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Archive for the ‘Mordsgeschichten’ Category

Nur die eine Runde

Laura zog die Laufschuhe an, heute würde sie es endlich mal wieder schaffen, die ganze Runde zu laufen. Sie versuchte es seit Wochen, es gelang ihr einfach nicht. Heute fühlte sie sich gut. Diesmal würde es sicher gelingen. Als sie die Haustür öffnete wehte ein heftiger Windstoß einige braune zerknitterte Herbstblätter in den Flur des alten Hauses. Laura achtete nicht auf sie.

Laufen, ermahnte sie sich, du musst laufen. Laura ging den Gartenweg zur Straße entlang, streckte sich, hob die Arme, hüpfte von einem Bein auf das andere. Noch war alles in Ordnung. Herzschlag und Puls normal. Sie sah es auf der App ihres Handys.

Laura betrat sie den Bürgersteig. Erst einen Fuß, dann den zweiten. Sofort erhöhte sich ihre Pulsfrequenz. Sie spürte, wie sich der Schlag ihres Herzens beschleunigte. Alles ist gut, sagte sie vor sich her, es ist vergangen, dir kann nichts passieren. Sie lief langsam los, setzte einen Schritt vor den anderen, sagte sich immer wieder ihr Mantra vor: alles wird gut, es ist vergangen, dir kann nichts passieren.

Bevor Laura die erste Kreuzung erreichte, war sie atemlos. Sie drosselte ihre Geschwindigkeit, lief nicht mehr, ging nur noch zügig. Immer wieder sah sie sich um. Niemand zu sehen. Die Straße war leer. Die Vorgärten der kleinen Vorstadthäuser lagen still da. Die meisten Nachbarn arbeiteten und die Kinder besuchten die Schule.

Laura blieb stehen. War da nicht ein merkwürdiges Knacken, ein Rascheln, ein Heulen, das nicht von der stürmischen Brise verursacht wurde. Alles wird gut, dachte Laura, alles wird gut, du musst weiter laufen, sonst gelingt das nie mehr. Sie widerstand der Versuchung sich umzudrehen.

Vorwärts, immer vorwärts, hatte Andrew ihr gesagt, aber was wusste er schon. Da, da war es wieder! Lauras spürte, wie ihr die Angst die Kehle zuschnürte. Diese merkwürdige Geräusch, ein Ratschen von Stoff, oder Zerreißen. Lauras Körper war von einer Gänsehaut überzogen, sie zitterte. Ein eisiger Schauer rann über ihre Beine hinauf in ihre Hüften, zog sich das Rückrad entlang. Ihre Nackenhärchen richteten sich auf.

Es waren höchstens 300 Meter bis zu ihrem Haus. Alles wird gut, betete Laura vor sich her, vorwärts. Aber sie konnte keinen Schritt tun. Es war wie damals. Nie würde sie diesen schrecklichen Tag vergessen. Ein Schlagen und Flattern. Laura fuhr herum, sprintete zurück zu ihrem Haus, den Vorgartenweg entlang, stürzte in den Hausflur und warf die Tür hinter sich zu. Schweratmend sank sie gegen die Tür, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie würde es nicht schaffen, nie mehr. Seit dem schrecklichen Tag vor zwei Jahren.

Der Mann sah Laura hinterher und grinste, während er den schwarzen Regenschirm zuklappte und das Klettbändchen verschloss. Sie würde die Runde nie mehr laufen, dafür würde er sorgen.

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Das ist also der letzte Beitrag für dieses Jahr 🙂 . Ein bisschen Grusel gefällig? Dann viel Spaß, beim Lesen.

Die Kirchturmuhr schlägt zwölf. Mitternacht. Ich schalte den Fernseher aus. Zeit schlafen zu gehen. Eigentlich wollte ich vor einer Stunde im Bett sein, aber wie das so ist – rumgezappt und hängen geblieben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei N24 zeigen sie um die Uhrzeit immer Knastdokus aus den USA. Brutal! Meterhohe Mauern und Stacheldraht. Gefangene mit Tattoos und Körpern wie Bodybuilder. Gehalten in Gitterzellen, von allen Seiten einsehbar oder in hermetisch abgeriegelten Kästen aus Sicherheitsglas.

Dagegen sind die Wärter blass und fluffig, wie Weißbrot. Nicht gerade das, was einem zu fünfmal Lebenslänglich verurteilten Serienmörder den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Für mich ist das ein Magnet des Grauens. Ich kann nicht abschalten, muss hinsehen. Wie können Menschen es in so einer Maschinerie aushalten? Ein hohler Betonklotz überfüllt mit Leibern, Gerüchen, Stimmen, Geräuschen aus Metall, Neonlicht und Gewalt laden die Atmosphäre auf. Ich würde verrückt. Immer Licht, immer Krach, Körper an Körper. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken.

