Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for November 2014

„Ich habe Angst“, wispere ich.

Sam dreht sich zu mir um.

„Wieso?“

„Weil ich fürchte, dass ich dich mehr behindere, als dir nütze.“

Er lacht leise.

„Unmöglich. Ich habe selten jemand so geschickt mit dem Bogen umgehen sehe. Halt dich einfach dicht hinter mir. Und versuch nicht gebissen zu werden.“

„Klar, kein Ding.“

Ich versuche meine Stimme zuversichtlich klingen zu lassen, was mir aber nicht ganz gelingen will. Sich nachts auf einem Friedhof herumzutreiben ist eigentlich nichts Schlimmes. Aber nachts auf einem Friedhof einen blutrünstigen Geist zu jagen oder was auch immer Sam vermutet, dass ist eine ganz andere Angelegenheit. Ich kann wirklich gut mit dem Bogen umgehen, aber auf einen Menschen – lebendig oder tot – habe ich noch nie geschossen, nicht einmal auf ein Tier. Mich beschäftigt nicht so sehr die Frage, dass ich treffe, sondern wie ich es fertigbringe auf eine Person zu schießen.

Read Full Post »

Ich wähle Sams Nummer. Das Freizeichen ist zu hören, hastig lege ich auf. Ich sollte Sam nicht anrufen. Es ist schon spät. Ich habe es mir mit einem Buch und einem Glas Wein im Bett gemütlich gemacht. Gerry ist mal wieder unterwegs, Tagung. Ich seufze und lege das Handy auf den Nachttisch. Ich würde so gerne mit Sam reden. Ich liebe seine Stimme. Wenn er mir Komplimente macht fühle ich mich gut, ein Gefühl, das ich in der letzten Zeit selten habe. Sam ist der Einzige, der sich wirklich für mich interessiert. Ich schlage mein Buch auf. Lese die ersten Zeilen. Es geht mir wie Roger Cicero, ich höre was du sagst, verstehe aber nicht was du meinst. Das Klingeln des Telefons schreckt mich auf. Auf dem Display steht: Sam. Ich nehme das Gespräch an.

Lea: „Hallo Sam, wie geht’s dir?“

Sam: „Das Display hat deine Nummer gezeigt. Du kannst wohl nicht genug von mir bekommen?“

In Sams Stimme höre ich leisen Spott. Wenn er wüsste, wie recht er hat. Was dann?

Lea: „Wenn du das sagst.“

Ich höre Sams samtiges Lachen am anderen Ende des Telefons.

Sam: „Würdest du mich sonst anrufen?“

Lea: „Das weißt du genau. Du triffst den ganzen Tag aufregende Leute, während ich in meinem stillen Kämmerlein vor Einsamkeit eingehe.“

Ich hasse es zu jammern, aber leider stimmt es. Während ich allein hinter meinem Schreibtisch sitze und mir die richtigen Sätze abringe, trifft Sam seine Schauspielkollegen, geht zu Premieren und Galas. Ein Drehbuch-Schrägstrich-Romanschreiber hat einen einsamen Job. Er steht im Allgemeinen nicht im Rampenlicht.

Sam: „Leider habe ich heute noch keine Frau getroffen, die so schön und smart ist wie du.“

Immer wenn Sam solche Dinge sagt, schlägt mein Herz schneller.

Lea: „Danke für das nette Kompliment. – Möchtest du denn, dass ich genug von dir habe?“
Bitte Sam sag nicht ja.

Sam: „Ich hoffe nicht, dass es jemals dazu kommt. Ich werde deiner niemals müde. Zumindest hoffe ich das nicht. Ich würde dir gerne so viel sagen, aber du möchtest es ja nicht hören.“

Ach Sam, wenn ich dir sagen dürfte, was ich fühle. Jedes zärtliche Wort von dir ist eine Narbe auf meiner Seele.

Lea: „Ich weiß. Möchtest du, dass wir nicht mehr telefonieren?“

Bitte Sam sag nicht ja.

Sam: „Willst du das denn?“

Nein. Ich will etwas ganz anderes und du willst es auch, du hast es mehr als einmal angedeutet. Deswegen muss ich einsichtig sein.

