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Archive for Dezember 2015

„Ist der Kaffee gut“, fragte eine angenehme Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um und sah in zwei dunkelbraune Augen.

„Ich habe noch nicht probiert“, erwiderte ich und lächelte. Interessante Anmache, dachte ich.

„Würden sie es für mich tun?“, fragte er.

„Hilft ihnen das weiter?“

Ein unwiderstehliches Lächeln überzog sein Gesicht und ich schluckte den spöttischen Kommentar hinunter, der sich bis zu meiner Zungenspitze vorgewagt hatte. Ich nahm einen Schluck Kaffee.

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Der Winter, den wir sehnsüchtig erwartet hatten, brach mit ungeahnter Macht über uns herein. Flüsse und Seen überzog eine dicke Eisschicht. Schnee fiel seit Tagen und begrub die Dörfer, Städte und Wälder unter sich. Die Bäume ächzten unter der Last der weißen Pracht. Die Tiere zogen sich in ihre Höhlen zurück und drängten sich enger zusammen.

Arie stand am Fenster und starrte durch das kleine Loch, das er mühevoll in die Eisblumenschicht gerieben hatte. Wie lange es wohl noch dauert, bis ich mit Milo und Franci schlittenfahren kann, überlegte er und seufzte sehnsüchtig.

Ein leises Knacken der Holzdielen ließ ihn aufhorchen. Dann folgte ein rhythmisches Tapsen. Wie kleine Kinderfüße in schnellem Getrappel. Ich bin doch allein, alle sind ausgegangen, dachte er, und Geister gibt es nicht. Arie atmete tief durch und drehte sich langsam um. Was er sah, versetzte ihn in ungläubiges Staunen und zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.

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Die Feenburg

Sia stand vor der Burgmauer und starrte hinauf. Das also ist der Eingang, dachte sie und seufzte, Großvater hat vergessen zu erwähnen, wie schwierig es wird hinein zu gelangen. Einige abenteuerlustige junge Männer ihres Dorfes hatten es schon versucht und waren kläglich gescheitert.

In der sagenumwobenen Feenburg gab es einen Brunnen mit heilendem Wasser, wenn Sia den Geschichten glauben schenkte, die die Alten in kalten Winternächten am Feuer erzählten. Es war der letzte Strohhalm, an den sie sich klammerte, nachdem die Ärzte ihren geliebten Großvater aufgegeben hatten. Niemand wusste, woran er litt. Die geheimnisvolle Krankheit ereilte ihn von heute auf morgen und ließ ihn in unfassbarer Geschwindigkeit verfallen.

Ich habe keine Zeit, dachte Sia, ich muss hinaufklettern. Egal, was es kostet. Sie streifte die Lederhandschuhe über, ergriff die Efeuranken und setzte den ersten Fuß in das Gestrüpp.
„Denk an Großvater!“, sagte sie leise vor sich hin, „er muss gesund werden.“

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Der kleine Antiquitätenladen

Seit Tagen schlich ich um den kleinen blauen Antiquitätenladen herum. Immer gab es Neues in der Auslage zu entdecken. Ein kleiner Metallkasten auf vier geschwungenen Füßchen, reich verziert mit Blüten und Früchten, hatte es mir besonders angetan. Der Griff in der Mitte des Deckels hatte die Form einer Rosenblüte. Leider war der Preis des Kästchens sehr hoch und so stand ich jeden Tag vor dem Schaufenster und ergötzte mich an ihrem Anblick.

„Kommen sie doch herein“, hörte ich eine freundliche Stimme hinter mir, „ich habe sie schon einige Male vor meinem Fenster gesehen. Sie dürfen sich gerne umsehen.“

Ich sah mich um und blickte in das lächelnde Gesicht des Besitzers. Er trug einen Anzug, der zwar altmodisch, aber elegant war. Sein mit Silberfäden durchzogenes dunkles Haar war exakt geschnitten und rahmte ein markant zeitloses Gesicht ein. Ich lächelte verlegen zurück.

„Das ist sehr nett, aber leider kann ich mir ihre Kostbarkeiten nicht leisten.“

Er schmunzelte.

„Nun, vielleicht mache ich ihnen einen guten Preis, gegen eine kleine Gefälligkeit.“

Ich zog skeptisch die Augenbraue hoch und trat einen Schritt zurück.