Lissi hat sich schon hingelegt. Sie hatte wieder Zoff auf der Arbeit. Ihre blöden Arbeitskolleginnen mobben sie, seit sie zur „Chefsache“ befördert wurde. Eine beschissene Situation. Ändern will sie es auch nicht. Endlich verdient sie mehr Geld, kann schicke Kleider kaufen und mit dem Chef auf Geschäftsreise gehen. Auf den hat sie es seit ersten Tag abgesehen. Eine echte Augenweide, leider verheiratet. Zum Glück bin ich selbstständig und muss mir so einen Kollegenklüngel nicht antun.
Ich gehe ins Bad und putze mir die Zähne. Ob die Gefangenen ihren Mitinsassen Streiche spielen? Mit den Zahnbürsten das Klo putzen oder so? Bei dem Gedanken wird mir übel. Ich spüle mir den Mund mit Fresh Minze aus. Vor der Tür höre ich schnelle Schritte. Lissi kann wohl nicht schlafen? Ich strecke den Kopf zur Tür hinaus. Nichts zu sehen? Ich muss mich verhört haben, rede ich mir ein.

Bevor ich in mein Zimmer gehe, schaue ich kurz bei Lissi rein. Sicher ist sicher. Ein langer Lichtschein vom Flur fällt in ihr Zimmer. Mein Schatten ist drei Meter lang. Lissis Bett ist zerwühlt, aber sie liegt nicht darin. Gibt`s doch nicht. Ich lausche. Nichts zu hören. Wach ich oder träum ich? Ich kneif mir in den Arm. Mist, das tut weh!

„Lissi, verdammt, wo steckst du?“, rufe ich.

Nichts rührt sich. Die anderen Zimmer liegen still und dunkel da. Ob Lissi schlafwandelt? Diese Phänomene können durch psychische Anspannung ausgelöst werden. Hatte ich als Kind auch mal. Als meine Mutter abgehauen ist und mich und meine Brüder bei Verwandten zurückließ. Aber darum geht’s ja gerade nicht. Wo kann Lissi bloß sein? Die Wohnungstür ist verschlossen. Fest. Zweimal. Habe ich gerade gescheckt. Scheiße! Kann man einen Menschen in seiner eigenen Wohnung verlieren?

Im Wohnzimmer höre ich plötzlich Stimmen. Das unangenehme Gefühl in meinem Bauch zieht sich immer mehr zu einem dicken Knäul zusammen. Vorsichtig gehe ich zur Tür und öffne sie sacht. Ich atme auf. Die flimmernden Schattenwürfe und die Stimmen kommen vom Fernseher. Alles kein Hexenwerk. Ist von allein angegangen. Kann vorkommen. Hab ich schon erlebt. Bei meiner Nachttischlampe. Wackelkontakt, kosmische Störungen, was weiß ich. Werde morgen beim Fernsehfritzen anrufen, der soll sich das Gerät mal anschauen. Vielleicht sollten wir gleich einen neuen kaufen. Röhrengeräte sind so was von out.
Wo ist die Fernbedienung? Habe ich wohl vorhin auf`s Sofa geworfen. Am besten ich ziehe den Stecker. Ist sicherer. Nicht das der durchschmort und abbrennt, während ich schlafe.

„Kathy! Kathy!“

Das ist Lissi! Wo ist sie und warum schreit die so? Ich tauche zwischen den Sofakissen auf, die Fernbedienung in der Hand.

„Lissi! Wo bist du?“

„Hier!“, brüllt sie hysterisch.

Ich höre dumpfes Tok-Tok. Mein Blick fällt auf den Fernsehbildschirm. Das kann nicht sein! Unmöglich! Katrin steht im Pyjama in einer Zelle im Hochsicherheitstrakt in dem die Todeskandidaten untergebracht sind. Sie donnert mit den Fäusten gegen die Innenseite des Fernsehers. Dabei lässt sie den bulligen Gefangenen, der ihr mit einem tückischen Grinsen näher kommt, nicht aus den Augen. Ich erkenne ihn wieder. Das ist der Kerl, den sie vorhin in der Doku gezeigt haben. Der hat zehn Frauen vergewaltigt und umgebracht. Von denen sie wissen. Ein Irrer! Psychopath, Soziopath. Ich schätze, ich habe bei „Criminal Minds“ nicht aufgepasst. Was ist hier los!

„Bist du es wirklich?“

„Was denkst du?! Kannst du nicht gucken?!“, schreit Lissi außer sich.

„Lissi, komm da raus. Sofort!“, brülle ich.

„Wie denn?!“

„Keine Ahnung! Wie bist du darein gekommen?“

„Weiß auch nicht. Hol mich raus! Jetzt!“

Lissi fängt an zu heulen. Ich krieg`ne Gänsehaut und Panik. Der Häftling lacht. Er steht dicht hinter ihr. Er sagt etwas, dass ich nicht verstehe. Scheiße, was kann ich tun.

„Soll ich ausschalten?“, schreie ich.

„Nein! Bloß nicht. Tu irgendwas!“

„Aber was?“

Das Grauen lähmt mich. Ich stehe hilflos da und sehe zu, wie der Kerl Lissi in eine Ecke drängt und ihr die Kleider vom Leib reißt. Sie tritt und schlägt, schreit wie von Sinnen. Oh Gott, was kann ich tun? Ich dreh gleich durch.

„Ich rufe jetzt in dem Gefängnis an. Halte durch!“

Die denken bestimmt, da ist`ne Bekloppte am Telefon, sollte ich es überhaupt schaffen nach Amerika durchzukommen. Aber was Besseres fällt mir nicht ein. Ich stürze zum Telefon. Jemand packt mich am Shirt, reißt mich zurück und hält mich im Würgegriff.