Lea: „Ich mag dich.“

Sam: „Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Lea: „Es wäre schade, wenn wir nicht mehr telefonieren. Ich mag unsere Gespräche, mehr als alles andere. Aber ich möchte nicht der Grund sein, weswegen du dich schlecht fühlst.“

Sam: „Ich freue mich immer von dir zu hören. Auch wenn es vielleicht verrückt ist.“

Lea: „Ich freu mich auch von dir zu hören. Wenn man sich sympathisch ist, möchte man wissen, wie es dem anderen geht.“

Seit wann bin ich ein Heuchler? Weißt du nicht, dass ich dich liebe Sam, auch wenn ich versuche dich auf Distanz zu halten.

Sam: „Ich weiß nicht, was ich will. Du verstehst, wie ich das meine?“

Lea: „Ja. Mir geht’s genauso.“

Wenn ich vernünftig wäre, würde ich den Kontakt zu Sam meiden, wie der Teufel das Weihwasser. Aber ich bin nicht vernünftig. Ich brauche Sams Nähe.

Sam: „Ich denke zu viel an dich. Mehr als ich sollte.“

Und ich erst. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Ich träume sogar von ihm. Wenn Gerry das wüsste, säße ich auf der Straße.

Lea: „Ich denke auch an dich. – Wollen wir nicht mehr telefonieren? Oder soll ich darauf warten, bis du Lust hast mich anzurufen.“

Sam: „Ist es das, was du willst?“

Glaubst du das wirklich Sam oder willst du mich nur aus der Reserve locken?

Lea: „Nein. Ich will mit dir reden, wenn ich Lust dazu habe. Ich brauche die Gespräche mit dir. Aber ich kann das nicht entscheiden. Wenn du dich dabei nicht gut fühlst – was soll ich sagen?“

Wenn ich nicht mehr mit Sam sprechen kann, sterbe ich.

Sam: „Ich will wissen, was du fühlst. Meine Gefühle kennst du.“

Du hast es mir gesagt und mir geht es genauso. Himmel, Sam. Ich denke, du weiß es längst.

Lea: „Ich darf dir nicht sagen, was ich fühle. Sonst mach ich es noch schlimmer. Aber ich kenne solche Gefühle nur zu gut.“

Sam: „Warst du mal hoffnungslos verliebt in jemand?“

Lea: „Ja sehr. Eine aussichtslose Sache … ist ungefähr 9 Jahre her. Es ist immer schwierig, Gefühle lassen sich nicht einfach abstellen.“

Aber die Sache mit Sam ist noch aussichtsloser. Und meine Gefühle für Sam machen mich langsam fertig. Ich kann an nichts anderes denken.

Sam: „Du hast recht. Ich kann meine Gefühle für dich auch nicht unterdrücken.“

Mein Herz macht einen Satz vor Glück, aber ich muss endlich das Thema wechseln, sonst sage ich Sam Dinge, die ich nicht sagen darf.

Lea: „Ich renoviere gerade das leere Zimmer – endlich bekomme ich mein eigenes Schreibzimmer.“

Sam: „Ich freue mich für dich.“

Lea: „Danke. Ende der Woche gibt`s das neue Buch. Am Samstag bin ich zu einer Lesung eingeladen. Ich habe schon Lampenfieber.“

Und ich wünschte, du wärst da und würdest mir zu hören. Ich habe es für dich geschrieben.

Sam: „Das musst du nicht. Du kriegst das hin.“

Du bist der einzige, der an mich glaubt. Gerry hält mein Schreiben für eine Möglichkeit meine Zeit totzuschlagen.

Lea: „Danke – ich denke immer, ich bin nicht gut genug… aber das denken wohl alle Künstler.“

Sam: „Du bist gut genug, glaub mir.“

Lea: „Danke. Es bedeutet mir viel, dass du das von mir denkst.“

Wenn du wüsstest wie viel es mir bedeutet, würdest du dich wundern.

