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Posts Tagged ‘Brief’

Lieber Rilke,

warum du es bist, dem ich einen Brief schreibe, magst du dich fragen? Du bist der Dichter meines Herzens. In deinen Versen finde ich mich wieder. Sie rühren mein Herz, dringen tief in meine Seele. Sie sprechen von Liebe, unendliche Liebe. Wie sehr sehne ich mich danach, ich glaube, du hast es gewusst. Du hast das Gefühl gekannt, wie es sich anfühlt, ineinander aufzugehen, den Atem des anderen zu trinken, reines Gefühl sein – gleichgültig, ob dieser Rausch uns in den Abgrund stürzt oder in den Himmel hebt. Du musstest es tun, so wie ich nicht anders kann.

Wenn ich liebe, kann ich es nicht halb. Ich kann meinen Verstand nicht erhören, auch wenn ich weiß, dass mich meine Leidenschaft verschlingt, mein Leben völlig auf den Kopf gestellt wird. Ich muss mich hingeben – nichts ist wichtiger, einzig die Liebe.

Kein Geld, kein Erfolg, kein Ziel kann die Liebe aufwiegen. Nur sie erfüllt mich so vollständig, lässt mein Herz rasen, mein Blut kochen, meine Gedanken, wie Wirbelwinde dahinstürmen. Liebe erschafft – ist der Treibstoff der Musen – Liebe zerstört.

Liebeslied von R.M.Rilke

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süßes Lied.

Wie soll ich meine Seele halten, wenn mich die Liebe überwältigt? Ist es nur die Anziehung des Neuen, fremder Haut? Oder ist es tiefer, eine lang herbei gesehnte Seelenverwandtschaft, die sich aufschwingt, bis die Kraft erlahmt und ausbricht?
In diesen Augenblicken, wünsche ich mir weise und abgeklärt zu sein. Mir zu sagen, lass die Finger davon, du weißt, dass es ein gefährlicher Weg ist. Doch mein Körper erinnert sich an die euphorischen Gefühle, den Höhenflug, die Energie, die mein Schreiben antreibt. Wer kann der Liebe widerstehen?

Folgen wir unseren Gefühlen, dann können sie unser Leben aus allen Angeln heben, folgen wir ihnen nicht, zehrt uns die Sehnsucht aus. Immer ist da diese Frage: Was wäre wenn?

Aus Traumgekrönt von R.M.Rilke

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele…

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht…

Der Virus Sehnsucht. Er schlummert tief im Herzen. Plötzlich rührt ihn jemand an und es geschieht. Der Virus breitet sich unaufhaltsam aus. Erfasst jede Zelle unseres Körpers. Verliebtsein ist der aufregendste Zustand, in dem wir uns befinden können. Er ist einfach da. Ohne Sport, Siege, Erfolgserlebnisse. Einfach so. Der Funke springt über und der Virus ist nicht aufzuhalten.

Lieber Rilke, Herzensdichter, ich glaube du kannst verstehen, wie es ist, diese unfassbare, schwindelerregende, lichterloh brennende Liebe zu spüren. Was auch passiert, es fühlt sich so verdammt gut an! Alle Sinne geschärft, der Körper aufgeladen mit Energie, ein Übermaß an Inspirationen im Kopf, die jubelnde Seele.

Es gibt noch vieles, dass ich mit dir bereden möchte, und wer weiß, eines Tages …

Dir zugetan auf ewig

Deine Lea

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Ein sehr fiktiver Briefwechsel 😉

Liebste herzige Margarete,

du glaubst nicht, wen ich heute kennen gelernt habe! Wolfgang Amadeus Mozart! Er ist der rebellischste, talentierteste und bestaussehende Mann, den ich jemals gesehen habe. Ich weiß jetzt schon, dass ich ihn anbete und ich verrate dir kein Geheimnis, wenn ich dir hier verspreche, dass ich ihm zu Willen sein werde, wann immer er mich dazu auffordert. Oh, Liebste! Du musst bald zu Besuch kommen und ihn kennenlernen. Seine Konzerte sind einzigartig, niemand kann ihm das Wasser reichen.