„Du rufst nirgendwo an, Schätzchen“, höre ich eine bösartige Stimme an meinem Ohr. „ich will auch ein bisschen Spaß haben.“

Alles Liebe und einen guten Start ins Jahr 2015! Mit vielen kreativen Stunden und Inspirationen!

Eure Caro

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Die Kirchturmuhr schlägt zwölf. Mitternacht. Ich schalte den Fernseher aus. Zeit schlafen zu gehen. Eigentlich wollte ich vor einer Stunde im Bett sein, aber wie das so ist – rumgezappt und hängen geblieben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei N24 zeigen sie um die Uhrzeit immer Knastdokus aus den USA. Brutal! Meterhohe Mauern und Stacheldraht. Gefangene mit Tattoos und Körpern wie Bodybuilder. Gehalten in offenen Zellen, von allen Seiten einsehbar oder in hermetisch abgeriegelten Kästen aus Sicherheitsglas.

Dagegen sind die Wärter blass und fluffig, wie Weißbrot. Nicht gerade das, was einem zu fünfmal Lebenslänglich verurteilten Serienmörder den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Für mich ist das ein Magnet des Grauens. Ich kann nicht abschalten, muss hinsehen. Wie können Menschen es in so einer Maschinerie aushalten? Ein hohler Betonklotz angefüllt mit Leibern, Gerüchen, Stimmen, Geräuschen aus Metall, Neonlicht und Gewalt. Ich würde verrückt. Immer Licht, immer Krach, Körper an Körper. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken.

Lissi hat sich schon hingelegt. Sie hatte wieder Zoff auf der Arbeit. Ihre blöden Arbeitskolleginnen mobben sie, seit sie zur „Chefsache“ befördert wurde. Eine beschissene Situation. Aber ändern will sie es aber nicht. Sie verdient endlich mehr Geld, kann schicke Kleider kaufen und mit dem Chef auf Geschäftsreise gehen. Auf den hat sie es seit ersten Tag abgesehen. Zum Glück bin ich selbstständig und muss mir so einen Kollegenklüngel nicht antun.

Ich gehe ins Bad und putze mir die Zähne. Ob die Gefangenen ihren Mitinsassen Streiche spielen? Mit den Zahnbürsten das Klo putzen oder so? Bei dem Gedanken wird mir übel und ich spüle mir den Mund mit Fresh Minze aus. Vor der Tür höre ich schnelle Schritte. Lissi kann wohl nicht schlafen? Ich strecke den Kopf zur Tür hinaus. Nichts zu sehen? Ich muss mich verhört haben, rede ich mir ein.

Bevor ich in mein Zimmer gehe, schaue ich kurz bei Lissi rein. Sicher ist sicher. Ein langer Lichtschein vom Flur fällt in ihr Zimmer. Mein Schatten ist drei Meter lang. Lissis Bett ist zerwühlt, aber sie liegt nicht drin. Gibt`s doch nicht. Ich lausche. Nichts zu hören. Wach ich oder träum ich? Ich kneif mich in den Arm. Mist, das tut weh!

„Lissi, verdammt, wo steckst du?“, rufe ich.

Nichts rührt sich. Die anderen Zimmer liegen still und dunkel da. Ob Lissi schlafwandelt? Diese Phänomene können durch psychische Anspannung ausgelöst werden. Hatte ich als Kind auch mal. Als meine Mutter abgehauen ist und mich und meine Brüder bei Verwandten zurückließ. Aber darum geht’s ja gerade nicht. Wo kann Lissi bloß sein? Also die Wohnungstür ist verschlossen. Fest. Zweimal. Habe ich gerade gescheckt. Scheiße! Kann man einen Menschen in seiner eigenen Wohnung verlieren?

Im Wohnzimmer höre ich plötzlich Stimmen. Das unangenehme Gefühl in meinem Bauch zieht sich immer mehr zu einem dicken Knäul zusammen. Vorsichtig gehe ich zur Tür und drücke sie auf. Ich atme auf. Die flimmernden Schattenwürfe und die Stimmen kommen vom Fernseher. Alles kein Hexenwerk. Ist von allein angegangen. Kann vorkommen. Hab ich schon erlebt. Bei meiner Nachttischlampe. Wackelkontakt, kosmische Störungen, was weiß ich. Werde morgen beim Fernsehfritzen anrufen, der soll sich das Gerät mal anschauen. Vielleicht sollten wir gleich einen neuen kaufen. Röhrengeräte sind so was von out.
Wo ist die Fernbedienung? Habe ich wohl vorhin auf`s Sofa geworfen. Am besten ich ziehe den Stecker. Ist sicherer. Nicht das der durchschmort und abbrennt, während ich schlafe.

„Kathy! Kathy“

Das ist Lissi! Warum schreit die so? Ich tauche zwischen den Sofakissen auf, die Fernbedienung in der Hand.

„Lissi! Wo bist du?“

„Hier!“

Mein Blick fällt auf den Fernsehbildschirm. Das kann nicht sein! Unmöglich! Katrin steht im Schlafanzug in einer der Zellen im Hochsicherheitstrakt in dem die Todeskandidaten untergebracht sind. Sie lässt den bulligen Gefangenen, der mit einem tückischen Grinsen näher kommt, nicht aus den Augen. Das ist doch der Kerl, der 10 Frauen umgebracht hat, von denen sie wissen. Ein Irrer! Psychopath, Soziopath. Ich schätze, ich habe bei „Criminal Minds“ nicht aufgepasst. Was ist hier los!