Sam: „Du weißt, dass ich deine Arbeit schätze. Du bist die perfekte Frau für mich.“

Stimmt, das bin ich und du bist perfekt für mich. Leider habe ich Gerry vor dir getroffen und du warst auch vergeben. Wie bist du nur an Charlotte gekommen? Das werde ich nie verstehen. Vermutlich verstehst du auch nicht, wie ich an Gerry hängen bleiben konnte. Ich weiß es auch nicht mehr.

Lea: „Sag das nicht. Ich bin manchmal ein bisschen verrückt, da kommt die Künstlerseele in mir durch.“

Bilde ich mir jedenfalls ein.

Sam: „Das gefällt mir. Normal kann jeder.“

Lea: „Wirklich? Eine Frau, die dauernd irgendwelche Zettel vollschreibt und in Gedanken in anderen Welten schwebt?“

Sam: „Nur zu gerne. Wenn du mich daran teilhaben lässt.“

Du hast daran teil, aber du weißt es nicht. Meine wunderbare Muse.

Lea: „Das Buch heißt übrigens „Der Fluch der Seraphen“.“

Sam: „Schöner Titel.“

Wenn du es lesen würdest wüsstest du, dass du es bist, der meine Hauptfigur Serafine bezaubert.

Lea: „Eine Liebesgeschichte mit Fantasyelementen .“

Sam: „Fantasy ist gut.“

Lea: „Aus dem Buch lese ich am Wochenende.“

Sam: „Ich würde gerne kommen und dir zuhören.“

Das wäre so toll!

Lea: „Es wäre schön dich zu sehen.“

Und wie!

Sam: „Du solltest eine Liebesgeschichte nur für mich schreiben.“

Das tue ich, seit ich dich kenne. Aber diesmal würdest du genau wissen, dass du es bist, der mich inspiriert. Ich habe sogar einen Teil deines Namens verwendet.

Lea: „Es wäre leicht für mich eine Liebesgeschichte nur für dich zu schreiben und dir den Kopf zu verdrehen.“

In meinen Tagträumen habe ich tausende Liebesgeschichten mit dir erlebt.

Sam: „Das gefällt mir. Du bist. – Was soll ich sagen?“

Lea: „Nett?“

Sam: „Ein zu kleines Wort für das, was ich für dich empfinde, denkst du nicht?“

Oh Gott Sam, ich liebe dich.

Lea: „Ach Sam. Ich wünschte, ich könnte dir mehr sagen. Aber ich darf nicht.“

Es klingelt. Das kann unmöglich Gerry sein, der ist heute erst zu seiner Tagung gefahren.

Lea: „Tut mir leid Sam, ich muss Schluss machen, es hat geklingelt.“

Sam: „Ok meine Süße, bis dann.“

Lea: „Du bist lieb Sam. Bis bald.“

Ich lege auf, schäle mich aus meiner Zudecke und gehe zur Tür. Vorsichtig öffne ich.

„Sam!?“, flüstere ich, „wo kommst du her?“

Er lächelt sein umwerfendes Lächeln und mein Herz flattert nervös hin und her.

„Rate.“

„Von Dreharbeiten?“

Sam geht an mir vorbei. Ich schließe die Tür und folge ihm ins Wohnzimmer.

„Nicht ganz, aber nah dran.“

„Du dürftest nicht hier sein.“

So sehr ich das auch will.

„Wieso nicht? Gerry ist bei einer Tagung und Charlotte ist mal wieder auf Wellness“, Sam dreht sich zu mir um, „wir beide sind übrig geblieben.“

Sam lässt seinen Blick an mir herunter gleiten. Eine Hitzewelle strömt durch meinen Bauch, zieht sich meinen Rücken hinauf und lässt meine Wangen glühen. Mir wird plötzlich bewusst, dass ich nur in Pyjamahose und Shirt da stehe.

„Tut mir leid, dass ich nicht landfein bin.“

Sam grinst. Sein interessierter Blick bleibt auf meinem Busen haften. Nippelalarm. Ich schlage die Arme übereinander.

