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Posts Tagged ‘Eiche’

„Du wirst dich noch verraten!“, krächzte Ares.

Er saß auf Tirzas Schulter und zupfte mit dem Schnabel an ihren roten Locken.

„Psst“, zischte sie und drückte sich eng an den dicken Stamm einer knorrigen alten Eiche. Ihre Kleidung, in verschiedenen Braun – und Grüntönen gehalten, machte sie beinahe unsichtbar. „der Wind steht günstig. Sie werden mich nicht riechen. Außerdem sind sie damit beschäftigt das Lager aufzuschlagen“

„Genau“, stimmte Blue Tirza zu, „du bist es, der uns mit seinem ewigen Genörgel verrät.“

Die azurblauen Augen des Polarfuchses verengten sich zu Schlitzen und warfen dem Raben scharfe Blicke zu. Eines Tages beiße ich ihm die Kehle durch, dachte er. Bevor Ares etwas erwidern konnte und sich in eine verbale Schlacht mit seinem Rivalen um Tirzas Gunst stürzen konnte, sagte sie:

„Ihr seid jetzt beide still! Sonst nehme ich euch nie wieder mit.“

Die beiden Tiere schluckten ihren Ärger herunter und schwiegen. Vorerst. Tirza wusste, dass dieser Disput nur aufgeschoben war. Sie verkniff sich ein Lächeln und blickte Ares und Blue streng an. Ohne die beiden hätte sie sich nie in ein Abenteuer gestürzt. Dazu waren ihre Dienste viel zu wertvoll.

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Der kleine Herr Mann verließ an diesem Morgen sehr missmutig das Haus. Den dunkelblauen Hut tief ins Gesicht gezogen, den Wollmantel bis auf die Knöchel reichend. Zu seinem Unglück war es nebelig. Die schmutzigen und unschönen Dinge wurden vom Schnee der Nacht unter einer gnädigen Decke verborgen. Seine trübseligen Gedanken ließen nicht zu, dass er die seltsame Schönheit des Morgens genießen konnte. Er eilte durch den stillen Kurpark ohne ihn wahrzunehmen. In dieser Jahreszeit verirrte sich nur selten ein Spaziergänger hierher. Es kamen immer weniger Touristen und die Kurstadt würde langsam sterben.

Das berührte Herrn Mann nicht besonders. Für ihn ging jeder Tag im gleichen Trott dahin. Er war in diesem Ort geboren und hier würde er sterben. Er ging in den kleinen Uhrenladen, der vor ihm seinem Vater gehört hatte. Von genau 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr. Jeden Tag, das ganze Jahr. So war es immer. Bis auf die 14 Tage Betriebsferien im Januar. Dann versuchte Herr Mann in seinem Elternhaus, der Villa Louise, einen ruhigen Platz zu finden.

In seinen Jugendjahren hatte er sich oft gewünscht in die Welt hinaus zu gehen. Weit weg von der Villa Louise, noch einmal anzufangen. Heute fast fünfzig Jahre alt, lagen seine Träume im Park unter der alten Eiche begraben. Abgestreift und vergessen, wie die alten Handschuhe in der Schachtel für Fundsachen, die schon zum zweiten Mal überwinterten. Die Handschuhe würde er nachher sofort entsorgen.

In Herrn Manns Innern nagte der Neid, wie eine Maus, die ihn stetig und mit spitzen Zähnen immer weiter aushöhlte. Er ertrug es nicht, wenn andere träumten, weil er es nicht durfte. Zum Beispiel die junge Frau aus dem Buchladen gegenüber. Sie wohnte noch nicht lange hier. Kam irgendwo aus Norddeutschland. Ihre kleine Tochter hatte seiner Tochter erzählt, dass sie viel auf Reisen gewesen waren. Er sah sie oft hinter dem Tresen sitzen und in einem Buch lesen. Herr Mann las nicht gerne. Das lag in der Natur der Dinge. Die Bücher hätten seinen Geist auf Wanderschaft gehen lassen. Er hätte die sorgsam versteckten Träume wieder ausgraben müssen.

Auf dem Weg zu seinem Uhrenladen, wurde er unfreiwillig an seine Träume erinnert. An der alten Eiche begegnete er der Frau aus dem Buchladen. Fröhlich wünschte sie ihm einen schönen Tag. Er erschrak und konnte nur ein gemurmeltes „Morgen“ hervor stoßen. Sein Unbehagen wuchs, denn er ahnte dass ihn die Begegnung den ganzen Tag beschäftigen würde. Seine Verbitterung hätte sich noch gesteigert, hätte er gewusst, dass die Frau ihre Sachen für einen Umzug packte.

Er mochte sie nicht. Sie hielt sich nicht an die Regeln, nach denen er lebte. Er konnte nicht ausbrechen. Lustlos steuerte der arme Herr Mann auf seinen Laden zu. Schloss das Schloss dreimal auf, schaltete das Licht ein und entriegelte die Kasse. Er zog seinen Mantel aus, hängte den Hut an den Haken, stellte seine Aktentasche an den vorgesehenen Platz. Als er in den Verkaufsraum kam, sah er sie wieder. Einem Passanten zu lächelnd, schloss sie die Ladentür auf und verschwand in seinem geheimnisvollen Inneren. Herr Mann sah gebannt hinüber. Er wartete. An den sonnigen Tagen stellte sie immer den Postkartenständer vor die Tür. Heute geschah nichts.

Gedanken verloren stand er da, starrte auf das Schaufenster mit den niedergeschrieben Träumen. Abrupt stürzte er zu seinem Schrank, riss die Kiste mit den Fundsachen heraus und schleuderte die unschuldigen Handschuhe in den Papierkorb. Dass sich Träume nicht wegwerfen lassen wie ein Paar alte Handschuhe hatte er nicht bedacht. So wurde der kleine Herr Mann den ganzen Tag von den Gedanken an seine begrabenen Träume verfolgt.

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Auf dem gelben Ortseingangsschild mit dem wohlklingenden Ortsnamen Rabenau sitzt Abraxas, der Rabenälteste. In der alten Eiche im angrenzenden Feld hat sich der Rest der Rabensippe niedergelassen. Leises Krächzen verrät ihre Aufregung, denn es ist eine außerplanmäßige Zusammenkunft. Es muss etwas sehr Wichtiges geschehen sein, dass Abraxas eine Versammlung einberuft, die so überstürzt stattfindet. Nebelschwaden liegen über den gepflügten, rotbraunen Feldern und verleihen diesem Herbstmorgen einen eigentümlich theatralischen Hintergrund.

„Abraxas, worauf wartest du noch?“, ruft einer der jungen Raben, Maras, „warum hast du uns zur Versammlung gerufen?“

Plötzlich ist es ganz still, alle blicken den alten Raben an und warten gespannt auf eine Antwort. Majestätisch hebt Abraxas den Kopf und blickte mit Herablassung auf den hitzköpfigen Maras. Diese jungen Dummköpfe denken, weil sie stärker sind, haben sie das Recht sich ungebührlich zu benehmen, aber das zeigt nur ihren Unverstand. Abraxas hat schon viele Jahre das Ältestenamt inne. Ihm kann niemand etwas vormachen. Weisheit ist eben eine Sache des Alters und nicht der Jugend.

„Wir sind noch nicht vollzählig,“ erwidert Abraxas.

Er will gerade fortfahren, als ein leises Rauschen in der Stille zu hören ist und mit ein paar eleganten Flügelschlägen landet Jorel neben Abraxas auf dem Ortsschild.

„Du kommst spät,“ höhnt Maras.

„Dafür habe ich meine Gründe,“ erwidert Jorel und blickte Maras kühl an.

Jorel verabscheut Maras wegen seiner Gewaltbereitschaft und seiner Lust Schwächere zu quälen. Er bedauert, dass sich einige der jungen Raben Maras angeschlossen haben und sogar in den eigenen Reihen Unruhe verursachen.

„Und welches ist dein ach so guter Grund?“ Maras versucht Jorel zu provozieren.

Der schweigt, wandte sich Abraxas zu und nickt. Dieser räusperte sich.

„In unserem Gebiet sind in der letzten Zeit merkwürdige Gesänge gehört worden. Hier halten sich mehrere Vögel auf, die hier nichts zu suchen haben. Ich habe Jorel ausgesandt festzustellen, woher die Gesänge kommen. Hört, was er uns zu sagen hat!“

„Na, da bin ich aber gespannt,“ redete Maras erneut dazwischen.