1000 schwesterliche Küsse,
Deine Constanze

***

Meine herzliebste Constanze,

du weißt, wie sehr mir dein Glück am Herzen liegst und ich muss sagen, dass mich dein letzter Brief in Angst und Schrecken versetzte. Ich hörte das Gerücht, und du weißt, an jedem Gerücht ist ein Körnchen Wahrheit, dass Meister Mozart zwar wegen seiner Musik, wie unser seliger Bach gefeiert wird, aber sich im allgemeinen Umgang mit Frauen, wie ein wilder Stier benimmt und wie eine Biene von Blume zu Blume fliegt. Bitte meine Liebe, habe Geduld und wahre deine Unschuld, bis du dem Richtigen begegnest! Die Erfahrung zeigt, dass Musiker unstete, untreue Gesellen sind. Tu nichts unüberlegtes, meine liebe Constanze, ich werde dich aufsuchen, sobald Mutter mich entbehren kann.

In treuer Zuneigung
Deine Margarete

***

Liebe gute Margarete,

liebste Freundin, ich zweifele nicht an deinen besten Absichten für meine Ehre. Aber wenn du ihn gesehen hättest, dann würdest du nicht anders denken als ich. Sein sprühender Witz, seine außergewöhnliche Liebenswürdigkeit und diese seelentiefen Augen. Welche Frau könnte diesen herrlichen Charaktereigenschaften wiederstehen? Ich jedenfalls konnte es nicht. Als mich der Meister nach seiner letzten Oper, sie hieß die Zauberflöte, auf die Parkbank einlud, um mir die richtigen Flötentöne beizubringen, musste ich einfach Ja sagen. Er weckte eine Flamme in mir, die zur Feuersbrunst erwachsen ist. Oh, Margarete, ich muss dir soviel mitteilen und dir einiges beichten, was mir auf dem Herzen lastet. Ich bin mir sicher, der Herr Mozart wird mein Schicksal sein.

Ich vermisse dich und deinen überlegten Geist
Deine Constanze

***

Liebe Constanze,

ich las deinen Brief mit Erschauern. Konnte ich doch kaum atmen, angesichts der Entwicklung, die du mir berichtetest. Warum hat es denn dein Herr Mozart so eilig? Hat er nicht schon genug unerfahrene Mädchen ins Unglück gestürzt? Es muss ein übernatürlicher Zauber sein, der dir den Verstand geraubt hat. Constanze, ich flehe dich an, halte an dich. Ich werde im wilden Schweinsgalopp zu dir eilen und dir beistehen, deine keusche Jungfernschaft, oder das was davon noch übrig ist, zu bewahren. Ich folge dem Überbringer dieses Briefes auf dem Fuße.

Sei meiner Freundschaft versichert,

deine Margarete

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Der Text entstand nach folgendem Schreibanstoß: Emily Willcox und Scott Gardner treffen sich auf einer Hochzeit. Einer von beiden bekommt einen Brief.

 

Scott stand im Foyer des Hotels Maritim und rückte sich seinen Schlips vor dem Spiegel zurecht. Er trug selten Anzug und fühlte sich nicht so wohl, wie er es in Jeans und

T-Shirt getan hätte, aber es war die Hochzeit seines besten Freundes und dafür konnte man sich schon in Schale werfen.

„Gut sehen sie aus“, sagte eine angenehme Stimme neben ihm.

