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Archive for April 2016

Abblättern, Blau, Schein, Spitze, Wald

Die blaue Farbe blätterte von den Fenster und Türrahmen des kleinen Holzhauses ab. Kein Wunder, dachte Jen, das Salz in der Luft, der Wind, die Feuchtigkeit leisteten ganze Arbeit. Trotz des Verfalls sah das Häuschen heimelig und einladend aus.

Es stand an der Landspitze von Havens Gate, umgeben von Dünen, Reedgras und der Unberechenbarkeit eines nördlichen Meeres. Wenn man die steile Holztreppe hinaufstieg und aus dem runden Giebelfenster blickte, konnte man einen Wald sehen, der sich je nach Wetterlage heftig mit den Winden bog oder anmutig in der Brise tanzte.

Ich stellte meinen Koffer auf der Veranda ab, setzte mich auf die oberste Stufe und blickte den weißen Wattewolken nach, die gemächlich über den azurblauen Julihimmel bummelten.

Es war lange her, dass ich in Großmutters Haus gewesen war. Nun endlich hatte mich ein ungenädiger Schicksalsschlag nach Hause gespült, wie die rosa Muscheln, die ich früher am Strand gesucht hatte. Winzige Raritäten, nicht größer als Marienkäfer und so zart wie Schmetterlingsflügel. Wie sanft ich sie auch behandelte, ich konnte nur wenige heil nach Hause bringen. Meine Kinderhände waren zu gierig und hastig für das dünne Gehäuse. Mir schien es hatte sich nicht sehr viel daran geändert. Und so kam ich mit gebrochenen Flügeln zurück.

 

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braun, echt, Lächeln, Musik, Stein

Der Stein hatte die Farbe eines glänzenden Rotbraun von Kastanien. Ich drehte ihn in der Hand hin und her und musste Lächeln. Er war glatt, aber nicht vollständig rund. An einer Seite hatte er eine Vertiefung, in die ich die Spitze meines Daumens legen konnte.

„Der ist echt“, sagte der Verkäufer am Schmuckstand, der aussah als wäre er aus der Flower Power Zeit übrig geblieben.

Im Hintergrund wechselte der donnernde Beat der Musik zu einer sanften Flötenmusik.

„Der ist echt“, widerholte der Verkäufer.

Ich hatte ihn schon beim ersten Mal verstanden und konnte mir vorstellen, was das andeuten sollte. Die Rechtfertigung eines horrenden Preises.

„Und wie viel soll er kosten?“, fragte ich so gleichgültig wie möglich.

„Hundert Pfund“, sagte er.

So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt. Ich zog abschätzend die Augenbrauen hoch.

„So wird kein Geschäft draus“, stellte ich fest. „Da müssen sie mir schon entgegen kommen.“

Ich pokerte hoch. Der Stein war mehr wert, ich kannte mich aus. Er durfte auf keinen Fall in den Händen dieses Dilettanten bleiben.

 

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Es gibt so Schönes in der Welt

Daran du dich nie satt erquickst

Und das dir immer Treue hält

Und das du immer neu erblickst

Der Blick von einer Alpe Gart

Am grünen Meer ein stiller Pfad

Ein Bach, der über Felsen springt

Ein Vogel, der im Dunkel singt

Ein Kind, das noch im Traume lacht

Ein Sterneglanz der Winternacht

Ein Abendrot im klaren See

Bekränzt von Alm und Firneschnee

Ein Lied am Straßenzaun erlauscht

Ein Gruß mit Wanderern getauscht

Ein Denken an die Kinderzeit

Ein immer waches, zartes Leid

Das nächtelang mit seinem Schmerz

Dir weitet das verengte Herz

Und über Sterne schön und bleich

Dir baut ein fernes Heimwehreich.

                    Hermann Hesse, 1902

 

Die Worte Hermann Hesses sind nun schon 114 Jahre alt und haben nichts von ihrem Zauber und ihrer Wahrheit verloren.

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Gold, Tropfen, Glanz, steuern, Papier

Lea nahm die Feder und tauchte sie in die goldfarbene Tinte für ihre Unterschrift. Der Brief auf ihrer Schreibunterlage war lang. Eigentlich hatten es nur ein paar Zeilen werden sollen und nun lagen 5 Seiten engbeschriebenes Papier vor ihr. Mit einem eleganten Schwung setzte sie den Namen unter den Text, den ihr ihr Briefpartner gegeben hatte. Luciana, die Geliebte.

