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Archive for März 2016

Er griff nach dem Messer. Fest hielt er das Heft in der Hand und stieß die lange glänzende Klinge tief in den fleischigen Körper hinein. Die Schneide glitt durch die äußere Hülle wie durch Papier. Er riss sie mit einem diabolischen Grinsen von oben nach unten und hinterließ einen elementaren Schnitt. Das Geräusch wahr unangenehm und verursachte eine Gänsehaut. Säfte traten aus dem versehrten Balg. Angestachelt von seinem Erfolg stieß er wieder zu, setzte den nächsten Schnitt.  Wieder und wieder bohrte er die Klinge in den Leib. Löste ganze Stücke Fleisch aus und warf sie achtlos in den Mülleimer. Endlich war er zufrieden, blickte auf und fragte:

„Und wie findest du den Kürbis? Sieht gruselig aus, oder?“

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„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“, meine Mutter sah mich mit panischem Blick an.

„Gerade eben noch“, log ich, „dort drüben an dem Karussell.“

Ich deutete auf das altmodische Karussell mit den beiden Kutschen, den eleganten Holzpferden, indischen Elefanten und den drei majestätischen Löwen, die alle bunte Sättel trugen, die mit goldenen Details abgesetzt waren.

Meine Mutter rannte über den Platz, rief laut den Namen meines kleinen Bruders. Ich trottete langsam hinterher.

Selbst Schuld, dachte ich, warum muss er nur so viel reden und ständig igrendwelche Dummheiten machen. Kein Wunder, dass ich froh war, ihn eine Weile los zu sein. Kleiner Blödmann, dachte ich wütend, jetzt will er es mir heimzahlen und versteckt sich, damit Mama sauer auf mich ist. Nur weil er sich ein paar Minuten alleine beschäftigen sollte. Schließlich habe ich auch ein Leben. Wenn ich den in die Finger kriege.

„Wie? So lange!“, hörte ich meine Mutter mit dem Mann vom Karussell sprechen. „In welche Richtung?“

Der Schausteller deutete vom Kirchweihplatz weg, Richtung Wald.

„Er folgte dem Mann freiwillig“, sagte er und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Meine Mutter drehte sich zu mir um. Sie sah mich an. Ihr Blick ging mir durch und durch. Ich hatte sie enttäuscht, wieder einmal.

 ***

Mein Blick fiel auf das altmodische Karussell. Ich erkannte es sofort, obwohl es zwanzig Jahre her war. Die schön geschnitzten Tiere mit den bunten Sätteln, die prunkvollen Kutschen. Es erklang dieselbe Musik. Einzig die Farben des Karussells verblassten an einigen Stellen und hier und da blätterte der Lack ab.

Sogar der Festplatz sah aus, wie damals. Ich sah zum Wald hinüber. Friedlich lag er da, im Licht der untergehenden Sonne. Niemand ahnte welches Grauen dort lauerte. Niemand hatte mir geglaubt, heute würde es nicht anders sein. Eine Welle der Erinnerung überflutete mich und eine Angst breitete sich in meinem Körper aus, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr verspürt hatte.

„Hier ist der Junge verschwunden?“, ich versuchte das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Ja“, der uniformierte Dorfpolizist nickte, „wollen sie mit dem Besitzer des Karussells reden, Frau Sommer.“

Ich bemerkte den Mann im Kartenhäuschen neben dem Karussell. Er sah genauso aus, wie vor zwanzig Jahren. Er schien keinen Tag gealtert zu sein. Der Mann hob den Blick und lächelte. Immer stärker breitetet sich die Beklemmung in meinem Bauch und meiner Brust aus. Beruhige dich, redete ich mir zu, du bist erwachsen und musst einen klaren Kopf behalten. Vielleicht konnte ich endlich herausfinden, was mit meinem kleinen Bruder geschehen war.

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Richard sah zur Fahne hinauf, um den Wind zu prüfen. Es sah nach Sturm aus. Dichte Wolken brauten sich über dem Burgberg zusammen. Es war ein schlechter Zeitpunkt. Richard und sein Heer belagerten die Grimburg seit Wochen, ohne der Eroberung einen Schritt näher gekommen zu sein. Seine Soldaten verloren allmählich die Geduld und Richard hatte kaum noch Hoffnung seinen Vater und seinen Bruder aus den Kerkern des Feindes zu befreien.

Immer häufiger kam es zu Schlägereien unter seinen Männern und zu Plünderungen in den Dörfern der Umgebung, die Richard unter Strafe verboten hatte. Er wollte anders sein, als Gunnar, Herr der Grimburg, der alles in Grund und Boden stampfte, wenn er einen Feldzug führte. Niemand blieb verschont, nicht Mann, nicht Frau, nicht Kind oder Greis.

Richard war der Ansicht, dass die einfachen Bauern es schwer genug hatten in den Wirren der Düsternis. Es fehlte an allem. Speisen, sauberes Wasser, warme Häuser, Medizin. Warum sie noch unterjochen?

Einer seiner besten Spione hatte das Gerücht aufgeschnappt, dass es im schwarzen Wald einen geheimen Eingang zur Burg gab. Richard wartete jede Minute auf seine Nachricht. Vielleicht konnte er den Sturm für einen Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt nutzen.

