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Posts Tagged ‘Faust’

Irgendetwas hatte angefangen, aber es hatte noch keinen Namen. Eine fieberhafte Nervosität befiel Bryand. Er schloss sich in der Bibliothek ein und machte sich auf die Suche nach dem Buch der Seher. Bryand wusste, dass er es zuletzt im Jahre 1223 gesehen, ihm damals aber noch zu wenig Bedeutung beigemessen hatte. Zu der Zeit nahmen ihn die Kreuzzüge in Anspruch und Bryand hatte das Buch wieder ins Regal gestellt. Irgendwo ganz hinten in den letzten Reihen.

Bryand hörte wie jemand mit der Faust gegen die Tür hämmerte.

„Was ist los?“, rief Bryand.

Er stand auf einer Leiter und angelte nach einem dicken Lederband.

„Bryand, komm endlich aus der Bibliothek. Du bist schon seit zwei Tagen da drin.“

„Ich kann nicht. Zuerst muss ich das Buch finden, Hendrik.“

Bryand reckte sich weiter, erreichte den Band und griff zu.

„Dann lass mich dir helfen. Zwei Augenpaare sehen mehr, als eins.“

Das Buch wackelte und fiel herunter.

„Bryand!“, Hendrik rüttelte an der Tür, „ist dir was passiert.“

„Nein“, hörte er es dumpf nach außen dringen, „warte ich komme und öffne dir.“

Hendrik verdrehte die Augen. Dass sein Onkel aber auch so verdammt dickköpfig sein musste. Selbst nach sechshundert Jahren hatte er sich immer noch nicht daran gewöhnt.

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Szene aus der Kindheit von Rowenna (Tag 87/88)

Rowenna und Laurence sitzen auf der niedrigen Natursteinmauer, die das Haus von Laurence Großeltern von der Straße trennt. Zu ihren Füßen liegt ein Bernersennenhund und blinzelt ab und zu in die Sonne. Zwischen den beiden Kindern steht eine Papiertüte mit Kirschen. Rowenna spukt einen abgenagten Kirschkern auf die Straße. Er klackt einmal auf und springt auf den Rasenstreifen auf der anderen Seite.

„Einmal über die Straße!“, ruft sie triumphierend, „das musst du mir erst mal nachmachen.“

„Das gilt nicht. Der Kern ist einmal aufgeditscht!“, widerspricht Laurence.

Er schürzt die Lippen, ruckt mit dem Kopf zurück, dann vor und spukt. Der Kern landet wenige Zentimeter vor dem Randstreifen der gegenüberliegenden Seite.

„Das musst du mir nachmachen!“

Laurence sieht Rowenna mit einem siegessicheren Grinsen an. Sie spukt den nächsten Stein. In einem hohen Bogen fliegt er diesmal direkt auf den Randstreifen.

„Bitte! Ich kann es!“

Laurence will etwas erwidern, als ein Stein durch die Luft saust und ihn an der Schulter trifft.

„Hey, wer war das?!“

Laurence reibt sich die schmerzende Stelle und rutscht von der Mauer. Suchend sieht er sich um. Ein weiterer Stein trifft den schlafenden Hund. Er springt auf und jault.

„Da!“, schreit Rowenna, „in der Hecke!“

Noch ehe Laurence den Attentäter entdeckt hat, ist Rowenna über die Straße gerannt und kriecht durch die Hecke.

„Andy, du blöder Mistkerl“, hört Laurence sie auf der anderen Seite der Hecke schreien. „Feigling!“

Er kriecht ebenfalls hindurch und sieht gerade noch, wie Rowenna dem Rowdy der Klasse mit voller Wucht die Faust auf die Nase schlägt. Sofort quillt Blut heraus und Andy heult auf.

„Du dumme Kuh!“, Andy hält sich die Hände vor die Nase, „das sage ich meinem Vater!“

„Mach doch! Dann kannst du ihm gleich sagen, dass du uns aus dem Hinterhalt angegriffen hast. Bin gespannt was er dazu sagt!“

Die letzten Worte hört Andy schon nicht mehr, so schnell hat er das Weite gesucht. Rowenna lacht und grinst Laurence an.