Sie seufzte. Niemals hatte sie gedacht, dass es einen Mann geben könnte, der ihre Fantasie und ihren Geist so beflügelte und doch war es geschehen. Leicht pustete sie auf die trocknende Tinte.

Lea öffnete eine der kleinen Schubladen ihres Sekretärs und entnahm ihr einen Briefumschlag. Seit sechs Wochen schrieb sie ihrem unbekannten Verehrer Briefe. Er musste ganz in ihrer Nähe sein, denn sonst wäre es unmöglich gewesen jeden Tag einen Brief zu tauschen. Aus seinen Worten sprach eine Kenntnis ihrer Lebensumstände und sogar ihrer innigsten Gedanken.

Und doch, sie hatte ihn bis jetzt nicht entdecken können. Selbst nicht, als sie sich ganz in der Nähe ihres geheimen Briefkastens auf die Lauer gelegt hatte.

Lea faltete die Seiten und schob sie vorsichtig in den Umschlag. Sie erinnerte sich an den ersten Brief, den er ihr schrieb. Sie fand ihn auf ihrem Nachttisch, mit der Anweisung ihre Antwort in dem kleinen Vogelhaus an der 1000 jährigen Linde zu deponieren.

Nie hatte ein Mann so wunderbare Dinge an sie geschrieben. Er war eloquent, aus seinen Zeilen sprach Lebenserfahrung, Intelligenz und Humor. Jeder Tag erstrahlte im Glanz seiner zauberhaften Worte. Er hauchte ihrem tristen Alltagseinerlei Träume und Fantasien ein, die Lea schon lange begraben glaubte. Seit ihre Eltern sie in die Einöde zu ihrer kranken Patentante geschickt hatten, von der sie sich einen großen Anteil eines riesigen Erbes erhofften, das Lea für sie sichern sollte. Wer er auch wahr, er kannte ihr Unglück und ihre Traurigkeit.

Lea verschloss den Umschlag, gab einen Tropfen Wachs auf die Spitze und drückte den Stempel in die Oberfläche. Der Abdruck ihres Anfangsbuchstaben L erschien in dem roten Siegelwachs. Sie hob den Brief an ihre Lippen und drückte einen Kuss auf das teure Papier. Morgen früh, bevor sie zu ihrer Tante gerufen wurde, würde sie den Brief zur Linde tragen.

Ihr Herz schlug heftig, bei dem Gedanken, welche süßen Geständnisse sie ihm gemacht und welche Wünsche sie an ihn gerichtet hatte. Lea wünschte sich nichts sehnlicher, als seinen Mund auf ihrem Mund zu fühlen, seine starken Arme, die sie umfingen und seine Hände, die sie liebkosten. Aus allen Zeilen ihres Briefes sprach Sehnsucht und Verlangen und Lea hoffte, er würde zu ihr kommen und ihr seine Zuneigung zeigen.

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Schlüssel, Glas, Rot, Blütenblatt, Ende, Anruf

Der Wein in dem kostbar geschliffenen Kristallglas war tiefrot, wie die Blütenblätter der langstieligen Rose, die neben der Karaffe in einer schmalen Vase stand.

Sabrina betrachte die gefüllte Blüte. Sie war wunderschön. Sabrina verspürte den Drang die samtigen Blätter zu berühren. Die Worte des Mannes, ihr gegenüber, perlten an ihr ab, ohne in ihre Gedanken einzudringen.

Den ersten Sätzen folgte sie noch mit Interesse, fühlte sich dazu verpflichtet, immerhin hatte Anita ihr diese Verabredung verschafft.

Seit Sam fort war, hatte Sabrina niemand mehr an sich heran gelassen und ihre Schwester war inszwischen besorgt. Du musst loslassen und endlich weitermachen, sagte sie. Sabrina war anderer Ansicht, aber sie schätzte Anitas Fürsorge.

Der Mann, der sich als Tony vorgestellt hatte, drückte ihr die Rose mit einem Kompliment in die Hand, bestellte den Wein, ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen und nachdem er sie nach ihrem Beruf und Hobbys gefragt hatte, begann er über sich zu palavern und Sandrines Gedanken begannen zu wandern.

Die Meldoie „spiel mir das Lied vom Tod“ riss Sabrina aus ihren Überlegungen. Die Gäste an den Nachbartischen sahen sich nach dem Störenfried um und tuschelten. Tony riss sein Smartphone aus der Jackentasche und nahm den Anruf entgegen.

„Hallo Martin“, sagte er laut und ohne Rücksicht auf die anderen Besucher. Dann diskutierte er mit dem Anrufer über das Für und Wieder des Kaufs eines neuen Motorrades.

Wo hat Anika diesen schrecklichen Typen aufgetrieben, dachte sie halb belustig, halb entsetzt, sie kann doch nicht im Ernst glauben, dass ich mich in den verlieben könnte?

Sabrina zog sich die Jacke an und nahm ihre Handtasche. Tony beendete das Gespräch nicht, er sagte nur:

„Warte kurz“, und zu Sabrina gewandt, „wo willst du hin?“

„Dahin wo ich hergekommen bin“, sie schüttelte ihren Schlüsselbund vor seiner Nase hin und her, „nach Hause.“

Sabrina nahm die Rose aus der Vase und verließ das Restaurant. Um Sam zu überflügeln brauchte es einiges mehr.

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„Wann haben sie Henry March das letze Mal gesehen?“

Kommissar Harris sah Miss Nadine mit strengem Blick an. Sie zuckte mit den Schultern.

„Es scheint ihnen nicht viel auszumachen, dass er vermisst wird. Ich dachte, er sei ihr Verlobter.“

Nadine überlegte kurz, ob sie eine Träne herausdrücken sollte, aber ihr Blick in Kommissar Harris Gesicht ließ sie daran zweifeln, dass dies eine Wirkung gehabt hätte. Sie entschloss sich ihm die Wahrheit zu sagen.

„Nein, Kommissar Harris, es macht mir nichts aus. Mister March und ich waren verlobt, aber nicht auf meinen Wunsch hin. Vermutlich wissen sie, dass er ein reicher Mann war, um nicht Nabob zu sagen. Eine Tatsache, die meine Eltern motiviert haben, mich an ihn zu verkaufen.“

Nadine hilt inne. Stimme hatte einen scharfen bitteren Klang angenommen. Sie atmete ein paar mal durch, dann hatte sie sich wieder gefasst.

„Ich nehme an, dass erklärt mein Desinteresse an Mister Marchs Aufenthaltsort. Und um auch das noch zu klären, ja, ich hoffe, er taucht nie wieder auf. Sonst sähe ich mich gezwungen, durchzubrennen.“

Kommissar Harris konnte sich, trotz des Ernstes der Situation, ein Lächeln nicht verkneifen. Er war Mister March einmal begegnet und war zu der Ansicht gekommen, einen arroganten, bösartigen Mann vor sich zu haben. Dass Miss Nadine sein Verschwinden nicht bedauerte, konnte er durchaus nachvollziehen. Sie war eine apparte dunkelhaarige Schönheit mit faszinierenden grünen Augen und einer reizvollen Figur.

„Gut“, sagte er wieder ernst und erhob sich. „sie haben ihren Standpunkt klar dargestellt.“ Harris wandte sich von Nadine ab und ging ans Fenster. Sein Blick fiel auf einen weitläufigen gepflegten Garten. „Würden sie mir bitte jetzt die Frage beantworten, wann sie Mister March das letzte Mal gesehen haben.“

„Es muss am Dienstag gewesen sein“, antwortete Nadine mit ihrer melodischen Stimme, „als ich ihn in inniger Umarmung mit unserer Hausdame erwischte.“

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Die Juwelen glitzerten im Sonnenlicht (oder im Mondlicht, oder im Licht der Kronleuchter).

Die Juwelen glitzerten im Licht des vollen Mondes. Einer der Männer wandte sich in meine Richtung. Ich drückte mich eng, an die kalte Hauswand.

„Gib mir meinen Anteil“, sagte eine kratzige Männerstimme.

„Nein“, erwiderte der andere Mann, „ich kann dir nichts geben. Du weißt genau warum.“

„Das ist mir egal! Ich steige aus, also gib mir meinen Anteil“, der erste Mann war wütend.

Irgendwo knackte ein Ast.

„Psst!“, sagte der zweite Mann, „da ist wer.“

Ich schob mich wieder vor und spähte nach den Männern aus. Sie bewegten sich auf den Waldrand zu. Es waren nur noch ein paar Schritte.

Da sah ich zwei weitere Männer. Sie trugen lange Mäntel und Kapuzen. Die Juwelendiebe bemerkten die Verfolger und rannten los, während die Häscher erste Schüsse auf sie abgaben.

Ich verließ mein Versteck und folgte den vier Männern. Den Wald kannte ich in und auswendig.

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