„Nein“, er lachte, „nicht das, woran sie jetzt vielleicht denken.“

Er schloss die Tür zu seinem Laden auf. Das melodische Läuten einer Glocke ertönte. Er machte eine großzügige Geste.

„Ich lade sie zu einem Kaffee ein und erzähle ihnen, worum es sich handelt. Sollte ihnen mein Angebot nicht zusagen, sind sie frei abzulehnen.“

Ich warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Kästchen. Es glänzte verführerisch in der Morgensonne. Der Mann sieht nicht wie ein Gewaltverbrecher aus, überlegte ich, es wird bestimmt nichts Schlimmes geschehen. Ich gab mir einen Ruck, ging an ihm vorbei, drei Treppenstufen hinauf, und betrat den Antiquitätenladen. Hinter mir fiel die Tür leise ins Schloss. Das Glöckchen bimmelte melodisch.

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Eisberg, Kette, Schrank, träge

Der Luxusliner glitt träge, wie ein alter Wal, an dem Eisberg vorbei. Ich hielt mich an der dicken Eisenkette fest, die den Aufgang zum oberen Deck sicherte. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Titanic, dachte ich, Eisberge und Kreuzfahrtschiffe sind keine gute Kombination.

Die Szene, in der sie sich später in einem alten Schrank verstecken muss, weil die Frau ihres Liebhabers plötzlich in die eheliche Kabine zurückkehrt, ist nur gedacht *ggg*.

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Band, faul, Spiegel, Spitze

„Sei nicht so faul, Eliza! Gib mir das Spitzenband da. Das weiße mit den goldenen Röschen.“

Kitty stampfte mit dem Fuß auf und sah Eliza mit zusammengezogenen Augenbrauen und herunterhängenden Mundwinkeln an. Eliza hatte die Arme untergeschlagen und machte keine Anstalten sich zu bewegen.

„Ich muss auf dem Ball wunderschön sein! Austin muss sehen, dass er keine bessere haben kann!“, jammerte sie.

„Wie heißt das Zauberwort?“

Eliza verkniff sich ein Grinsen. Kitty war eitel, launisch, hager und verbissen, aber ihre Mitgift war so hoch, dass die Freier Schlange standen. Nur Austin nicht. Obwohl keine Aussicht bestand, dass er in nächster Zeit zu Vermögen kommen würde. Er hatte nur den Titel und seine Ehre.

„Bitte!“, Kitty versuchte ein Lächeln. Es verunglückte. „Siehst du nicht, dass ich hier nicht weg kann?“
Kitty stand auf einem Podest, die Arme in die Höhe gestreckt und wedelte mit den Händen in Elizas Richtung. Eine Schneiderin steckte ihr gerade die Seiten über der Taille ab.

„Bitte Miss Kitty, stehen sie still. Ich übernehme keine Verantwortung dafür, wenn sie von einer Nadel gestochen werden“, tadelte die Schneiderin Kitty.

Kitty presste die Lippen zusammen und versuchte still zu halten. Mit den Augen gab sie Eliza ein Zeichen. Aufreizend langsam setzte sie sich in Bewegung und brachte Kitty das geforderte Band. Der Ball wird spannend, dacht sie, Kitty beißt sich an Austin die Zähne aus.

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Brüste, Kompass, Wohnzimmer, locker

Wo ist mein Kompass! Ich weiß, dass ich ihn im Wohnzimmer, in die kleine verschließbare Schublade, in meinen Sekretär gelegt habe.

Unglaublich! Am Schloss bemerke ich Kratzer. Aufgebrochen? Wer könnte an meinem Kompass interessiert sein?

Martin, der Misterkerl! Er muss es gewesen sein. Er hat mich ein paar mal gefragt, ob er sich den Kompass leihen kann. Ich habe es abgelehnt.

Eigentlich bin ich recht locker, wenn es darum geht etwas zu verleihen. Nur bei meinem Kompass nicht. Mein Vater hat ihn mir vererbt. Der hat ihn von seinem Vater und der von seinem und so weiter, und so weiter.

Ich spüre, wie sich ein furchtbarer Druck auf meine Brust legt. Wenn ich den Kompass nicht bald zurückbekomme, ist es zu spät. Er will gefüttert werden und ich bin die einizige, die weiß, wo sein Futter ist.

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