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Posts Tagged ‘Einsamkeit’

Du bist meine blaue Stunde

Traum zwischen Tag und Nacht

Dein Duft flutet meine Gedanken

Deine Augen halten meinen Blick

Deine Hände legen Feuer auf meine Haut

 

Du bist meine blaue Stunde

Lässt meine Fantasien blühen

Niemand wird es wissen

Es ist nur ein bittersüßer Traum

Der meine Nächte ausweitet

 

Du bist meine blaue Stunde

Geboren in ungezählten Stunden

Aus Einsamkeit und Sehnsucht

Deine Worte wurden mein Verlangen

Löschten alles andere aus

 

Du bist meine blaue Stunde

Bist mein und doch nie mein

Ich darf dir nicht gehören

Doch mein Herz besitzt du schon

So wird es immer sein

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Beton und Glas

Hochhäuser

Kratzen an Wolken

Brechen den Himmel

Auf für Sonnenstrahlen

Erhellen den dunklen

Morgen aus Einsamkeit

Du siehst wie ich

Denselben Himmel

Ein Stück Blau

Deine glänzenden Augen

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Regen

 

Regen fällt

Seit Tagen schon

Lange Tropfenschnüre

Perlen über Fensterscheiben

Suche nach dem Blau

Erfolglos

 

Tränen rinnen

Seit Tagen schon

Endlos klebrige Fäden

Spinnen mich ein

In ein Korsett

Aus Schmerz und Einsamkeit

 

Traurigkeit fließt

Seit Tagen schon

Über alle Ränder

Meiner betäubten Seele

Kann nicht leben

Kann nicht sterben

 

Herz blutet

Seit Tagen schon

Du bist gegangen

Die Tür ist verschlossen

Wo bleibt die Liebe

Stumm

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Großreinemachen und gute Vorsätze müssen sich nicht ausschließen – können sie aber. Wenn das Reinmachen zu den Vorsätzen gehört, super – wenn nicht – kann auch super sein, muss es aber nicht. Das Großreinemachen gehörte Ende 2015 nicht zu meinen guten Vorsätzen, es schlich sich eher so peu a peu ein.

Drei Tage an der See – Wolken, eisiger Wind, ungestüme Wellen und Einsamkeit.

Eck. Dünen 2

Angenehme Einsamkeit in einer wunderschönen roten Backsteinkirche,

Nicolai Kirche 6

in der es nach Tanne duftete, einem liebvoll eingerichteten Heimatmuseum,

Eckernförde, Museum am Markt 1

das einen Dichter und Philosophen sein eigen nennt, und in gemütlichen Cafes mit aromatischem Kaffee und leckerem Gebäck.

Cafe Heldt innen

Abends saß ich in einem heimeligen Gästezimmer, mit meinem neuen Buch, das ich mir als Reiseandenken gekauft hatte, meinem Laptop, meiner Musik und einem Zeitungsartikel in dem es um: „Neue Visionen deines Lebens“ ging und meinen Gedanken.

Kiel, Unterkunft 7

Seit über zehn Jahre schreibe ich. Es ist ein besonderer Teil meines Lebens. Schreiben macht mich glücklich. Ich schreibe jeden Tag und gerne. Aber es gibt auch andere Sachen, die ich gerne tue und die ich vernachlässigt habe. Eine davon ist Zeit zu haben, ohne Druck im Nacken. Zu lesen und mich in den Stoff zu vertiefen, nähen, häkeln, spazieren gehen, fotografieren, Ideen nachgehen, Notizen machen – einfach mal so – ohne zu wissen wohin es führt.

Natürlich gibt es die Idee zu einem neuen Roman. Notizen, einige Skizzen, Personen, den Ort. Und doch – es ist das erste Mal, seit langem, dass ich es nicht eilig habe. Angenehm. Aufatmen. Es wird geschrieben, wenn es so sein soll. Keine Eile, nichts überstürzen. Leben. Leben um zu schreiben. Es wird Zeit die Dinge anders anzugehen.

