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Posts Tagged ‘Angst’

Es war der Tag an dem meine Großmutter explodierte.

Nicht buchstäblich. Zumindest am Anfang nicht. Es sah ganz nach einem ihrer üblichen Anfälle aus, wenn ihr etwas nicht passte, nicht schnell genug ging oder eines ihrer Kinder und Enkel ein Widerwort hatte. Sie keifte, schlug mit der Hand auf den Tisch, schlug mit dem Stock nach mir und verschluckte sich an ihrer eigenen Spuke.

Ich sah sie teilnahmslos an. Als Kind hatte sie mich mit ihren Anfällen in Angst und Schrecken versetzt, doch ihre Affekte verfehlten die Wirkung. Inzwischen konnte ich schneller laufen und meine Reflexe waren besser als ihre. Sie konnte mich nicht mehr ernsthaft verletzen.

Je ruhiger ich blieb, desto mehr ereiferte sie sich. Sie lief rot an, spukte Gift und Galle und nicht nur in Übertragenem Sinn. Es kostete Mühe, mich zusammenzureißen und ein Lachen zu verkneifen. Dann, fing sie an zu klappern und zittern, wie ein Motor, der den Geist aufgibt. Fasziniert sah ich zu, wie sich ihr aufgedunsenes Gesicht verzerrte, Speichel rann ihr aus den Mundwinkeln, ihre Arme und Beine bewegten sich unkontrolliert, die Augen quollen hervor.

Ein ohrenbetäubender Knall und meine Großmutter zersprang in 1000 Teile. Sie war tatsächlich geplatzt. Muttern, Schrauben, Riemen, Zahnräder, Spiralen usw. sprangen durch die Gegend.

Eine unglaubliche Stille trat ein. Ich starrte auf die Überreste meiner Großmutter. Sie war eine Maschine gewesen! Und niemand hatte es bemerkt.

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Der Doktor erwachte und hatte Angst.

Sein Herz raste, kalter Schweiß lief ihm den Rücken herunter, seine Kehle war trocken, die Zunge klebte am Gaumen. Er konnte kaum atmen. Ein Gefühl von Starre hatte von seinem Körper Besitz ergriffen, obwohl er einen unwiderstehlichen Drang verspürte wegzulaufen.

Das war es, was er den anderen sagte, wenn sie vor Gefahren oder dem, was sie dafür hielten, in helle Aufgregung gerieten und kopflos umherirrten. – Lauft, lauft, lauft.

In solchen Momenten amüsierte er sich köstlich. Die verzerrten Gesichter, die hohen verfremdeten Stimmen, ihr uneffektives Herumgestolpere befriedigten seine Sensationsgier. Manchmal führter er katastrophale Situationen absichtlich herbei, um sich an den Reaktionen zu ergötzen.

Nun fühlte er es selbst, dieses – lauf weg, lauf weg. – Es war eine innere Stimme, der er nicht zuhören wollte. Trotzdem er sie ignorierte, verschaffte sie sich aufdringlich Gehör, infiltrierte seine Gedanken und erschuff ein Gefühl, das größer war, als sein messerscharfer Verstand und sich durch jede Zelle seines Körpers und Windung seines Gehirns fraß.

Der Doktor hatte Angst. Es war das erste Mal. Doch es sollte nicht das letzte Mal sein.

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Thema: Dialog I

„Das ist eine grauenhafte, abscheuliche, unerhört dumme Idee. Lass es uns tun und sehen was passiert“, Mellys Stimme überschlug sich fast

„Bist du dir über die Konsequenzen im klaren“, versuchte ich sie zu bremsen.

Meinen Herzschlag konnte ich bis in die Kehle spüren und meine Handflächen waren feucht. Ich wischte sie an meinen Jeans ab.

„Du bist doch auf die Idee gekommen!“, sie sah mich prüfend an. „Erst aussprechen und dann nicht tun, dass kannst du mit mir nicht machen.“

Das war mir in dem Moment klar, als ich die Überlegung laut ausgesprochen hatte.

„Warum kann ich die Klappe bloss nicht halten“, murmelte ich.

„Weil du es genauso dringend willst, wie ich!“, sagte mir Melly auf den Kopf zu, „wann haben wir uns das letzte Mal richtig amüsiert und etwas getan, was man eigentlich nicht macht?“

Das war der Punkt. „Man“ tat das nicht und deswegen war es auch so verdammt gut. Verboten gut.

„Ok, wir tun es.“

Ich atmete durch und reckte mich zu voller Größe auf. Keine Angst zeigen, dachte ich, sonst entlarven sie dich, bevor du einen Fuß über die Schwelle gesetzt hast.

„Siehst du“, sagte Melly triumphierend, „geht doch. Davon werden wir noch in 20 Jahren sprechen.“

Das befürchtete ich auch.

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Herzschmerzwurm, der: Er ist klein, ca. drei Millimeter. Dünn, wie ein Nähfaden. Glatt, glänzend schwarz. Das Auffälligste am H. sind die scharfen Zähne, die es ihm ermöglichen sich durch das Fleisch bis ins Herz zu fressen, wo er sich einnistet und Löcher und Gänge bohrt, um das Blut auszusaugen. Er ernährt sich von der Sehnsucht nach Liebe, gräbt die Hoffnung ab, lässt die Leidenschaft versiegen. Der H. verursacht Zweifel an der Liebe, entzündet Angst und Misstrauen, fördert Zynismus und Nörgelei. Hat er sich im Herzinneren festgesetzt, ist es beinahe unmöglich ihn wieder vollständig zu entfernen. Die einzige Möglichkeit zu genesen ist einer wirklich liebenden Seele zu begegnen, die durch Ausdauer und Entschlossenheit die Wunden schließt und den H. aushungert.

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Kraftlos erschöpft ausgeliefert

Der Langeweile des Alltags

Trauere ich um vergangene Leidenschaft

Ungehört vertrocknen meine Tränen

 

Ich stehe im trockenen Flussbett

Nackt und bloss

Sehne das Wasser herbei

Kein Regen bringt Erlösung

 

Eisiger Wind umtost mich

Friere in der Dunkelheit

Worte klingen im Sturm

Sinken in meinen Körper

 

Gedanken regen sich

Gefühle fangen Feuer

Wasser umspült meine Füße

Mein Herz atmet auf

 

Der Fluss füllt sich

Fließt in seinem Rhythmus

Er hält mich

Trägt mich wieder

 

Füllt meinen Körper mit Schwingungen

Füllt meine Seele mit Gefühlen

Weckt Träume auf

Gibt Fantasien Farbe

 

Ich tauche hinab

Immer tiefer auf den Grund

Die Angst vergeht

Bin nicht allein

 

Höre deine Worte

Sprichst meine Sprache

Unausgesprochenes Verstehen

Deine Hand hält meine

 

Körper tanzen umeinander

Gedanken winden sich in einander

Fantasien verweben sich

Zu einer neuen Geschichte

 

Erst nur ein Flüstern

Von Mund zu Mund

Küssen uns die Musen

Und du mich?

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„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“, meine Mutter sah mich mit panischem Blick an.

„Gerade eben noch“, log ich, „dort drüben an dem Karussell.“

Ich deutete auf das altmodische Karussell mit den beiden Kutschen, den eleganten Holzpferden, indischen Elefanten und den drei majestätischen Löwen, die alle bunte Sättel trugen, die mit goldenen Details abgesetzt waren.

Meine Mutter rannte über den Platz, rief laut den Namen meines kleinen Bruders. Ich trottete langsam hinterher.

Selbst Schuld, dachte ich, warum muss er nur so viel reden und ständig igrendwelche Dummheiten machen. Kein Wunder, dass ich froh war, ihn eine Weile los zu sein. Kleiner Blödmann, dachte ich wütend, jetzt will er es mir heimzahlen und versteckt sich, damit Mama sauer auf mich ist. Nur weil er sich ein paar Minuten alleine beschäftigen sollte. Schließlich habe ich auch ein Leben. Wenn ich den in die Finger kriege.

„Wie? So lange!“, hörte ich meine Mutter mit dem Mann vom Karussell sprechen. „In welche Richtung?“

Der Schausteller deutete vom Kirchweihplatz weg, Richtung Wald.

„Er folgte dem Mann freiwillig“, sagte er und zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Meine Mutter drehte sich zu mir um. Sie sah mich an. Ihr Blick ging mir durch und durch. Ich hatte sie enttäuscht, wieder einmal.

