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Posts Tagged ‘Chance’

Die Nacht gehört uns

Die Sonne versink langsam hinter den Hügeln. Es wird nicht mehr lange dauern und die Verwandlung beginnt. Ich kann es fühlen, jede Zelle meines Körpers ist in Aufruhr. Es ist das erste Mal und es wird nicht angenehm sein. Marian hat mich gewarnt, aber ich musste es tun. Es ist die einzige Chance dem Kommenden zu entgehen, auch wenn ich nie mehr dieselbe sein werde.

Die Schatten werden immer länger, ich hocke mich auf den Boden und atme tief durch. Marian sagte, versuch dich in einen tranceartigen Zustand zu versetzen, lass es durch dich hindurch fließen wehr dich nicht gegen die Umwandlung, dann tut es nicht so weh.

Nun bin ich von der Finsternis umgeben. Ich warte auf den Schmerz, doch er kommt nicht. Ich höre tief in mich hinein. Wo bist du? Plötzlich höre ich einen markerschütternden Schrei. Er kommt aus meiner Kehle. Feuer schießt durch meine Adern. Es beginnt.

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Die Zugtüren glitten zusammen, noch einen kurzen Moment, dann setzte sich der Zug in Bewegung. Ich stand auf dem Bahnsteig, sah ihn hinter der Tür, groß, breitschultrig, ernst. Tausend Gedanken gingen mir bei seiner Abschiedsumarmung durch den Kopf. Ich konnte keinen in Worte fassen.
„Ich liebe dich!“, schrie ich dem Zug hinterher.

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„Refugium für Schriftsteller, ruhige Zimmer, lang oder kurzfristig zu mieten. Gemeinsames Dinner, kein Gesellschaftszwang.“

Ich lese die Zeilen der Annonce ein weiteres Mal. Das ist die Gelegenheit. Endlich raus hier. Keiner der anruft, der plötzlich vor der Tür steht und mir sein Herz ausschütten will. Kein Chef, der Doppelschichten fordert, weil wir uns mit dem Geschäft identifizieren müssen. Ich zögere. Das Geld das mir mein Bruder Frances hinterlassen hat, ist meine einzige Sicherheit. Andererseits, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich will endlich meinen Roman schreiben, ohne mich um den ganzen Alltagskram zu kümmern.

No risk, no fun, höre ich meinen Bruder sagen. Das war sein Motto. Nur wer etwas riskiert, muss sich am Ende nicht die Frage stellen, was wäre gewesen wenn … . So lebte er und so starb er, viel zu früh und ließ mich mutterseelenallein zurück.

Ich nehme den Telefonhörer ab und wähle die Nummer unter der Annonce. Frances wäre stolz auf mich. Er glaubte an mein Talent und ich will ihn nicht enttäuschen.

„Hallo, Pension Morgan, mein Name ist Sandy, was kann ich für sie tun?“, fragt eine angenehme Frauenstimme.

„Guten Tag“, mein Herz schlägt eine Spur schneller, „mein Name ist Lea Wynter. Haben sie die Anzeige in der „Post“ aufgegeben? Refugium für Schriftsteller.“

„Ja, da sind sie hier richtig.“

„Ich würde gerne eins ihrer Zimmer mieten und wollte mich nach den Preisen erkundigen.“

Die nette Dame am anderen Ende nennt mir verschiedene Preiskategorien. Bei der günstigsten Variante würde mein Geld für acht Monate reichen. Ich könnte ein halbes Jahr schreiben und die letzten zwei Monate dazu nutzen mir einen neuen Job zu suchen, falls es nicht klappt.

„Danke für die Information. Ich entscheide mich für Kategorie D. Hätten sie etwas frei?“

„Sie haben Glück. Ende der Woche wird ein Zimmer frei. Also … .“

Ich unterbreche Sandy aufgeregt.

„Ich nehme es. Das Zimmer. Kann ich am Montag anreisen?“

Sie hat ein angenehmes Lachen.

„Natürlich. Aber sie müssen nichts überstürzen.“

„Oh, das tue ich nicht“, sage ich, „ich nutze nur die Chance.“

„Das freut mich für sie, Miss Wynter. Würden sie mir ihre E-Mail-Adresse und ihre Telefonnummer durchgeben? Dann schicke ich ihnen die Unterlagen gleich zu.“

„Super.“

Ich gebe Sandy die gewünschten Informationen und verabschiede mich.

Jetzt werde ich einige weniger angenehme Telefonate und Gespräche führen müssen – aber wenn sich eine Tür von alleine öffnet, soll man hindurchgehen. Das mit dem Eintreten klappt nicht immer.

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Bis dahin hatte ich mein ganzes Leben lang nur nach Mustern gelebt, die nicht meine Muster waren. Doch nun erwachte ich aus meinem Dornröschenschlaf. Dass es einen kompletten Bruch mit den alten Gewohnheiten gab, war wohl dem Umstand geschuldet, dass mir die Zeit davonlief. Wie sagt man im Volksmund so schön: die biologische Uhr tickt.

Meine Familie ist entsetzt. Aus ihrem Blickwinkel bin ich die Mutter in der Midlife Krise. Ich höre sie lamentieren: Muss du gleich alles hinschmeißen? Du hast doch deine Freiheit, was willst du noch?

Wie viel Zeit bleibt, wenn man in die zweite Hälfte des Jahrhunderts eintritt? Die Knochen werden nicht gelenkiger, die Haut nicht glatter, der Kopf nicht agiler. Auch die Chance von einem Bus überfahren zu werden wird größer, wenn man nicht mehr so schnell laufen kann.

Ich bin einfach zu alt für mich. In meinem Herzen, meinen Gedanken und Fantasien beginnt mein Leben erst jetzt. Ich habe genauso viele Träume, vielleicht noch mehr, als in meiner Jugend, doch mein Spiegelbild macht mir keine Illusionen. Ich habe mich gut gehalten, aber das ist auch alles. Die Zeit läuft und zwar nicht mit mir, sondern gegen mich.

Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss – alte Zöpfe abschneiden, ihren eigenen Rhythmus finden und sich nicht mehr verbiegen. Für niemand.

Der Satz stammt aus „Er oder ich“ von Fee Zschocke.

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