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Posts Tagged ‘Frage’

„Kennst du mich noch?“

Was für eine Frage, dachte ich, als könnte ich dieses Monster jemals vergessen. Ich drehte mich um und sah in das gutgeschnittene Gesicht.

„Nein, müsste ich mich an sie erinnern?“, fragte ich so beiläufig wie möglich.

Er grinste und in diesem Moment legte sich dieses verschlagene Funkeln in seine Augen, dass mir bei unserer Begegnung vor vier Jahren entgangen war. Hätte ich es doch sofort bemerkt, doch ich war von seiner Erscheinung und seinem Charme geblendet und erkannte nicht, wie abgrundtief böse er wirklich war.

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Und die Erde war wüst und leer. Und es war finster.

Fassungslos blickte ich auf das dunkle Grau in Grau, dass endlos vor mir lag. Ab und an erhellte eine Art Wetterleuchten die grausige Szenerie. Ein Knistern wie von einer Überspannung lag in der stickigen stinkenden Luft. Was war geschehen? Warum? Aber am meisten beschäftigte mich die Frage: Warum war ich hier?

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Bis heute: 120 Seiten überarbeitet.

Frage: Warum habe ich einen Roman mit 560 Seiten Umfang geschrieben?

Frage: Warum befindet sich kein Wort mehr dort, wo es vorher stand?

Frage: Verdammt nochmal, warum dauert das solange?

Antwort: Ich kann nicht anders. Fantasy auf sechs Seiten? Nee!

Antwort: Nach längerer Ruhezeit sieht alles anders aus.

Antwort: Alles relativ. (Blöder Spruch, aber irgednwie, muss ich mich ja motivieren.)

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Liebe Blogleser,

diese Frage ist natürlich sehr persönlich und für jeden einzelnen bedeutet Liebe etwas anderes. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir eure Ansicht dazu schreibt. Also nicht, was ihr denkt, das Liebe ist, sondern was sie für euch ist.

Vielen Dank für eure Zeit!

Caro

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Fensterblick

Grau in Grau, hinter einer grünen Wand aus Kirschbäumen, Thuja und Ebereschen. Wieso heißt ein Baum, von dessen Beeren sich Vögel ernähren, Eber-Esche? Die Frage ist rein rhetorisch. Ich suche nicht nach einer Antwort. Ich suche nach gar nichts. Denn ich bin gefunden worden. Und schon bricht aus dem Grau ein Sonnenstrahl und erhellt meinen Tag.

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Lieber Rilke,

warum du es bist, dem ich einen Brief schreibe, magst du dich fragen? Du bist der Dichter meines Herzens. In deinen Versen finde ich mich wieder. Sie rühren mein Herz, dringen tief in meine Seele. Sie sprechen von Liebe, unendliche Liebe. Wie sehr sehne ich mich danach, ich glaube, du hast es gewusst. Du hast das Gefühl gekannt, wie es sich anfühlt, ineinander aufzugehen, den Atem des anderen zu trinken, reines Gefühl sein – gleichgültig, ob dieser Rausch uns in den Abgrund stürzt oder in den Himmel hebt. Du musstest es tun, so wie ich nicht anders kann.

Wenn ich liebe, kann ich es nicht halb. Ich kann meinen Verstand nicht erhören, auch wenn ich weiß, dass mich meine Leidenschaft verschlingt, mein Leben völlig auf den Kopf gestellt wird. Ich muss mich hingeben – nichts ist wichtiger, einzig die Liebe.

Kein Geld, kein Erfolg, kein Ziel kann die Liebe aufwiegen. Nur sie erfüllt mich so vollständig, lässt mein Herz rasen, mein Blut kochen, meine Gedanken, wie Wirbelwinde dahinstürmen. Liebe erschafft – ist der Treibstoff der Musen – Liebe zerstört.

Liebeslied von R.M.Rilke

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süßes Lied.

Wie soll ich meine Seele halten, wenn mich die Liebe überwältigt? Ist es nur die Anziehung des Neuen, fremder Haut? Oder ist es tiefer, eine lang herbei gesehnte Seelenverwandtschaft, die sich aufschwingt, bis die Kraft erlahmt und ausbricht?
In diesen Augenblicken, wünsche ich mir weise und abgeklärt zu sein. Mir zu sagen, lass die Finger davon, du weißt, dass es ein gefährlicher Weg ist. Doch mein Körper erinnert sich an die euphorischen Gefühle, den Höhenflug, die Energie, die mein Schreiben antreibt. Wer kann der Liebe widerstehen?

Folgen wir unseren Gefühlen, dann können sie unser Leben aus allen Angeln heben, folgen wir ihnen nicht, zehrt uns die Sehnsucht aus. Immer ist da diese Frage: Was wäre wenn?

Aus Traumgekrönt von R.M.Rilke

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele…

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht…

Der Virus Sehnsucht. Er schlummert tief im Herzen. Plötzlich rührt ihn jemand an und es geschieht. Der Virus breitet sich unaufhaltsam aus. Erfasst jede Zelle unseres Körpers. Verliebtsein ist der aufregendste Zustand, in dem wir uns befinden können. Er ist einfach da. Ohne Sport, Siege, Erfolgserlebnisse. Einfach so. Der Funke springt über und der Virus ist nicht aufzuhalten.

Lieber Rilke, Herzensdichter, ich glaube du kannst verstehen, wie es ist, diese unfassbare, schwindelerregende, lichterloh brennende Liebe zu spüren. Was auch passiert, es fühlt sich so verdammt gut an! Alle Sinne geschärft, der Körper aufgeladen mit Energie, ein Übermaß an Inspirationen im Kopf, die jubelnde Seele.

Es gibt noch vieles, dass ich mit dir bereden möchte, und wer weiß, eines Tages …

Dir zugetan auf ewig

Deine Lea

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Vier Tage vor Weihnachten

1.

Autotüren schlagen. Ist Jeremy zurück? Ich springe auf, stürze zum Fenster und reiße es auf. Schneeluft zieht herein und lässt mich frösteln. Ich muss mich weit hinauslehnen, um in die Einfahrt zu sehen. Da steht Jeremys Wagen. Ob er Lucas mitgebracht hat? Viel hat er nicht von ihm erzählt, nur dass er unschuldig ist. Jeremy, er ist Anwalt, ein sehr guter dazu, flog vor zwei Wochen nach Vancouver, um einen seiner Studienfreunde, Lucas North, aus dem Gefängnis zu holen. Die ganze Familie befand sich in heller Aufregung und hoffte jeden Tag auf positive Nachrichten. Als endlich die Mitteilung kam, dass sie auf dem Rückflug waren, fiel uns ein Stein vom Herzen.

Ich warte, bis es unten wieder still wird. Nebenan in Jeremys Zimmer höre ich Geräusche. Jetzt hab ich ihn für mich alleine. Ich husche hinüber. Ohne anzuklopfen reiße ich die Tür auf.

„Jeremy! Du meine Güte. Ich glaube, du bist gewachsen“, ziehe ich ihn auf.

Ich umarme meinen 1,90 Meter großen Bruder und drücke ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

„Ich wollte gerade fragen, ob du geschrumpft bist!“

Er grinst über das ganze Gesicht und wirbelt mich herum.

„Hast du ihn mitgebracht?“

Ich platze vor Neugier. Jeremy wirft mir einen merkwürdigen Blick zu.

„Geht’s dir nicht gut?“

Ich knuffe ihn freundschaftlich in die Seite. Jeremy fasst mich bei den Schultern, dreht mich in die andere Richtung und mein Herz setzt einen Schlag aus.

„Meinen sie mich?“

Vor mir steht ein großer athletischer Mann. In seinem blassen Gesicht, das von dunklen Haaren eingerahmt wird, glühen ungewöhnlich blaue Augen mit langen Wimpern. Über seine schmalen Lippen huscht ein Lächeln. Oh, Himmel, sieht der Mann gut aus.

„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Keinen Geist, nur einen gefallenen Engel. Ich gehe auf ihn zu und strecke ihm meine Hand entgegen.

