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Bildbeschreibung: Thema Nachtcafe

Von Georg Grozs – Nachtcafe

Betrachtung und Bildbesprechung:

–   Wie wirkt das Bild

–   Welche expressionistischen Stilelemente

–   Was bedeutet Nachtcafe?

Texterfahrung

 

Nachtcafé vonGottfried Benn


    824: Der Frauen Liebe und Leben.
Das Cello trinkt rasch mal. Die Flöte
rülpst tief drei Takte lang: das schöne Abendbrot.
Die Trommel liest den Kriminalroman zu Ende.

Grüne Zähne, Pickel im Gesicht
winkt einer Lidrandentzündung.

Fett im Haar
spricht zu offenem Mund mit Rachenmandel
Glaube Liebe Hoffnung um den Hals.

Junger Kropf ist Sattelnase gut.
Er bezahlt für sie drei Biere.

Bartflechte kauft Nelken,
Doppelkinn zu erweichen.

B-Moll: die 35. Sonate.
Zwei Augen brüllen auf:
Spritzt nicht das Blut von Chopin in den Saal,
damit das Pack drauf rumlatscht!
Schluß! He, Gigi! –

Die Tür fließt hin: Ein Weib.
Wüste ausgedörrt. Kanaanitisch braun.
Keusch. Höhlenreich. Ein Duft kommt mit. Kaum Duft.

Es ist nur eine süße Vorwölbung der Luft
gegen mein Gehirn.

Eine Fettleibigkeit trippelt hinterher.

Klärung der Aspekte expressionistischer Textarbeit

(Reduktion, Substantivierung, Heterogenisierung, Emotionalisierung, Utopisierung).

Schreibaufgabe nach Cluster oder Imaginationsmethode:

Kernwort bzw. Kernmotiv: Nachtcafe in Berlin. Das Schreiben eines Gedichts zum Thema Nachtcafe gelingt am besten bei einem Besuch eines heutigen Nachtcafes.

Textarbeit:

Überarbeitung des Textes nach Kriterien der expressionistischen Textarbeit – den Sechs!

Textdeutung:

Vorlesen der eigenen Texte in einer Gruppe. Versuch der Textdeutung der eigenen Texte nach biografischen, soziologischen und symbolischen Aspekten.

Zweites Thema: Der Idiot

Der Sturm und Drang, die schwarze Romantik griffen die Darstellung des neurotischen Menschen als literarisches Thema zuerst auf. Der psychologische Roman folgte. Im Expressionismus nahm in der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse das Thema Wahnsinn/Ichzerfall einen großen Stellenwert, als Protest gegen die kleinbürgerliche Lebensweise, als Engagement für Außenseiter, ein.

Texterfahrung:

 

Der Idiot von Paul Zech

 

Mit einem Bild, der tief nach innen horcht,

und in den Fäusten fest die Eisenhacke – :

durchwatet er den gelben Sumpf der Schlacke.

Wie wenn ein Bauer pflügend über den Stoppeln storcht.

Stumm lebt er die Legende vom verlorenen Sohn.

Sein Lachen wuchs nicht auf in Zierstrauch-Gärten.

Was er erfuhr, hieß – : Hunger, Hiebe, Härten

Bis zu dem Tag vor der Kommunion.

An seiner Stirn zerschlug ein Lump den Fuselkrug.

Sein Husten blutet, keucht Tuberkulose

Und macht ihn für die Schicht im Schacht nicht Manns.

Manchmal schwärt Tobsucht quer durch sein Gehirn und

Wie Licht aus einer roten Fensterrose

Nach außen und entmenschlicht ein verwandertes Gesicht.

Fragen zur Textdiskussion

Wie wird die Ursache und Erscheinung der geistigen Umnachtung beschrieben? Was ist der soziale Ort des Wahnsinnigen? Welche Symbole verwendet der der Text? Welche Stilelemente? Welche Elemente expressionistischer Textarbeit kommen in diesem Gedicht vor?

 

Schreibaufgabe

Nach Cluster und Imagination. Kernwort: Der Wahnsinnige bzw. die Wahnsinnige. Erstellung eines Ur-Textes.

 

Textarbeit

Berücksichtigung der sechs expressionistischen Kriterien der Textarbeit.

Drittes Thema: Aufbruch

Vorbemerkung:

  1. Der Expressionismus zeigt in der Entwicklung vieler seiner Autoren die heilende Wirkung expressionistischen Schreibens. Von der narzisstischen Egomanie zur Solidarität.
  2. Der Expressionismus dokumentiert damit die wichtige Epoche in der Entwicklung der Potenzen in der Poesiegeschichte. Er baut auf Romantik und Neo-Romantik auf, die das Unbewusste für die Poesie entdeckten und leitet über zum Surrealismus, der das Unbewusste weiter erschloss.

