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Zum Tode von
Dr.med. Horst P.
Fällt mir nur ein Wort ein
Danke!
Ein Patient

Dr. Pallaske stand im Vorraum des Operationssaales und wusch sich die Hände. Er konnte ein leichtes Zittern nicht unterdrücken. Das Valium wirkte noch nicht, aber vielleicht war die Dosis auch zu niedrig. Je länger er das Teufelszeug schluckte, desto mehr brauchte er davon, um seinen Spasmus und die Angst vor einer Entdeckung zu vertuschen. Wenn irgendjemand Wind von der Sache bekam, war er seinen Job los. Wer bezahlte dann sein Haus, seinen neuen BMW und die Klamotten für Mandy? Ja und Mandy wäre vermutlich schnell weg, wenn seine Portokasse Ebbe anzeigte.

„Dr. Pallaske, ihr Kittel“, Schwester Anika hielt ihm den grünen OP-Kittel hin.

Er fuhr mit den Armen hinein und ließ sich die Handschuhe überstreifen. Schwester Anika band ihm den Kittel zu. Pallaske atmete durch. Wenn dieses Zittern nicht in den nächsten zwei Minuten verschwand, sah er alt aus. Dr. Klein, der Anästhesist, hatte den Patienten inzwischen in Tiefschlaf versetzt. Schwester Anika rückte den Wagen mit dem Operationsbesteck an die richtige Stelle und sah ihren Chef erwartungsvoll an.

„Chef?“, fragte sie gedehnt.

Pallaske antwortete nicht.

„Chef!“, sagte sie jetzt energisch, „geht es ihnen nicht gut? Soll ich Dr. Bauer holen?“

Pallaske fuhr zusammen. Was hatte die blöde Kuh eben gesagt? Bauer holen lassen. Das kam überhaupt nicht in Frage. Der wartete bloß darauf, dass er einen Fehler machte.

„Reden sie keinen Blödsinn, Anika.“

Pallaske riss sich zusammen und trat auf den OP-Tisch zu. Das Zittern war noch nicht vorbei, aber er konnte sich keine Verzögerung mehr leisten, das OP-Team sah ihn schon mit prüfenden Blicken an.

„Skalpell“, sagte er in einem scharfen Ton, um seine Unsicherheit zu verbregen.

Alles würde gut gehen. Es war immer alles gut gegangen. Anika reichte ihm das Skalpell. Pallaske setzte an und öffnete den Thorax.

„Herr Doktor“, schrie Saskia, die Assistenzärztin, „das ist doch Herr Sander und nicht Herr Wolter.“

Es war zu spät. Der Schnitt verlief vom Schlüsselbein bis hinunter zum Bauchnabel. Pallaske ließ das Skalpell fallen und rannte aus dem OP-Saal.

„Pallaske!“, brüllte Dr. Klein hinter ihm her, „sie können den Mann doch nicht so liegenlassen!“

Pallaske hörte ihn nicht mehr.

„Verdammte Scheiße“, fluchte Klein, „rufen sie sofort Bauer her. Notfall!“

Schwester Anika hatte Dr. Bauer schon angepiept. Zwei Minuten später stürzte DR. Bauer in den Vorraum. Ohne Fragen zu stellen, absolvierte er die Sterilisation so schnell wie möglich und nähte Herr Sander wieder zu.

Pallaske rannte, wie von Furien gehetzt, aus der Klinik und sprang in seinen BMW. Mit aufheulendem Motor fuhr er vom Klinikparkplatz. Es war vorbei. Der Supergau war eingetreten. Bestimmt hatten sie den arroganten Bauer gerufen. Das Arschloch konnte sich jetzt in dem Glanz sonnen, seinen Fehler elegant ausgebügelt zu haben. Pallaske erinnerte sich dran, dass ihm der Schnösel geraten hatte, doch mal ein paar Wochen in Urlaub zu gehen und zu relaxen. Relaxen! Pah, ein guter Arzt war immer im Dienst und außerdem, er musste sein Haus und sein Auto zu bezahlen. Und dann war da ja noch Mandy.