„Ich heiße Stella. Du bist also Lucas.“

Er nickt belustigt, aber hinter seinem fiebrigen Blick lauert etwas Dunkles, dass mich beunruhigt. Lucas schüttelt mir die Hand. Sein Händedruck ist fest und warm. Ich kann seinen Herzschlag spüren. Das beunruhigt mich noch mehr. Obwohl er ganz lässig da steht fühle ich seine innere Zerrissenheit, seine Qual und den Schmerz.

„Ich hoffe es stört dich nicht, dass ich in Jeremys Zimmer schlafe.“

„Nein, wenn es dich nicht stört, dass ich ab und zu mal vorbei komme und mir bei dir die Füße wärme“, rutscht es mir heraus.

Das ist eigentlich Jeremys Job, seit ich laufen kann. Lucas schaut mich verständnislos an. Ich erröte bis zu den Haarspitzen.

„War nur ein Scherz.“ Jeremy gibt Lucas einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und grinst. „Loses Mundwerk, die Kleine. Das hat sie so an sich, gewöhn dich dran.“

„So, also Ok, ich muss den Baum zu Ende schmücken. Wir sehen uns nachher.“

Ich muss weg. Lucas Blick geht mir unter die Haut.

„Aber mach es ordentlich! Ich schaue mir den Baum gleich an.“

„Nur nicht frech werden, mein Lieber!“

Ich versetze Jeremy einen Stoß in die Rippen, dann rase ich die Treppe hinunter, weil ich weiß, dass sich mein Bruder keine Gelegenheit zu einer Kabbelei entgehen lässt.

***

Die Leiter wackelt ein bisschen, aber der Stern muss noch auf der Tannenspitze angebracht werden. Für meine Höhenangst ist das Gift. Aber – ich bin groß, ich bin mutig – rauf auf das Ding. Mit weichen Knien klettere ich eine Stufe nach der anderen hinauf. Ich lehne mich vor, greife nach der Baumspitze und versuche den Stern darauf zu platzieren. Die Leiter kippt etwas nach links. Ich höre ein Geräusch, dreh mich um und falle – in Lucas Arme.

„Du solltest eine hohe Leiter nicht hinauf klettern, ohne dass einer festhält.“

Lucas stellt mich auf die Füße und sieht auf mich herunter. Oh, Mann, riecht der Mann gut. Ich könnte ohnmächtig werden, aber dann hätte ich nichts mehr davon. Ich spüre die Muskeln unter seinem Hemd. Diese Augen! Das Blau erinnert mich an Frühlingshimmel, umkränzt mit dunklem Flor, der ihm einen Hauch von Melancholie verleiht.

„Alles OK?“

Lucas hält mich immer noch fest.

„Ich glaube schon. – Aber der Stern hängt immer noch nicht am richtigen Platz.“

„Kein Problem.“

Lucas steigt die Leiter hinauf, befestigt den Stern und das war`s. Leider musste er mich dafür loslassen.

„Danke. – Darf ich dich was fragen?“

Mir geht die ganze Zeit die Frage durch den Kopf, wie er es im Gefängnis ausgehalten hat und ob die Wärter ihn anständig behandelt haben.

„Klar.“

Unschlüssig stehe ich da. Wie soll ich die Frage formulieren? Jeremy hatte vorher gesagt, ich sollte meine Neugier im Zaum halten. Mein Mund ist wieder schneller, als mein Kopf.

„Kinder! Kommt ihr? Der Tee ist fertig!“ Ruft meine Mum aus der Küche.

„Oh, wir reden später darüber. Wir sollten uns beeilen, sonst essen meine lieben Brüder die besten Sachen auf, bevor wir sie überhaupt gesehen haben.“

Dank Mum kann ich mich aus der Affäre ziehen. Lucas Augen durchdringen mich. Immer wieder ziehen sich unsere Blicke an. Am Tisch setzt er sich neben mich. Kerzen und gedämpftes Licht verbreiten eine angenehme anheimelnde Atmosphäre. Der sanfte Duft von Tannenzweigen, Zimt, Nelken und Orangen erfüllt die Luft. Von den Tischgesprächen bekomme ich wenig mit. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt Lucas von der Seite anzuschauen und mir jede Linie seines Gesichts einzuprägen. Er ist so präsent, dass ich an nichts anderes denken kann. Meine Geschwister und Eltern scherzen und plaudern munter drauf los und ich spüre, wie sich Lucas innere Anspannung langsam löst. Mein Blick fällt auf die Uhr. Ich muss gleich los. Sonst komme ich zu spät.