Konstantin Paustowski schrieb: „Die Fähigkeit, das Leben als etwas ständig Neues zu empfinden, ist jener fruchtbare Boden, auf dem die Kunst erblüht und reift.“

Ich will nicht schreiben müssen. Ich möchte schreiben wollen. Das kommt wieder. Ich kenne die Phasen. Doch diese Phase ist frei gewählt. Ich will mich ausklinken, will sehen, hören, fühlen, schmecken, riechen. Ich will mich nicht quälen, um meine Fähigkeiten als Schriftstellerin unter Beweis zu stellen oder mich abwatschen zu lassen. Ich die meiste Zeit meines Lebens in der Pflicht und gerade jetzt ist es an der Zeit nicht in der Pflicht zu sein oder nur, wenn ich es für richtig halte.

Wenn es Zeit ist, möchte ich schreiben wollen. Bis dahin will ich leben, mich mit dem Strom dahin gleiten lassen und einfach ich sein.

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Lea hat nie gedacht, dass sie Einsamkeit schmecken kann. Es ist ein bitterer Geschmack, der sich wie ein klebriger Film über ihre Zunge legt, sich in ihren Rachen ergießt, immer dichter ihre Speiseröhre hinab, ihr Übelkeit verursacht, bis er ihre Stimmbänder verstopft und sie verstummen lässt.

Ihr Blick fällt auf die vorbei hastenden Menschen, die, ohne sich je wirklich zu berühren, umeinander kreisten. Vielleicht für einen kurzen Moment. Ein leidenschaftlicher Zusammenstoß, um danach um so stärker auseinander zu driften.

Wir es jetzt immer so sein? Ihr ganzes Leben lang?

Tausend Gedanken rasen durch ihren Kopf. Lea weiß, dass sie keinen aussprechen wird. Was nützte es? Für einige winzige Augenblicke wird er sich ihr zuwenden, nur damit er sich nach der vermeintlichen Pflichterfüllung noch intensiver um sich selbst drehen kann. So ist es die ganzen Jahre gewesen. Lea nahm es klaglos hin. Sie hatten sich versprochen, den anderen nie zu verbiegen oder ihn umerziehen zu wollen. Sie hielten sich daran und gehörten nun kaum noch zueinander.

Doch heute ist es schlimmer, als sonst. In den letzten Tagen fühlte sie nach langen dumpfen Monaten endlich wieder dieses fantastische Gefühl von Zuwendung und Anerkennung. Nun wächst ihre Sehnsucht danach ständig, wie ein Unkraut, das durch nichts auszurotten ist. Sie klemmt sich mit Widerhaken in ihre Herzwand und ihre Träume und lässt sie nicht mehr in Ruhe.

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Herbst von Rilke

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh Dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Ich liebe Rilke …. ich kann nichts dafür 😉 . Wenn ich seine Zeilen höre, dann ist es, als würde eine Glocke in meinem Inneren angschlagen. Und wie oft ich die Verse auch wieder lese, es ist jedes Mal so. Unglaublich – unglaublich schön.