„Dem hab ich es gegeben! Ein hilfloses Tier mit Steinen zu bewerfen, was für ein Blödmann. Soll sein Vater nur kommen.“

„Darauf kannst du wetten. Das lässt der sich nicht entgehen.“ Auf Laurence kindlich glatter Stirn erschienen ein paar zarte Denkerfalten. „Erinnerst du dich an den Krach den er bei uns geschlagen hat, als mein Bruder und Andy sich geprügelt haben?“

Rowenna lachte.

„Und wie ich mich erinnere! Das war Dorfgespräch.“

Die beiden Kinder kriechen durch die Hecke, zurück auf die Straßenseite. Rowenna kniet sich vor den Hund und krault ihn hinter den Ohren.

„Du lieber Artur, alles gut? Das macht der so schnell nicht wieder. Ich pass auf dich auf“, sie blickt zu Laurence hoch, „und auf dich auch.“

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Wenn du dich meiner

Entledigen willst,

eine andere Schönheit

Vorziehst, mich in den Sandsturm

Schickst dass mir Hören und Sehn

vergeht

Meine Hände nichts fassen die Haut

Im Staub fast erstickt

Will ich dich längst nicht verlassen

 

Ich warte auf andere Tage warte

Töricht? auf deine Reue,

schon morgen

Setzt die vorgezogne Geschminkte

Du vor die Tür ziehst eilig den Riegel

Nelken bringt mir der Mittag

am Abend

Läufts mir hungrig entgegen bietest

Mir deinen Mantel ich

 

Gehe nicht ohne dich Tausend-

Äugiger Antreiber millionen-

Fingrige Faust Hoffnung auf Hoffnung

 

Sara Kirsch

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„Das war wirklich eine aufregende Geschichte“, die Bäckereiverkäuferin strahlt über das ganze Gesicht, „sie machen das gut. Ich mag romantische Geschichten mit Happy End.“

„Danke!“, freue ich mich, „ich auch.“

Ich gebe zu, es hat mir großen Spaß gemacht, und wie ich sehe, haben auch andere Spaß daran. Vielleicht eher Frauen als Männer, aber andererseits haben meine Begleiter im Zug auch gerne zugehört. Männer mögen Geschichten mit anderen Elementen, aber Liebe und ein kleines Happy End wird nicht schaden.

„Darf ich ihnen meine Gesichte erzählen?“, fragt sie.

„Gerne“, antworte ich, „ich bin gespannt.“

„Es ist aber eine traurige Geschichte“, warnt sie mich.

„Jede Geschichte hat ihre Berechtigung und nach dieser Romanze holt uns eine reale Geschichte wieder in die „normale“ Welt zurück.“

„Das ist wohl wahr, allerdings stellt sich die Frage, ob wir das wirklich wollen?“, sie lächelt melancholisch.

„Jede Geschichte, ob real oder ausgedacht, hat wahre und unwahre Elemente. In der Erinnerung verschwimmen auch die wirklichen Ereignisse und werden zu Fiktion oder Mythos“, erkläre ich.

Ich muss an meine eigene Geschichte denken. Auch meine Vergangenheit verwandelt sich in einen Mythos, je mehr ich mich von ihr entferne, nähere ich mich ihr und auch wieder nicht. Ich weiß, dass ich nichts mehr weiß. Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage, oder sollte ich sagen: verloren sein, oder nicht.

Nachdenklich sieht mich die Dame an. Dann fasst sie sich ein Herz und erzählt mir ihre Geschichte:

„Ich liege auf dem Sofa. Die Decke fest um meine Schultern geschlungen. Draußen heult der Wind um das kleine Holzhaus. Er zerrt an den Balken, fährt zwischen die Dachschindeln und wühlt das Meer auf, das in hohen Wellen auf den Strand klatscht und bis an die Veranda heranreicht. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt, obwohl ich freiwillig hierher gekommen bin, wünsche ich mir, es wäre nicht so. In meinem Kopf rasen die Gedanken Achterbahn.

Mich verlieben in einen verheirateten Mann. Wie blöd! Niemals wollte ich das. Ein Tabu! Und dann kam er. Ein Blick in seine Augen reichte und ich konnte nicht mehr zurück. Jeden Tag wartete ich auf ein Lächeln, einen Blick und nachts träumte ich davon, wie es wäre mit ihm zusammen zu sein. Ich war besessen. Besessen von einem Mann, den ich nicht haben konnte und der nicht einmal von mir wusste, auch wenn ich ihn jeden Tag auf der Arbeit sah. Ich litt still vor mich hin unter Menschen und manchmal laut, wenn ich alleine war. Ich weinte soviel, dass ich dachte, der Tag würde kommen, an dem die Tränen versiegen würden, aber er kam nicht, so sehr ich mich danach sehnte.

Dafür kam ein anderer Tag. Der Tag, an dem ich fortgehen musste. Ich schrieb einen Brief an ihn, packte meine Sachen und stieg in den Zug ans Meer. Es war ein großes Meer. Tief und weit. Jeden Tag wanderte ich am Strand entlang und sah zum Horizont. Dann kam der Sturm und ich hatte Angst, er würde das Haus fortreißen.

Als ich am nächsten Tag erwachte, herrschte um mich herum eine Totenstille. Ich zog meine dicke Jacke an, band mir den Schal um, setzte meine Mütze auf und trat hinaus. Der Himmel war stahlgrau und das Meer lag still und glatt wie ein Spiegel. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Schnell schlüpfte ich in meine Gummistiefel und ging zur Wasserkante. Der Sturm hatte eine Menge Strandgut angespült und es schien mir, als würde das Meer vor Erleichterung aufatmen. Ich wünschte mir, auch alles ausspeien zu können, aber die Gefühle hatten mich so fest im Griff, dass sie meinen ganzen Körper und meine Gedanken durchdrungen haben. Vielleicht tobte deswegen dauernd ein Sturm in mir, weil das Treibgut meiner Liebe einfach nicht aus mir heraus geschwemmt werden konnte.

Ich trat einen Schritt vor, dann noch einen. Immer weiter ging ich ins Wasser. Das Wasser lief in meine Stiefel, stieg mir bis zu den Knien, reichte bis zu den Hüften, zur Taille und dann stand ich bis zum Hals im Meer. Die Kälte durchdrang jede Pore meines Körpers, so wie die Gedanken an ihn. Das Meer um mich herum stand still. Hielt mich aus, so wie ich die eisige Kälte aushielt. Meine Zähne schlugen aufeinander, meine Knie schlotterten. Ich überlegte weiter zugehen, aber das hätte keinen Sinn gehabt, denn ich kann schwimmen. Jemand der schwimmen kann, ertrinkt nicht einfach, der kämpft bis zum Schluss und das erschien mir dann doch zu anstrengend. Wenn sterben, dann sollte es wenigsten schnell gehen. Ich beschloss zurück ins Haus zu gehen. Was ich auch tat.

„Und was passierte dann?“, frage ich bedrückt.

Ich habe genau dasselbe Gefühl. Diese alles überschattende Einsamkeit, das Gefühl nie wieder glücklich sein zu können. Mein Herz ist taub vor Schmerz und Sehnsucht und ich weiß kein Mittel diese Gefühle aus meinem Inneren heraus zubringen.

Die Verkäuferin lächelt, aber es reicht nicht bis zu ihren Augen. In ihnen erkenne ich die Melancholie, die sie noch mit der damaligen Zeit verbindet. Ich fürchte, dass man solche Dinge nie ganz überwindet, auch wenn sie mit der Zeit nicht mehr so intensiv sind und der Schmerz sich in Wehmut verwandelt, kann man so eine Liebe doch niemals völlig vergessen.