„Der alte Lehrer Schröder hat auf seinem Grundstück mehrere Käfige aufgestellt und züchtet dort Vögel, aus anderen Ländern“, berichtet Jorel, „sie stellen keine Bedrohung für uns da. Der Lehrer füttert sie. Dabei handelt es sich um scheußlich schmeckende Körner.“

„So?“ Maras kann und will den Schnabel nicht halten. „Wen interessiert das? Es sind Fremde. Sie müssen verjagt werden.“

Ein zustimmendes Gekrächze schallt aus der Eiche.

„Wozu? Sie sind keine Bedrohung und außerdem nehmen sie uns kein Futter weg“, meint Jorel ruhig.

„Es war schon immer so in Rabenau! Das ist doch Grund genug. Das ist unser Land und niemand außer uns hat das Recht hier zu wohnen. Das ist Tradition, willst du etwa damit brechen?“, Maras plustert sich auf und seine Anhänger lassen beifälliges Krähen ertönen.

„Nein. Aber immerhin sind sie gefangen und werden uns nicht in die Quere kommen“, stellt Abraxas nachdenklich fest.

„Du bist ein alter Narr!“, Maras wird noch lauter und spreizt drohend die schwarzen Flügel. „Wenn wir diese Fremden dulden, werden bald andere kommen und dann? Wir öffnen dem Verderben Tür und Tor!“

Erneute Zustimmung der Rabensippe, nur wenige enthalten sich der Stimme. Sie bleiben vorsichtig im Hintergrund.

„Wenn wir diesen Fremden etwas tun, öffnen wir dem Verderben Tür und Tor. Die Menschen werden diese Sache nicht auf sich beruhen lassen und uns jagen“, sagt Abraxas ruhig, aber mit fester Stimme.

„Ach hör doch auf! Du bist alt und ängstlich“, Maras lacht höhnisch. „Wer schließt sich mir an und vertreibt die Fremden?“, ruft er der Sippe zu.

Vielstimmiges Krächzen schall über die Felder, und wird durch die Stille des Morgens noch lauter zurückgeworfen.

„Dann lasst uns handeln. Je eher, um so besser!“

Maras erhebt sich in die Lüfte und seine Anhänger folgen ihm.

„Aber Abraxas spricht die Wahrheit,“ krächzt Jorel wütend hinter den Rebellen her. „Bleibt hier und lasst die Fremden in Ruhe.“

Niemand hörte auf ihn. Nur ein paar seiner engsten Freunde sitzen mit ernsten Gesichtern in der alten Eiche.

„Abraxas wir müssen etwas unternehmen!“ bittet Jorel den alten Raben hilflos.

„Was sollen wir tun?“, Abraxas sieht Jorel traurig an, „du weißt, was passieren wird. Maras kennt keine Gnade. Es wir ein Blutbad geben, auf beiden Seiten. Wenn wir eingreifen, wird es uns wie den Fremden gehen. Entweder sterben wir durch Maras Hand oder von den Kugeln der Menschen.“

Jorel tritt unruhig von einer Kralle auf die andere.

„Ich kann nicht glauben, dass dies der einzige Weg ist.“ Jorel breitet seine Flügel aus und fliegt auf. „Ich werde sehen, ob ich etwas tun kann!“

Mit kräftigen Flügelschlägen verschwindet er im Nebel. Als er sich dem Garten des alten Lehrers Schröder nähert, ist es schon zu spät. Er hört die verzweifelten Schreie der fremden Vögel. Ihre bunten Federn sind blutüberströmt. Viel liegen am Boden, mit verdrehten Hälsen und gebrochenen Flügeln. Die Sonne, die langsam den Nebel verdrängt, blickt auf ein blutiges Schlachtfeld. Jorel sieht, wie Maras sich auf einen der Fremden stürzt und ihm ein Stück Fleisch aus der Seite reißt. Wutentbrannt stürzt Jorel sich auf ihn. Die Wucht des Aufpralls stößt Maras von seinem Opfer.