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Das Loch in meinem Herzen. Erst ist es ganz klein, aber der Virus ist bösartig. Er frisst sich von dort immer weiter in meinen Organismus. Zerstört meine Ruhe und meinen Frieden. Es kommt plötzlich. Verschüttete Träume, die an die Oberfläche gezerrt werden. Von denen ich dachte, ich hätte sie schon längst in den Aktenschränken meiner Vergangenheit abgelegt. Nichts davon ist wahr. Es schwellt immer unter meiner beherrschten Oberfläche und stößt an meine Grenzen, bis es eine brüchige Stelle gefunden hat und herausquillt. Dann habe ich alle Hände voll zu tun, den Schleim wieder dorthin zu schicken, wo er hingehört. Aber es bleibt meistens etwas zurück. Wie war das? Ich kann eigene Regeln für mich aufstellen. Ok – aber da fängt mein Dilemma an. Immerhin bin ich nicht allein auf der Welt und muss Rücksichten nehmen. Alles sausen lassen und los fahren. Gute Idee – leider fehlt das nötige Kleingeld, das hilft nicht gerade beim Spontansein. Aus einem Impuls heraus würde ich manchmal einfach reagieren. Ein Flirt mit dem gut aussehenden jungen Mann, dem ich begegne. In den Zug steigen, egal wohin er fährt, und noch `ne Menge anderer Sachen. Sobald ich anfange nachzudenken, fallen mir tausend Gründe ein es nicht zu tun. Ich bin gut darin meine Wagnisse auf ein Minimum herunter zu schrauben. Aber vielleicht bin ich einfach so – ein Sicherheitsfreak. Es ist ein Teil meiner Vergangenheit. Ich bin ohne Sicherheit aufgewachsen und verlasse meine Komfortzone ungerne. Wer weiß, was hinter der nächsten Ecke lauert? Alles sollte so sicher wie möglich sein – aber da ist diese Sehnsucht nach Freiheit – Abenteuer – etwas erleben.

Wer bin ich eigentlich? Wer will ich sein? Ich denke dass ist es, was ich herausfinden sollte. Es kann spannend sein zu sehen, was da ist – hinter der Mauer, hinter der Traurigkeit, hinter der Einsamkeit, hinter meinen Wünschen, unter meiner Betonschicht.

Ich wünsche mir vor allem als Erstes: Dass ich mich so annehmen und akzeptieren kann. Ich bin so, wie ich bin. Ich habe überlebt. Ich kann überleben. Ich kann für mich stehen und einstehen, ohne unterzugehen. Ich mag ein Handicap haben – aber das lässt sich verbessern. Mir stellt sich allerdings die Frage, warum sich das so schwer anfühlt. Alles kostet mich Kraft. Unglaubliche Kraft.

Ich muss, da hilft diesmal keine Änderung von muss in darf, ich muss meine Quelle finden. Meinen Antrieb, den Sinn. Im Grunde eröffnet er sich mir, wenn ich einen Stift in die Hand nehme, oder am PC sitze und mein Word-Programm aufgeht, wenn ich mit meinen Freunden an einem Tisch sitze und ich eine Aufgabe für einen Text gebe. Um so schlimmer, wenn ich mir meine Gedanken wund reibe und nicht in die Gänge komme. Wie sagte Douglas Adams: „Schreiben ist ganz einfach. Du musst nur so lange auf ein blankes Blatt Papier starren, bis dir die Stirn blutet.“ Ich bin also in bester Gesellschaft, das tröstet mich ein bisschen. Immerhin kenne ich das andere Gefühl auch sehr gut: Den wahnsinnigen Flow, wenn der Text fließt und funktioniert. Da kommt nicht viel gegen an – bis auf eine Sache – aber die dürft ihr euch selbst ausdenken *gg*.

Was bleibt? Ich muss es hinnehmen, dass mein künstlerisches Gleichgewicht ab und an gestört ist – vielleicht sollte ich weniger gegen die Mauer rennen und statt dessen einen kleinen Umweg machen. Schreiben kommt aus dem Leben … und manchmal muss man eben erst wieder etwas leben, bevor man schreiben kann?!

 

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Ich schlage das Buch zu. Auch ich will frei sein. Ankommen. Welches ist meine Gesichte? Muss ich sie erst entdecken, bevor ich frei sein kann, um zu bleiben? Ich glaube, dass ich mich erinnern könnte, aber ich will es nicht, weil es mir zu weh tut. Welchen Nutzen würde es haben sich zu erinnern? Alte Wunden aufzureißen und darauf zu hoffen sie würden sich wieder schließen. Ich bin ich. Die Erfahrungen aus meiner Vergangenheit haben mich geformt, so wie alles was mir in meinem Leben begegnet ist. Die Menschen, die Geschichten und die Dinge, die ich gesehen habe. Also wieso erinnern? Es ist passiert, es wird sich nicht ändern, nur weil ich alles wieder hervor krame.