 ***

Mein Blick fiel auf das altmodische Karussell. Ich erkannte es sofort, obwohl es zwanzig Jahre her war. Die schön geschnitzten Tiere mit den bunten Sätteln, die prunkvollen Kutschen. Es erklang dieselbe Musik. Einzig die Farben des Karussells verblassten an einigen Stellen und hier und da blätterte der Lack ab.

Sogar der Festplatz sah aus, wie damals. Ich sah zum Wald hinüber. Friedlich lag er da, im Licht der untergehenden Sonne. Niemand ahnte welches Grauen dort lauerte. Niemand hatte mir geglaubt, heute würde es nicht anders sein. Eine Welle der Erinnerung überflutete mich und eine Angst breitete sich in meinem Körper aus, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr verspürt hatte.

„Hier ist der Junge verschwunden?“, ich versuchte das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken.

„Ja“, der uniformierte Dorfpolizist nickte, „wollen sie mit dem Besitzer des Karussells reden, Frau Sommer.“

Ich bemerkte den Mann im Kartenhäuschen neben dem Karussell. Er sah genauso aus, wie vor zwanzig Jahren. Er schien keinen Tag gealtert zu sein. Der Mann hob den Blick und lächelte. Immer stärker breitetet sich die Beklemmung in meinem Bauch und meiner Brust aus. Beruhige dich, redete ich mir zu, du bist erwachsen und musst einen klaren Kopf behalten. Vielleicht konnte ich endlich herausfinden, was mit meinem kleinen Bruder geschehen war.

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Ich lehnte mich an die sonnendurchwärmte Mauer. Unter meinen Fingern spürte ich den rauen Stein. Grüngraue Flechten überzogen die unregelmäßig behauenen Steinbrocken, die vor Zeitaltern zu einem imposanten Schutzwall aufgeschichtet worden waren. Eine laue Brise strich über das alte Gemäuer, wehte meine Haare durcheinander. Vor vielen Hundert Jahren erhob sich eine stolze Burg auf diesem Hügel. Heute gab es nur noch ein paar Mauerreste und ein halbzerfallenes Gebäude, in dem man an einer Seite noch ein Stück des Abzugs und einer Feuerstelle erkennen konnte.

Der Blick über die Ebene und die sanften Biegungen des Flusses, der sich durch üppige Wiesen schlängelte, und an dessen sandigem Ufer die Enten die Köpfe unter die Flügel steckten, war grandios. Ich versuchte mir vorzustellen, wie es damals gewesen war.

„Du!“, rief eine dunkle Stimme hinter mir, „was machst du hier!?“

Ich drehte mich um. Vor der Burgruine stand ein Ritter in voller Montur. Er trug seinen Helm unter dem Arm. Dunkles Haar hing wirr um seinen Kopf und verdeckte mit einem ungepflegten Bart beinahe sein ganzes Gesicht. Am Zügel hielt er ein Pferd, dass ebenfalls eine Rüstung trug. Das schwarze Fell des Tieres glänzte in der Sonne.

„Ich bin spazieren gegangen und wollte dir Aussicht genießen“, sagte ich und grinste, „ich wusste gar nicht, dass hier ein Mittelaltermarkt geplant ist.“

„Was soll das sein? Mittelalter?“, fragte er und seine strahlend blauen Augen funkelten missgelaunt.

„Sie wollen mich auf den Arm nehmen?“, fragte ich, „ach schon klar, sie sind gerade voll in ihrer Rolle.“ Diese Rollenspieler waren schon ein komisches Völkchen. „Ich lass sie dann mal weitermachen.“

Ich wollte an ihm vorbei gehen, aber er zog sein Schwert und versperrte mir den Weg.

„Wo sind meine Leute?“

Ich zuckte mit den Achseln.

„Woher soll ich das wissen? Ich habe niemand gesehen.“

„Das ist unmöglich! Ich war nur wenige Wochen fort“, er drängte mich weiter zurück, „sagen sie mir, was passiert ist!“

„Hören sie. Sie müssen sich nicht aufregen“, die glänzende Schwertklinge, auf meinen Bauch gerichtet, machte mir etwas Angst, „unten am Weg ist eine große Tafel, dort steht die Geschichte der Burg aufgeschrieben.“

„Führ mich hin!“, befahl er.

„Gut. Aber sie stecken das Schwert wieder ein.“

Widerwillig steckte er das Schwert zurück und folgte mir dicht auf den Fersen.

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