„Mörder!“, krächzte Jorel, „Mörder!“

Maras setzt zum Gegenangriff an, als ein dröhnender Knall ertönt. Maras sinkt leblos ins Gras. Es folgt der nächste Knall, darauf der Nächste. Der Rabensippe fliegen die Kugeln gnadenlos um die Ohren. Viele werden verletzt oder getötet. Jorel kann sich nur um Haaresbreite in Sicherheit bringen. Er flüchtet zu der alten Eiche und ruft schon im Anflug:

„Wir müssen fliehen. Schnell! Ich konnte gerade noch entkommen. Maras ist tot und viele andere mit ihm. Wenn wir uns nicht beeilen, sind bald die Jäger da und werden keine Gnade für uns überhaben.“

Die wenigen Raben, die zurückgeblieben sind, erheben sich hastig in die friedliche Herbstluft und folgen Jorel dicht über die dunklen Tannen des nahen Waldes. Abraxas schüttelt traurig den Kopf. Diese dummen, überheblichen Raben. Hätten sie doch auf ihn gehört. Nun ist es zu spät. Sie bezahlten ihren Hochmut mit dem Leben. Jetzt müssen sie alle ihren Ort Rabenau verlassen, an dem sie solange gelebt haben. Es gibt kein zurück.       

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Anmutig streckte Frau von Trauerweide ihre zart ergrünten Zweige dem im Sonnenlicht glitzernden Wasser entgegen und lauschte den leise gemurmelten Geschichten, die Herr Bach auf seinem stetigen Weg erzählte. Wenn die leichte Frühlingsbrise durch ihre Blätter säuselte, berichtete Frau von Trauerweide ihrerseits Herrn Bach die neusten Geschehnisse, die sich im Park zu getragen hatten, um sie ihrer Nichte, die weiter unten am Waldrand wuchs anzuvertrauen. Es gab immer etwas Neues. Familie Eichelhäher war umgezogen, in dem verwunschenen Garten der Herzogvilla, beste Wohnlage, und Familie Eichhörnchen erwartete Nachwuchs.

In diesem Frühling allerdings gab es etwas ganz Besonderes weiter zutragen. Ihre Nichte würde staunen. Mit einem sehnsuchtsvollen Seufzen teilte Frau von Trauerweide ihrem Herold die aufregende Nachricht mit. Herr Knorkeiche hatte sich endlich, endlich zu ihr gewendet und das Wort an sie gerichtet.

Wie viele Jahre hatte sie darauf gewartet. Schon als gertenschlankes Weidenstämmchen hatte sie einen leidenschaftlichen Blick auf die schneidige Eiche geworfen, die nur einige Schritte entfernt ihre Äste imposant in den Himmel streckte.

Die Jahre vergingen, aus ihrem Stämmchen wurde ein Stamm und auch Herr Knorkeiche nahm an Umfang zu. In den letzten Jahren war ihre Hoffnung, dass er sie bemerken würde, immer mehr geschwunden. Aber in jedem Frühling, wenn das Leben neu erwachte und Blumendüfte die laue Parkluft erfüllten, schlug auch Frau von Trauerweides Herz ein wenig schneller. Herr Bach lauschte ihrer Berichterstattung aufmerksam, gab nur dann und wann ein zustimmendes Gurgeln von sich.

„Bitte, mein lieber Bach, sagen sie meiner Nichte, dass er mich wegen meiner üppigen Äste ansprach. Mit nur einem ganz kleinen Knarzen, ja einem fast schon zärtlichen Knarren, bat er mich, sie in eine andere Richtung zu strecken, damit sein Stamm stärker von der Sonne beschienen werden könne.“

Gleichzeitig ging ein Zittern und Beben durch Frau Trauerweides empfindsames Geäst, dass diese unerwartete Aufregung hervor rief.

„Versprechen sie mir lieber Bach, vergessen sie keines meiner Worte“, wisperte Frau von Trauerweide.

„Wie könnte ich, wie könnte ich“, säuselte Herr Bach.

Er beeilte sich den Weg zum Waldesrand hinab zu fließen, um alles getreulich zu berichten. Frau von Trauerweide schaut derweil mit sehnsüchtigem Verlangen zu Herrn Knorkeiche.

„Ach, würde er mich doch bald wieder ansprechen … und nicht noch einmal so viele Jahre verstreichen lassen“, dachte sie und seufzte aus tiefstem Herzen.

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