„Leider muss ich euch verlassen.“

„Musst du denn wirklich noch mal weg?“ Fragt Mum.

„Ja, du weißt doch, heute Abend ist Vorlesestunde.“

„Ach ja, stimmt. Dann sehen wir uns zum Abendessen?“

„Ich weiß noch nicht, Mum.“

„Ja, ja“, Mum lacht, „wenn Harry dich gehen lässt. Aber vielleicht erzählst du ihm, dass wir Besuch haben?“

Ich spüre Lucas forschenden Blick und vermeide es ihn anzusehen. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich schlüpfe in meine Stiefel, wickel den Schal um meinen Hals und setzte mir meine Lieblingsmütze auf.

„Darf ich dir in die Jacke helfen?“

Lucas steht unerwartet neben mir, nimmt mir die Daunenjacke aus der Hand und hält sie galant hin.

„Danke.“

„Ich würde dich gerne begleiten. Ein Spaziergang an der frischen Luft wird mir gut tun.“

„Warum nicht? – Weißt du, wo ich hin will?“

„Nein. Aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“

Unwillkürlich muss ich lächeln und zögere kurz.

„Lass dich überraschen.“

Lucas schaut mich mit diesem irritierenden Blick an. Er trägt einen dunklen halblangen Wollmantel. Statt Mütze setzt er die Kapuze seines Pullis auf und wickelt den Schal um.

„Wie hast du es im Gefängnisse ausgehalten? Ist es in den Betonklötzen warm genug?“

Lucas Blick verfinstert sich. Er zieht die Schultern hoch und vergräbt die Hände in den Taschen. Das Thema scheint nicht gefragt zu sein. Ich verwünsche meine lose Zunge. Seit ich von meinem Zustand weiß, ist es schlimmer geworden. Als müsste ich vor dem Ende noch alles rauslassen, was mir im Kopf rumgeht. Schweigend stapfen wir durch den frischen Schnee. Es knirscht unter unseren Stiefeln. Ein Geräusch, dass ich als Kind besonders geliebt habe. Ich befürchte Lucas bereut, dass er mich begleiten wollte. Außer uns beiden ist niemand unterwegs. Bedauerlich, dass mich niemand mit diesem gutaussehenden Mann sehen kann. Das wäre doch mal ein Gesprächsthema für unsere Kleinstadt. Nach einer Weile beginnt es zu schneien. Dicke Flocken schweben langsam zur Erde.

„Ist das nicht schön?“, versuche ich die Stille zu durchbrechen.

„Ja“, antwortet Lucas leise.

Mein Herz zieht sich zusammen. Lucas ist ein offenes Buch, gleichzeitig ein Minenfeld, für mich. Ich möchte ihm sagen, was ich fühle. Das ich seinen Schmerz verstehe, aber ich denke an seinen abweisenden Blick und schweige.

„Wer ist eigentlich Henry?“, fragt Lucas beiläufig.

„Henry ist mein Freund.“

„Dann wäre es vielleicht besser, wenn ich wieder nach Hause gehe.“

Lucas bleibt stehen und schaut mich herausfordern an. Ich lächele zuckersüß.

„Wieso? Ich habe Henry von dir erzählt. Er ist gespannt dich kennenzulernen.“

Lucas runzelt die Stirn. Ich hake ihn unter und ziehe ihn sanft hinter mir her.

„So, da wären wir.“

Mit einem leisen Geräusch schieben sich die Flügel der automatischen Tür auseinander und wir betreten das Seniorencenter. Henry steht im Flur und läuft nervös hin und her.