„Das ist mir gar nicht aufgefallen. Meinetwegen musst du dieses ausgebeulte Etwas nicht tragen.“

Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich bringe kein Wort heraus. Sams Gegenwart wirkt paralysierend auf mich. Ich kann seiner Ausstrahlung nicht widerstehen. Ich bin auch nicht sicher, dass ich das will. Wenn er mich so anschaut, tanzen meine Hormone Samba und das liegt nicht nur daran, dass Gerry mich seit Wochen nicht mehr angefasst hat. Ich bin beinahe dankbar dafür. Der Gedanke er würde es tun, lässt mir einen kalten Schauer über den Rücken rinnen.

„Du sagst ja gar nichts. Heute keine schlagfertige Antwort parat?“

Ich schüttele den Kopf.

„Warum bist du hier?“

„Das weißt du doch.“ Sam macht einen Schritt auf mich zu. „Ich will mir meine Liebesgeschichte abholen.“

Er lässt seine Fingerspitzen über meine Wange gleiten.

„So schnell kann ich dir keine Geschichte schreiben. Ein paar Stunden dauert das schon.“

„Das musst du nicht. Ich hole mir die Geschichte, die du fertig geschrieben hast.“

Fragend ziehe ich eine Augenbraue hoch.

„Wie meinst du das?“

Sam lächelt und beugt sich zu mir herunter. Das Funkeln seiner grünen Augen bohrt sich in meine. Seine Lippen gleiten über meine Wangen. Ich schließe die Augen. Mein Verstand sagt mir, ich sollte die Situation sofort beenden, aber ich kann nicht. Alles was ich will ist, dass Sam mich küsst.

„Ich habe dein neues Buch schon gelesen“, flüstert er mir ins Ohr.

„Wie?“

„Ich habe meine Kontakte.“

„Und?“

„Das sind wir beide, in deiner Geschichte“, Sams Lippen berühren meinen Mundwinkel, „habe ich recht?“

„Ja“, hauche ich.

Sams Mund gleitet auf meine Lippen. Seine Hände legen sich auf meine Hüften, ziehen mich dich an sich heran. Ich schmiege mich eng an ihn. Gegen Sam bin ich klein. Mein Kopf lehnt an seiner Brust. Ich kann seinen Herzschlag hören. Seine Wärme fließt in mich hinein. Sam legt seine gepflegte Hand unter mein Kinn und hebt mein Gesicht zu sich empor. Oh meine Gott, es ist so viel besser, als ich es mir je erdacht habe.

„Ich will dich Lea. Und ich weiß, du willst mich genauso. Ist es nicht so?“

Er fragt mich, um eine Antwort von mir zu bekommen, aber in seinem Blick ist keine Frage. Sam weiß, dass ich ihn will. Mein Körper verrät mich. Ich nicke nur leicht. Sam küsst mich so intensiv, dass mir schwindelig wird. Als er den Kopf hebt, schlage ich die Augen auf.

„Ich nehme mir, was mir gehört. Egal welche Konsequenzen das hat. Ich kann nicht mehr ohne dich sein. Ich brauche dich. Deine Stimme, dein Lachen, deinen Körper“, Sam küsst meinen Hals, während sich seine Hand unter meine Shirt schiebt, „und deine Verrücktheiten. Du gehörst mir und zu mir! Ich werde dich lieben, bis du es nicht mehr aushalten kannst.“

„Vielleicht vertrage ich mehr, als du denkst.“

Sam lächelt.

„Davon bin ich überzeugt.“

Mit Schwung hebt er mich hoch und trägt mich ins Schlafzimmer.

Read Full Post »

Tagebucheintrag, 4.4.2014

Ich habe Angst. Das Haus ist mehr als unheimlich. Am Tag ist es geradeso zu ertragen, aber in der Nacht ist es angefüllt mit merkwürdigen Geräuschen, die ich nicht zuordnen kann. Dabei bin ich eigentlich kein Angsthase und habe mich nie für abergläubisch gehalten. Vielleicht liegt es an den vielen Zimmern, in denen ich mich immer noch verlaufe und den skurrilen Hausbewohnern. Sie sind zuvorkommend und aufmerksam, manchmal etwas zu sehr – alles etwas oldschool. Andererseits grenzt ihre Aufmerksamkeit schon an Beobachtung, um nicht bespitzeln zu sagen. Oder meine Nerven liegen einfach nur blank.

Read Full Post »

Demnächst gibt`s ein Buch-Bändchen mit erotischen Gedichten und sinnlichen Texten. Wir sind dabei ein Cover zu gestalten und schöne Zeichnungen zur „Auflockerung“ der Texte auszusuchen. Die ersten 45 Seiten sind soweit fertig, auch wenn man irgendwie nie richtig fertig wird, egal wie oft man seine Sachen liest. Inzwischen habe ich mich eingegroovt. Texte bearbeiten ist einfacher, auch wenn teilweise kein Wort mehr an der Stelle steht, an der es vor her stand. Bei Gedichten fällt es mir schwerer. Das ist wohl so ein Gefühlsding. Jedes Wort scheint unglaubliches Gewicht zu haben, aber wenn man hier und da ein Wort weglässt (manchmal können es ganze Zeilen sein) oder durch ein prägnanteres ersetzt, können auch Gedichte gewinnen. Ich werde noch ein bisschen weiter grooven 😉 , damit das Büchlein bald fertig wird.

Read Full Post »

Ich habe Angst. Es ist schwärzeste Nacht, wolkenverhangen und stürmisch, als das Auto mit quietschenden Reifen im Hof der Abtei hält. Der schweigsame Chauffeur öffnet den Fond, lässt mich aussteigen, stellt meinen Koffer neben mir ab, steigt wieder in sein Vehikel und fährt weiter.
Meine Angst erreicht langsam die Panikstufe. Sollte mein Onkel tatsächlich Recht behalten? Nein, ich werde diesen Auftrag zu aller Zufriedenheit ausführen. Es ist meine Chance ihm und seinen alten verknöcherten Kollegen zu zeigen, dass eine Frau ebenfalls eine gute Archäologin und Wissenschaftlerin sein kann.

Nachdem auch nach Minuten des Wartens niemand erscheint, um mich zu begrüßen und der irische Himmel beschlossen hat seine dunklen Wolken über mir zu entleeren, raffe ich meinen ganzen Mut zusammen, nehme meinen Koffer und steige die breite Treppe zum Eingang hinauf. Ich muss alle Kraft aufbieten, um die schwere Eichentür aufzudrücken. Sie quietscht und ächzt, als hätte sie seit Jahrhunderten niemand mehr geöffnet. Ohne Aufforderung betrete ich die düstere Eingangshalle, in der tatsächlich einige Kerzen brennen, die den Anschein erwecken, dass ich nicht das einzige menschliche Wesen in diesem Gemäuer bin. In diesen entlegenen Winkel Irlands hat die Elektrizität den Weg noch nicht gefunden.

„Guten Abend!“, rufe ich und erschrecke bei dem Echo meiner Stimme.

Nichts geschieht. Nur der Wind heult um die Abtei, wie ein wildes Tier, dem ich gerade noch entschlüpft bin, bevor es meiner habhaft werden konnte. Er schleudert schwere Regentropfen gegen die alten Fenster und ich habe das Gefühl mit meinem Erscheinen, das letzte Gericht zu entfachen. Eine Frau in den geheiligten Hallen, schien er nicht zu dulden. Mit einem unangenehm mulmigen Gefühl im Bauch rief ich erneut:

„Guten Abend! Ist jemand im Haus.“

Erschrocken fahre ich herum, als jemand antwortet:

„Ja, Miss Winter, es ist jemand im Haus.“

Read Full Post »

„Ich habe Angst. Irgendetwas ist da draußen.“

Ich stehe im Nachthemd und barfuß vor Henrys Schlafzimmertür. Ich bin mir meines nicht gerade damenhaften Aufzugs sehr wohl bewusst. Sein amüsierter Blick, mit leicht hochgezogener Braue, lässt mich trotzdem erröten.

„Und was soll da sein?“, fragt er skeptisch.

„Wenn ich es wüsste, würde ich es dir sagen. Aber diese Geräusche sind wirklich furchtbar, gehen durch Mark und Bein.“

In diesem Moment ertönt ein grässliches Kratzen, wie Kreide auf Schiefer, nur viel lauter. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Heulen. Henry packt mich am Arm, zieht mich in sein Zimmer und schließt die Tür hinter mir. Eine Gänsehaut zieht sich über meinen ganzen Körper. Ich zittere so stark, dass ich die Kerze in meiner Hand nicht ruhig halten kann.

Read Full Post »

„Ich habe Angst.“

Atemlos sehe ich auf das dunkle Tor. Schwarz, wie eine Nacht ohne Sterne und Mond, eine zähe pechartige Masse wabert in dem steinernen Torbogen hin und her. Dort hindurch will er mich zwingen?

„Ich will nicht hindurch gehen!“

„Du musst. Uns bleibt keine andere Wahl!“

William steht dicht hinter mir. Mein Herz rast.

„Wieso ich?“

„Du bist die Verbindung.“ Seine Stimme ist sanft. „Ich werde bei dir sein.“

„Du gehst mit mir?“

Ich sehe in seine dunklen undurchdringlichen Augen.

„Bis zum letzten Blutstropfen.“

„Wenn ich dir doch glauben könnte.“

„Du wirst es tun müssen. Eine andere Möglichkeit bleibt dir nicht. Ich bin die einzige Chance, die du hast.“

William der Hexer. Er war es, der mich entführte und hierher brachte. Nun sollte ich mit ihm hinüber gehen. In eine Welt, die ich nicht kannte. Voller Dunkelheit und Gefahr, um das Königreich meines Vaters vor dem Untergang zu bewahren.

„Welchen Vorteil hast du davon? In deinem Universum ist nichts umsonst.“

William packt mich am Handgelenk, zieht mich ganz nah zu sich. Die Kälte in seinem Blick lässt mich frösteln.

„Das geht dich nichts an! Willst du deinen Vater und dein Reich retten, dann komm.“

Natürlich will ich meinen Vater retten, aber die Angst schnürt mir die Kehle zu. Mein Körper ist schwer wie Blei und meine Knie geben jeden Moment nach. Zaudernd setzte ich einen Schritt vor den anderen.

„Was habe ich der Dunkelheit entgegenzusetzen?“

„Deine Liebe“, antwortet William.

Dann stehen wir vor dem Tor. Ich fühle die eisige Kälte von der anderen Seite. William hüllt uns beide in seinen wollenen Umhang. Dann zieht er mich mit einem Ruck in die schwarze Masse.

Read Full Post »

„Ich habe Angst, bitte nehmen sie mich mit.“

Die junge Frau, die auf Sam zustürzt, als er aus der Tankstelle kommt, sieht ziemlich ramponiert aus. Barfuß, Hose und Shirt zerrissen und dreckig.

„Schnell wir müssen hier weg!“

Sie fasst nach seinem Arm und sieht ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie zittert am ganzen Körper.

„Was ist geschehen?“, fragt er sanft.

„Bitte, lassen sie uns gehen. Jetzt!“

Die Panik in ihrem Gesicht beunruhigt Sam. Er ahnt, dass sie ihm hier nichts sagen wird. Er hält ihr die Tür auf. Sie rutscht hastig auf den Beifahrersitzt. Mit fahrigen Bewegungen schnallt sie sich an. Sam bemerkt die Kratzer und blauen Flecken auf ihren nackten Armen, an ihrem Hals, unter ihrem linken Auge. Sam steigt ein und fährt los. Langsam wird sie ruhiger.

„Wie heißen sie? Mein Name ist Sam Morris.“

„Jeanne.“

„Wie sind sie soweit draußen gelandet?“

„Ich weiß es nicht. Das Letzte, woran ich mich erinnere ist, dass ich an der Bushaltestelle stand. Ich wollte zur Universität.“

Sam wartet einen Moment.