Pallaske raste über die Schnellstraße. Immer schneller ließ er den BMW über die Fahrbahn jagen. Aus den Lautsprechern dröhnte Megadeath: „Killing is my bussines, bussines is good” und übertönte das Röhren des Boliden. Die Umgebung zog wie in einem Rausch an ihm vorbei. Das Valium fing an zu wirken. Pallaske hatte das Gefühl in einem Tunnel aus Licht und Grün gefangen zu sein. Alles würde gut. Es war immer alles gut gegangen. Bauer war nur ein Speichellecker, ein kleines Licht. Ihm konnte keiner etwas anhaben. Er war Horst Pallaske, Chefarzt und bester Chirurg den die Johannes Klinik jemals hatte. Pallaske drückte das Gaspedal ganz durch. Ein Ruck ging durch den Wagen, die Hinterreifen rutschten auf dem glatten Straßenbelag weg. Er versuchte den Wagen abzufangen. Riss das Lenkrad herum. Pallaske lächelte. Alles würde gut.

Michael Sander stand vor dem Badezimmerspiegel und betrachtete die Naht, die seinen Körper entstellte. Zum Glück hatte sich der Pallaske um einen Baum gewickelt, sonst hätte Michael ihn kalt gemacht. Mit 25 so einen Schnitt! Obwohl sie ihm nur den Blinddarm herausnehmen wollten. Andererseits konnte sein Anwalt in dem Prozess gegen die Klinik ein hübsches Sümmchen herausgeschlagen. So hatte er sich einen langgehegten Traum erfüllt: einen nagelneuen BMW.

 

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Seline ließ ihren Stift sinken und dachte an die lauten Straßen Londons. Manchmal vermisste sie das pulsierende Leben, die Pubs und die Clubs, in denen sie bis in die frühen Morgenstunden tanzte.

In Carrigan gab es eine Bar, das Golden Goose, für alles: Tanzvergnügen, Sportwetten, Billard, Steakhouse und Kaffeekränzchen. Seline seufzte. Was sagte Oma Mary immer, wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Von dieser Warte aus, hätte es Seline schlechter treffen können. Sie hatte ein eigenes Büro, auf dessen Tür ihr Name stand und eine eigene Sekretärin, wenn man Anna-Luise so bezeichnen konnte.

In ihrer Londoner Kanzelei waren die Sekretärinnen top gestylt. Make up, Haare vom Coiffeur, und das schicke Business Kostüm mit Pumps gehörte zur Grundausstattung. Anna-Luise trug Jeans, Turnschuhe, dazu T-Shirts mit den wildesten Logos und Aufdrucken und eine Frisur, die an einen Punk-Irokesen erinnerte. Anna-Luise war im Grunde gegen alles. Rebellion war für sie ein Lebensstil und kein Anliegen. Aber was Recherche und Computerkenntnisse betraf machte ihr keiner etwas vor. Neuliche hatte sie sich in den Rechner des CSIS gehackt. Das war wirklich eine große Nummer.

Seline war immer noch erstaunt, was Anna-Luise in so einem Kaff wie Carrigan verloren hatte. Seline fragte sie einmal danach, aber Anna-Luise blockte dieses Thema rundweg ab. Seitdem hegte Seline den Verdacht, dass ihre Sekretärin entweder auf der Flucht vor dem Gesetze lebte oder in einem Zeugenschutzprogramm steckte.

Selines Handy klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Seit wann gab es im „Golden Goose“ ein Netz? Sie erkannte die Nummer und ahnte Schreckliches. Niemand hatte dort Empfang, aber wenn ihre Mutter anrief, gab es kein Funkloch, in das sich Seline verkriechen konnte. Sie zögerte, aber nach dem das Handy gefühlte 20 Mal geklingelt hatte, gab sie auf. Ihre Mutter würde es wieder versuchen, da konnte sie das Gespräch auch gleich führen.

„Hallo Mama.“

„Ich habe so oft auf deine Mailbox gesprochen, wieso rufst du nicht zurück?“

„Dir auch einen schönen Tag Mutter!“

„Mutter, Mutter, treuloses Kind. Erst machst du dich bei Nacht und Nebel aus dem Staub und dann meldest du dich nicht mehr.“

Seline verdrehte die Augen.

„Und verdreh nicht deine Augen.“

Seline sah sich erschrocken um. Sie erwartete direkt in das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, aber sie war allein.

