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Archive for the ‘Marios Texte’ Category

Es war der Letzte von zehn Tagen. Die Teilnehmer saßen bereits mit genervtem Blick auf unbequemen Stühlen im Halbkreis.
„Natürlich“, wetterte er und stützte sich mit den Fäusten auf den Tisch. „Natürlich wollen sie entdecken, worauf es ankommt. Keine Frage. WIR, ja WIR sind die letzten Erziehungsinstanzen. Denen bringt doch keiner mehr etwas bei.“

Seine Stimme begann zu pfeifen, als er nach Luft schnappte. Doch er polterte direkt weiter, ohne zu bemerken, dass ihn alle mit aufgerissenen Augen ansahen.

„Kriminell und faul wie Schlepperbanden!“, fauchte er. „Keiner von denen hat je gelernt, wie man arbeitet. Die kommen aus der Universität und ziehen über uns her wie Heuschrecken! Aber diese Schlawiner, denen werde ich es zeigen! Ich ziehe ihnen die Ohren lang, bis man sie mit Mikadostäbchen wie Zeltstangen aufspannen kann!“

Der Bilderfriedhof hinter ihm lief einfach weiter über die portable Leinwand und erfüllte den abgedunkelten Raum mit wechselnden Farben, während die Zuhörer aus der ersten Schockstarre erwachten und sich leise murmelnd gegenseitig ansahen.

„Und jeder weiß es besser. Ein Zeitsprung nach dem anderen im Kopf, keine Konzentration, immer den roten Faden verlieren und … Sie wissen, was ich meine. Wenn … also … keinen Anstand … Neulich erst, das werden Sie sich jetzt merken, da kam einer von diesen … hat jetzt einer was zu schnabulieren, verdammt?! Passen Sie doch auf. Hier spielt die Musik, Sie …“.

Keiner zeigte eine Reaktion, niemand wollte zu seinem persönlichen Opfer und vorgeführt werden. Mit hochrotem Kopf streifte sein Blick durch die Teilnehmer, die ihre Blicke senkten und unverdächtig auf Uhren und Fingernägel schauten, um keinen Blickkontakt herzustellen. In seinem Gehirn lief eine unendlich komplizierte Analyse der Personen ab.

„Sie da!“, keifte er und zeigte auf einen jungen Mann mit Hemd und Krawatte. „Welchen Geschmack hat ein Gewächshaus?“

„Wie bitte? Meinen Sie …“

„Irrelevant. Ich wollte nur schauen, ob Sie noch aufpassen. Aber weit gefehlt, mein Freund, weit gefehlt. Ich sehe schon, was in Ihnen vorgeht. Sie denken nur an sich, was Sie heute Abend kochen, in Ihrer feinen Edelstahlküche mit Ihrer Bilderbuchfrau, immer bedacht auf Ambiente. Ambiente, ACH HÖREN SIE DOCH AUF MIT IHREM AMBIENTE! Was wollen Sie eigentlich? Kein Mensch hat Sie gefragt! Da wird Ihnen auch nicht die Wasserqualität Ihrer Wiederaufbereitungsanlage helfen. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?! SIE UNGETÜM, wenn ich Sie nur sehe …!“

Mit diesen Worten stoppte seine Talfahrt so abrupt wie erleichternd. Sein Gesicht wechselte von Rot nach Blau über Weiß, um dann in versteinerter Mimik stecken zu bleiben. Das Publikum wurde ganz still, einige in den hinteren Reihen zückten jedoch Ihre Smartphones, um Bilder zu machen und wenige Sekunden später kippte er nach vorne, um mit einem lauten Rumpeln stumpf auf den Boden zu fallen. Einige schreckten hoch, eine ältere Frau sagte:

„Wir brauchen einen Krankenwagen!“

In dem Moment trat aus dem dunklen Hintergrund der Konzernchef ins Licht und sagte mit beruhigender Handbewegung:

“Nur keine Sorge, das ist nicht nötig – in unser aller Interesse. Danke für Ihre Geduld und Ihre Teilnahme an diesem Antiaggressionstraining.“

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Dunkel, dicht und stark verwoben,
mit der Zeit immer enger verflochten,
Steine, die niemals Menschen schoben
Und Blumen, die immer schon rochen.

