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Archive for the ‘365 Tage Projekt’ Category

Irgendetwas hatte angefangen, aber es hatte noch keinen Namen. Eine fieberhafte Nervosität befiel Bryand. Er schloss sich in der Bibliothek ein und machte sich auf die Suche nach dem Buch der Seher. Bryand wusste, dass er es zuletzt im Jahre 1223 gesehen, ihm damals aber noch zu wenig Bedeutung beigemessen hatte. Zu der Zeit nahmen ihn die Kreuzzüge in Anspruch und Bryand hatte das Buch wieder ins Regal gestellt. Irgendwo ganz hinten in den letzten Reihen.

Bryand hörte wie jemand mit der Faust gegen die Tür hämmerte.

„Was ist los?“, rief Bryand.

Er stand auf einer Leiter und angelte nach einem dicken Lederband.

„Bryand, komm endlich aus der Bibliothek. Du bist schon seit zwei Tagen da drin.“

„Ich kann nicht. Zuerst muss ich das Buch finden, Hendrik.“

Bryand reckte sich weiter, erreichte den Band und griff zu.

„Dann lass mich dir helfen. Zwei Augenpaare sehen mehr, als eins.“

Das Buch wackelte und fiel herunter.

„Bryand!“, Hendrik rüttelte an der Tür, „ist dir was passiert.“

„Nein“, hörte er es dumpf nach außen dringen, „warte ich komme und öffne dir.“

Hendrik verdrehte die Augen. Dass sein Onkel aber auch so verdammt dickköpfig sein musste. Selbst nach sechshundert Jahren hatte er sich immer noch nicht daran gewöhnt.

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„Es fing ganz harmlos an.“

Er sah sie mit einem schiefen Grinsen an. Ihr Gesichtsausdruck blieb ausdruckslos.

„Fängt es so nicht immer an?“, ihre Stimme klang monoton.

„Außerdem ist nichts weiter passiert. Nur ein Kuss.“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Wirklich nur ein Kuss.“

Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Jedes Wort wäre zu viel gewesen. Erst machte sie ihm Vorwürfe, dann redete er und redete, bis sie so müde war, dass sie aufgab wütend auf ihn zu sein. Bis zum nächsten Mal. Irgendwann musste das ein Ende haben, sie wusste nur noch nicht wann.

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„Kennst du mich noch?“

Was für eine Frage, dachte ich, als könnte ich dieses Monster jemals vergessen. Ich drehte mich um und sah in das gutgeschnittene Gesicht.

„Nein, müsste ich mich an sie erinnern?“, fragte ich so beiläufig wie möglich.

Er grinste und in diesem Moment legte sich dieses verschlagene Funkeln in seine Augen, dass mir bei unserer Begegnung vor vier Jahren entgangen war. Hätte ich es doch sofort bemerkt, doch ich war von seiner Erscheinung und seinem Charme geblendet und erkannte nicht, wie abgrundtief böse er wirklich war.

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Das große Ungeheuer names Februar hatte mich mit Haut und Haar verschlungen. Meine Nase lief, ich hustete und prustete, wälzte mich im Fieber und spürte jeden einzelnen Knochen meines geschundenen Körpers.

„Wir müssen einen Arzt rufen, Herr“, jammerte meine Haushälterin, „sie werden sonst sterben.“

Ich schüttelte den Kopf und wurde von einem neuen Hustenanfall überfallen.

„Nein, Miss Miller“, keuchte ich, „es wird schon wieder gehen.“

Wie hätte ich der armen Frau erklären sollen, dass jeder halbwegs ausgebildete Arzt erkennen würde, dass mit mir etwas nicht stimmte. Und einen Quacksalber würde ich niemals an meinen Körper heranlassen.

 

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„Was war das Schrecklichste, das du je getan hast?“

Sander sah mich aufmerksam und mit einem lüsternen Funkeln im Blick an.

„Das ist eine merkwürdige Frage, besonders da wir uns kaum kennen“, wehrte ich ab.

Ich stand auf und ging zum Fenster. Ich wollte nicht, dass er mein Gesicht sehen konnte. Denn trotzdem wir uns erst vor ein paar Tagen in diesem Hotel kennengelernt hatten, war ich von ihm fasziniert. In verschiedener Hinsicht. Erstens war ein ausgesprochen gutaussehender Mann. Tatsächlich war er geradezu schön. Und zweitens schien er in den Menschen lesen zu können. Ihre Wünsche, ihre Neigungen – gute wie schlechte – und mehr als einmal erlebte ich, dass er ihnen ihre Geheimnisse entlockte. Wie er es machte war mir unbegreiflich. Eins war mir allerdings aufgefallen. Sander sah der betreffenden Person tief in die Augen oder er berührte sie.

Ich musste mich vor ihm in Acht nehmen. Mein Geheimnis durfte nie bekannt werden, auch wenn es bedeutete, dass ich mich von Sander fernhalten musste.

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„Wenn dir jemand einreden will, es gäbe keine Monster, glaub ihnen kein Wort“, flüsterte der alte Mann.

Magnus sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

„Was redest du für einen Unsinn, Alter!“, winkte er ab, „du hast viel zu tief ins Glas geschaut. Aus dir spricht der Fusel.“

In seiner Ehre gekränkt richtete sich der Mann auf. Sein Blick war klar und seine Stimme fest, als er sagte:

„Ich habe die Monster gesehen, Herr. Wenn ihr mir nicht glaubt, überzeugt euch selbst.“

Er legte ein Goldstück auf den Tresen. Der Wirt starrte ungläubig darauf, dann schnappte er danach, als würde sein Leben davon abhängen.

Der Alte erhob sich. Magnus rührte sich nicht.

„Nun, Herr? Habt ihr Angst oder seid ihr bereit, zum Abenteuer eures Lebens aufzubrechen.“

Träge erhob Magnus sich. Was kann es schaden, dachte er, allenfalls ein paar verschenkte Stunden.

„Aber ich muss euch warnen: wenn ihr sie einmal gesehen habt, gibt es kein Zurück.“

Wieder winkte Magnus ab.

„Unk nicht, sondern zeig mir deine Monster, dann werden wir ja sehen.“

Der Mann nickte mit bedeutungsschwerem Blick. Magnus sah ein gefährliches Funkeln, das zuvor nicht dagewesen war und fühlte einen leisen Zweifel aufsteigen. Doch sein Stolz verbot ihm, sein Angebot zurückzuziehen.

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Ein Vogelschwarm schwebte auf dem Wind, wie hunderte Papierschiffchen auf einem See.

Lange folgte ihnen mein Blick. Wie gerne wäre ich mit ihnen geflogen, hätte dieses bedrückende dunkle Leben hinter mir gelassen. Ich schloss meine Augen, breitete die Arme aus und stellte mir vor sie wären besetzt mit langen Schwungfedern. Eine starke Brise umspülte mich, die Haare wehten im Wind, meine Kleidung schlackerte um meinen Körper. Jetzt mit den Flügeln schlagen, dachte ich und imitierte die Bewegung. Erst langsam, sacht, dann mit immer raumgreifenderen Schwingungen. Der Wind nahm zu.

Ich riss die Augen auf, rannte gegen ihn los, meine Arme kräftig schlagend. Dann vor mir der Abhang. Es gab nur den Bruchteil einer Sekunde zu entscheiden: springen oder anhalten. Ich sah die Vögel nur noch als winzige dunkle Punkte über dem Horizont. Spring! Schrie die Stimme in meinem Kopf. Ich gehorchte.

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