„Ich habe überlebt. Ich habe noch nicht einmal eine Erkältung bekommen. Vielleicht lag es daran, dass ich mir einen starken Grog einverleibt habe. Aber vielleicht sollte es einfach nicht sein. Der Tod wollte mich nicht, aber vom Leben fühlte ich mich ausgeschlossen.“

„Wie kam es, dass sie hier angekommen sind? Sie machen einen glücklichen Eindruck auf mich.“

Sie schaut mich aufmerksam an, legt ihre warme Hand auf meine und sagt:

„Ich habe gelernt glücklich zu sein.“

„Wie? Ich dachte immer Glück ist eine flüchtige Sache, die fortfliegt sobald man versucht sie zu halten.“

„Das ist auch so, Kindchen. Aber wer lernt, dass er selbst für seinen Zustand Verantwortung trägt, wird viel seltener unglücklich sein.“

Ich lasse mir die Worte durch den Kopf gehen. Die Dame hat nicht unrecht. Niemand ist für mein Glück und mein Leben verantwortlich, nur ich allein. Sobald ich anfange mein Glück auf andere zu projizieren geht das Chaos los. Im Grunde fing es damit an, dass ich mein Glück bei Raoul suche und nicht in dem, was ich tat.

„Zufrieden kann man nur sein, wenn man aus seinem Leben, mit dem was man kann und hat, das Beste macht“, sagt die Verkäuferin, „alles andere ist Selbstbetrug.“

Ich nicke und komme nicht umhin ihr Recht zugeben.

„Darf ich sie etwas fragen?“

„Nur zu, Herzchen.“

„Haben sie die Liebe gefunden?“

Die Dame lacht ein warmes herzliches Lachen.

„Wenn man zu sich selber findet, dann wird einen auch die Liebe finden.“

Eine prosaische Antwort denke ich. Wie kann mich die Liebe finden, wenn ich eine Verlorene bin?

Mir fällt da eine junge Frau ein, die alle paar Wochen ihre große Liebe fand, sich die Zukunft mit ihm ausmalte und dann plötzlich feststellte, dass der Mann ihrer Träume seine ganz eigenen Vorstellungen von Liebe und Leben hatte. Wen wundert`s? Aber sie konnte diese kleinen Differenzen nicht akzeptieren. Statt dem Mann eine Chance zu geben, tolerant zu sein, ihn so zu lieben, wie er war, dasselbe was sie im Gegenzug voraussetzte, wurde er aus ihrem Leben entfernt und sie wandte sich einem neuen Mann zu. Der Kreislauf begann von vorn. Sie sucht wahrscheinlich heute noch. Was ist mit mir und Raoul? Liebte ich ihn oder ist es nur der Gedanke, den ich liebte, ihn zu lieben? In mir ist ein totales Chaos und so gerne ich der netten Backdame etwas erzählt habe, so froh bin, dass ich gleich weiter fahren kann. Ich höre das Rattern des Zuges schon von Weitem.

„So“, sage ich und erhebe mich, „ich habe mich sehr gefreut, dass wir uns unterhalten konnten. Ich hoffe, sie werden sich noch lange an mich erinnern.“

„Aber natürlich, wie könnte sie vergessen?!“

Die Dame füllt mir nochmals meinen Kaffeebecher voll.

„Und wer weiß“, sagt sie und zwinkert mir zu, „vielleicht sehen wir uns ja eines fernen Tages wieder?“

Ich wiege den Kopf leicht hin und her.

„Nun ja, wer weiß. Mal sehen, ob ich meinem Verlorenendasein bald ein Ende setzen kann.“

Die Dame nimmt meine Hand und dreht sie mit der Handfläche nach oben. Mit ernstem Gesicht blickt sie auf die Linien, die sich über meine Hand ziehen. Dann lächelt sie plötzlich.

„Ja, sie werden ES finden, da bin ich sicher.“

Ich muss lachen.

„Ja, irgendwann findet jeder etwas.“

Die Dame lacht ebenfalls.

„Genau mein Kind, alles wird gut.“

Ich umarme sie spontan und drücke ihr einen dicken Kuss auf die rosa Wange.

„Ich wünsche ihnen alles Gut, bleiben sie so, wie sind und ich hoffe, wir werden uns wieder sehen.“

„Ja, dass wünsche ich mir auch.“

Ich winke ihr zum Abschied zu und trete auf den Bahnsteig. Der Zug fährt gerade in den Bahnhof ein und hält mit quietschenden Rädern. Ich hieve meinen Trolley in den Wagen, trete ins Abteil und setzte mich an den ersten Fensterplatz, der frei ist. Ich sehe mich um. Eigentlich sind alle Fensterplätze frei, denn ich scheine die einzige Passagierin zu sein. Jedenfalls in diesem Wagon. Ist auch nicht schlimm, dann kann ich in Ruhe nachdenken. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ich lehne mich in den Sitz, hole meinen MP3 Player aus dem Rucksack, stecke mir einen Stecker des Kopfhörers in mein Ohr und wähle meine liebsten Jazzsongs aus.