„Danke, sie auch.“

Es war ein ehrliches Kompliment, denn er kannte die junge Frau. Es war eine der Brautjungfern. Während sie in den Speisesaal gingen, fragte Scott:

„Darf ich sie nach ihrem Namen fragen? Leider war ich vorhin etwas spät dran … ich stand im Stau.“

„Ja, der Londoner Frühverkehr“, seufzte die junge Dame, „mein Name ist Emily Willcox und sie sind?“

„Sehr erfreut Emily, mein Name ist Scott Gardner.“

„Ach, James bester Freund also.“

„Sie sind aber gut informiert“, stellte Scott fest und rückte Emily den Stuhl zurecht, „leider weiß ich nur, dass sie eine Brautjungfer sind.“

„Was unschwer zu übersehen ist.“

Emily verdrehte die Augen und zupfte an dem rosa Tüll herum, aus dem das Kleid gefertigt war.

„Können sie mir erklären, warum die Kleider Brautjungfern immer so unglaublich unvorteilhaft sind?“

Scott zuckte mit den Schultern.

„Sehr diplomatisch ausgedrückt. – Vielleicht damit die Braut noch besser aussieht?“

„Das wäre ein plausibler Grund, wenn die Braut hässlich wäre. Aber Sara ist eine wunderschöne Braut, also deswegen hätten die Kleider ruhig etwas hübscher ausfallen können.“

„Dann hätte die schönen Brautjungfern vielleicht von der Braut abgelenkt.“

Scott lächelte Emily gewinnend an.

„Sie sind ein Charmeur.“

Bevor Scott etwas erwidern konnte, erhob sich der Bräutigam und hieß die Gäste willkommen.

 

Das Essen war hervorragend und Scott unterhielt sich prächtig mit Emily. Er sprach dem guten Wein zu und merkte, wie sich eine wohlige Wärme in ihm ausbreitete. Emily hatte das bezaubernste Lachen, das er je gehört hatte und auch sonst war sie nahezu vollkommen. Die strahlend blauen Augen, die goldenen Löckchen, die ihr zartes Gesicht einrahmten. Dazu eine perfekte Figur. Kurz durchfuhr ihn der Gedanke, dass an jeder guten Sache ein Haken ist, aber als Emily ihn zum Tanzen aufforderte und sich an ihn schmiegte, verwarf er diesen Gedanken wieder.

„Sei froh, dass du dich aufgerafft hast hier herzukommen, sonst hättest du Emily nie kennengelernt“, schalt er sich und sah sich im Geist schon mit Emily in inniger Umarmung verschmolzen.

 

Scott setzte sich wieder an seinen Platz. Emily hatte ihn kurz verlassen, weil sie das WC aufsuchen wollte. Er nahm einen langen Schluck aus seinem Glas. Ihm war heiß geworden und er war sich nicht sicher, ob es an der Raumtemperatur, oder an Emily lag. Der gekühlte Rose schmeckte hervorragend und so leerte er das Glas. Da fiel sein Blick auf einen Umschlag, der ein Stück unter seiner Serviette hervor lugte.

„Nanu“, dachte er und sah sich um, „der hat aber vorhin noch nicht da gelegen.“

Scott war sich seiner Sache sehr sicher. Er hob die Serviette hoch und war erstaunt, als er seinen Namen in großen Buchstaben auf dem Umschlag vorfand. Noch mal sah er sich um.

„Wer schreibt mir hier Briefe.“

Er schüttelte den Kopf, öffnete den Umschlag und las:

„Lieber Scott,

ich danke dir für den schönen Abend. Ich hatte viel Spaß mit dir, du bist ein netter Kerl. Wir können uns nicht wiedersehen, aber ich hoffe, dass du auch ein paar schöne Stunden hattest. Leider waren es deine Letzten. Das Gift war im Wein, aber es wird schnell gehen, denn ich halte nichts von langen Todeskämpfen. – Ach, und falls du dich jetzt fragst, warum? Du hättest besser nicht mit Sara geschlafen und deinen besten Freund betrogen, so was kommt nie gut an. Aber das Problem ist ja jetzt gelöst.

