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Posts Tagged ‘Abt’

Franz stand vor dem Kloster hinter der dicken Eiche. Das pfahle Licht der Mondsichel warf einen schwachen Lichtschein auf die nächtliche Szene. Nur in der Zelle des Abtes brannte noch eine Lampe. Franz zappelte ungeduldig von einem Bein auf das andere.

Der Alte dehnt sein Abendgebet heute besonders lange aus, dachte er verzweifelt. Sein Magen knurrte. Seine Geschwister und seine kranke Mutter warteten zu Hause auf ihn, in der Hoffnung auf ein herzhaftes Abendessen. Dieses erhoffte er sich hinter den Klostermauern, denn er wusste, dass sich die Mönche in einem umzäunten Gelände im Klostergarten Gänse hielten, die sie bis zum Weihnachtsfest mästeten.

Franz war wütend, wenn er daran dachte. Seine Familie hungerte und die Mönche lebten in Saus und Braus. Da lobte er sich den Eremiten, der in einem entlegenen Winkel des Waldes hauste. Dieser lebte wenigstens so wie er es predigte, bescheiden und zufrieden.

Da! Das Licht im Zimmer des Abtes erlosch und Franz wollte sich gerade hinter seiner Eiche hervor wagen, als er ganz in seiner Nähe ein Geräusch vernahm und innehielt. Vielleicht war es nur ein Tier, das sich bewegt hatte? Er starrte in die Dunkelheit.

Unterdessen wurde die kleine Seitentür, neben der großen Klostertür geöffnet, und im Lichtstrahl einer Laterne erkannte Franz den Eremiten an seinem langen Bart. Sicher hatte er seinen Glaubensbrüdern einen Besuch abgestattet und wollte nach seinen Gebeten nach Hause gehen. Da geschah etwas, das Franz den Atem stocken ließ. Ganz in seiner Nähe kam hinter einem Baum eine Person aus ihrem Versteck. Franz erkannte Lotte. Seine Lotte! Seine Verlobte Lotte! Er fürchtete in Ohnmacht zufallen.

Lotte trug den Strohhut, den er ihr als Verlobungsgeschenk gekauft hatte. Vom Munde hatte er ihn sich abgespart, immer mit dem schlechten Gewissen seiner Mutter und seinen Geschwistern gegenüber. Und sie, die Treulose, schlich nachts in der Gegend herum und traf sich mit diesem angeblich ach so keuschen, weltabgewandten Ordensbruder.

Franz wurde übel, als er sah, dass die beiden übereinander herfielen, während die Lampe scheppernd zu Boden fiel. Er hörte ihr Gestöhne. In seiner Ohnmacht ballte Franz die Fäuste.

Ich töte diesen Bastard! Nimm mir die Frau und verlustierte sich mit ihr. Wer weiß, wie lange die zwei es schon miteinander trieben, rasten die Gedanken durch seinen Kopf, soll ich sie auch töten? Mir hat sie diese Art der Zuneigung immer verweigert und mich mit auf unsere Hochzeitsnacht vertröstet. Dieses Luder! Ich werde sie mit bloßen Händen erwürgen.

Während Franz über eine Rache nachdachte, die ihn am meisten befriedigen würde, war das Pärchen vor der Klostertür so miteinander beschäftigt, dass es die Zuschauer, die sich um sie herum versammelt hatten, nicht bemerkte. Erst die donnernde Stimme des Abtes riss sie aus ihrer Ekstase.

„Bruder Lucius, wie konntest du mein Vertrauen so schändlich enttäuschen? Zieh deine Hosen hoch und sofort in die Büßerzelle!“

Zwei Minuten später lag das Kloster wieder im Dunkeln, nur Lotte stand halbangezogen auf der Wiese. Franz brach hinter seiner Eiche in hysterisches Gelächter aus. Verwirrt sah Lotte sich um.

„Franz?“, fragte sie ängstlich.

Er kam aus seinem Versteck.

„Du untreues Luder!“, schrie er sie an, „komm mir ja nicht mehr unter die Augen!“

Er ohrfeigte sie mit aller Kraft, riss ihr den Strohhut aus den Händen und machte sich auf den Heimweg.

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