Einstimmung ins Thema „Aufbruch“:

Sonne und Licht und die Farben Blau sind die bevorzugten Wunsch – und Utopiemetaphern bei Georg Heym.

„In der Jugendstilschicht der Heymschen Bilderwelt stehen Sonne und Licht-Metaphern für ein imaginäres Glück, für traumhafte Schönheit und erträumten Rausch:

Der Sonnenball hing groß am Himmelsbaum

Und rote Strahlen schoss des Abends Bahn

Auf allen Köpfen lag des Lichtes Traum.

(8,4 Berlin II)

…die Sonne wiegt in träumerischer Luft

Des goldenen Tages Brücke spannt sich weit

Und tönt wie einer großen Leier Ton…

(37,6 und 38,0 Die Heimat der Toten)

Nun zur Bedeutung der Farbe „Blau“ bei G.Heym:

„Bei Heym ist die Farbmetapher blau, wo sie in positiver Funktion gebraucht wird, aufs emphatische mit dem Gefühl des Erhabenen besetzt. Die Substantive das „Blau“ und die „Bläue“ sind abgekürzte Schreibeweisen all dessen, was sich als Utopie eines „festlichen Süds“ in Gedichten wie „Der Tag“ und „An das Meer“ entfaltet:

Palmyras Tempelstaub bläst auf der Wind

Der durch die Hallen säuselt in der Zeit

Des leeren Mittags, wo die Sonne weit

Im Blauen rast…

(53,1 Der Tag)

…Dessen hohen Thron

Am Mittag stand im Licht, der Göttersohn,

Des ungeheuer Glanz das All erfüllt,

Die marmorweißen Tempel. Blauer Glanz

Auf allen Höfen…

(137,Z.12-16 Der Tag)

…Werden wir Vögel werden,

Im Stolze des Blauen, im Zorne der Meere weit?

(78,4 Der Morgue)

Schreibaufgabe

Cluster oder Imagination zum Motiv: Aufbruch ins Blaue. Erstellung eines Ur-Textes.

Textarbeit:

Beim Überarbeiten die sechs Kriterien expressionistischer Textarbeit berücksichtigen.

Expressionistische Schreibspiele nach F.T.Marinetti

Er(Marinetti) verbreitete die Botschaft der Parataxe, der Benutzung bloßer Substantive. Er votierte für unverbrauchte Worte. Er plädierte für die schöpferische Unordnung, die das Unbewusste deutlicher zur Sprache brachte. Damit erhob er die freie Assoziation zum Gesetz der Artikulation, auch in der Dichtung. Die folgenden Thesen(Die futuristische Literatur. Technisches Manifest)sind etwas gekürzt.

  1. Man muss die Grammatik dadurch zerstören, dass man die Substantive nach der Art ihrer Entstehung anordnet.
  2. Man muss das Verb im Infinitiv gebrauchen, damit es sich elastisch dem Substantiv angepasst und es nicht dem „Typ“ des Schriftstellers unterwirft, der beobachtet und erfindet.
  3. Man muss das Adjektiv beseitigen, damit das nackte Substantiv seine eigentliche Kraft behält. Das Adjektiv ist unvereinbar mit unserer dynamischen Vision, da es einen Stillstand, eine Überlegung voraussetzt.
  4. Man muss das Adjektiv beseitigen. Das Adverb gibt dem Satz einen langweiligen gleichmäßigen Ton.
  5. Jedes Substantiv muss eine Verdopplung haben, dass heißt, das Substantiv muss ohne Konjunktion dem Substantiv folgen, dem es auch in Analogie verbunden ist. Beispiel: Mann – Torpedoboot, Frau – Hafen, Menge – Brandung, Platz – Trichter, Tür – Maschinenbahn.
  6. Keine Interpunktion mehr. Wenn die Adjektive, Adverben, und die Konjunktion unterdrückt sind, dann macht sich die Interpunktion selbst überflüssig, in der Abwechslung eines lebhaften, durch sich selbst geschaffenen Stiles, ohne die absurde Unterbrechung, durch Komma und Punkte.
  7. Der Schriftsteller hat sich bis jetzt der unmittelbaren Analogie überlassen. Man muss also die Sprache zerstören: Klischees farblose Metaphern. Also fast alles.
  8. Es gibt keine Kategorien vornehmer, grässlicher, eleganter, ärmlicher, übertriebener oder natürlicher Bilder. Die Intuition, die sie wahrnimmt, kennt keine Rücksichtnahme oder Parteilichkeit. Der vergleichende Stil ist also unumschränkter Herrscher der ganzen Materie und ihres unumschränkten Lebens.
  9. Um die aufeinanderfolgende Bewegungen eines Gegenstandes darzustellen, muss man eine Kette der Analogien bilden, die er hervorruft, eine jede gedrängt, in ein kennzeichnendes Wort zusammengefasst.
  10.  Da jede Art von Ordnung notwendig das Ergebnis eines vorsichtigen Verstandes ist, muss man die Analogien orchestrieren, verteilen nach einem Maximum von Unordnung.
  11. Nur der unsyntaktische Dichter, der sich der losgelösten Wörter bedient, wird in die Substanz der Materie eindringen können und die dumpfe Feindlichkeit, die sie von uns trennt zerstören. Die tiefe Intuition des Lebens verbindet Wort an Wort nach der unlogischen Entstehung, sie gibt die Hauptlinie einer intuitiven Psychologie der Materie.