Hinter Hecken und Gebüschen,
unter Brücken aus verziertem Stein,
Versteckt in den Gerüchen
muss der Orchideen-Code sein.

Drei Schwestern, sie sangen,
das Lied ihrer Sehnsucht,
übertragen und gefangen,
In Orchideen in der Feen-Bucht.

Der Wind trägt das Geheimnis,
über das Grün des Garten,
Denn solange es geheim ist,
kann es keiner erraten.

Seit hunderten Jahren,
Seit Generationen,
Seit Anfang der Zeit,
… seit Äonen.

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Eier, die keine Henne legte, liegen plötzlich auf meinem Frühstückstisch
Sie müssen gewachsen sein, als ich weg war, also komm belüg‘ mich nicht!
Ich überführe dich und dann erübrigt sich,
Wie die Eier da nur hinkamen, noch heiß und doch so trügerisch.

Wir haben kein Huhn und keinen Hahn hier, also wer hat’s da hingelegt?
Es ist niemand hier, der mehr als nötig einen Finger regt.
Sind wir jetzt geweiht von den weißen Federgeistern
und können wir statt Kleber auch mit Eiweiß kleistern?

Keiner hat’s gesehen, es war plötzlich vorhanden,
Ich blieb ruckartig steh’n, denn ich hab’s nicht verstanden.
Selbst Onkel und Tanten sowie Oma und Opa,
sagen dass selbst früher hier schon niemals ein Huhn war.

Was soll das heißen, das Ei war zuerst da?
Ein Huhn musste es doch legen nach dem Motto „Erster!“
Es ploppt nicht einfach auf, es kam aus einem kleinen Loch,
Wenn du sagst „Muss es nicht“, sag ich „Ätsch, muss es doch!“

Ich habe recherchiert und ein Ergebnis erzielt,
Es war ein Zyklop mit zwei Augen und der schielt,
Gerade sehr verdächtig zu Boden, verzweifelt,
Hatte sehr gehofft, dass ich’s nicht begreife.

Doch jetzt ist mir egal, wer es mir in den Becher mogelte,
Völlig irrelevant, auch wenn ich tausendmal googelte.
Schnell den Salzstreuer her, bevor es sich verflüchtigt,
Ich sage Euch, diese Eier sind berüchtigt.

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Eine Sache ging ihr immer wieder durch den Sinn. Wie um alles in der Welt sollte sie an die Schokolade kommen, die sie im Schaufenster liegen sah? Sie stand schon mindestens zehn Minuten vor dem Schaufenster und starrte wie versteinert auf eine haselnussbraune Tafel Schokolade, die wie eine überdimensionale Münze geformt war.
Ihre Arme, die bisher nur schlaff herunterhingen, bewegten sich langsam nach oben. Zwei Hände patschten auf das Glas und ein Kopf, dessen Augen immer größer wurden, näherte sich der Scheibe. Noch konnte sie sich zurückhalten, doch schon bald verlor sie die Beherrschung drückte ihr rundes Gesicht immer fester gegen die Scheibe. Stirn, Nase und Mund bildeten eine senkrechte Linie, Speichel floss ihr aus dem Mundwinkel und tropfte auf ihre kleinen, schwarzen Lackschuhe. Dass sie bereits einen leichten Sonnenbrand im Genick hatte, störte sie nicht. Dass bereits einige Menschen um sie herumstanden, die sie beäugten, wie sie die Schokolade beäugte, störte sie ebenso wenig. Selbst ein kleiner Dackel, der ihr um die Beine tapste und sie mit seinem rauen Fell streifte, vermochte sie nicht von ihrem Blick auf diese leckere, einfach so da liegende Schokolade zu lösen, die sie sich am liebsten in Mund, Nase und Ohren gleichzeitig schieben würde, nur damit alles ihres war und niemand sonst sich daran ergötzen konnte. Da sie aber erst sieben Jahre alt war und nicht genug Taschengeld hatte, stand sie da und bewachte geistesabwesend die Schokolade.

Dieser schöne Text entstand in einer Schreibstunde in meinem Schreibkurs und ich möchte ihn euch, mit Marios Einverständnis, nicht vorenthalten.

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