„Bist du es wirklich?“

„Was denkst du?! Kannst du nicht gucken?“, schreit Lissi außer sich.

„Lissi, komm da raus. Sofort!“, brülle ich.

„Wie denn?“, schreit sie zurück.

„Keine Ahnung! Wie bist du darein gekommen?“

„Weiß auch nicht. Hol mich raus! Jetzt!“

Lissi fängt an zu heulen. Der Häftling lacht. Er sagt etwas, dass ich nicht verstehe. Scheiße, was kann ich tun?

„Soll ich ausschalten?“, schreie ich.

„Nein! Bloß nicht. Tu irgendwas!“

„Aber was?“

Die Panik lähmt mich. Ich stehe hilflos da und sehe, wie der Kerl Lissi in eine Ecke drängt und ihr die Kleider vom Leib reißt. Sie tritt und schlägt, schreit wie von Sinnen. Oh Gott, was kann ich tun? Ich dreh gleich durch.

„Ich rufe in dem Gefängnis an. Halte durch!“

Die denken bestimmt, da ist`ne Bekloppte am Telefon, sollte ich es überhaupt schaffen nach Amerika durchzukommen. Aber was Besseres fällt mir nicht ein. Ich stürze zum Telefon. Jemand packt mich am Shirt und reißt mich zurück.

„Du rufst nirgendwo an, Schätzchen“, höre ich eine bösartige Stimme an meinem Ohr. „ich will auch ein bisschen Spaß haben.“

 

Der Text entstand beim Freitagsschreiben. Die markierten Sätze sollten in den Text einfließen. Und das vorherrschende Gefühl im Text sollte „Entsetzen“ sein.

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Der Pub befand sich in einem schäbigen Viertel, in einer engen Seitenstraße. Ihr Kopfsteinpflaster glänzte vom Regen. Das Neonschild über dem Eingang mit der Aufschrift „Green Shamrock“ hatte seine besten Jahre gesehen, ebenso wie der Pub selbst. Zu der eisenbeschlagenen Eingangstür führten drei Stufen hinab und man befand sich im Souterrain eines alten verlassenen Fabrikgebäudes, dass eine Weberei beherbergt hatte. In seinen guten Jahren verschaffte sie hunderten Menschen Nahrung und Brot. Das war lange her und nur der Pub, ehemaliger Treffpunkt der Arbeiter, war übrig geblieben.

Im Schankraum war die Zeit stehen geblieben. Schwere rohe Eichentische und Stühle bildeten das Mobiliar auf ausgetretenem Ziegelboden. Die antiquarischen Hängelampen an den niedrigen Decken spendeten gelblich dumpfes Licht und gaben den schäbigen Tapeten und abgestoßenen Möbel einen gnädigen Anschein. In einer Ecke befand sich ein Podium mit einem schwarz lackierten Klavier und ein paar Stühlen für die Band.

Das Prachtstück im „Green Shamrock“ war der fünf Meter lange Tresen aus poliertem Nussbaumholz. Gedrechselte Säulen hielten einen Überbau, auf dem Malcolm der Wirt seine Schätze hortete. Elegante Flaschen mit honiggelbem Whiskey aller Altersklassen und Qualitäten, standen neben dickbauchigen Flaschen mit erdfarbenem Rum, gereift in Fässern, und schlanke konische Flaschen mit glasklarem Wodka. Daneben füllten andere Flaschen mit bunten Inhalten und großen Gläsern die Regale hinter der Bar, um neumodische Cocktails zu mixen. 

„Hallo Malcolm wie geht`s?“

Der hagere Mann im abgetragenen schwarzen Anzug tippte lässig an sein Hütchen.

„Danke Danny und selbst.“

„So lala. Habe gerade einen Hunderte beim Hunderennen verloren.

Malcolm grinste.

„Du solltest inzwischen schlauer sein mein Alter. Mach heute Abend ein gutes Spiel, dann gibt´s vielleicht ein ordentliches Trinkgeld von den Ladys.“

Er deutete mit dem Kopf auf einen Nischentisch, an dem vier luxuriös gekleidete Frauen mittleren Alters vor ihren Cocktails saßen. Nicht die Klientel, die sonst im „Green Shamrock“ verkehrte. Danny grinste anzüglich.

„Die mit den langen blonden Haaren ist ein heißes Geschoss. Erinnert mich an meine Ex.“

Malcolm wiegte den Kopf hin und her. Er kannte Dannys Ex, wildes Huhn. Hatte Dannys Klamotten aus dem vierten Stock geworfen, als sie erfuhr, dass er sie betrog. Na, ich hab ihn gewarnt, dachte Malcolm, Danny hätte vorsichtiger sein sollen.

„Was willst du trinken?“, fragte er Danny.

„Einen Doppelten zum Aufwärmen.“

Danny stieg auf das Podium. Bevor er den Deckel des Klaviers aufklappte, strich er zärtlich über das glatt lackierte Holz. Danny liebte es zu spielen. Es war das Einzige, dass er wirklich gut konnte. Er besaß echtes Talent, hatte aber nie gelernt es zu nutzen. So verbrachte er seine Wochenenden schon viele Jahre im „Green Shamrock“. Malcolm zahlte gut für den Abend. Drinks und Essen gab`s gratis und die Leute waren spendabel. Danny rückte sich den Klavierhocker zurecht und setzte sich.