Marinettis Botschaft war das Signal für die selbstanalytische Arbeit, die die Expressionisten leisteten und zugleich eine Poetik, nach der sich ihre Textarbeit richten konnte.

Spiele nach Marinettis Vorschlägen:

  1. Schreiben sie Sätze in der Reihenfolge der Worte, wie sie ihnen einfallen, damit die Grammatik zerstört wird.
  2.  Schreiben sie Sätze, in denen das Verb nur im Infinitiv gebraucht wird.
  3. Schreiben sie Sätze ohne Adjektiv, damit jede Nuancierung beseitigt wird.
  4. Schreiben sie spontan Sätze ohne Adverbien, damit jede Langweiligkeit aus den Sätzen verschwindet.
  5. Schreiben sie Sätze in deinen jedes Substantiv verdoppelt auftritt.
  6. Schreiben sie einen längeren Text ohne Interpunktion. Ohne Punkt, Komma usw.
  7. Schreiben sie Sätze voller Klischees und ersetzen sie alle Klischees durch bisher unerhörte Metaphern.
  8. Schreiben sie Sätze, die die völlige Gleichgültigkeit gegen den Inhalt der Sätze ausdrücken. Schreiben sie kalt, verfremdend, ironisch, als wenn die Realität durch Neonlicht beleuchtet wird.
  9. Stellen sie eine Vase Blumen auf den Tisch. Sammeln sie im freien Einfall alle Analogien, die die Vase in ihnen hervorruft und montieren sie diese Analogie zu einem Text ohne Satzzeichen und Grammatik.
  10. Gehen sie zu einer U-Bahnstation (Bahnhof). Sehen sie sich einen Zug an, der in den Bahnhof einfährt. Sammeln sie alle Analogien, die dieses Ereignis in ihnen auslöst. Schreiben sie einen Text, in dem diese Analogien in der größtmöglichen Unordnung erscheinen.
  11. Versuchen sie, beliebig in der Großstadt ausgewählte materielle Objekte zu beschreiben. Die Logik der Beschreibung soll sich dabei streng nach den freien Einfällen ausrichten, die die materiellen Objekte in ihnen ganz ungeordnet auslösen.

Die Aufgaben sind angelehnt und zum Teil wörtlich zitiert aus dem Buch: Kreative Literaturgeschichte, von Lutz von Werder, Klaus Mischon, Barbara Schulte-Steinicke ISBN 3-928878-01-8

 

Siehe Expressionistisches Schreiben Teil I.

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Der Tanzsaal dreht sich immer schneller um uns herum. Mit uns im dreiviertel Takt. Bis er mit einem lauten Krachen auseinander springt wie ein Knallbonbon. Viele tausend Funken erhellen die Nacht und selbst die Sonne erblasst vor Neid. Auf der Milchstraße tanzen wir weiter, leicht wie die Federn und barfüssig, bis zu den Knöcheln im milchigen Nass. Wir geben den Sternbildern neue Namen. Das Cello, die Bratsche, die Trompete, das Saxophon, der Trommler und der ganze Himmel hängt voller Geigen. Unserem Reigen schließen sich die Sternzeichen an. Wassermann, Schütze, Jungfrau und die quirligen Zwillinge. Wir tanzen die ganze Nacht, bis nur noch die Venus am Horizont zu sehen ist, während alle anderen Sterne schon müde zur Ruhe gegangen sind. Der Spiralnebel löst sich in den Weiten des Alls in Wohlgefallen auf. Du hältst mich in den Armen und langsam steigen wir aus unserem siebten Himmel wieder zur Erde hinab. Erschöpft sinken wir auf unsere Kissen und schlafen sofort ein. Im Morgengrauen erinnern nur noch zwei milchig weiße Pfützen vor unserem Bett, an diese wundersame Begegnung zwischen Tag und Traum.

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