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Posts Tagged ‘Bettler’

Ich ging auf die rote Tür zu und wusste, sobald ich sie passiert hatte und sie sich hinter mir schloss, gab es kein Entkommen. Ich würde hinter den Mauern dieses Klosters auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich hörte das Schluchzen meiner Mutter hinter mir und spürte den stechenden Blick meines Stiefvaters in meinem Nacken.

Gut erinnerte ich mich an seine letzten Worte: „Entweder wirst du mir zu Willen sein und alles tun, was ich von dir verlange oder ich werde mir eine Strafe für dich ausdenken, an der du dein Leben lang deine Freude haben wirst.“ Der Ton seiner Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich wusste, er meinte es ernst. Trotzdem konnte ich es nicht tun. Es gab keinen Mann, der mir widerwärtiger war als er. Lieber hätte ich es mit einem Bettler vor unserem Tor getrieben, als seine perversen Wünsche zu erfüllen. Ich entkam ihm nur knapp und dies war seine Rache an mir.

Die Tür wurde entriegelt und öffnete sich. Vor mir stand ein Priester. Er ist noch recht jung, dachte ich. Das gutgeschnittene Gesicht wurde von schwarzen Haaren eingerahmt und seine stechenden Augen bohrten sich in meine. Vermutlich dachte er, ich würde den Blick senken, aber ich hielt stand. Niemand wird mich brechen, dachte ich, sollen sie mich totschlagen, dann hat das Ganze wenigstens ein Ende. Er nickte meiner Mutter und meinem Stiefvater zu.

„Ihr könnt gehen. Ich nehme sie jetzt in meine Obhut“, sagte der Priester. „In der Gnade des Herrn werden wir ihr den Stolz schon austreiben.“

Der strenge Ton in seiner Stimme duldete keinen Widerspruch. Er machte eine einladende Geste, die mir völlig fehl am Platz schien. Ich straffte die Schultern, hob den Kopf und machte einen Schritt nach vorne. Meine Mutter schluchzte. Mein Stiefvater grinste vermutlich. Ich drehte mich nicht um. Meine Zeit wird kommen, dachte ich kampflustig, irgendwo in diesem Gefängnis ist ein Schlupfloch und ich werde es finden.

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