„Hallo, Stella, mein Mädchen!“ er stürzt auf mich zu und drückt mich ganz fest, „ich dachte, du hast uns vergessen.“

„Henry, also wirklich! Habe ich euch einmal vergessen?“

Henry grummelt sich etwas in den imaginären Bart.

„Darf ich dir Lucas North vorstellen?“

Ich drehe mich um und schiebe Lucas nach vorne.

„Das ist Henry Milton.“

„Hallo, Lucas, mein Junge, schön dich kennenzulernen.“

Henry schüttelt Lucas kräftig die Hand. Ich unterdrücke ein Grinsen, als ich Lucas ungläubigen Blick sehe.

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, erwidert Lucas.

„Ich hoffe, wir können uns mal über deine Zeit im Gefängnis unterhalten. Das würde mich sehr interessieren.“ Henry klopft Lucas freundschaftlich auf die Schulter. „Ich bewundere deine Courage.“

Henry geht uns in den Gemeinschaftsraum voran.

„Wer weiß noch alles davon“, flüstert Lucas mir zu.

„Niemand! Aber ich sagte dir, Henry ist mein Freund.“

Ich werfe Lucas einen Unschuldsblick zu und drücke sanft seine Hand, dann werden wir von den anderen Senioren begrüßt, die sich zweimal die Woche zum Vorleseabend versammeln. Elise, eine feine, silberhaarige Dame zieht mich zur Seite und sagt:

„Was für ein schöner, junger Mann. Den solltest du dir warm halten.“

Ich sehe zu Lucas und fange seinen dunklen Blick auf. Er hat gehört, was Elise gesagt hat. Rotflashalarm.

„Willst du auch vorlesen?“ frage ich Lucas.

„Heute nicht, aber beim nächsten Mal – warum nicht?“

Ich setzte mich in den Ohrensessel, der am Kamin steht und auf dem Henry das Buch bereit gelegt hat. Lucas sitzt ganz in meiner Nähe und wende den Blick keine Sekunde von mir ab. Als er sieht, dass ich aus Herr der Ringe vorlese, zieht er erstaunt seine Augenbrauen hoch.

„Bevor wir Frodo nach Rivendell begleiten, lese ich euch ein schönes Gedicht von Hilde Domin vor, dass ich diese Woche gelesen habe: Herbstaugen.“

Es ist still und die Anwesenden lauschen andächtig, als ich die Verse lese. Am Ende geht ein leises Seufzen durch die Reihen und ich muss lächeln. Lucas Augen halten mich fest und mein Herz rast. Ich bin nicht für Lucas bestimmt. Ich bin für niemand bestimmt. Aber ich liebe ihn.

„Als Frodo erwachte, lag er im Bett. Zuerst glaubte er, verschlafen zu haben, nach einem langen, unangenehmen Traum, der ihn am Rande seiner Erinnerung immer noch quälte. …“

Als ich knapp zwanzig Seiten später aufhöre, ertönt das zweite allgemeine Seufzen.

„Ich weiß, dass ihr noch stundenlang zu hören könntet, aber alles geht einmal zu Ende. In drei Tagen geht es weiter.“

„Erst in drei Tagen?“

Mary sieht enttäuscht aus. Lucas steht plötzlich neben mir und flüstert mir zu:

„Wenn ich lese, können wir doch übermorgen weiter lesen.“

„Ist das dein Ernst?“

„Glaubst du, ich würde das sagen, wenn es nicht ernst wäre?

„OK. – Hört mal Leute. Lucas bietet euch an, übermorgen weiter zu lesen.“

Kurzes Schweigen. Kurzes Getuschel. Dann allgemeine Zustimmung.

„Aber du kommst doch auch Kindchen?“, fragt Conny.

„Natürlich, ich will doch nicht, dass Lucas bei euch wilden Mädels abhanden kommt.“

„Ach, Kindchen“, kichert Conny und gibt mir einen Klaps auf den Rücken.

Lucas schaut mich fragend an und ich muss lachen.

„Die älteren Damen hier, wissen einen jungen Mann durchaus zu schätzen“, flüstere ich ihm zu.