„Hier Danny“, Malcolm stellte Danny den Whiskey aufs Klavier, „Slainte!“

Danny hob sein Glas, prostete Malcolm zu. „Slainte!“ dann nahm er einen kräftigen Schluck. Der goldene Alkohol floss mit einem leichten Brennen seine Kehle hinab. Danny legte die Finger sacht auf die Tasten, schloss die Augen, behutsam schlug er die ersten Tasten an, traumwandlerisch sicher. Dannys  verkniffenen Züge entspannten sich und die Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete tat ihm gut.

Die leise Klaviermusik nahm dem „Green Shamrock“ die nervöse Stille. Die vier Frauen, die zuvor nur wenige kurze Sätze gewechselt hatten, wurden langsam redseliger. Dazu trug mit Sicherheit auch ein extra Schuss Alkohol in den Cocktails bei. Malcolm hatte es sich zur Gewohnheit gemacht den ersten Cocktail des Abends mit mehr Destillat aufzupeppen. Das lockerte die Stimmung und führte zum nächsten Drink usw.

Emily, Beth, Sara und Paula kannten sich seit Kindertagen. Sie wohnten in einer spießigen Kleinstadt, besuchten dieselben Schulen und schrieben sich an derselben Uni ein. Jede kannte die Geheimnisse der anderen und auch als sie durch Jobs, Heirat und die Unwägbarkeiten des Lebens getrennt wurden, hielten sie ihre Verbindung aufrecht. Alle drei Monate trafen sie sich zum Plausch. Das Treffen im „Green Shamrock“ hatte nichts mit einem Schwätzchen unter Freunden zu tun. Es ging um eine ernste heikele Angelegenheit. Erpressung.

„Zeig mal deinen Brief.“

Beth nestelte nervös an ihrer langen Goldkette herum.

„Nein, bitte Sara! Das Ganze ist so peinlich, dafür gibt`s keine Worte. Du weißt doch was drin steht.“

Sara lachte gekünstelt.

„Schon. Aber ich will sicher sein, dass es wirklich derselbe Mann ist.“

Emily zog einen braunen Umschlag aus ihrer Coco Chanel Tasche.

„Er ist es!“, unwirsch zerrte sie das Foto aus dem Umschlag, „Hier! Das Tattoo. Meinst du es gibt viele Kerle mit einem chinesischen Drachen quer über den Rücken?“

Sara schüttelte den Kopf. Gebannt betrachtete sie das Foto, dass Emily und Jack, falls das sein richtiger Name war, in einer mehr als eindeutigen Pose zeigte. Ihr Foto sah beinahe identisch aus. Selber Mann, andere Frau. Sie dachte an die Nacht mit ihm und ein Schauer lief ihr über den Rücken, zog sich bis hinauf in ihren Nacken. Sara fühlte wieder die kühle Seide auf ihrer Haut, den Duft von Moschus und Liebessäften, das Prickeln des Champagners in ihrer Kehle. Jack war ein Gauner, ein Betrüger, ein Verbrecher – Abschaum. Es gab keine Bezeichnung die schlimm genug für ihn war, und doch hatte Sara mit diesem Kerl die beste aller Nächte verbracht. Sein muskulöser Körper wurde höchstens von Michelangelos David übertroffen und nicht nur das. Er war ein Liebhaber, wie sie vorher keinen gekannt hatte. Sie zweifelte ernsthaft daran, dass sie jemals wieder solchen Wahnsinnssex haben würde. Möglicherweise lag es an dem Reiz verruchten Reiz des Verbotenen, ein One-Night-Stand während einer Geschäftsreise. Aber Sara wusste, dass dies allein nicht gereichte, um sie zu beeindrucken. Tatsächlich beherrschte der Mistkerl das Spiel, als hätte er es erfunden. Jack kannte alle Tricks. Seine Finger waren Zauberstäbe, von seinem makellosen Schwanz ganz zu schweigen. Und was er mit seiner Zunge machte! Sara errötete bis unter die Haarspitzen, dankbar für das schummrige Licht, dass solche Peinlichkeiten kaschierte. Der Haken an der Sache war, Jack wollte sich für das Erlebnis der Extraklasse bezahlen lassen. Vierfach. Wie sich herausstellte trieb Jack in vielen Betten sein Unwesen. Saras Vermutung nach, waren sie nur die Spitze des Eisberges.

„Scheiße! Wir müssen was tun und zwar bevor er die Fotos an unsere Männer schickte. Tom schmeißt mich hochkant raus wenn er mitkriegt, dass ich ihn betrogen habe.“

Die Freundinnen sahen Paula irritiert an. Noch nie hatten sie Paula fluchen gehört.

Ich überlege noch, was ich mit Jack anstelle *g*, aber es sollte ihm schon etwas wehtun 😉 .

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Verdammt! Jetzt klemmt dieses blöde Ding auch noch, dachte ich, warum habe ich mich bloß von Sarina dazu überreden lassen, mir so ein teures Dessous zu kaufen.

„Dein Mann wird verrückt, wenn er dich in dem Teil sieht!“ sagte sie und kicherte.

