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Archive for August 2015

Tee mit einem Todesengel

Der Todesengel empfängt uns stilecht in einem Mausoleum im Westteil des Highgate Cemetery, London. Im Eingangsbereich des Grabmals ist ein Tisch für Zwei gedeckt. Weiße gestärkte Tischdecke und Servietten gehören ebenso zum guten Ton, wie feines chinesisches Porzellan.

In einer Ecke lehnt das Arbeitswerkzeug meines Gastgebers, die große Sense mit stabilem Eichenholzgriff und glänzender, speziell gehärter Stahlklinge.

Der Todesengel sieht etwas blass aus, begrüßt mich aber mit einem festen Händedruck und bietet mir galant einen Platz an. Der Gastgeber selbst gießt Tee ein und bietet Gebäck an. Meine Bedenken bezüglich der Verträglichkeit entkräftet er mit einem winzigen Lächeln und dem Kommentar, er würde nur in der hiesigen Edelbäckerei Candy&Cake kaufen. Tatsächlich lässt er einen erlesenen Geschmack erkennen, beim Gebäck ebenso wie bei der Wahl des Tees.

Der Todesengel ist in den edlen schwarzen Anzug eines angesagten Designers gekleidet. Auf die Frage nach der Zweckmäßigkeit seiner Kleidung, antworte er, dass es für Männer seiner Profession angemessen sei, sich dem Ernst des Anlasses anzupassen und den Kunden in Würde die letzte Ehre zu erweisen.

Hier ein Auszug aus dem Interview:

„Herr Todesengel … .“

„Bitte, sagen sie Azrael. Ich hasse Formalitäten. Mein Beruf liegt weit außerhalb der gesellschaftlichen Normen, da können wir uns die Wahrung der Konventionen sparen.“

„Gerne, Azrael. Würden sie ihren Beruf auch als Berufung bezeichnen?“

„Eher nicht. Einer musste den Job erledigen. Nachdem ich die Sache mit der Sintflut zur Zufriedenheit vom Boss gelöst hatte, übertrug er mir den Job des Projektleiters.“

„Das heißt also, sie sind nicht der einzige Vollstrecker.“

„Stimmt. Gerade in der heutigen Zeit, mit den schnell wachsenden Konflikten, Bürgerkriegen, länderübergreifenden Auseinandersetzungen, Drogen, den verschiedenen mafiösen Organisationen, Autounfällen usw., suche ich immer fähige Leute, die mich unterstützen.“

„Interessant. Wer kommt ihrer Meinung nach für diesen Job infrage?“

„Eine gute Konstitution muss der Bewerber auf jeden Fall mitbringen. Immerhin muss die Sense jederzeit mitgeführt werden und wir haben einen 16 bis 18 Stundentag. Schlaf und Freizeit sind Luxus. Außerdem sollte man Geduld und Scharfblick beweisen. Nicht jeder, der dafür gehalten wird oder danach aussieht, steht auf der schwarzen Liste.“

Bei diesen Worten lächelt Azrael müde und nippt an seinem Tee. Bei diesem immensen Arbeitspensum verwundert es nicht, dass er erschöpft und abgespannt wirkt.

„Wollen sie damit andeuten, dass nicht jeder Kunde zu seiner vorgegebenen Zeit abtritt?“

„Das ist richtig. Aber es ist schwierig gute Mitarbeiter zu finden. Der Lohn ist ausgesprochen gut. Innerhalb weniger Jahre kann es der Mitarbeiter zu einem kleinen Vermögen bringen, abgesehen von der stattlichen Abfindung beim Ausscheiden. Doch in Anbetracht der Menge an Kunden und der schwindenden Mitarbeiterzahlen – können Fehler beim Abarbeiten der Liste auftreten.“

„Das ist nachzuvollziehen, aber sehr bedauerlich.“

„Niemand bedauert das mehr als ich. Immerhin bin ich der Verantwortliche in der ganzen Sache. Ich habe Controller eingestellt, die die Außendienstmitarbeiter über eine Deadline unterstützen. Wir sind mit der neusten Technik ausgestattet – aber ein gewisser Fehlerquote besteht trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Doch manchmal hatte dies durchaus einen positiven Effekt.“

„Können sie Namen nennen?“

Azrael schmunzelt und seine schwarzbraunen Augen glänzen. Er zögert einen Moment, bevor er antwortet.

„Ich weiß, das wird für Tumult sorgen und der Boss wird nicht erfreut sein, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen unser Metier etwas aus der Zone des Negativen herauszuheben. Der Führer des dritten Reiches hätte zum Beispiel noch nicht das Zeitliche gesegnet, wäre ich nicht eingeschritten.“

„Darf ich mir die Frage erlauben, warum diese Maßnahme nicht eingeleitete wurde, bevor der Mann so viel Unheil anrichten konnte.“

Mein Gegenüber scheint auf diese Frage gefasst zu sein.

„Diese Frage höre ich immer wieder und ehrlich? Ich bin es leid. Ihr Menschen macht es euch einfach. Denkt ihr vielleicht mir macht es Spaß tausende Menschen zu töten in Kriegen, die ihr angezettelt habt? Wer treibt ganze Völker durch gewaltsame Konflikte in die Flucht? Wer zündet Flüchtlingsheime an? Verprasst Millionen für Vergnügungen und lässt gleichzeitig Menschen verhungern? Wer schädigt die Umwelt und schröpft die Ressourcen? Wer ist so machtgierig und geldgeil, dass ihm seine Mitbewohner egal sind? Das seid ihr und nicht wir! Wir machen die Drecksabreit und müssen uns dann solche Fragen gefallen lassen.“

In diesem Moment ertönt ein Klingelton. Mein Gastgeber zieht einen Pieper aus der Tasche. Ein besorgter Blick auf das Display, dann er erhebt er sich und greift zur Sense. Unser Gespräch scheint beendet zu sein. Azrael entschuldigt sich für den hastigen Aufbruch. Auf meine Frage nach dem Grund, wird er sehr ernst. Leider könne er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kommentar zur Sache abgeben, verspricht aber mich auf dem Laufenden zu halten.

Dieses aufschlussreiche Interview mit einem außergewöhnlichen Gesprächspartner führt uns allen einmal mehr vor Augen wie wichtig Toleranz, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft in unserer von Krisen geschüttelten Zeit sind. Dadurch können Menschenleben geschont und überflüssige Tode vermieden werden. Eine Sache, die uns allen am Herzen liegen sollte.

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„Es handelt sich um eine wahre Geschichte, die zufälligerweise nicht passiert ist.“

Jeanne schlug die Arme übereinander und blickte Mellie mit düsterem Blick an.

„Ich bitte dich! Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?“

Mellie gab Jeanne das Gedicht zurück. Es kostete Jeanne unglaubliche Mühe nicht wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufzustampfen und in Tränen auszubrechen. Nicht nur, dass sie in diesem furchtbaren Internat festsaß, nein, sie hatte dermaßen fantasielose Mitinsassen, dass ihr graute.

„Du verstehst überhaupt nichts!“, erwiderte Jeanne lauter als beabsichtigt, „das Leben schreibt die Kunst und die Kunst das Leben. Wäre in deinem Kopf etwas weniger Vernunft und etwas mehr Fantasie, hättest du mir diese Frage nie gestellt!“

Mellie erhob sich und trat zum Fenster. Die beiden ungleichen Mädchen schwiegen. Die eine wütend, weil sie sich missverstanden fühlte, die andere weil sie nach dem Körnchen Wahrheit in der Behauptung ihrer Zimmergenossin suchte.

„Beweise es.“

Mellies ruhige Stimme durchbrach die Stille. Jeanne sah auf. Mellie blickte immer noch aus dem Fenster. Die untergehende Sonne färbte den Himmel in alle Schattierungen der Rotpalette. Jeanne hatte an diesem Abend keinen Blick für die Schönheit der Natur.

„Was beweisen?“, fragte sie verwirrt.

„Das die Kunst das Leben schreibt.“

Mellie drehte sich um und sah Jeanne mit merkwürdig fiebrigem Blick an. – Das passt gar nicht zu ihr, dachte Jeanne, als wäre sie in einer Art Trance. –

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte sie wachsam.

„So wie es Wissenschaftler machen: in einem Feldversuch. Ich stelle die Versuchsanordnung auf und du schreibst die Veränderungen, die geschehen sollen. Immer nur in Teilstücken natürlich und ich habe das letzte Wort darüber. Ich werde sie lesen, dann werden wir sie auf einem Altar opfern und sehen was passiert.“

Jeanne sah Mellie mit mitleidigem Blick an.

„Bist du verrückt? Brauchst du Hilfe?“

Jeanne hätte sich nicht gewundert. Lange konnte es ein hungriger Geist in dieser freud – und lieblosen Umgebung nicht aushalten, ohne psychische Anomalitäten zu entwickeln. Mellie lachte laut auf und warf den Kopf mit dem dunklen Locken in den Nacken.

„Ich war selten so klar“, sie kam auf Jeanne zu und blickte sie herausfordernd an, „also, machst du es?!“
Jeanne nickte ergeben.

„Na gut. Wann geht`s los?“

„Morgen früh.“

Mellie wandte sich ab, setzte sich an ihren Schreibtisch und zog einen Stapel Papier aus einer Schublade. Einen Moment zögerte sie, dann brachte sie die ersten Zeilen zu Papier. Jeanne beobachte sie mit wachsender Spannung. Ihre Behauptung über die Kunst schien einen verschlossenen Bereich in Mellies Persönlichkeit freigesetzt zu haben. Ein unbestimmtes flaues Gefühl breitete sich in Jeannes Körper aus. – Warum musste ich so anmaßend sein, ihr mein vermeintliches Talent zu beweisen, dachte sie und knetete nervös ihre Finger, naja, was kann sie sich schon Besonderes wünschen? –

Der Satz stammt aus dem Buch: Das verflixte Dolce Vita, von Rosalind Erskine.

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„Du wirst dich noch verraten!“, krächzte Ares.

Er saß auf Tirzas Schulter und zupfte mit dem Schnabel an ihren roten Locken.

„Psst“, zischte sie und drückte sich eng an den dicken Stamm einer knorrigen alten Eiche. Ihre Kleidung, in verschiedenen Braun – und Grüntönen gehalten, machte sie beinahe unsichtbar. „der Wind steht günstig. Sie werden mich nicht riechen. Außerdem sind sie damit beschäftigt das Lager aufzuschlagen“

„Genau“, stimmte Blue Tirza zu, „du bist es, der uns mit seinem ewigen Genörgel verrät.“

Die azurblauen Augen des Polarfuchses verengten sich zu Schlitzen und warfen dem Raben scharfe Blicke zu. Eines Tages beiße ich ihm die Kehle durch, dachte er. Bevor Ares etwas erwidern konnte und sich in eine verbale Schlacht mit seinem Rivalen um Tirzas Gunst stürzen konnte, sagte sie:

„Ihr seid jetzt beide still! Sonst nehme ich euch nie wieder mit.“

Die beiden Tiere schluckten ihren Ärger herunter und schwiegen. Vorerst. Tirza wusste, dass dieser Disput nur aufgeschoben war. Sie verkniff sich ein Lächeln und blickte Ares und Blue streng an. Ohne die beiden hätte sie sich nie in ein Abenteuer gestürzt. Dazu waren ihre Dienste viel zu wertvoll.

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1. Tiger-Python
2. Schmetterlinge
3. Panther
4. Waschbär
5. Raben
6. Eule
7. Polarfuchs
8. Eichhörnchen
9. Spitzmaus
10. Orcas

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Ich sah ihn in dem Moment, als er den Raum betrat. Mein Herz tat einen zusätzlichen Schlag. Groß, athletisch, schmale Hüften, breite Schultern. Mein Bruder ging auf ihn zu und begrüßte ihn herzlich. Er lächelte und ich hielt den Atem an. Seine sinnlich vollen Lippen gaben zwei Reihen weißer Zähne frei, von denen einer etwas schief stand. Die hohen Wangenknochen, das Kinn mit dem angedeuteten Grübchen und die schmale Nase luden mich zu näherer Betrachtung ein. Im Geist malte ich jede Linie seines Gesichts nach, bis zu seinen faszinierenden Bernsteinaugen.

„Darf ich dir meine Schwester Larissa vorstellen?“ Riss mich die Stimme meines Bruders aus meiner Träumerei. „Larissa, das ist David.“

David streckte mir die Hand entgegen. Unsere Blicke trafen sich. Ein namenloser Schrecken raste durch meine Gedanken und meinen Körper. Ich drehte mich um und rannte davon.

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Ich ging, bevor er mich dazu aufforderte. Ich hatte sie zusammen gesehen und wusste, es ist aus, nicht sicher ob ich erleichtert oder traurig sein sollte.

Ich trat auf die Straße. Ein milder Regen fiel. Ich hatte meinen Schirm vergessen. Es störte mich nicht, ich genoss die sanften Tröpfchen auf meiner Haut und meinen Lippen. Es schmeckte süß.

Mit jedem Schritt wurde es leichter. Ich war frei! Die Fäden gelöst, dem täglichen Theater entkommen, mit den einengenden Gewohnheiten gebrochen. Mit einem beschwingten Hopser sprang ich in eine Pfütze und lachte.

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Hier noch ein Text von einem mir bisher unbekannten Autor:

Ich fühlte mich nun viel besser und war voller Hoffnungen. Ich spürte den Kuss immer noch auf meinen Lippen, als wäre er ein körperlicher Gegenstand; ich hütete ihn sorgsam und bewahrte ihn wie einen Schatz an Entzücken, was für einen Verliebten das erste Süße Erlebnis ist. Der Kuss wird nämlich von dem schönsten aller Körperorgane gezeugt; denn der Mund ist das Organ der Sprache, und die Sprache ist der Schatten der Seele. Die Vereinigung zweier Münder lässt köstliches Wonnegefühl in die Brust hinabströmen und zieht die Seelen zu den Küssen empor. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor ein derartiges Glück empfunden zu haben; damals erfuhr ich zum ersten Mal, dass nichts einem Liebeskuss an Glückseligkeit gleichkommt.

Aus: Leukippe und Kleitophon

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