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Posts Tagged ‘Brücke’

Ein goldgelber Mond hing über der Stadt und spiegelte sich in den Grachten. Die Nacht war warm und aus den offenen Fenstern der alten Häuser drangen Stimmen, Musik und Lachen. Ich blieb in der Mitte einer Brücke stehen und lauschte den Geräuschen der Nacht. Von irgendwo tönte eine helle Glocke herüber, ein Radfahrer überquerte die Brücke, ich hörte einen Hund bellen. Der leicht brackige Geruch von Wasser stieg mir in die Nase.

Ich hatte mich verlaufen. Verirrt. In meinem Leben verirrt. Eine falsche Endscheidung zu viel getroffen und nun stand ich auf der Brücke, in dieser aufregenden Stadt und war allein. Ich seufzte.

„So schlimm?“, sagte eine angenehme Stimme neben mir.

Ich erschrak, machte einen Schritt zur Seite und stolperte. Zwei kräftige Hände hielten mich davon ab zu stürzen.

„Entschuldigung, ich wollte sie nicht erschrecken.“ Er sah auf mich herunter. „Darf ich sie auf einen Kaffee einladen?“

„Jetzt?“, fragte ich völlig perplex.

„Ja“, er lächelte, „in einer Stunde beginnt die Morgendämmerung und für sie mache ich mein Café gerne zwei Stunden früher auf.“

„Warum nicht.“

Eine falsche Entscheidung mehr oder weniger machte inzwischen auch nichts mehr aus.

Sänger: Wouter Hamel, Amsterdam

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Ich stehe auf der Brücke und sehe in die schwindelerregende Tiefe. Unter mir glänzt die regennasse Straße im Schein der Straßenlaternen. Ist die Höhe groß genug, um wirklich tot zu sein oder breche ich mir jeden Knochen im Körper und werde ein bedauernswerter Pflegefall. Es reicht, dass ich mich wie ein geistiger Krüppel fühle, die mitleidigen Blicke anderer könnte ich nicht ertragen.

„Schaut nur, sie hat versucht sich zu Tode zu stürzen, aber es hat nicht geklappt und jetzt muss ihre Familie sie pflegen. Im Leben hat sie nichts richtig gemacht und auch das Sterben ist ihr nicht gelungen.“

Die Vorstellung ist furchtbar. Aber gibt es eine bessere Art zu sterben? Mit dem Strick? Wenn ich es nicht richtig anstellte, dann werde ich elendig ersticken; ins Wasser gehen, bringt nichts. Ich kann schwimmen. Erschießen? Ich weiß nicht, wie ich an eine Waffe kommen könnte und außerdem habe ich keinen blassen Schwimmer, wie man so ein Teufelsding bedient. Vor einen Zug schmeißen habe ich erwogen, aber wenn ich daran denke, wie mein Körper danach aussieht, wird mir übel.

Ich sehe in den Abgrund. Ich bin vollkommen unfähig. Unfähig zu leben und unfähig zu sterben. Tränen laufen mir über das Gesicht. Warum kann es nicht endlich zu Ende sein? Das Leben ist so ermüdend. Egal was ich tue, niemandem kann ich es recht machen. Niemand tritt für mich ein oder hat ein hörendes Ohr für mich. Wenn ich über meine Probleme sprechen will, heißt es: Was hast du? Du hast es doch gut. Schlaf dich mal aus, dann wird das schon.

Es kotzt mich an. Nichts wird gut. Das Leben läuft immer in dem gleichen Trott von Aufstehen, Arbeiten, Schlafengehen. Ohne Liebe, ohne Zuwendung. Alles bloß Gewohnheit. Alltag, der alles erstickt.

Von der Euphorie des Anfangs ist nichts übrig geblieben. Die Zeit läuft mir davon und nichts ändert sich. Ich habe das Gefühl, das jedes Wort von mir ungehört im Wind verweht und ich die Einzige bin, die erkennt wie stumpf und zerstörerisch dieses Leben ist.

