Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Capote’

„Er zog in ein Loft in New York, um zu leben, wie die großen Schriftsteller gelebt haben ….“ (Der Dieb der Worte)

Haben die großen Schriftsteller so gelebt? In einem Loft in New York? Nein. Ich denke nicht. Hemingway lebte in seiner Anfangszeit einer kleinen Wohnung in Paris und schrieb nebenbei für Zeitschriften oder als Kriegsberichterstatter. Er ist nicht der Einzige, der lange Jahre brauchte, um die Anerkennung zu bekommen, die er verdiente.

Ich bin Schriftstellerin. Eine kleine, zugegeben, aber ich bin eine. In einem Loft in New York lebe ich nicht, noch nicht einmal in einem Loft in Frankfurt. Allein mir fehlt das Geld. Ich gehe arbeiten. Ich schiebe unser Geld von rechts nach links, um über den Monat zu kommen. Ähnlich wie die alten Meister. Ich erlaube mir den Luxus des Poeten. „Wenig“ zu arbeiten, um schreiben zu können. Ich bin froh, einen Mann an meiner Seite zu haben, der meine Passion akzeptiert und anerkennt.

Obwohl wenig Arbeiten nicht wenig ist. Ich bin Angestellte, Hausfrau, Mutter, Freundin, Ehefrau, Schreibkursleiterin und Schriftstellerin. Vermutlich die falsche Reihenfolgen und im Grunde eine unnötige Rechtfertigung. Aber, wie das so ist, der größte Teil meiner Zeit vergeht im Alltag. Sollte ich es nicht tun? Wer tut dann meine Arbeit? Könnte ich dann so gut oder besser schreiben, dass ich einen Verlag finde?

„Originelle Story, interessante Figuren.“ Was braucht man mehr für ein Buch? Einen guten Stil. Sicher. Meiner ist wahrscheinlich(er ist!) verbesserungswürdig. Ist das ein Verbrechen? Nein. Warum auch? Daran arbeiten ist immer möglich, ich müsste nur wissen wie, warum.

Es ist frustrierend, wenn du gelobt wirst, von Freunden, Bekannten, sogar von Fremden und dann kriegst du von den Verlagen diese Sprüche (siehe oben). Was soll ich davon halten? Was soll ich tun, um besser zu werden?

„Er (der Schriftsteller) hätte jemand sein müssen, den man kennt.“ – „Was ist passiert?“ – „Das Leben.“ (Der Dieb der Worte.)

Ich sollte jemand sein, den man kennt. Nicht weil ich im Rampenlicht stehen will. Ich lege nicht so viel Wert darauf, gesehen zu werden – aber ich würde Wert drauf legen, gelesen zu werden. Ich wünsche mir, dass Menschen lesen können, was ich schreibe, wenn sie wollen. Das es zumindest die Möglichkeit gibt. Wenigstens das.

Hätte ich früher wissen müssen, was ich sein will? Schriftstellerin. Bin ich zu lange dem Leben hinterher gelaufen, mit dem Leben mitgelaufen? Ich weiß es nicht. Man kann nie wissen, was geworden wäre. Vorbei ist vorbei. Zeit kommt, Zeit geht und ich „segele an den wolkengesäumten Küsten meiner Träume“ – um es mit Truman Capote zu sagen. Was für ein wunderbarer Schriftsteller. Einer von vielen wunderbaren Schriftstellern. Manchmal wünschte ich mir nur zu lesen. Ein Buch nach dem anderen, niemals aufzuhören. Wort an Wort, Satz an Satz, bis ich sterbe.

Aber dann höre ich, wie die Geschichten in meinem Kopf entstehen. Sie quälen mich und ich muss mich hinsetzen und schreiben. Bis der Zweifel kommt. Kann ich jemals eine gute Schriftstellerin sein? Wenn ich es wäre, müsste nicht irgendein Lektor sehen, dass ich den Keim in mir trage und mir sagen – „wenn sie daran arbeiten und dies verbessern, dann kann es gut werden“!?

Dann kann es endlich gut werden. Kann es gut werden? Ich bin nicht Hemingway, nicht Capote. Ich liebe Worte, Sätze, Geschichten. Vielleicht bin ich gut, vielleicht nicht. Es gibt Tage, da ich befürchte, ich werde es nie erfahren und es gibt Tage, da ist es mir egal. Aber es gibt etwas, dass mir niemals egal, niemals zu viel ist: das Schreiben – meine Geschichten – meine Figuren, Teil meiner Selbst und doch nie ich selbst. Ich kann brav sein, weil sie es nicht sind. Ich kann ohne Urlaub auskommen, weil sie auf der Reise sind. Ich weine, sie lachen. Ich bin unauffällig, weil sie auffallen. Ich lebe viele Leben. Lebe an allen Orten dieser Welt und unendlichen anderen Welten. Ich habe tausend Zeiten, tausend Zeitalter, tausend Gesichter, tausend Tausende.

Ich lebe in einem Loft in New York. Hoch über den Dächern der Stadt. Nahe dem Himmel, nahe den Sternen – was macht es, dass es nur eine Geschichte ist? Nichts. Es ist mein Leben. Meine Geschichte. Vielleicht liest sie ein einziger Mensch und findet sich darin wieder – dafür hat es sich gelohnt. Die Stunden am Schreibtisch, auf der Suche nach den richtigen, den besten Worten.

Ich segele an den wolkengesäumten Küsten meiner Träume – dafür nehme ich alles andere in Kauf und das ist es am Ende, was die großen Schriftsteller taten. Alles für ihre Kunst zu geben.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: