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Er oder Ich

Er oder Ich. Männergeschichten.
Von Fee Zschocke. Erschienen 1980.

Das Buch ist mir zufällig auf dem Bücherflohmarkt in die Hände gefallen. Erst wollte ich es nicht mitnehmen, aber der Klappentext hat mich neugierig gemacht: „Sie lässt ihre Beziehungen Revue passieren – aber nicht nur aus ihrer eigenen Sicht. Sie hat die mehr oder weniger geliebten Freunde selbst zu Wort kommen lassen. Dieses Konzept hat ein irritierendes Resultat gezeigt: Die gleichen Erlebnisse, die gleichen Momente aus der Vergangenheit, kommentiert erst von der Frau, dann vom Mann, bekommen völlig verschiedene Bedeutungen (Weltwoche, Zürich).“

Wenn man das Buch liest, braucht man keine Bücher mehr, die Frau/Deutsch – Deutsch/Frau usw. heißen. Fee Zschockes Geschichten zeigen deutlich, wie verschieden die Interpretationen der gleichen Erlebnisse ausgelegt und verstanden werden. Dabei geht es nicht darum, wer Recht hat oder wer falsch liegt. Jeder der Protagonisten kommt zu Wort und darf seine Sicht der Dinge deutlich machen, die für den Leser nachzuvollziehen sind, egal ob Fee ihre Gefühle schildert oder ihr Gegenüber.

Wenn ich davon ausgehe, dass diese unterschiedliche Auslegung der Ereignisse in 99 Prozent der Beziehungen Anwendung findet, wundert mich nichts mehr. Da hilft auch reden nicht viel weiter. Ich würde am liebsten einen ironischen Spruch loslassen, aber … c`est la vie!

„Ein Buch muss die Axt für das gefrorene Meer in uns sein.“ Kafka

Fee Zschocke hat eine schöne Sprache und Wortschatz, schreibt in interessanten Bildern und beschönigt trotzdem nichts. Es ist, wie es ist. Jeder kann sich in der ein oder anderen Situation wiedererkennen. Z. B.:

„Dennoch war es leicht, Manuel zu lieben, weil ich alles in ihn hineingeheimnissen konnte, all die wilden, romantischen Träume einer Sechzehnjährigen von der Passion mortal, der großen unsterblichen Leidenschaft. Ich liebte nicht Manuel, sondern meine Vorstellung von ihm: Manuel, mon amour. Er lebte in mir einzig durch seine Briefe.“

Ein schönes und ein gutes Buch, das leider nur noch antiquarisch zu erwerben ist.

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Bis dahin hatte ich mein ganzes Leben lang nur nach Mustern gelebt, die nicht meine Muster waren. Doch nun erwachte ich aus meinem Dornröschenschlaf. Dass es einen kompletten Bruch mit den alten Gewohnheiten gab, war wohl dem Umstand geschuldet, dass mir die Zeit davonlief. Wie sagt man im Volksmund so schön: die biologische Uhr tickt.

Meine Familie ist entsetzt. Aus ihrem Blickwinkel bin ich die Mutter in der Midlife Krise. Ich höre sie lamentieren: Muss du gleich alles hinschmeißen? Du hast doch deine Freiheit, was willst du noch?

Wie viel Zeit bleibt, wenn man in die zweite Hälfte des Jahrhunderts eintritt? Die Knochen werden nicht gelenkiger, die Haut nicht glatter, der Kopf nicht agiler. Auch die Chance von einem Bus überfahren zu werden wird größer, wenn man nicht mehr so schnell laufen kann.

Ich bin einfach zu alt für mich. In meinem Herzen, meinen Gedanken und Fantasien beginnt mein Leben erst jetzt. Ich habe genauso viele Träume, vielleicht noch mehr, als in meiner Jugend, doch mein Spiegelbild macht mir keine Illusionen. Ich habe mich gut gehalten, aber das ist auch alles. Die Zeit läuft und zwar nicht mit mir, sondern gegen mich.

Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss – alte Zöpfe abschneiden, ihren eigenen Rhythmus finden und sich nicht mehr verbiegen. Für niemand.

Der Satz stammt aus „Er oder ich“ von Fee Zschocke.

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