bleib stehen. Du weißt, ich bin schneller als du.“

Ich blieb abrupt stehen. Blöd in der Bücherei weglaufen zu wollen. Hinter jeder Ecke lauerte eine Sackgasse und es gab nur drei Ausgänge, von denen zwei verschlossen waren. Als ich mich umdrehte, stand er vor mir. Seine dunkelblauen Augen sahen ruhig auf mich hinab. Mir blieb beinahe das Herz stehen und ich hielt den Atem an. Fieberhaft überlegte ich, was ich sagen sollte. Colin wartete nicht, bis mir etwas eingefallen war. Er zog mich mit festem Griff in seine Arme und küsste mich so energisch, dass mein Gedankenkarussell sofort zum Stillstand kam. Seine Lippen ließen meine nicht entkommen. Es fühlte sich an, als würde ich Feuer schlucken. Jede Zelle meines Körpers strebte ihm zu. So war es von Anfang an gewesen und nun war er hier. Als Colin den Kopf hob, und mich mit diesem schmerzlichen Ausdruck ansah, kamen mir die Tränen.

„Warum?“, fragte er mit rauer Stimme, „warum bist du gegangen.“

„Es tut mir so leid“, flüsterte ich, „ich … .“

„Nein, bitte. Mir tut es leid. Ich war dumm. Ich hätte dir sagen sollen, was ich für dich fühle. Als ich im Krankenhaus aufwachte, fragte ich nach dir. Sie sagten mir, du wärst unauffindbar.“

„Verzeih.“

Colin küsste mich erneut. In meinem Innern explodierte eine Sonne. Hitze überflutete mich.

„Ich will, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe. Es ist ein blöder Spruch, aber ich wusste erst wie sehr, als du fort warst.“ Sein Blick ließ mich nicht los. „Sag mir eins: komme ich zu spät?“

„Wie meinst du das?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Nun, ich habe deine Cousins gesehen.“

„Du hast sie gesehen?“

„Ja. Ich habe sie mir angesehen. Du kennst mich, ich weiß gerne bescheid über das, was auf mich zu kommt. Also was deine Cousins betrifft, ich kann das als Mann vielleicht nicht so gut beurteilen, aber die sehen verdammt gut aus. Und ich hoffe, du bist deiner Freundin Patricia nicht böse, aber sie erzählte mir, dass sich der eine, Finlay heißt er, glaube ich, sehr für dich interessiert.“

„Du hast mit Patricia gesprochen?“

„Sie hat mich angerufen und mir den entscheidenden Tipp gegeben. Wer weiß, wie lange ich noch gebraucht hätte, um dich zu finden. Dafür werde ich ihr mein Leben lang dankbar sein.“

„Da fehlen mir die Worte“, ich war völlig perplex.

„Das macht nichts“, Colin zeigte sein strahlendes Lächeln, „zum Reden haben wir noch ein Leben lang Zeit.“

Er zögerte einen Moment.

„Ich meine, wenn du willst.“

„Soll das heißen …“, ich traute mich nicht es auszusprechen.

„Ich liebe dich“, sagte er schlicht. „Ich gebe es zu, und das macht mich nicht stolz, ich war sehr unreif, was meine Gefühle und meine Gründe betrifft. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen und investierst den Rest deines Lebens in meine Gefühlsausbildung.“

Wir sahen uns an. Worte mussten nicht gewechselt werden. Dazu kannten wir uns lange genug. Colin hauchte viele kleine Küsse auf mein Gesicht.

„Miss Winter? Die ersten Gäste stehen vor der Tür.“

„Colin ich muss arbeiten“, flüsterte ich. „Misses Smith hat mir vorhin deutlich erklärt, wie sie zu Unpünktlichkeit steht.“

Als Antwort darauf küsste er mich.

„Ich könnte dich entführen“, schlug er vor.

„Wenn du mich noch lange so anschaust, könnte ich schwach werden. In all der Zeit habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als dass. Aber ich kann meine Kolleginnen nicht im Stich lassen.“

„Ich weiß“, Colin seufzte leicht theatralisch, „aber ich werde dich keinen Moment aus den Augen lassen, sonst kommt mir noch dein Cousin dazwischen.“

„Eigentlich sind wir nicht wirklich Cousins. Finlays Dad und meiner sind Stiefbrüder.“

„Gut zu wissen, nur ändert das nichts daran, dass er eine Vorliebe für dich hat.“

„Lea. Psst!“, Patricia schaute um die Ecke, „tut mir leid, aber es wird langsam brenzlig.“

„Ich komme.“

Bevor Colin mich gehen ließ, küsste er mich noch einmal.

„Und danach gehörst du mir“, flüsterte er mir ins Ohr, „mit Haut und Haar und allem, was dazugehört.“

Ein erregendes Kribbeln machte sich in meinem Bauch breit. Ich stellte mir vor, wie er die Knöpfe meiner Bluse öffnete, ganz langsam, einen nach dem anderen oder wie er mir die Kleider vom Leib riss, weil er es nicht mehr erwarten konnte. Zu weiteren Überlegungen kam ich nicht. Patricia nahm mich am Arm und schob mich energisch Richtung Foyer. Miss Smith öffnete gerade die Tür und ließ die ersten Gäste herein.

„Keine Minute zu spät“, stellte Patricia fest, „ich weiß, du bist gerade in höheren Spähren, aber erinnerst du dich, dass du die Abendkasse hast?“

„Ja, dunkel.“

„Auf eure Plätze Mädchen.“

Misses Smith klatschte in die Hände.

„Misses Smith, es wäre mir eine Ehre ihnen meine Hilfe anzubieten“, Colin reichte ihr die Hand, „ich bin Colin Donell, ein guter Freund von Miss Winter.“

Colin strahlte sie offen an. Patricia und ich beobachteten die Szene gespannt. Misses Smith war nicht dafür bekannt andere Menschen schnell in ihr Herz zu schließen. Ihr Vertrauen musste man sich hart verdienen.

„Danke Mister Donell“, wir hätten schwören können, dass sie errötete, „ich welchem Bereich sind sie tätig?“

„Milliarden verwalten Misses Smith.“

Sie drehte sich zu mir um und ich nickte ihr bedeutungsvoll zu.

„Kein Scherz?“

„Kein Scherz! Ich könnte ihre Abendkasse übernehmen.“

„Dann Mister Donell zeigen sie uns, was sie können.“

Misses Smith machte eine huldvolle Handbewegung und Colin ging hinter den Tresen, um den Eintritt zu kassieren.

„Unglaublich. Der Mann ist ein Zauberer“, Patricia konnte es nicht fassen, „kein Wunder, dass du dich in den verliebt hast.“

Colin zwinkerte uns zu.

„Ihr könnt euch jetzt um die wichtigen Dinge kümmern.“

Bevor ich mich in den Lesesaal begab, um die Gäste willkommen zu heißen und die Plätze zu zuweisen, ging ich noch einmal zu Colin.

„Sag mir, dass dies nicht nur ein Traum ist. Ich habe Angst, wenn ich wiederkomme, bist du fort und ich wieder alleine.“

Er lächelte.

„Mach dir keine Gedanken. Ich bin hier und ich werde dir bestimmt keine Gelegenheit zur Flucht mehr geben.“

Er beugte sich zu mir über den Tresen und flüsterte:

„Wenn ich dich nachher ins Hotel entführe, werde wir das Abendessen wohl auslassen müssen.“

„Ich bin sowieso zu aufgeregt.“

„Du bist so süß, wenn du rot wirst“, er hauchte mir einen Kuss auf die Wange, „jetzt geh, sonst kommt Misses Smith mir noch aufs Dach.“

Ich zögerte. Colin sah mich zärtlich an.

„Ich liebe dich. Ich bin gleich bei dir.“

Patricia nahm mich bei der Hand.

„Der läuft nicht weg, glaub mir“, sie grinste verschwörerisch, „als ich ihm sagte, wo du bist, hat er ein paar Tränen verdrückt. Ich hab`s genau gehört – am Telefon.“

„Danke Pat.“

„Kein Ding“, sie drückte meine Hand, „ich bin froh, dass du glücklich bist.“

„Mehr als das, Pat, mehr als das.“

Nie ging es mir besser. Der Gedanke, dass Colin mich auch liebte und bei mir war, ließ mich auf Wolken schweben und das fühlte sich so gut an.

 

 

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Die Hälfte des Weges ist vorüber

Was kommt kann niemand wissen

Ich werde es überleben

Bis meine Reise zu Ende ist

 

Mein Odem ausgehaucht

Füllt dann das Meer der vergangenen Zeit

Die verflossenen Jahre eilten dahin

Verwoben das Einerlei mit Glück

 

Die Treffen mit meinen Brüdern

Unser Blut dicker als Wasser

Die Gespräche mit meiner Oma

Ihre zeitlose Weisheit und Liebe

Die schöne Zeit mit den Kindern

Sie alle ein Geschenk des Lebens

 

Die Anwesenheit guter Freunde

Männer die ich geliebt habe

Männer die mich geliebt haben

Wahnsinns Sex

 

Inspirationen guter Bücher

Jedes Wort ein Glücksgefühl

Die Euphorie zu schreiben

Musen die mich geküsst haben

Liebe die niemals endet

Mein Geist in Ekstase

 

Das Geräusch der Brandung

Das Leuchten der Sterne

Der Geschmack von Vanilleeis

Der Duft von Lavendel und Schnee

Musik für jede Lebenslage

 

Pläne die wir schmiedeten

Pläne die wir ausführten

Träume die uns trugen

Träume die uns antrieben

Tränen lachen

Und unter Tränen lachen

 

Der höchste Punkt ist überschritten

Der Ausblick war fantastisch

Die Wanderung führt jetzt ins Tal

Zeit für die letzten Dinge

 

Mein Leben in meiner Hand

Nicht getrieben werden

Selbst bestimmen

Meine Muse über alles lieben

Hingabe mit meinem ganzen Sein

 

Meine Arbeit wollen

Überholtes aussortieren

Neues aufnehmen

Folgerichtig Handeln

Zeit nicht nutzlos vergeuden

 

Schwarze Löcher meiden

Auf der Milchstraße tanzen

Über mir die goldenen Erinnerungen

Als Sterne an meinem Himmel

Dem Fluss zu folgen bis zum Meer

Loslassen ohne Reue

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Küssen

… und die Sonne umfängt die Erde

der Mond küsset das Meer inniglich

was nützen all diese Küsse nur

wenn du nicht küssest mich?