Bye E.W.“

 

Scotts Augen weiten sich, er wollte schreien, aber die Laute blieben ihm im Hals stecken. Er sah noch, wie ihm der Brief aus den Fingern glitt und von einer zarten Frauenhand aufgehoben wurde, dann fiel er vom Stuhl und rührte sich nicht mehr. Emily lies den Zettel in ihrem Tülltäschchen verschwinden und nickte zufrieden. Auftrag ausgeführt.

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Der Concierge überreicht mir einen hellblauen Briefumschlag. An den akkuraten Buchstaben erkenne ich Andrews Schrift. Ich ahne das es kein guter Brief ist. Die Ahnung kann ich an keiner bestimmten Tatsache fest machen, aber ich weiß es. Vielleicht liegt es am Wetter, an diesem Tag, an diesem Ort oder daran, dass Andrew mich in letzter Zeit so oft enttäuscht hatte, dass ich unsere Beziehung in Frage ziehe.

Ich gehe ans Fenster hinüber. Einmal durchatmen. Früher oder später muss ich den Brief öffnen, also kann ich es ebenso gut gleich tun. Mit zitternden Fingern reiße ich den Umschlag auf. Das Geräusch des Papiers erinnert mich an das Reißen von Stoffbahnen. Ich hasse zerfetzte Ränder an Briefumschlägen. Ungeschickt fingere ich den Bogen heraus.

„Tut mir leid, Liebling. Musste für zwei Tage

geschäftlich nach Boston. Habe dir einen Scheck

hinterlegt. Amüsier dich. Bis Donnerstag.

Kuss Andrew“

Ich knülle Umschlag und Brief zusammen. Zwei Tage amüsieren. Das ist es was Dean von mir denkt. Ein kleines Weibchen dessen größtes Glück es ist auf Shoppingtour zu gehen. Habe ich mich so verändert? Mich von Dean zu diesem Weibchen machen lassen? Oder kennt er mich einfach nur so wenig? Als wir uns vor einem Jahr kennenlernten, bemühte er sich sehr um mich. Besuchte Musen, Theater, Konzerte mit mir, wanderte mit mir in den Bergen von Nevada und saß stundenlang mit mir am Atlantik um den Wellen zu zusehen. Davon ist nichts übrig geblieben. Alles was zählt ist sein Job, seine Karriere und ich muss mich hinten anstellen.

Ich spüre, wie sich mein Hals zuzieht. Ich bekomme keine Luft mehr. Fasse nach meiner Perlenkette. Deans Verlobungsgeschenk. Ein kräftiger Ruck und sie reißt entzwei. Die harten Muschelkerne springen in alle Richtungen und klirren leise auf dem sandfarbenen Marmorboden. Ich sehe ihnen zu. Habe ihnen die Freiheit gegeben. Man soll keine Perlen verschenken, sie bringen nur Tränen. Ich schlucke meine herunter.

Es ist vorbei. In zwei Tagen werde ich in Paris sein, wie geplant. Ohne Dean. Ich bitte den Concierge den zerknüllten Brief und Deans Flugticket in den Papierkorb zu werfen und meine Rechnung für den nächsten Tag fertig zu machen. Es wird Zeit mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

„Paris ist herrlich im Frühling“, sage ich zu dem Concierge und erwidere sein Lächeln, „hat man mir gesagt.“

Ich werde mich mit eigenen Augen davon überzeugen.

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Besessen

Der Innenraum der Kirche war hell erleuchtet von der Morgensonne, die durch das runde nach Osten gerichtete Fenster über dem Taufbecken fiel. Die Frühmesse war vorüber und die wenigen Gemeindemitglieder, die schon um sechs den Gottesdienst besuchten, auf dem Heimweg. Bruder Martin ordnete die Gegenstände auf dem Altar für die nächste Messe, sammelte die vergessenen Gesangbücher ein und legte sie auf den kleinen Tisch neben den Eingang. Da entdeckte er eine junge Frau, die hinter einer Säule saß, als wollte sie nicht bemerkt werden. Bruder Martin kannte sie nicht und überlegte ob er sie ansprechen sollte. Ihre Haltung drückte Hoffnungslosigkeit aus. Ihre Schultern hingen schlaff herunter und sie zitterte am ganzen Körper, als hätte sie Schüttelfrost. Dann hörte er ein leises Schluchzen und sah, dass sich ihre Lippen tonlos bewegten, als wäre sie im Gebet versunken. Sie war noch sehr jung, höchstens 20.