Ich kann, ich will nicht mehr so weiter leben. Mein Körper rebelliert schon länger gegen diesen Wahnsinn und jetzt ist meine Seele am Ende. Der Schmerz fühlt sich an wie ein Messer, dass in meinem Bauch umgedreht wird. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, habe ständig Kopfschmerzen.

Das muss aufhören. AUFHÖREN! Ich will nichts mehr denken, keine blöden Ratschläge mehr hören. Es soll einfach aufhören. Wenn es doch so einfach wäre. Am liebsten würde ich mich in eine Ecke legen und die Luft anhalten, bis es vorbei ist. – Markus wäre vermutlich froh, wenn er mich so bequem los wird. Dem tue ich noch einen Gefallen und seinen Eltern bin ich sowieso nie gut genug gewesen für ihren Liebling.

Ich lege meinen Kopf auf das Brückengeländer. Ein Schluchzen schüttelt mich. So kann ich nicht leben. Sterben kann ich auch nicht. Ich habe Angst vor dem Sprung. Ich bin noch nicht soweit, sonst hätte ich nicht gezögert. Mein Körper will mir nicht mehr gehorchen. Ich sinke auf die Knie.

Als sich mein Schwächeanfall gelegt hat, schleiche ich zurück wie ein geprügelter Hund. Wenn ich Glück habe, schläft Markus schon, wie immer. Sobald er morgen früh aus dem Haus geht, packe ich meine Sachen und wenn ich auf der Straße wohnen muss. Besser, als so weiter zu leben.

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Wo bist du?

„Hallo, ist da jemand?“
Ich lausche in die Dunkelheit. Kein Laut zu hören. Ich habe mich verlaufen und finde keinen Ausgang aus dem Labyrinth. Je weiter ich gelaufen, je schneller ich gegangen, je schwieriger die Wege wurden, desto tiefer verstrickte ich mich in mein fantastisches Labyrinth und nun stehe ich vor einer Wand, die mir den Weg komplett versperrt. Ich kann sie nicht sehen, aber ich spüre sie. Bin dagegen gestoßen, tastete mich an ihr entlang, finde keinen Durchschlupf. Wenn ich nicht bald einen Ausweg finde, werde ich verhungern und verdursten. Mein Geist wird eintrocknen in diesem schwarzen Loch aus ungesprochenen Worten, verlegten Gedanken, vergessenen Erinnerungen, ungelebten Empfindungen, entfernten Träumen, die aus dem Nebel rufen und ungehört von der Finsternis geschluckt werden.
„Wo bist du?“
Meine Verzweiflung ist so groß, dass mein Herz bleischwer zu Boden sinkt und mich mit sich zieht, in den Abgrund meiner Seele. Es ist meine letzte Stunde. Ich weiß nicht, wie lange sie dauert, aber es wird zu Ende gehen.
„Hier ist nichts! Nichts? Nichts wo bist du! Zeig dich!“ schreit die Traurigkeit irgendwo in den Windungen meines Geistes.
Plötzlich, nur ein Schemen eines Traumgespinstes, höre ich einige Töne. Sind es Töne oder nur Erinnerungen von Tönen. Gespannt nehme ich jede Empfindung, jede Regung auf, baue mir aus Klängen eine Brücke aus Licht. Erst nur eine Idee, aber mit jeder neuen Klangfarbe wird sie größer, heller, strahlender, bis sie mich tragen kann. Meine Ängste, meine Erinnerungen und Vergesslichkeiten, meine Liebe, meine Wut, meine Illusionen und meine Wahrheiten. Die Lichtbrücke erleuchtet meine Finsternis und bringt die Fantasie zurück, um mich von meiner Hoffnungslosigkeit zu befreien.
Ich weiß, du hast mir den Klang deines Herzens gesandt, um mich aus meiner Dunkelheit zu rufen. Du schlägst eine Saite in mir an, die meine Fantasie zum Klingen bringt, wenn mich die Nacht zu verschlingen droht. Ich danke dir für deinen Kuss, Muse meines Herzens.

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