Ich hole die Tüte heraus, die mir die Backfrau gegeben hat. Mein Magen knurrt. In der letzten Zeit ziemlich oft. Was machte das schon. Wenigstens etwas Süßigkeit in meinem Leben. Die Tür des Wagens schlägt auf. Ich widerstehe der Versuchung mich umzudrehen und nachzusehen, wer hereingekommen ist.

„Entschuldigung“, höre ich eine helle Stimme, „die Tür ist so schwer.“

Ich schieße herum und versuche einen Blick auf den neuen Fahrgast zu werfen. Niemand ist zu sehen. Nur die Spitzen von zwei weißen Flügeln. Ich drehe mich um und knie mich auf den Sitz, um über den Rand schauen zu können. Vor mir steht ein Mädchen von ungefähr acht oder neun Jahren. Es hat einen Verband um den Kopf und ein weißes langes Kleidchen an – und es hat Flügel!

„Hallo“, sagt die Kleine und lächelt schief, „darf ich mich zu dir setzen?“

„Ja“, flüstere ich.

Umständlich setzt sich das Engelskind neben mich und schaut mich mit riesigen Augen an. Das kleine zarte Gesicht drückt Neugier aus.

„Wie heißt du?“, fragt es.

„Ich bin Noelle Snow“, antworte ich, „und wer bist du?“

„Ich bin Lili.“

„Du bist ein Engel?!“

Lili nickt heftig.

„Ja, ich bin ein Engel, aber ich bin beim Spielen von einer Wolke gefallen“, sie wird kleinlaut, „ich war zu neugierig und habe mein Gleichgewicht verloren.“

„Das ist ein Problem“, denke ich laut, „darf ich deine Flügel anfassen?“

„Klar.“

Lili dreht mir den Rücken zu und ganz vorsichtig streiche ich über die schneeweißen Federn. Sind das Weichste was ich jemals gefühlt habe.

„Schön nicht wahr?“

„Ja, wirklich schön und soooo weich!“

Lili nickt nachdenklich.

„Leider nützen sie mir hier unter nichts. Deswegen bin ich auch in den Zug gestiegen. Ich muss nach Himmelstür, dort soll es eine Leiter nach oben geben.“

„Aha, und dies ist der richtige Zug dort hin?“

„Ich denke schon“, antworte Lili.

„Warum hast du eigentlich den Verband am Kopf?“

„Blöde Geschichte“, sagt sie und fast sich an den Kopf, „ich habe mich auf einem Apfelbaum versteckt, damit mich keiner sieht, aber leider kamen ein paar Jungs vorbei.“

„Oh, Oh, ich kann mir schon denken, dass das nicht gut ausgegangen ist.“

„Ja, du sagst es“, Lili nickt unglücklich, „nachdem mich einer der Bengel entdeckt hat, haben sie versucht mich aus dem Baum zu locken, aber ich hatte Angst vor ihnen. Dann hat einer angefangen mit Steinen nach mir zu schmeißen. Ein paar Mal konnte ich ausweichen, aber dann haben sie mich doch getroffen. Direkt an die Stirn und ich bin aus dem Apfelbaum gefallen.“

„Das tut mir sehr leid. Tut es noch weh?“, frage ich mitfühlend.

„Nein, es geht schon. Zwei von den Jungen hatten wohl ein schlechtes Gewissen. Sie kamen zurück und haben mir die Platzwunde am Kopf verbunden und mich hier her zur Bahn gebracht. Ich bin vorne eingestiegen und habe dort eine Weile gesessen. Als niemand kam, und bin ich auf die Suche gegangen. Ich habe doch ein bisschen Angst so allein.“

„Das kann ich verstehen. Normalerweise sind Züge nie so leer. Nun jetzt können wir ja eine Weile zusammenfahren.“

Ich sehe auf meine Tüte und halte sie Lili hin.