„Guten Morgen, kann ich ihnen helfen?“, fragte Bruder Martin besorgt.

Die Frau sah ihn erschrocken an. Scheinbar hatte sie ihn überhaupt nicht wahrgenommen. Wie lange sie wohl schon dort saß? Ihre Hände waren krampfhaft ineinander verschränkt.

„Mir kann niemand helfen“, antwortete sie tonlos und Tränen liefen über ihre geröteten Wangen.

„Sagen sie das nicht, mit Gottes Hilfe kann viel bewirkt werden“, meinte Bruder Martin zuversichtlich.

Die junge Frau sah ihn mutlos an und er schrak, als er die Leere in ihren Augen sah. Hilflos stand er da und überlegte was er tun könnte, um ihr zu helfen. Das Schweigen zwischen ihnen war greifbar und wurde durch die Stille in der Kirche noch verstärkt.

„Wollen sie beichten? Vielleicht kann sie, das von ihrer Last befreien“, brach Bruder Martin das Schweigen.

Gleichgültig zuckte die Frau mit den Schultern.

„Es kann nichts schaden, aber es wird mir nichts nützen.“

Mit gesenktem Kopf stand sie auf und folgte Bruder Martin zum Beichtstuhl. Er trat hinter schweren Samtvorhang, in die verschwiegene Dunkelheit des Beichtstuhls und wappnete sich innerlich gegen das, was er gleich hören würde. Ein leises Geräusch verriet ihm, das die junge Frau auf der anderen Seite auf dem Stuhl platz genommen hatte. Das trennende Gitter zwischen sich und dem Beichtenden hatte Bruder Martin oft als störend empfunden. Er hatte immer das Gefühl, als hielte es ihn von den Menschen fern. Aber er spürte, dass es diesmal anders war. Es war wie eine Schutzmauer, die ihn von drohendem Unheil abschirmte. Sein Herz schlug bis zum Hals und einen Moment lang wünschte er sich, die junge Frau nie angesprochen zu haben.

„Nun, meine Tochter, was möchtest du beichten.“

Bruder Martin flüchtete sich in die kirchlichen Formeln, um seine Sicherheit wieder zu gewinnen. Er hörte, dass sie tief atmete, als würde sie zum Sprung ansetzen.

„Ich habe meine Seele dem Teufel verschrieben“, sagte sie plötzlich und fing an zu weinen.

Bruder Martin war einigermaßen erstaunt über diese Äußerung und lächelte erleichtert. Nur eines von diesen verwirrten Mädchen. Es war also doch nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Sie schien aber ziemlich naiv zu sein. Denn obwohl Bruder Martin, als Mann der Kirche sehr gläubig war, konnte er sich nicht vorstellen, dass man seine Seele dem Teufel verschreiben konnte. Das war doch nur ein großer Unsinn, den ein paar arme verirrte Seelen verbreiteten, die sich mit der alten Kirche nicht anfreunden konnten. An irgendetwas mussten sie ja glauben, und wenn es der Teufel war.

„Wie kommst du auf den Gedanken?“, hakte er nach.

„Ich finde keine Ruhe mehr, weder am Tag noch in der Nacht. Ich kann nicht mehr klar denken. Alles dreht sich im Kreis. Ich werde noch verrückt“, sprudelte es aus ihr hervor.

„Das wird sich schon wieder geben“, versuchte Bruder Martin sie zu beruhigen. Durch das Gitter sah er, wie sie langsam den Kopf schüttelte. „Was nimmt denn deine Gedanken so sehr gefangen, dass du keine Ruhe mehr findest.“

Es dauerte einig Weile bis sie antwortete.