Aus einem Gedicht von P.Shelley *seufz*

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Mein Herz ist so hungrig wie ein Wolf in der winterlichen sibirischen Wildnis. Hungere nach Sonne, blauem Himmel, Schönheit, Jugend, Liebe, Süßigkeiten des Lebens, unendlicher Romantik, dem Kribbeln im Bauch. Hunger nach Mehr. Dem Mehr, das das Leben ausmacht. Der besonderen Essenz, die allem einen Sinn verleiht.

Weg mit dem Staub des Alltags! Weg mit den immer gleichen Wegen, denselben Handbewegungen, teilweise sogar mit denselben Gedanken. Die quälenden Grübeleien, mit denen ich einschlafe und morgens aufwache. Ich möchte wollen, was ich tue! Ohne schlechtes Gewissen und den dauernden Fragen nach der Richtigkeit der Dinge. Ich will jeden Tag glücklich sein und jeden Tag meinen Himmel sehen. Ich will Dramaqueen, Prinzessin oder Karrierefrau sein, wenn ich es brauche und wenn nicht? Verdammt, was ist dagegen einzuwenden, dass ich im Pyjama auf dem Sofa sitze und lese?

Wie viel Glamour und Glitzer braucht mein Leben? So viel ich vertragen kann! Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts zurück. Ich will stolz auf das sein, was ich tue. Also tue ich etwas, worauf ich stolz sein kann. Wie andere darüber denken? Mir egal. Es ist mein Leben und meine Zeit! Ich brauche keine Einwilligung von anderen Leuten.

Ich habe ein hungriges Herz und es will gefüttert werden. Mit Sonne und Himmel, Nacht und Sternen, Romantik und Sex, Liebe und Lust. Alle Flüsse fließen ins Meer, so sagte man mir. Eines Tages fließt auch mein Leben ins Meer und ich will auf meiner Bootsfahrt dorthin nichts vermissen. Ich will sehen und fühlen, soviel mein Herz verträgt. Und glaub mir, es verträgt eine ganze Menge.

Ok, ich gebe es zu – ich habe mal wieder Bruce Springsteens „Hungry Heart“ gehört. Aber verdammt, der Song ist einfach so gut! Und es gibt diese Momente, da trifft die passende Musik auf das passende Gefühl! Ich wünsche euch allen einen guten Song an diesem Tag und jedem weiteren eures Lebens.

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Kaputt

„Du hast es kaputtgemacht!“, brüllte Andreas.

Fassungslos starrte er auf sein Modellflugzeug.

Anja zuckte gleichgültig mit den Schultern.

„Scheiß Hobby, beschäftige dich lieber mit mir.“

Ihre Blicke begegneten sich.

„Mach das nicht noch mal!“

Anja drehte sich wortlos um, goss sich eine Tasse Kaffee ein.

„Und wenn doch?“, fragte sie aufreizend, „was willst du dann tun?“

„Dann wird es das letzte Mal sein“, sagte Andreas kalt und schlug zu. Anjas Genick zerbrach so leicht, wie die Flügel des Modellflugzeugs, als sie auf die Tischkante krachte.

 

Apfel 

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sie betrachtete den Vater ihres Freundes interessiert. Sie sahen sich ähnlich, groß, blaue Augen, dunkles Haar. Allerdings gehörte dem Vater ein Haus, ein schnelles Auto und die Firma, in der er arbeitete. Er hielt ihre Hand eine Sekunde zu lange. Sie lächelte. Seine Augen wanderten. Zwei Stück Zucker versanken im Kaffee. Seine Augen versanken auch. In ihrem Dekolleté.

 

Meise 

Da kommt sie wieder! Den ganzen Vormittag sitze ich hier und sehe zu, wie sie sich bei uns bedient. Aber ich habe Geduld. Viel Geduld. Ich kriege sie. Eine Warnung für alle anderen, die hier ungefragt auftauchen. Ich beiße ihr den Kopf ab und lege sie meinen Leuten vor die Tür. Ein hübsches Geschenk! Aber vorher habe ich noch meinen Spaß mit ihr und breche ihr die Flügel. Dann hast du ausgepickt, du blöde Meise!

Die Geschichtchen entstanden in einer Schreibstunde, in der wir für eine Geschichte nur 10 Sätze verwenden sollten 😉 .

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