120 Euro kostete allein die Korsage, ganz zu schweigen von den roten High Heels mit dem trendigen Metallabsatz.

„Luxus pur!“, pries die Verkäuferin das gute Stück und lächelte vielsagend.

Und ich? Ich dumme Kuh glaubte wirklich, dass Marten hin und weg wäre, wenn ich ihn nach der Arbeit in dem knappen Spitzenteilchen empfinge. Ich hätte es besser wissen müssen.

Aufgerüscht mit sündiger Korsage, halterlosen Strümpfen, String und den neuen roten High Heels stand ich im Türrahmen. Sogar Make-up hatte ich aufgelegt und die Nägel lackiert. Die Kosmetiktante war der Ansicht ich wäre der Knaller. Aus dem Radio dröhnte „Sexbomb“ von Tom Jones. Das hatte ihr wohl die Sinne vernebelt. Marten befand nämlich nur gehässig:

„Na, wieso hast du dir denn Kriegsbemalung aufgelegt?“

 „Um dich zu überraschen“, antwortete ich unsicher.

„Bei dir kann mich nichts mehr überraschen. – Und ehrlich, der Nuttenfummel macht’s auch nicht gerade besser.“

Genauso gut hätte er mich ohrfeigen können.

„Warum bist du so gemein? Ich dachte, du magst solche Sachen?“

„Ja schon. Aber du hast nicht die Figur für so ein Teil. Du siehst aus wie die Wurst in der Pelle.“

Ich drehte mich um, rannte ins Schlafzimmer und wollte dieses unbequeme Ding ausziehen, aber die Haken öffneten sich nicht. Tränen liefen mir über die Wangen. Ich schnappte mir meine Stoffschere und schnitt es auf. Endlich fiel es von mir ab. Die Tür ging auf.

„Ach ja und noch was – schmeiß mein Geld das nächste Mal nicht mehr für solche unnütze Klamotten raus. Dafür geh ich nicht arbeiten.“ Er drehte sich um und murmelte, „`ne Augenweide ist was anderes. Von dem toten Gaul hätte ich schon längst absteigen sollen.“

Mit Genuss stieß er mir das Messer ins Herz und drehte es auch noch um. Ich zog meine High Heels aus und folgte ihm in die Küche.

Marten hatte sich ein Bier aus dem Kühlschrank genommen und suchte nach dem Flaschenöffner. Der lag an derselben Stelle, wie seit 20 Jahren. Marten fand ihn nicht. Er drehte sich um.

„Wo ist der Scheißöffner?“, herrschte er mich an.

Ich hob den Schuh und schlug mit aller Kraft zu. Der metallverzierte Absatz blieb direkt zwischen seinen weit aufgerissenen Augen stecken. Wie in Zeitlupe sackte er zusammen. Die Bierflasche rollte über die Fliesen, bis sie vor dem Geschirrspüler liegen blieb. Ich hob sie auf, öffnete sie und nahm einen großen Schluck.

„Fragt sich, wer wohl von dem toten Gaul gestiegen ist“, sagte ich laut.

Marten antwortete nicht, rührte sich nicht, starrte nur auf einen imaginären Punkt. Ich ging zurück ins Schlafzimmer und zog mich an.

Es traf sich gut, dass Marten angefangen hatte, das Loch für den Pool zu graben, den ich nicht haben wollte. Bis zum Dunkelwerden dauerte es noch circa zwei Stunden. Eine gute Gelegenheit die High Heels wieder in den Schuhladen zu bringen. Zum Glück hatte ich den Kassenbon nicht weggeworfen. Sollte eine andere Frau ihren Spaß mit ihnen haben, ich hatte meinen.

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Postkartentext – von einem Schreibpartner

(auf der Karte ist ein Indiansummer-Wald hinter einem See mit Kanu zu sehen)

Hallöchen Schwesterherz,

du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön es hier ist. Kanada ist ein Traum. Zuerst hatte ich echt Schiss, dass es mir hier zu ruhig wird, aber ich kann dir nur eins sagen, damit kann ich leben. Es ist einfach nur himmlisch, nicht jeden Morgen von dem melodischen Gebrüll unserer lieblichen Mutter geweckt zu werden. Sogar die Kreissägen im nahe gelegenen Sägewerk klingen sanfter! J Aber du fehlst mir dafür umso mehr. Ich denke an dich und hab dich lieb.

1000 Drücker, bis bald

Seline

Text von mir:

Seline ließ ihren Stift sinken und dachte an die lauten Straßen Londons. Manchmal vermisste sie das pulsierende Leben, die Pubs und die Clubs, in denen sie bis in die frühen Morgenstunden tanzte. Hier in Carrigan gab es eine Bar, dass Golden Goose, für alles. Tanzvergnügen, Sportwetten, Billard, Steakhaus und Kaffeekränzchen.

Seline seufzte. Was hatte Oma Mary immer gesagt: wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Und von dieser Warte ausgesehen hätte sie es auch schlechter treffen können. Seline hatte ein eigenes Büro, auf dessen Tür ihr Name stand, eine Sekretärin, wenn man Alissa so bezeichnen konnte.

In ihrer Londoner Kanzlei waren die Sekretärinnen immer top gestylt. Make up, Frisur vom Coiffeur, und das schicke Business Kostüm mit Pumps gehörte zur Grundausstattung. Alissa trug Jeans, Turnschuhe, dazu T-Shirts mit den wildesten Logos und Aufdrucken. Ihre Frisur erinnerte stark an einen Punk-Irokesen. Alissa war im Grunde gegen alles. Rebellion ein Lebensstil und kein Anliegen. Aber was Recherche und Computerkenntnisse betraf, machte ihr niemand etwas vor. Neulich hackte sie sich sogar in den Rechner des CSIS, das war wirklich eine große Nummer.

Seline war immer noch erstaunt darüber, was Alissa in so einem Kaff wie Carrigan verloren hatte. Bei Nachfragen blockte sie sofort ab. Seitdem hegte Seline den Verdacht, dass ihre Sekretärin entweder auf der Flucht vor den Gesetzesvertretern lebte oder in einem Zeugenschutzprogramm steckte.

Selines Handy klingelte. Erschrocken zuckte sie zusammen. – Um Himmelswillen, seit wann gibt es im „Golden Goose“ ein Netz? – Sie erkannte die Nummer und ahnte Schreckliches. – Na klar, niemand hat hier Empfang, aber wenn meine Mutter anruft, dann gibt es kein Funkloch das groß genug ist, um mich darin zu verkriechen. – Seline zögerte. Nachdem das Handy gefühlte zwanzig Mal geklingelt hatte, gab sie auf. Ihre Mutter würde es wieder versuchen, da konnte sie dieses Gespräch auch gleich führen. Seline nahm den Anruf an und wappnete sich innerlich gegen die kommende Tirade.

„Hallo Mama.“

„Ich habe schon sooft auf deine Mailbox gesprochen, wieso rufst du nicht zurück?“

„Dir auch einen schönen Tag, Mutter!“

„Mutter, Mutter! Treuloses Kind. Erst machst du dich bei Nacht und Nebel aus dem Staub und dann meldest du dich nicht mehr.“

Seline verdrehte die Augen. – Nacht und Nebel, na klar!-

„Und verdreh nicht deine Augen.“

Seline sah sich erschrocken um. Sie erwartete direkt in das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, aber sie war allein. – Woher weiß sie das? –

„Ich kenne dich, Missy.“

Kam die Antwort postwendend. – Und Gedankenlesen kann sie auch. –

„Mutter, ich bin beinahe dreißig Jahre alt. Ich weiß was ich tue.“

„Aber scheinbar nicht, was du mir antust!“

Die Stimme von Miss Monroe kippte ins Hysterische.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so verlassen hast.“

„Zum hundertsten Mal! Ich habe dich nicht verlassen. Ich will endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Das hättest du auch hier in London tun können. Dein Vater hätte dir eine Kanzelei eingerichtet.“

„Aber ich will unabhängig sein, Mutter. Verstehst du?“

„Ich verstehe gar nichts. Willst du uns bestrafen?“

Seline schüttelte den Kopf. – Mutter wird nie verstehen, dass ich nicht ewig die kleine Tochter des großen Strafverteidigers Sir Albert Monroe bleiben will, sondern Seline Monroe, Anwältin. Dass ich dafür bis nach Kanada gehen muss, habe ich zwar nicht gedacht, aber so liegen wenigstens der riesige Atlantik und ein Teil der kanadischen Wildnis zwischen mir und ihnen. –

Plötzlich erklang ein Piepton vom anderen Ende der Leitung. Das Netz war zusammengebrochen. Seline sandte ein Stoßgebet zum Himmel, der große Handynator hatte ein Einsehen und sie von ihrer Mutter erlöst. Vorerst. Vor Alissa verschonte er sie nicht.

„Da sind sie ja. Ich habe sie schon überall gesucht!“

Alissa ließ sich auf die gegenüberliegende Polsterbank fallen. Ihr Iro war heute Morgen gelb-grün und auf ihrem T-Shirt prangte ein riesiges Hanfblatt mit dem Logo „Gebt das Hanf frei“.

Seline überlegte einen Moment, ob sie gegen Alissas Outfit protestieren sollte. Immerhin war sie Anwältin und dem Gesetz verpflichtet. – Andererseits, was macht das schon? Weniger Mandanten werde ich dadurch nicht haben. Als einzige Anwältin im Umkreis von 150 Meilen.-

„Überall gesucht finde ich etwas übertrieben, wenn man bedenkt, dass Carrigan nur zwei Hauptstraßen und vielleicht 15 Nebenstraßen hat“, wendete Seline ein.

„Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Und Carrigan hat 23 Nebenstraßen!“, Alissa sah Seline an, als hätte sie es mit einem zurückgeblieben Kind zutun. „Sie wissen was ich meine. Ich bin auch nur gekommen, weil der Mann am Telefon gesagt hat, es wäre dringend und sie sollen sofort zum Bearscreek – Hotel kommen.“

„Und wer war der Mann am Telefon?“, Selines Geduld war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft.

„Ich glaube der Bulle.“

Alissa zuckte gleichgültig, mit den Schultern. Sie machte sich nichts aus Polizisten, um nicht zu sagen, sie hatte eine Antipathie ihnen gegenüber.

„Sie glauben es war Sheriff Cole? Es geht um Fakten und Tatsachen. Das ist in meinem Beruf essenziell.“

„Fakten, Fakten, Fakten“, betete Alissa herunter, „wenn sie mich nachts wecken, würde mir das als erstes einfallen. – Was ist jetzt, fahren wir nach Bearscreek raus oder nicht?“

„Wir? Ich denke, sie mögen keine Bullen.“

„Tu ich auch nicht. Aber bei dem Wetter habe ich keine Lust den ganzen Tag in dem muffigen Büro zu hocken, während sie sich einen schönen Tag am See machen.“

„Meinetwegen. Aber ich fahre! In ihr Auto steige ich nie wieder.“

Seline dachte mit Schrecken an die Todesangst, die sie ausgestanden hatte, als sie vor drei Wochen mit Alissa fahren musste, weil ihr Rover zur Inspektion in der Werkstatt war.

„OK. Aber wenn wir nicht bald fahren, sitzt Mister North im Knast.“

Seline verschluckte sich an ihrem letzten Tropfen Kaffee.

„Mister North in den Knast? Was soll das heißen?“

„Der Bulle ist der Ansicht, Mister North hätte seinen Bruder um die Ecke gebracht. Deswegen sollen sie ja hinfahren.“

„Und das sagen sie mir erst jetzt?!“

„Wäre es sonst schneller gegangen?“

Alissa sah Seline mit einem Unschuldsblick an. Seline beschloss sie zu ignorieren. Sie legte das Geld auf den kleinen Teller neben die Rechnung und eilte zur Tür.

„Los, Alissa, schlafen sie nicht ein“, rief sie ihrer Sekretärin über die Schulter zu, „sonst fahre ich ohne sie.“

Alissa war genau der Typ Mensch, den Seline ihrer Mutter gönnte und umgekehrt. – Vielleicht sollte ich die beiden zusammen auf eine einsame Insel schicken. Wer von beiden wohl zuerst einen Nervenzusammenbruch bekäme? – Seline grinste. Der Gedanke verbesserte ihre angeschlagene Laune immerhin soweit, dass sie die Fahrt nach Bearscreek genießen konnte, obwohl sie Alissa im Schlepptau hatte.

Der Anfang dieser Krimistory entstand in einem Schreibkurs. Der Text auf der Postkarte wurde von einer Mitschreiberin geschrieben, was mich zu der folgenden Geschichte inspirierte.

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Sternenhimmel

„Sternenhimmel, ich seh den Sternenhimmel“, dröhnte es aus den Boxen. Ich mochte „kleine Taschenlampe brenn“ von Markus eigentlich lieber, aber für eine rasante Autobahnfahrt eignete sich Hubert Kah besser. Da ging die Post ab. Ich drehte den Lautstärkeregler weiter auf. Die grollenden Bässe versetzten meinen Körper in angenehme Vibrationen und schlugen mir die Gedanken aus dem Kopf.

Vor einer Stunde hatten meine Hände noch gezittert und ich hatte getobt und geschrien. Jetzt war ich die Ruhe selbst. Meine Finger umfassten das weiche Lederlenkrad und mein Blick war klar und konzentriert auf die Schnellstraße gerichtet. Der weiße Mittelstreifen flog, wie ein Endlosband an an mir vorbei und der Kegel der Scheinwerfer erzeugte einen sicheren Tunnel aus Licht, der mir den Weg wies.

Autofahren beruhigte mich. Das Dahingleiten über den Asphalt, das monotone Brummen des Motors. Schon als Kind hatte mich das Geräusch in den Schlaf gewiegt. Im Moment war ich hellwach, aber ich befürchtete, dass mich eine große Müdigkeit überfallen würde, sobald sich das Adrenalin in meinem Körper verteilt und wieder einen normalen Pegel erreicht hatte.

Ich parkte den Maybach Exelero nah an der Klippe. Matthew war ein großer, schwerer Mann, und es hatte mich enorme Anstrengungen gekostet, seinen leblosen Körper ohne Hilfe in den Kofferraum des Wagens zu hieven. Ich zog und zerrte eine ganze Weile an Matthew herum, bis er schließlich mit einem dumpfen Aufschlag auf den lehmigen Boden stürzte.

Das Kofferraumlicht fiel auf Matthews Gesicht. Ich sah auf ihn herunter. Sein Blick war starr und kalt. Der Tod hatte nichts daran geändert. Sein Mund stand offen, als wäre er erstaunt darüber, dass ich, das kleine, dumme Frauchen, es fertig gebracht hatte, die Waffe gegen ihn zu richten und abzudrücken. Immerhin kamen nun keine gemeinen und verletzten Worte mehr über seine Lippen. Der Mann, dem ich ewige Treue in guten und schlechten Tagen geschworen und der mir das Leben zu Hölle gemacht hatte, konnte mir nichts mehr anhaben.

Ich schleifte Matthew mit letzter Kraft zum Rand der Klippe und stieß ihn hinunter. Sein Körper schlug auf die spitzen Felsen, die aus den tosenden Wellen des Atlantiks aufragten. Ein Hai der von Haien gefressen wird, schoss es mir durch den Kopf.

Ich stieg ins Auto, startete den Motor und fuhr los. Es gab nicht viele Besitztümer, die ich mit genommen hatte. Einige persönliche Erinnerungsstücke, etwas Kleidung, meinen neuen Pass und mein Schweizernummernkonto, auf das ich Matthews Gelder transferiert hatte. In ein paar Stunden würde ich in New York landen und meine guten Tage konnten beginnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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