„Ich glaube nicht, dass ihr das verstehen könnt.“

„Ihr könntet es ja versuchen.“

Bruder Martin wollte sich nicht so leicht geschlagen geben. Diesen Spruch hatte er schon oft gehört. Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Ich danke euch, dass ihr mir helfen wollt, aber mir kann niemand helfen.“

Abrupt stand sie auf, straffte die Schultern, trat aus dem Beichtstuhl und ging auf den Ausgang zu. Bruder Martin war so überrascht, dass er ihr gerade noch nachrufen konnte:

„Wenn sie es mir doch sagen wollen, finden sie mich hier.“

In der nächsten Zeit sah Bruder Martin die junge Frau öfter. Aber jedes Mal wenn er auf sie zugehen wollte, um sie zu begrüßen oder ihr etwas Aufmunterndes zu sagen, verschwand sie eilig und ohne ihn anzusehen. Ihre hoffnungslose Haltung änderte sich nicht, im Gegenteil, Bruder Martin hatte das Gefühl, als würde sie mit jedem Mal mehr in sich zusammen fallen. Ihr Haar, das sie bei ihrer ersten Begegnung noch hübsch frisiert hatte, hing nur noch in Strähnen herunter und auch ihre Kleidung ließ zu wünschen übrig. Wenn er sie sah, konnte er sich eines merkwürdigen unangenehmen Schauers nicht erwehren. Dann, plötzlich hörten ihre Kirchenbesuche auf und Bruder Martin fragte sich, was mit ihr passiert sein mochte.

Es war nach einer Frühmesse, als Bruder Martin auf dem Altar neben dem Blumengesteck einen Brief entdeckte. Er war zerknittert und mit krakeligen Buchstaben beschrieben, fast wie von einem Kind, aber deutlich an ihn adressiert. Bruder Martin nahm den Umschlag und steckte ihn in die Tasche seiner Kutte. Hastig und nicht mit der gewohnten Sorgfalt, erledigte er seine Aufgaben. Seine Gedanken galten dem merkwürdigen Brief in seiner Tasche. Dann eilte er in sein Studierzimmer, rückte seinen Lehnstuhl ans Fenster und öffnete den Brief.