„Magst du die Hälfte davon abhaben? Schmeckt bestimmt sehr lecker.“

„Oh ja! Ich hab tatsächlich Hunger.“

Lili nicht freudig und ihre goldenen Löckchen wippen auf und ab. Ich teile das Kuchenstückchen und gebe Lili das Größere.

„Danke, Noelle, ich hab auch etwas für dich“, sagt sie.

Lili greift in ihr Gewand und holt zwei Äpfel heraus.

„Die habe ich von dem Apfelbaum, sind lecker!“

„Danke, kleine Lili.“

Schweigend essen wir und genießen das Zusammensein. Alleine reisen ist wirklich nicht so schön. Besonders im Zug. Eine Weile allein zu sein ist gut, aber zu lange muss es nicht sein.

Leider kann man nicht mit allen Menschen reisen. Manche sind begeisterte Reisende. Sie nehmen alles Neue interessiert auf und fügen es ihrem Erfahrungsschatz hinzu. Während andere unzufrieden jede Abweichung von ihrem Alltag als Störung empfinden und unleidlich und anstrengend werden.

Lili ist ein angenehmer Reisegefährte. Sie passt sich meiner Stimmung an und schweigt, wenn sie spürt, dass ich nicht reden will und steigt sofort in eine Unterhaltung ein, wenn ich plötzlich anfange über irgendetwas, sei es auch noch so unsinnig, zu reden. Lili ist eben ein Engel. Ich frage mich, wie alt sie wirklich ist? Werden Engel aus Nichts geschaffen? Aus Nebel oder Geist? Sind sie klein, wie Kinder und lernen während sie wachsen oder sind sie nicht eher gleich wie Erwachsene?

„Sag mal Lili, wie alt bist du eigentlich?“

„Ich weiß es nicht. Dort wo ich herkomme, gibt es keine Zeit. Ich sehe dort auch anders aus. Nicht mit einem weißen Kleid und Flügeln, wie ein Schwan. Ich bin dort oben unsichtbar und habe keine menschliche Gestalt.“

„Also das würde bedeuten, dass ich dich so sehe, wie du in meiner Vorstellung eines Engels erscheinst?“

„Nein, so ganz ist es nicht. Du siehst mich eher so, wie mich die Mehrheit der Menschen sieht.“

Das macht mich nachdenklich. Wenn wir Engel ansehen, als wären sie Kinder, nehmen wir ihnen damit nicht auch ihre Macht? Oder tun wir es, weil wir sie dadurch klein und ungefährlich machen wollen? Wenn Lili in glänzender Rüstung und mit einem Schwert vor mir stehen würde, hätte das sicher eine andere Wirkung auf mich.

„Aha? Ich würde dich gerne so sehen, wie du wirklich bist. – Also nicht unsichtbar“, ich lächele Lili an, „aber so, wie du erscheinen würdest, wenn du dich nach deiner Vorstellung zeigen würdest.“

„Gut“, sagt sie, „aber du musst kurz die Augen schließen. Wenn ich mich verwandele, sieht das für euch Menschen nicht sehr appetitlich aus.“

„Gut.“

Ich schließe die Augen. Dann höre ich merkwürdige Knirsch- und Knackgeräusche.

„So jetzt kannst du wieder herschauen“, höre ich Lili sagen.

Ich öffne die Augen und bin sehr erstaunt. Neben mir sitzt ein Erwachsener. Noch niemals habe ich so eine Schönheit gesehen. Tatsächlich hat die Person mit Lili noch dieselben goldenen Locken gemeinsam und die hellen strahlenden Augen. Ich kann nicht erkennen ob die Person männlich oder weiblich ist. Das Gesicht ist von einer zeitlosen Schönheit. Ebenmäßige Züge und in ihren Augen kann man die alte Seele erkennen, die schon so viele Dinge gesehen hat. Die Person trägt eine Art Uniform, aus weiß und silbernem Stoff, Leder und Besätzen, dazu feine Lederstiefel. Die Flügel sind allerdings nicht mehr zu sehen. Alles an ihr strahlt Würde und Größe aus und ich bin überwältigt.