„Ich kenne dich Missy.“

„Mutter ich bin beinahe dreißig Jahre. Ich weiß, was ich tue.“

„Aber scheinbar nicht, was du mir antust!“

Die Stimme von Miss Monroe kippte ins Hysterische.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so verlassen hast.“

„Zum hundertsten Mal! Ich habe dich nicht verlassen. Ich wollte nur endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Das hättest du auch hier tun könne. Dein Vater hätte dir eine Kanzelei eingerichtet.“

„Ich wollte unabhängig sein Mutter. Verstehst du?“

„Ich verstehe gar nichts. Willst du uns bestrafen?“

Seline schüttelte den Kopf. Ihre Mutter würde nie verstehen, dass Seline nicht die kleine Tochter des großen Strafverteidigers Sir Albert Monroe sein wollte. Sondern Seline Monroe, Anwältin. Dass sie dafür bis nach Kanada gehen musste, hätte sie nicht gedacht, aber so lag immerhin der Atlantik und ein Teil der kanadischen Wildnis zwischen ihr und ihren Eltern.

Plötzlich erklang ein Piepton vom anderen Ende der Leitung. Das Netz war zusammengebrochen. Seline sandte ein Stoßgebet zum Himmel, der große Handynator hatte ein Einsehen und sie von ihrer Mutter erlöst. Vorerst. Vor Anna-Luise verschonte er sie nicht.

„Da sind sie ja. Ich habe sie überall gesucht!“

Anna-Luise ließ sich auf die gegenüberliegende Polsterbank fallen. Ihr Iro war heute gelb-grün und auf ihrem T-Shirt prangte ein riesiges Hanfblatt mit dem Logo „Gebt das Hanf frei“. Seline überlegte einen Moment, ob sie protestieren sollte. Immerhin war sie Anwältin und dem Gesetz verpflichtet. Andererseits, was machte das schon? Weniger Mandanten würde sie dadurch nicht haben, denn sie war die einzige Anwältin im Umkreis von 150 Meilen.

„Überall gesucht, finde ich etwas übertrieben“, wandte Seline ein.

„Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“, Anna-Luise sah Seline an, als hätte sie es mit einem zurückgeblieben Kind zutun. „Sie wissen was ich meine. Ich bin auch nur gekommen, weil der Mann am Telefon gesagt hat, es wäre dringend. Sie sollen sofort zum Bearscreek – Hotel kommen.“

„Und wer war der Mann am Telefon?“, Selines Geduld war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft.

„Ich glaube, Mister North.“

„Sie glauben? Es geht um Fakten und Tatsachen. Das ist in meinem Beruf essenziell.“

„Fakten, Fakten, Fakten“, betete Anna-Luise herunter, „wenn sie mich nachts wecken, würde mir das als erstes einfallen. – Was ist jetzt? Fahren wir nach Bearscreek raus oder nicht?“

„Wir?“

„Ja wir. Ich habe keine Lust den ganzen Tag in dem muffigen Büro zu hocken, das ist mal eine Abwechslung.“

„Meinetwegen. Aber ich fahre! In ihr Auto steige ich nie wieder.“

Seline dachte mit Schrecken an die Todesangst, die sie ausgestanden hatte, als sie vor drei Wochen mit Anna-Luise fahren musste, weil ihr Rover in der Werkstatt war.

„Ok. Aber wenn wir nicht bald fahren, sitzt Mister North im Knast.“

Seline verschluckte sich an ihrem letzten Tropfen Kaffee.

„Knast? Was soll das heißen?“

„Der Bulle meint, Mister North hätte seinen Bruder um die Ecke gebracht.“

„Und das sagen sie mir erst jetzt?!“

„Würde es dann schneller gehen?“

Anna-Luise sah Seline mit einem Unschuldsblick an. Seline ignorierte sie, legte das Geld auf den kleinen Teller und eilte zur Tür.

„Los Anna-Luise! Schlafen sie nicht ein“, rief sie ihrer Sekretärin über die Schulter zu, „sonst fahre ich ohne sie.“

Seline dachte an ihre Mutter. Anna-Luise wäre genau der Typ Mensch, den sie ihrer Mutter gönnte und umgekehrt. Vielleicht sollte sie die beiden zusammen auf eine einsame Insel schicken. Wer von beiden wohl zuerst einen Nervenzusammenbruch erleiden würde? Seline grinste. Der Gedanke verbesserte ihre angeschlagene Laune immerhin soweit, dass sie die Fahrt nach Bearscreek genießen konnte. …

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