„Lieber Bruder,

wenn sie diesen Brief lesen werde ich von meinen Leiden erlöst sein. Ich sehe keinen anderen Ausweg. Das Einzige, um das ich in diesem Leben noch bitte ist, dass sie ein Gebet für mich sprechen. Als ich ihnen sagte, ich hätte mein Leben dem Teufel verschrieben, traf das nicht ganz zu. Oder zumindest wusste ich es zu dem Zeitpunkt, als ich es tat, noch nicht. In meinem Leben gab es nie ernsthafte Probleme. Ich wuchs in finanziell gesicherten Verhältnissen auf, hatte gute Schulnoten und bekam eine tolle Lehrstelle. Auch wenn ich einen Jungen gut fand gab es nie Probleme, es gab immer Mittel und Wege ihn auf mich aufmerksam zu machen. Alles war gut und ich hätte zufrieden sein können. Aber wie es in diesem Leben wohl so oft vorkommt, können sich die Menschen mit diesen Dingen nicht abfinden, sie wollen immer mehr. So auch ich. Eine meiner Arbeitskolleginnen, ein sehr unscheinbares und stilles Mädchen, brachte eines Tages ihren Freund mit zur Arbeit. Ich verliebte mich auf den ersten Blick unsterblich in ihn. Seit dem Moment ließ ich nichts unversucht diesen Mann auf mich aufmerksam zu machen. Aber nichts klappte. Ich fand heraus wo ich ihn treffen konnte, schrieb Briefe, rief ihn an, aber es war hoffnungslos. Eines Tages lass ich in einer Zeitschrift etwas über Frauen, die durch Zauberei den Mann ihrer Träume erobert hatten. Ich war so verzweifelt, dass mir sogar ein Mittel, das mir unter normalen Umständen lächerlich vorgekommen wäre, in Erwägung zog. In der nächsten Vollmondnacht, schlich ich mich auf den nächsten Friedhof, stellte mich an ein frisches Grab, zündete eine Kerze an und versprach alles was mir heilig war Gott oder dem Teufel, wenn sich nur dieser Mann in mich verlieben würde. In meiner Naivität verpfändete ich sogar mein Leben. Nur um endlich Ruhe finden zu können. Das Unglaubliche geschah! Er verließ seine Freundin und wollte mich. Ich war stolz auf meinen Einfallsreichtum und sah geringschätzig auf meine Arbeitskollegin herab. Nicht nur das. Wo ich konnte, ließ ich sie merken wie groß ich mich fühlte und verspottete sie. Aber mein Triumph verwandelte sich in einen Fluch. Statt glücklich zuwerden, weil ich endlich den Mann meiner Träume erobert hatte, verwandelte sich mein Leben in eine Katastrophe. Dieser Mann, den ich so sehr begehrte, gehörte nicht nur mir, er hatte auch noch andere Freundinnen. Aber statt ihn zu verlassen, vergaß ich bei ihm alles, auch meine Würde. Wenn er bei mir war, lebte ich auf und wenn er nicht da war, was immer häufiger vorkam, litt ich wie eine Fieberkranke. Ich bettelte auf Knien, versprach ihm was er wollte, tat was er wollte, aber er demütigte mich bis in den Staub. Jedes Mal schwor ich, ich würde ihn verlassen, aber ich konnte es nicht. Wie eine Süchtige verfiel ich ihm, ohne Aussicht auf eine Heilung. Er begann mich zu halten wie einen Hund, streichelte mich und trat mich. Ich fügte mich. Und sie werden mir recht geben, Gott hatte mir diesen Mann nicht geschenkt, es muss der Teufel gewesen sein. Mein Leben ist nur noch eine einzige Qual, ich kann ohne diesen Mann nicht Leben, aber auch nicht mit ihm. So ist es besser gar nicht mehr zu leben. Ich danke ihnen für ihre Sorge und ihr Mitgefühl. Beten sie für mich.

Ihre verzweifelte Lena“

Bruder Martin ließ den Brief auf seine Knie sinken und blickte mit tränenfeuchten Augen hinaus in seinen blühenden Garten. Alles war friedlich und still. Die Sonne schien auf den kleinen Gartenteich, der sein ganzer Stolz war. Die Seerosen wandten ihre zartrosa geränderten Blüten dem Himmel entgegen. Eine Libelle schwirrte über sie hinweg und ihre Flügel schillerten in allen Farben des Regenbogens. Durch das offene Fenster nahm er den sanften Duft der Rosen wahr, die sich gerade entfalteten. Das arme, verwirrte Mädchen. Hätte sie sich ihm doch anvertraut, vielleicht wäre es ihm möglich gewesen ihr zu helfen und sie von diesem absurden Gedanken abzubringen. Wie sehr musste sie gelitten haben, dass sie glauben konnte, sie habe ihre Seele dem Teufel verschrieben. Bruder Martin schüttelte nachdenklich den Kopf. Aber den Wunsch ein Gebet für sie zu sprechen wollte er ihr erfüllen. So schloss er die Augen, um ein „Ave Maria“ für sie zu beten. Leise sprach er die ersten Worte, als er plötzlich aufschrie vor Schmerzen und den Brief von sich warf. Das Papier war in Flammen aufgegangen und verbrannte vor seinen Augen zu einem winzigen Aschehäufchen. Starr vor Schreck sah Bruder Martin auf die Asche zu seinen Füssen. Und jedes Mal, wenn er später sein Arbeitszimmer betrat und auf den Brandfleck sah, der sich in die Holzdielen eingefressen hatte, bekreuzigte er sich und sandte ein Stoßgebet gen Himmel.

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