„Du bist wunderschön“, flüstere ich.

„Danke“, lächelt Lili, „das kommt meiner echten Form schon näher. Ich bin eben kein Mensch, sondern ein Engel und man kann uns normalerweise nicht sehen. Aber die Menschen haben die Angewohnheit allem eine Gestalt und ein Gesicht geben zu müssen, da sie sonst nicht glauben können.“

„Ich sehe dich aber jetzt auch“, entgegne ich.

„Ja“, Lili nimmt meine Hand, „ich wollte mich dir aber zeigen. Du warst so traurig und ich fühlte deine Einsamkeit. Ich dachte, es wäre gut, wenn du nicht so lange alleine wärst und dich mit mir unterhalten könntest. In meiner jetzigen Gestalt bin ich auch nicht mehr Lili, nenn mich Lil.“

„Das ist nett von dir, Lil. Du bist gerade zur rechten Zeit gekommen. – Weißt du, ich finde das Leben doch recht kompliziert, manchmal.“

„Ich weiß. Ich kenne die Menschen schon sehr lange und weiß, wie sie so ticken“, Lil lacht leise, „aber hab keine Angst, alles wird sich finden, auch wenn es seine Zeit dauert.“

„Die Dinge ändern sich, willst du damit sagen.“

„Ja, in gewisser Weise schon. Aber es gibt auch Dinge, die sich zusammenfügen, auch wenn du nicht mehr daran glaubst, dass es so kommen wird.“

„Das wäre schön“, seufze ich und sehe Lil nachdenklich an.

Lil beugt sich vor und sieht mir tief in die Augen.

„Er wartet auf dich. Du wirst ihn finden. Die Lösung liegt ganz nah“, flüstert Lil.

Erstaunt reiße ich die Augen auf und tausend Fragen schießen mir durch den Kopf. Bevor ich einen davon stellen kann, schüttelt Lil den Kopf.

„Mehr darf ich dir nicht sagen, aber vertrau auf deine Intuition und deine Fantasie.“

Es geht ein Ruck durch den Zug. Er hält an und eine knarrende Stimme ist durch den Lautsprecher zu hören.

„Himmelstür, der VIP – Fahrgast möchte bitte den Zug verlassen.“

Lil steht auf und umarmt mich herzlich.

„Leider muss ich dich verlassen, man vermisst mich schon. Pass auf dich auf Noelle und sei immer guten Mutes.“

„Danke, Lil. Ich werde dich nie vergessen.“

Lil lächelt wissend und steigt aus dem Zug. Hastig öffne ich das Fenster und sehe, wie Lil von einem anderen Engel begrüßt wird. Lil dreht sich noch einmal zu mir um und winkt mir zu, dann verschwindet sie im Nebel, der über den Bahnsteig weht. Es ist in Himmelstür wie auf jedem anderen Bahnhof, schlechtes Wetter. Eigentlich habe ich hier anderes erwartet. Ich werde mich wohl oder übel damit abfinden müssen, dass der wässrige und gasförmige der häufigste Aggregatzustand von Bahnhöfen ist.

Ich schließe das Fenster und lasse mich wieder in den Sitz sinken. Eine angenehme warme und zuversichtliche Aura ging von Lil aus und ich werde sie sehr vermissen. Der Zug ruckt erneut und setzt sich wieder in Bewegung.

Nachdem wir den Nebel hinter uns gelassen haben, strahlt die Sonne über einem irisierenden azurnem Himmel. Fasziniert blicke ich aus dem Fenster. Die Gleise laufen direkt neben dem Meer entlang. Es ist zum Greifen nah. Nur der Strand und eine Promenade trennen mich vom Wasser. Möwen ziehen ihre Kreise und stoßen herunter, um sich einen Fisch zu packen. Boote mit geblähten weißen Segeln kreuzen vor dem Ufer. Rechst und links der Bahnlinie stehen lichte Pinienhaine, die immer wieder einen Blick auf das Meer ermöglichen. Riesige Kakteen stehen an der Promenade und kleine Vögel fliegen auf die großen roten Blüten, um sich Nektar zu holen. Aufgeregt packe ich meine Sachen. Ich werde auf jeden Fall am nächsten Bahnhof aussteigen. Egal wer oder was mich erwartet oder nicht.