„So?“

Er sieht verdutzt aus und ich überlege, ob ich ihn aufklären soll. Er wird schon merken, wie die alten Leutchen drauf sind.

Auf dem Heimweg gehen wir eine Weile schweigend nebeneinander her. Ich habe meine Handschuhe im Center vergessen. Tja, was man nicht im Kopf hat. Ich rubbele mein Handflächen aneinander und puste kräftig in die hohlen Hände.

„Hattest du vorhin nicht Handschuhe an?“

„Die habe ich liegengelassen. – Jeremy meint, eines Tages vergesse ich meinen Kopf.“

Lucas bleibt stehen und nimmt meine Hände in seine. Sie sind ganz warm. Er schaut auf mich herunter.

„Kleine Hände“, sagt er zusammenhangslos.

So stehen wir eine ganze Weile wortlos unter einer Laterne. Die Schneeflocken trudeln um uns herum, wie weiße kleine Motten. Wie lange hat er keine Frau mehr berührt?

„Ich glaube, wir müssen langsam weiter.“

„Sonst alarmiert deine Mum einen Suchtrupp.“

Ich muss lachen. Lucas lässt mich nicht los. Wir gehen Hand in Hand. Es fühlt sich so gut an.

„Wohl kaum. Meine Mum hat zwar einen Stall voll Kinder, aber eine Glucke ist sie nicht. Ich denke eher, dass sie auf unseren gesunden Menschenverstand vertraut. –

Von dem ich wahrscheinlich das wenigste abbekommen habe.“

„Den Eindruck machst du nicht.“

„Du kennst mich noch nicht sehr lange.“

„Dein Bruder hat mir so einiges von dir erzählt.“

„So? Na warte, wenn ich nach Hause komme.“

Hoffentlich hat er ihm nicht von der Krankheit erzählt, dann reiße ich ihm den Kopf ab. Ich hasse es, wenn die Leute Mitleid mit mir haben. Denn das haben sie meistens. Kein Mitgefühl, nur Mitleid. Ekliges klebriges Mitleid, obwohl sie keine Ahnung von dem haben, was in mir vorgeht.

„Es war nur Gutes.“

„Na, dann will ich das mal glauben.“

„Hallo, ihr Zwei, da seid ihr ja wieder! Ich statte mal eben deinem Onkel einen Besuch ab.“

Mein Dad kommt uns in der Einfahrt entgegen. Ich will Lucas meine Hand entziehen, aber er hält mich fest. Dad grinst und geht ein Stück die Straße hinunter zu Onkel Mo.

„Du kannst dich glücklich schätzen, dass du so eine tolle Familie hast.“

„Du auch.“

„Ich? Wieso?“ Lucas zieht die Augenbrauen hoch und sein Blick verdunkelt sich wieder.

„Weil du dazu gehörst.“

Er sieht mich skeptisch an.

„Man kann nicht einfach zu einer Familie gehören.“

„Zu unserer schon. Solltest du einmal in Not sein – jeder von uns würde dir zu Seite stehen und wie du gehört hast, Henry wartet nur zu gespannt auf einen Bericht von dir.“

Mum öffnet die Tür und wir entledigen uns unserer Jacken und Stiefel.

„Lucas, endlich – wir wollen einen Thriller ansehen.“

Jeremy steckt seinen Kopf zur Tür herein.

„Komme gleich“, Lucas hängt seinen Mantel auf, „kommst du nicht mit?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein, ich würde euch nur alle erschrecken, mit meiner Angst. Ich will noch malen.“

Langsam geht Lucas zur Tür.

„Lucas!“

Er dreht sich um.

„Das du zu uns gekommen bist, hat einen tieferen Grund, auch wenn du ihn noch nicht verstehst. Glaub mir.“

Ich eile ich die Treppe hinauf. Wenn er mich weiter so anschaut, kann ich für nichts garantieren.

***

Es klopft. Hastig schiebe ich die Bilder auf meinem Zeichenbrett zusammen.