„Herr, Milan ist zurück!“, verkündete Safi aufgeregt.

Richard nickte ihm zu.

„Danke.“

Möge das Glück auf unserer Seite sein, dachte er und eilte in sein Zelt.

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„Die Stimme am Telefon war herzlich und überzeugend.“

„Und dann buchst du gleich eine Urlaubsreise.“

„Oh, es ist nicht nur eine Urlaubsreise!“, jetzt war ich gekränkt, „es ist eine Reise ins Land hinter den Spiegeln. Du weißt doch, Alice, die Grinsekatze, der verrückte Hutmacher?“

Randolf sah mich mit verständnislosem Blick an. Ich hätte schwören können, er überlegte, mich in die geschlossene Anstalt einzuweisen.

„Entschuldige, das war nur ein Witz“, sagte ich und zog die Schultern etwas hoch.

„Darüber kann ich nicht lachen“, knurrte er, „dein dummes Geschwätz ist unter aller Kanone.“

Ich wandte mich wieder meinem Eintopf zu und rührte um. Randolf öffnet den Kühlschrank, holte eine Flasche Bier heraus. Ich erkannte es an dem ploppenden Geräusch des Pfropfens. Dann stapfte er ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein.

Er weiß nicht, was ich weiß, dachte ich und lächelte in mich hinein. Morgen werde ich weit, weit fort sein und nie wieder zurückkehren.

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„Ich war sicher, dass ich durch das Fenster passe.“

Ich lag bäuchlings auf dem Rasen, die untere Hälfte meines Körpers steckte über einem dunklen spinnenwebverseuchten Keller.

„Tja, wie du siehst hast du dich verschätzt“, Marty grinste.

Ich biss die Zähne zusammen. Am liebsten hätte ich ihm gedroht, ihm den Hals umzudrehen, aber das musste ich mir aufsparen, bis er mich aus der misslichen Lage befreit hatte. Also lächelte ich gequält und sagte so liebenswürdig, wie ich konnte:

„Marty, bitte hilf mir.“

„Dann habe ich aber was gut bei dir“, er lächelte und zeigte zwei Reihen makelloser Zähne, „ich habe da auch schon eine Idee.

Ich konnte mir denken, was er wollte, musste aber gute Miene zum bösen Spiel machen.

„Klar“, ich streckte meine Hände aus.

„Also, dann los.“

Marty griff um meine Handgelenke und zog mich sanft aus dem winzigen Fensterloch.

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„Henry starb vor zwei Jahren. Heut habe ich ihn das erste Mal gesehen.“

Elly holte tief Luft. Sie fasste Sara am Arm. Sie blieben stehen.

„Das hat aber lange gedauert.“

Sara nickte. Sie sah Elly mit großen Augen an. Elly war ihre beste Freundin und der einzige Mensch, der von ihrem Geheimnis wusste.

„Ich habe ihn gefragt, wo er solange gewesen ist. Aber er wusste es auch nicht.“

„Glaubst du, er war in der Hölle oder im Fegefeuer.“

„Ach, Quatsch. Das gibt es nicht. Es gibt keinen feurigen Ort an dem die Seelen gequält werden. Es gibt nur die Geister und das Licht. Wenn sie dorthin gehen, dann sind sie erlöst.“

Sara kramte in ihrer Handtasche herum, zog zwei Schokoriegel heraus und drückte Elly einen in die Hand.

„Aber wo war Henry dann die ganze Zeit.“

Elly riss das silberne Papier des Schokoriegels auf und biss eine Ecke ab.

„Das ist es, was ich unbedingt herausfinden muss.“

Die beiden setzten ihren Weg fort. Sara pellte ihren Riegel ebenfalls aus.

„Wo gehen wir hin?“, nuschelte Elly mit vollem Mund.

„Zu Madame Breda“, nuschelte Sara zurück.

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Diese Ferien zu buchen, war ein Fehler! Was hatte ich mir nur dabei gedacht. Rucksack-Urlaub in Rumänien. Wandern von Schloss zu Schloss, auf den Spuren von Graf Dracula.

Ich kannte mich mit den Schlössern besser aus, als unser Reiseleiter. Er war eine absolute Niete. Ich sage, war, weil er tot ist. Wer lesen kann ist klar im Vorteil, sag ich immer, und das konnte der nicht. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich in dieser Kerkerzelle sitze und der Rest der Reisegruppe bei Graf Dracula auf dem Teller gelandet ist?

Ich sagte dem Blödmann, diese Burg sollten wir auf keinen Fall betreten. In meinem Reiseführer stand: Gefährliche Ruine! Nicht sicher! Bitte nicht betreten! Ich las es ihm vor. Laut und deutlich.

Er lachte nur und ging einfach los. Er war gerade um die nächste Ecke verschwunden, als ich seine Hilfeschreie hörte. Ich hätte ihm nicht helfen sollen wollen. Denn als ich um die Ecke stürmte, um dem Rindvieh zu helfen, fiel ich Graf Dracula in die schönen Hände. Das habe ich jetzt davon. Er hat mich bis zum Schluss aufgehoben. Na wenigstens werde ich von einem sehr gutaussehenden Mann um die Ecke gebracht. Ich sollte dankbar sein, denn so ein Exemplar habe ich in meinem echten Leben noch nie gesehen.

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