Als der Zug in den nächsten Bahnhof einläuft, steige ich aus. Die Luft ist warm und geschwängert vom Duft der Blumen und dem Salz des Meeres. Es regnet nicht! Ist dies mein Ziel? Werde ich mich hier finden? Ich schnuppere, aber ich kann weder Kaffee noch Schokolade riechen. Das macht nichts, ich habe noch Zeit. Eilig verlasse ich den Bahnhof. Neben dem Bahnhofsgebäude liegt eine hübsche Pension über einem Cafe. Ich betrete das Haus und eine freundliche Dame kommt mir entgegen.

„Guten Morgen, meine Liebe, was kann ich für sie tun?“, fragt sie.

„Ich hätte gerne ein Zimmer“, sage ich, „ich möchte so gerne das Meer sehen.“

„Da sind sie bei mir genau richtig. Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Zimmer. Danach kommen sie ins Café und frühstücken ordentlich. Ich bin übrigens Madeleine“, sagt sie mit ihrem strahlenden Blick und reicht mir die Hand.

„Ich bin Noelle Snow“, antworte ich und spüre ihren festen Händedruck.

Dann geht sie mir voran eine schmale Treppe hinauf und führt mich über einen Flur in ein hübsches Gästezimmer. Die Möbel sind zwar eher antik, aber alles ist sauber und ordentlich, wie in einer Puppenstube. Ein winziger Balkon hängt wie ein Schwalbennest vor dem Zimmer.

„Ihr Bad ist gleich gegenüber auf dem Flur. Hier ist der Schlüssel“, sagt Madeleine und drückt mir einen riesigen Schlüssel in die Hand.

„Danke, ich kann eine Dusche gebrauchen.“

„Lassen sie sich Zeit, Kindchen, ich richte in der Zeit das Frühstück.“

Madeleine nickt beruhigend und verlässt das Zimmer. Hastig, um keine Zeit zu verlieren, suche ich mir ein paar leichte Sachen aus meinem Koffer und husche ins Bad. Die kühle Dusche tut gut. Nachdem ich mich gründlich gesäubert und hergerichtet habe, schlüpfe ich in einen roten Glitzerrock und ein weißes Shirt mit grüner Spitzeneinfassung. Dazu trage ich rote Spitzensöckchen und weiße Leinenschuhe. Ich setzte meinen Lieblingsring auf und lege meine Perlenkette und die passenden Ohrringe dazu an. Ich nehme das goldene Band, das mir Raoul geschenkt hat, und flechte meine Haare zu einem Zopf. Ein paar Strähnen kringeln sich vorwitzig heraus und lassen mich nicht so streng aussehen. Endlich bin ich mit mir zufrieden und gehe hinunter ins Cafe.

Madeleine hat ein Tischchen für mich gedeckt, und als ich mich setze, kommt sie auch schon mit einer großen Tasse Kaffee aus der Küche.

„Oh, wie niedlich!“, sagt sie fröhlich und deutet auf meine Kleidung, „sie sehen aus, wie die Tochter des Weihnachtsmanns.“

Ich muss lachen.

„Das habe ich schon öfter gehört.“

„Wenn sie einen Wunsch haben, sagen sie es“, bietet Madeleine eifrig an.

„Danke, es ist alles bestens.“

Der kleine Tisch biegt sich unter der Last der Speisen. Croissants, Madeleines, Marmelade, Paprikawürstchen, hauchdünner Schinken, Erdbeertörtchen.

„Ich glaube nicht, dass ich alles aufessen kann“, stelle ich fest.

„Oh, das macht nichts“, winkt Madeleine ab, „essen sie, was sie mögen.“

Ich frühstücke ausgiebig und trinke dazu einen hervorragenden Milchkaffee. Nach dem Frühstück will ich zum Strand hinunter gehen.

„Madeleine, ich gehe zum Strand“, rufe ich.

„Ja“, sie kommt aus der Küche und wischt sich ihre Hände an ihrer Schürze ab, „ich rufe meinen Sohn, er wird sie hinführen.“

„Ich weiß nicht, ich glaub ich schaff das schon alleine“, wehre ich ab.

„Nein, nein“, Madeleine schüttelt den Kopf, „es ist nicht so einfach, ihr müsst erst durch einen Tunnel und dann durch einen Pinienhain.“

Sie dreht sich um und ruft:

„Antonio! Komm doch bitte mal her!“

„Was ist denn Mamita, ich habe keine Zeit.“

„Noelle möchte zum Strand, begleitest du sie, damit sie sich nicht verläuft.“

„Aber Mamita… .“

Ein Mann mit dunklem Wuschelkopf kommt aus der Küche. Als er mich sieht, bricht er ab und sieht mich mit großen Augen an.

„Hallo! Ich bin Noelle“, sage ich zurückhaltend.

Er kommt auf mich zu, sieht auf mich herunter und nimmt meine Hand.

„Guten Morgen, ich bin Antonio.“

Er dreht sich zu seiner Mutter um.

„Ich bringe Noelle zum Strand.“

Seine Mutter lächelt mit zu und verschwindet wieder in der Küche. Antonio fährt sich durch sein Kraushaar und legt seine Schürze über einen Stuhl. Unsicher folge ich ihm. Seine braunen Augen lächeln. Er mich an die Hand und ich lasse es geschehen. Schweigsam gehen wir durch den Tunnel, seine Hand ist warm und fest. Als wir aus dem Tunnel heraus treten, blendet mich die Sonne.

„Hier entlang“, Antonio zieht mich sanft nach rechts, „wenn wir durch den Pinienhain gegangen sind, dann sind wir am Meer.“

„Ich hab das Meer so lange nicht gesehen,“ murmele ich.

„Dann wird es Zeit.“

Seine Stimme ist wie sein Lächeln, leicht und unkompliziert. Die Sonne malt diffuse Muster auf den sandigen Weg, es duftet nach den Pinien. Ich kann die Schreie der Möwen hören und das salzige Meerwasser riechen. Wir gehen einen Hang hinunter. Ich rutsche ab.

„Ich falle!“

„Nein, keine Angst“, lacht Antonio, „ich halte dich.“

Er hat seine Arme um mich geschlungen und hebt mich sacht herunter. Mein Atem geht schneller, als ich seine kräftigen Arme spüre.

„Alles Ok?“, fragt er.

„Ja, alles gut“, erwidere ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme zittert.

Für den Bruchteil einer Sekunde sind wir uns so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht fühlen kann. Er riecht gut. Mein Herz rast. Oh, Himmel, diese Sehnsucht. Alles in mir reagiert und mein Verstand schreit mich an:

„Tu das nicht. Warte!“

„Dort! Schau das Meer!“ Antonio deutet aufs Wasser.  „Wer zuerst da ist“, ruft er und lacht.

Wie zwei Kinder laufen wir nebeneinander her. Antonio ist schneller, und als er sich bückt und mit der Hand das Wasser berührt, lacht er mich an:

„Ich hab gewonnen.“

Dann spritzt er das Wasser in meine Richtung.

„Na, warte.“

Ich spritze zurück und laufe davon. Er jagt hinter mir her. Es dauert nicht lange und er hat mich eingeholt. Hält mich fast und wirbelt mich herum. Wir lachen und er neckt mich:

„Tja, Noelle, du bist eben ein Mädchen.“

„So bin ich das?“, ich zwicke ihn in die Seite.

„Das wirst du mir büßen“, grinst Antonio und drückt mich an sich.

Plötzlich ist alles anders. Wir stehen ganz still, sehen uns an. Antonio beugt sich vor und ich denke:

„Küss mich doch endlich.“

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