Die Landschaft draußen ist wirklich als lieblich zu bezeichnen. Saftiges Gras, alte Bäume, die auf Weiden stehen, auf denen sich Kühe und Schafherden tummeln. Lichte Birkenhaine trennen die Weideflächen, die hier und da von schmalen Bachläufen durchzogen werden. Dazwischen liegen kleine Dörfer und einzelne Güter, die wie aus dem Bilderbuch wirken. Über allem scheint eine laue Frühlingssonne, die in einem strahlenden Himmel steht. Ich versuche mich auf die Musik zu konzentrieren.

Es kommt mir vor als sei ich schon eine Ewigkeit unterwegs. Vielleicht bin ich das auch? Ich habe keine Zeit, kein Gefühl mehr dafür, wie lange es her ist, dass ich in meinen ersten Zug gestiegen bin. Ich erinnere mich nicht mehr, wo es war, wann und wohin ich als Nächstes fuhr. Am Anfang merkte ich mir noch die verschiedenen Stationen, aber mit der Zeit ließ ich sie nur noch an mir vorüberziehen.

Ich stöbere in meinem Rucksack und entdecke das antike Tarotkartenspiel. Ich erhielt es von einer alten Dame, die es von ihrer Großmutter erbte. Ich reiste eine Weile mit ihr und kümmerte mich um sie, weil sie krank war und Hilfe brauchte. Zum Dank gab sie es mir. Sie hatte selbst keine Kinder. Sie meinte, dass ich es sicher gut gebrauchen könnte und es bei mir in guten Händen sei. Lange habe ich es nicht mehr in den Händen gehabt. Ich wickele es aus dem roten Seidentuch. Die Karten sind abgegriffen und man sieht, dass es viel und oft benutzt wurde. Komischerweise haben die Bilder auf den Karten trotzdem kaum an Farbkraft und Ausdruck verloren.

Ich mische die Karten, schließe die Augen und versuche an nichts Besonderes zu denken. Dann ziehe ich eine Karte. Der Narr. Exemplarisch für mein Leben. Der ewige Optimist, der sich spontan und unbekümmert ins Abenteuer stürzt, und versucht das Beste daraus zu machen. Der Narr auf der suche nach sich selbst? Oder auf der Suche nach was? Der Narr, der sich ohne nachzudenken verliebt, sich blind ins Unbekannte stürzt. Der Narr, dessen Leben ständig in Bewegung ist und für den das Leben aus Überraschungen und unvorhersehbaren Situationen besteht. Der gerne Neues beginnt und der versucht die Zweifel und Sorgen zu verdrängen und sich dem Leben hinzugeben. Der Narr, der aufpassen muss, dass er sich nicht in Liebschaften stürzt und dabei seinen Kopf verliert. Die Karte warnt vor übereiltem Handeln.

Ist es wahr? Zurückhaltung ist verrückter, als das Risiko? Durchdenke ich die Dinge nicht alle hundert Mal? Ja, das tue ich und was habe ich davon? Raoul ist weg. Liam ist gegangen und auch John ist so fern von mir. Ich weiß, dass der Narr mir einen Neubeginn andeutet. Ist nicht jeder Bahnhof, jeder neue Zug, ja jeder, der sich neben mich setzt und ein Gespräch mit mir beginnt, ein Neuanfang oder der Anfang eines Richtungswechsels? Vielleicht wird ein wilder hemmungsloser Liebhaber in mein Leben treten. Vielleicht? Wieso vielleicht? Ich will diesen erotisierenden aufregenden Liebhaber, und zwar so bald wie möglich. Meine Sehnsucht frisst mich auf. Der Gedanke seinen warmen Körper in einer innigen Umarmung mit mir zu fühlen löst ein Kribbeln in mir aus, das meinen ganzen Körper erfasst.

Ich habe es satt zu warten. Zu hoffen, ohne Erfüllung zu finden. Oft frage ich mich, worauf ich überhaupt hoffe und was passiert dann, wenn das was ich mir wünsche eingetreten ist? Werde ich wieder gehen, weil es möglicherweise zu langweilig wird, immer an einem Ort zu sein? Werde ich dort noch wachsen können oder auf der Stelle treten?

Ich will leben. Was ist leben? Ich kenne die Antwort nicht. Auf der Suche nach dem Gefühl, das Leben heißt. Wie prosaisch. Immer die Suchende und nie die Findende. Ich glaube, das war schon mein ganzes Leben so und möglicherweise auch in denen davor. Ich bin eine ewig Suchende. Durchstreife die Zeiten. Sehe, höre, rieche, taste, schmecke und doch kann ich nicht erkennen, was das wahre Leben ist.

Liebe nur ein Wort? Das Zusammenwirken von Hormonen, die uns in einem Bruchteil von Sekunden mitteilen: jetzt! Und dann nach ein paar Jahren: Jetzt nicht!

Ich nehme eins der Notizbücher „Ferne Jahre“ und schlage es an einer beliebigen Stelle auf:

„Ein leises Zischen war zu hören, und dort wo vorher nichts gewesen war, befand sich nun eine Person. Sie trug einen langen Wollmantel, einen dicken Schal, den sie mehrmals um ihren Hals geschlungen hatte und eine Wollmütze. Die Farbe ließ sich in dem diffusen Licht der Straßenlaterne nicht erkennen. Die Person war Janis, der Zeitenwandler.

Niemand hatte seine Ankunft bemerkt. Er kam still und unerkannt und so verschwand er auch wieder. Meistens. Janis musste sich erst orientieren. Er wusste nie, wo und in welchem Jahrhundert er auftauchen würde. Diesmal schien nicht soviel Zeit zwischen seinem Zeitsprung zu liegen. Denn eigentlich war er genau unter dieser Laterne auf die Reise gegangen und genau hier war er wieder aufgetaucht. Sogar die Jahreszeit schien dieselbe zu sein. Lautlos fielen Schneeflocken vom unsichtbaren Nachthimmel. Der Bürgersteig war mit einer weißen Schicht bedeckt, in dem noch kein Mensch seine Fußstapfen hinterlassen hatte.

Janis überlegte, ob er weiter reisen sollte. Manchmal konnte er, bei guter Konzentration, erreichen, dass er sofort weiter reisen konnte. Manchmal musste er auch abwarten, was passierte und wurde dann irgendwann, ohne dass er es erwartete, zu einem anderen Ort gebracht.

Janis wusste nicht, wie lange er schon so durch die Zeiten ging und er konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, warum es angefangen hatte. Es gab Zeiten, in denen er nur ein unsichtbarer Gast war. Dann wieder gab es Zeiten, in denen er leben musste, wie alle anderen auch.

Janis war müde. Müde zu reisen, müde zu sehen. Er wünschte sich, einfach bleiben zu können. Fast war es ihm egal wo und wann. Janis hatte in seinem Leben viele Menschen geliebt und wieder verloren. Von manchen hatte er nicht einmal Abschied nehmen können. Nachdem er viele heiße Tränen vergossen hatte, beschloss Janis sich nicht mehr zu verlieben, aber es passierte doch ab und zu. Denn gegen die Liebe kann man nichts tun, sie kommt und geht, wie sie will.

Janis kam sich so einsam vor, wie nur ein Mensch sein kann. Suchend sah er sich um. Es war nun schon das dritte Mal, dass er hier unter dieser Straßenlaterne ankam.

Er war sich sicher, dass dies nicht nur ein Zufall sein konnte. Was hatte es damit auf sich. Langsam ging Janis die Straße entlang. Es war der ärmliche Vorort einer großen Stadt. Mit mehrstöckigen Häusern, die alle gleich aussahen. Reihe um Reihe dieselben Häuser. Mit den gleichartigen Sicherheitsglastüren, exakt gleich großen Fensterlöchern und trostlosen handtuchbreiten Grasstreifen, die einen Vorgarten darstellen sollten.

Plötzlich kam Janis die Gegend bekannt vor. Er zermarterte sich das Hirn, was es mit diesem Szenario auf sich hatte. Während Janis die Straßen durchquerte, kam er an einem der geklonten Häuserblöcke vorbei, der in ihm ein Gefühl der Kälte und des Grauens weckte. Ein Zittern lief durch seinen Körper und er blieb stehen. Ängstlich überlegte er, was er tun sollte.

„Ich muss mich meiner Angst stellen“, dachte er, „sonst werde ich ewig in dieser Zeit feststecken.“

Janis nahm seinen ganzen Mut zusammen und betrat das dunkle Treppenhaus durch eine kaputte Eingangstür. Es roch nach Muffigkeit, strengen Essensgerüchen und Feuchtigkeit. Janis musste kein Licht machen, um sich in der Finsternis zurecht zu finden. Er erfasste instinktiv den richtigen Abstand zwischen den Treppenstufen und wusste sogar, wie viele es zwischen den einzelnen Absätzen waren.

Immer weiter stieg Janis hinauf, bis er in der letzen Etage angekommen war. Hier gab es nur noch eine Wohnung. Eine winzig kleine Dachwohnung, in der es jetzt eisig kalt sein musste und im Sommer brütend heiß. Janis wusste genau, wie die Zimmer hinter der zerkratzen Tür angeordnet waren. Er konnte sich sogar an die Gesichter der Bewohner erinnern.

In seinem Herzen ahnte Janis, wo er sich befand, aber die Angst es anzuerkennen war zu groß. Für einen Moment wollte Janis kehrt machen und die Treppen wieder hinunter laufen.

„Es hat keinen Zweck“, murmelte er mit hängenden Schultern, „ich muss hier sein, sonst werde ich niemals von hier fortkommen.“

Mit einem Krachen flog die Haustür gegen die Wand und jemand drückte den Lichtschalter. Ein paar Lampen flammten auf, aber dort wo Janis war, blieb es dunkel. Er hörte polternde Schritte. Jemand sang lauthals und lallte vor sich hin. Janis kannte die Stimme. Immer näher kam sie und ihm sträubten sich die Nackenhaare. Janis presste die Lippen fest zusammen, um nicht schreien zu müssen. Ein ungepflegter Mann erschien in der letzten Etage. Für einen Moment hielt er inne.

„Ist da wer?“, lallte er.

„Niemand ist hier, Vater“, dachte Janis bitter.

Der Mann, der Janis Vater war, sah sich um, konnte aber niemand entdecken.

„Ich glaub ich bin hackedicht“, kicherte der Mann.

Unbeholfen versuchte er die Tür aufzuschließen, aber er bekam den Schlüssel nicht ins Schloss. Immer wütender wurde er und schlug dann mit der Faust gegen die Tür.

„Mach auf!“, schrie er, „mach auf, du Miststück! Hast wohl Angst?“

Irgendwo riss ein Hausbewohner die Tür auf.

„Halts Maul, du Alki! Andere Leute wollen schlafen.“

„Da scheiß ich drauf!“

„Ich hol die Bullen!“

„Mir doch egal!“

Janis zitterte am ganzen Leib. Wie oft hatte er diese Szenen erlebt. Da öffnete sich die Tür und eine Frau, die seine Mutter war, zog den betrunkenen Mann in die Wohnung. Janis folgte ihnen mit einem schmerzhaften Ziehen in der Magengegend.

„Wird aber auch Zeit, du Schlampe“, grölte sein Vater, „wo ist denn das undankbare Balg?“

Der Betrunkene ging auf Janis früheres Kinderzimmer zu.

„Lass ihn“, versuchte seine Mutter den Vater zu beruhigen, „er schläft schon. Morgen muss er zu Schule.“

„Schule?“, johlte der Vater, „der Bengel hat nur Flausen im Kopf und ist viel zu blöd es jemals zu was zu bringen.“

„Bitte“, sagte die Mutter und fasste den Vater am Arm.

Noch ehe sie sich versah, hatte ihr der Mann eine klatschende Ohrfeige versetzt.

„Fass mich nicht an!“, sagte er, „du weißt, dass ich stärker bin als du.“

Der drohende Unterton in seiner Stimme jagte Janis einen kalten Schauer über den Rücken. Ihm war übel und er vermochte es kaum noch auszuhalten. Der Vater riss die Tür zu dem Kinderzimmer auf. Dort lag ein schmächtiger Junge, zitternd vor Panik im Bett. Der Betrunkene zog dem Kind die Decke weg und höhnte:

„Los du Versager, hol deinem Vater ein Bier aus dem Kühlschrank.“

Als der Junge nicht gleich reagierte, zerrte ihn der Vater am Arm aus dem Bett, schubste ihn in die Küche und brüllte ihn an:

„Du hast zu gehorchen! Ich bin dein Vater, kapiert, du Niete!“

Der Junge nickte nur, holte eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank und gab sie dem Vater.

„So ist`s recht“, sagte der Mann und lachte böse, „warum nicht gleich so?“

Er holte aus und seine große Hand traf den Jungen im Gesicht. Er verlor den Halt und stürzte.

„Weichei“, brummte der Vater.

Dann trat er ihn mit seinem schweren Stiefeln in die Seite und ging hinaus. Janis krümmte sich vor Schmerzen, hielt sich die schmerzende Hüfte und weinte lautlos vor sich hin.

„Komm, Janis, steh auf“, sagte seine Mutter und zog ihn vom Boden, „du weißt doch, er meint es nicht so. Er ist kein schlechter Mensch. Er liebt dich.“

Der Junge wankte ins Bett. Er weinte, ohne ein Geräusch von sich zu geben, das hatte er nach vielen Schlägen lernen müssen. Wer einen Laut von sich gab, wurde wieder geschlagen. Der Junge lag im Bett und betete:

„Lieber Gott, wenn du da bist, lass mich von hier verschwinden. Ich ertrage es nicht mehr! Wenn du mir nicht hilfst, dann muss ich von einer Brücke springen oder mich vor einen Zug setzen. Bitte, Gott! Hilf mir. Amen.“

Janis fiel es wie Schuppen von den Augen. Das war der Anfang gewesen. Er war verschwunden, so wie er es sich gewünscht hatte. Damals vor unendlichen Jahren, war er vor Erschöpfung eingeschlafen, und als er wieder aufwachte, lag er in einem anderen Bett, an einem anderen Ort zu einer unbekannten Zeit. Am Anfang war es ihm schwergefallen die Zeiten einzuschätzen, aber es war ihm immer besser gelungen, je länger er sprang.

Janis sah auf den zitternden Jungen. Er ging zu ihm, strich ihm sanft über den Kopf und flüsterte:

„Hab keine Angst, du wirst bald frei sein.“

Ein Lächeln huschte über Janis Gesicht. Es würde enden. Er war erwachsen geworden. Janis verließ die Wohnung, ging die Straße hinunter, die inzwischen mit einer dichten Schneedecke überzogen war und sein Herz wurde leichter. Janis wusste, dass dies seine letzte Reise sein würde und dass er dort sein Glück finden würde. Er war frei. Es hatte seine Zeit gedauert, aber es war geschehen. Der Schnee glitzerte im Licht der Straßenlaternen. Janis trat ins Licht und verschwand, so leise und unbemerkt, wie er gekommen war. Frei!“

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Augenblicke

Ich sehe in seine Augen. Verlockende Augen. Meine Hoffnungen sind in ihnen ertrunken. Tränen fließen. Er hält mich in seinen Armen. Ich spüre die Wärme seines Körpers. Mein Herz schleudert haltlos hin und her.

„Pass auf dich auf, Kleine“, sagt er.

Ich verstumme. Nur in meinem Kopf brüllen die Stimmen wie im Orkan. Alles tobt.

„Ich will, dass du mich liebst! Ich will nicht gehen! Verdammt! Verdammt!“

Er küsst mich. Der Schmerz umklammert mein Herz und quetscht es in seiner Faust zusammen, bis die Knöchel weiß werden. Immer fester, bis der letzte Tropfen fällt. Ich gehe. Mein zerfetztes Herz wiegt zentnerschwer. Die Tränen trocknen. Die Wunde heilt alle Zeiten.

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