„Können sie sich an noch etwas erinnern.“

„Ich glaube eine schwarze Limousine hielt an. Der Fahrer fragte mich etwas, aber ich weiß nicht mehr, was es war.“

Sam nimmt sein Handy aus der Mittelkonsole, drückt auf eine Nummer in der Kurzwahltaste und wartet.

„Hey Alex, könntest du bitte etwas für mich überprüfen? Wird eine junge Frau mit dem Vornamen Jeanne vermisst?“ –

„Ja, danke Alex. Wir treffen uns in einer Stunde bei Doktor Milner.“

Jeanne sieht Sam fragend an. Er wirft ihr einen kurzen Blick zu.

„Sie werden seit einer Woche vermisst“, sagt er leise.

Erschrocken sieht Jeanne ihn an, dann laufen Tränen über ihr Gesicht. Eine schöne junge Frau, denkt Sam, wer hat ihr das angetan? Ein Serienvergewaltiger oder Killer. Wie konnte sie flüchten? Tausend Fragen gehen ihm durch den Kopf. Typisch Ex-Polizist, denkt er, irgendwie ziehe ich solche Fälle an oder die Fälle ziehen mich an. Sam wollte sich eigentlich, von seinem letzten Auftrag erholen. Das hat sich nun erledigt.

Read Full Post »

„Ich habe Angst!“

Ich ziehe meinen Mantel an, wickele mir den Schal um den Hals und streife meine Handschuhe über. Richard legt mir die Hand auf die Schulter.

„Das müssen sie nicht. Ich bin ganz in ihrer Nähe.“

„Ich weiß. Aber für Leute, wie mich gibt es kein Happy End.“

Er dreht mich zu sich herum.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es gibt vieles, das sie nicht wissen“, antworte ich resigniert.

„Vielleicht sollten sie es mir erzählen?!“ Richard hält mir die Tür auf. „Nach ihnen?“

Er lässt mir den Vortritt. Am Auto öffnet er mir die Tür. Ein Mann mit Manieren. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, bevor dies alles passierte. Richard startet den Motor und fährt los.

„Also, was meinen sie?“, hakt er nach.

„Sicher. Reden erleichtert. Aber ich kann mir nicht denken, dass sie noch gut von mir denken, wenn sie die Wahrheit kennen.“

„Wer weiß, sie haben es noch nicht versucht.“

„Stimmt. Aber ich weiß, wie ein Mensch mich anschaute, dem ich die Wahrheit gesagt habe.“ Ich halte kurz inne. „Und ich muss zugeben, ich möchte nicht, dass sie mich so ansehen.“

„Davon abgesehen, dass ich mir das nicht vorstellen kann, warum möchten sie diesen Blick nicht von mir sehen?“

„Weil sie mir sehr sympathisch sind.“

„Nur sympathisch?“, fragt er und lächelt.

„Nicht nur“, erwidere ich.

Richard wirft mir einen kurzen Blick zu.

„So so“, sagt er zweideutig, „nicht nur.“

Read Full Post »

„Ich habe Angst.“

Erstaunt sieht er auf.

„Wovor?“

Sie steht auf und geht zum Fenster.

„Wovor hast du Angst?“

Er lehnt sich zurück und wartet. Nervös fingert sie an ihrem Blusenkragen herum.

„Ich habe Angst, dass ihnen etwas passiert.“

Sie dreht sich zu ihm um. Flüchtig fängt er ihren Blick auf und sie errötet.

„Wie kommen sie darauf?“

Er steht auf und tritt zu ihr ans Fenster. Für eine Weile stehen sie einfach nur da. Er betrachtet ihr anmutiges Profil, den schlanken Hals, die kleinen goldenen Härchen an ihrem Haaransatz. Sie genießt seine Nähe. Seinen ruhigen Atem, den zärtlichen Blick auf ihrem Gesicht.

„Warum haben sie Angst?“

„Ich weiß, was sie tun. Es ist gefährlich. Sehr gefährlich.“

Sacht fasst er sie bei den Schultern und dreht sie zu sich. Sie schaut zu ihm auf. Er lächelt, beugt sich zu ihr herunter und küsst sie. Hingebungsvoll schließt sie die Augen.

Read Full Post »

« Newer Posts - Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: