Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Fensterrosette’

Es war heller Tag. Die Herbstsonne strahlte golden über einem wolkenlosen Himmel, und doch ging von der Kathedrale eine Kälte aus, die ich von einem Gotteshaus nicht erwartete. Die Mauern bestanden aus dunklen Steinquadern, die wohl die Wärme des Tages anzogen, aber nichts davon abgaben. Über dem Hauptschiff thronte eine monströse Kuppel, deren höchster Punkt von einem ungewöhnlich geformten Kreuz geschmückt wurde. Es sah aus, als hätte man es einer feurigen Prüfung unterzogen. Es war zwar als Kreuz zuerkennen, aber die Silhouette war abnorm verzogen.

Mich befiel ein mulmiges Gefühl, als ich die breite Treppe zum Portal hinauf schritt. Über der schweren, circa vier Meter hohen, Eichentür, die mit verschlungenen Mustern bedeckt war, prangte eine kolossale Fensterrosette aus Buntglas. Von außen betrachtet konnte ich die Farbe des Glases nicht bestimmen, wusste aber aus Berichten, dass es blutrot gefärbt war, wie auch die anderen Kirchenfenster. In meiner Vorstellung sah ich mich in einer Flut aus tiefrotem Licht den Mittelgang des sakralen Gebäudes entlang schreiten. Auf die Gläubigen der alten Zeit muss dieser Bau wie eine Vorahnung auf die Hölle gewirkt haben. Nicht umsonst trug die schwarze Kathedrale den keineswegs schmeichelhaften Beinamen Teufelskirche. Das ganze Bauwerk war ein Paradox an sich. Welch krankes Hirn hatte sich diese Scheußlichkeit ausgedacht?

An verschiedenen Ecken und Erkern, auf Säulen und Dachfirsten hatte man Wasserspeier mit den bizarrsten Fratzen angebracht. Neben dem Kirchenportal standen zwei Engel aus schwarzem Marmor. Ihre ernsten, ja beinah boshaften, Gesichter erweckten nicht den Anschein, als wären sie über mein Kommen erfreut. Ich ahnte, dass es ihnen nicht gefallen würde, wenn ich ihnen das Geheimnis der Entstehung und des Daseins ihrer Kathedrale entrisse, aber genau dies war mein Auftrag.

Pater Antonio bat mich, mit aller Vorsicht zu Werke zu gehen. Ich nahm ihn, leichtsinnig, wie ich war, nicht besonders ernst, bis ich meine Hand auf die eiserne Klinke des Portals legte. Sofort zog ich sie mit einem Schmerzensschrei zurück und wedelte sie wild hin und her. Das Metall war glühend heiß. In meiner Handfläche zeichnete sich der Abdruck des Türgriffs ab. Zum Glück trug ich das Schutzzeichen, das Antonio mir zum Abschied gegeben hatte, was eine schlimmere Verbrennung verhinderte. Ich wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass die beiden Engel hämisch grinsten.

Und ob ihr es glaubt oder nicht, das Lied zu diesem Text stammt von den Beach Boys, California Dreaming.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: