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Posts Tagged ‘andere Seite’

Geh nie mit einem Fremden

„Hallo Sandrine!“

Oh Gott, das ist Mary.

„Sandrine warte! Ich muss dir was Wichtiges sagen.“

Ich sehe mich verzweifelt um. Verdammt wo ist der Ausgang.

„Sandrine!“ Marys Stimme klingt hysterisch. „Wichtig! Hörst du?“

Ich verstecke mich hinter einem Mann. Er ist fast zwei Meter groß.

„Eben habe ich sie doch gesehen?!“

Mary ist ganz in der Nähe. Der Mann bewegt sich. Ich drehe mich mit.

„Aua. Das war mein Fuß.“

Er blickt auf mich herunter. Ich werde rot.

„Entschuldigung. Ich suche den Ausgang.“

Er grinst. Nettes Lächeln und faszinierende Augen.

„Darf ich sie begleiten.“

Ich habe eigentlich einen Freund. Soll ich das sagen? Aber darum geht es ja nicht. Hauptsache ich werde Mary los.

„Warum nicht.“

„War das eine Frage.“

Verdammt! Jetzt will der Konversation machen.

„Sandrine! Ich weiß, dass du da bist.“

Sie ist ganz nah. Ich recke mich. Marys roter Haarschopf leuchtet vor mir auf.

„Ich muss los.“

Der Mann fasst nach meiner Hand.

„Kann ich sie wiedersehen?“

Ich zucke mit den Schultern.

„Ich habe einen Freund.“

Er grinst wieder. Das scheint kein Hindernis zu sein.

„Sandrine! Es ist ganz wichtig. Echt jetzt.“

Ich dränge mich durch die Masse. Irgendwo ist der verdammte Ausgang. Ich sehe das grüne Schild. Notausgang. Nur noch ein paar Schritte. Ich lege die Hand auf der Klinke.

„Das ist nur für Notfälle.“

Er ist mir gefolgt. Sehr schmeichelhaft.

„Das ist ein absoluter Notfall.“

Ich drehe mich zu ihm um.

„Das sehe ich auch so.“

Wieder dieses Lächeln. Unergründlich und dunkel. Mir ist plötzlich schwindelig. Er öffnet die Tür. Greift nach meiner Hand. Er zieht mich auf die andere Seite. Ganz fest hält er mich. Die Tür fällt ins Schloss. Es ist stockdunkel. Ein kühler Lufthauch streichelt meine Haut. Mein Herz zieht sich zusammen. Was ist hier los?

„Sandrine!“ Mary klopft heftig gegen die Tür. Ihre Stimme schnappt fast über. „Du darfst heute mit niemandem mitgehen. Danach gibt es kein Zurück.“

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„Bringen sie mich auf die andere Seite!“

Leas Stimme duldete keinen Wiederspruch. Aber der Marquis wäre nicht der, der er war, wenn er diese Aufforderung ohne Kommentar hingenommen hätte.

„Und du bist sicher, dass du weißt was du tust?“

Es war keine Frage auf die er eine Antwort von ihr erwartete, dazu kannte er sie zu gut. Aber etwas in ihrer Entschlossenheit und der Loyalität gegenüber ihrem alten Meister rührte ihn. Es war so menschlich. Niemals ein Nein akzeptieren. Es gab eine Zeit, Äonen her, in der er ebenso dachte. Am Ende hatte ihn diese Beharrlichkeit das Leben gekostet, das er bis dahin kannte, und ihn zu dem gemacht, was er war. Das Oberhaupt der grauen Wächter. Niemand hatte mehr Macht als er.

„Nein, ich weiß nicht was mich erwartet“, gab Lea zu, „aber ich habe ein Schuld auf mich geladen, die ich abzahlen muss und auch sie, mit ihren schlauen Sprüchen, können meine Meinung nicht ändern.“

Der Marquis zog erstaunt die Augenbraue hoch. Mit sovielen Informationen hatte er nicht gerechnet. Für einen kurzen, sehr kurzen, Moment überlegte er, ihr die Wahrheit über das zu sagen, was sie auf der anderen Seite erwartete. Seine Neugier hinderte ihn daran.

In den hunderten Jahren seiner Existenz war er vielen Frauen begegnet. Manche hatte er anziehend gefunden, einige waren exotisch und andere hatten ihn belustigt. Lea war die erste Frau, die seine Intelligenz forderte. Davon abgesehen, dass sie einen wohlgeformten geschmeidigen Körper und ein apartes Gesicht hatte, war sie klug und ihre Auffassungsgabe rasant. Es interessierte ihn, wie weit sie bereit war zu gehen. Ein Experiment, das ihn eine Zeitlang seine Langeweile vergessen ließ.

Lea war die erste Frau, die er nicht bezirzen konnte. Das imponierte ihm. Der Marquis betrachtete es als Herausforderung ihren Willen zu untergraben, bis sie sich ihm freiwillig hingab.

„Ich warte.“

„Nun, dann“, der Marquis machte eine einladende Handbewegung, „folge mir.“

Er reichte ihr die Hand. Widerwillig ergriff Lea sie. Entgegen ihrer Erwartung, war sein Griff warm und fest. Ohne die Verbindung zu ihm, wäre es für einen Menschen unmöglich die andere Seite zu betreten.

„Bleib dich bei mir“, befahl der Marquis. „Der Übergang ist nicht ungefährlich. Wenn wir getrennt werden, könntest du verloren gehen und niemand würde dich je wiederfinden. Und das wollen wir doch nicht.“

Lea hörte den spöttischen Unterton in seiner Stimme, aber die innere Unruhe, die sie trotz ihrer Kühnheit verspürte, hielt sie davon ab, etwas zu erwidern.

Der Song zu diesem weiterführenden Text stammt von Jason Derulo „take me to the other side“.

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