„Ja.“

„Hallo, ich wollte dir gute Nacht sagen.“ Lucas steckt seinen Kopf zur Tür herein. „Darf ich rein kommen? Ich würde gerne sehen, was du gezeichnet hast.“

Bevor ich etwas dagegen tun kann, nimmt er die Bilder vom Brett und schaut sie an. Lucas nickt anerkennend.

„Toll! – Das bin ja ich.“

Er hält mir ein Blatt hin, das ein Porträt von ihm zeigt. Ich klopfe mir nur ungern auf die Schulter, aber das Bild ist mir sehr gut gelungen. Vielleicht liegt es daran, dass man nur mit dem Herzen gut sieht und Lucas sehe ich mit meinem Herzen.

„Erwischt.“

„Donnerwetter! Ohne Vorlage, nur aus dem Kopf.“

„Möchtest du es haben?“

Lucas schüttelt den Kopf.

„Nein. Du hast meine Gefühle nach außen gekehrt und ich glaube kaum, dass ich das Bild immer ansehen kann. – Ich hätte lieber ein Bild von dir.“

Beunruhigend wie schnell mein Herz schlagen kann. Andererseits, das Leben findet jetzt statt.

„Ich mache nicht gerne Selbstporträts, aber für dich will ich es versuchen.“

„Danke. – Wir sehen uns morgen.“

„Schlaf gut.“

„Ich versuch es, aber ich muss dich warnen. Ich schlafe sehr unruhig und hoffe, ich störe dich nicht.“

„Mach dir keine Sorgen, da sind wir schon zwei.“

Ich sehe die Frage in seinen Augen, aber er hält sie zurück. Als er draußen ist, hänge ich Lucas Bild über meinem Bett auf.

***

Es ist ein Uhr durch. Ich lege mein Buch weg, stelle die Musik aus und schließe die Augen. Die Leselampe lasse ich an. Ohne Licht kann ich nicht einschlafen. Ich habe Angst im Dunkeln aufzuwachen. Mehr noch habe ich Angst gar nicht mehr aufzuwachen, deswegen schlafe ich kaum und wenn, ist es mehr ein Dösen, als tief schlafen.
Ich lausche. Lucas schläft wirklich sehr unruhig. Ich höre ihn stöhnen, er liegt kaum still, das Bett knarrt in kurzen Abständen. Ein beklemmendes Gefühl steigt in mir auf, dass mir den Atem nimmt. Ich stehe auf. Einen Moment zögere ich vor seiner Tür. Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ich ignoriere alle und drücke die Klinke geräuschlos herunter.

Lucas liegt auf dem Bett. Ich sehe die Tätowierungen auf seinem nackten Oberkörper und seinen Armen. Was hat er aushalten müssen, dass ihn so quält? Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. Er wird mit diesen Schrecken noch viele Jahre leben müssen, während mir nicht mehr viel Zeit bleibt mit meinen Schrecken zu hadern.

Vorsichtig gleite ich unter seine Decke, strecke meine Hand aus und streiche sacht über seinen Arm. Langsam löst sich die Verkrampfung aus seinen Muskeln. Er atmet gleichmäßiger, seine angespannten Gesichtszüge lockern sich und seine zitternden Augenlider werden ruhig. Ich rutsche näher an ihn heran. Wie selbstverständlich schmiegen sich unsere Körper aneinander. Die Wärme seiner Haut, sein Duft, sein Atem, der über mein Gesicht streicht, wecken Gefühle in mir, die mich erzittern lassen. Plötzlich ist ganz leicht die Augen zu schließen. Lucas ist hier. Er wird nicht zulassen, dass ich von dieser auf die andere Seite gehe.

2.
Ein Augenaufschlag trennt mich von der Wirklichkeit. Lucas liegt neben mir. Er atmet ruhig. Ich spüre seinen kräftigen, warmen Körper. Nicht aufwachen aus diesem Traum. Nie mehr. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so tief geschlafen habe, ohne Angst. Ich schlage die Augen auf. Lucas sieht mich an. Wie lange schon?

„Du warst hier.“

Es ist keine Frage, eher eine Feststellung.

„Ja.“

Lucas streicht mir sanft eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingerspitzen fahren die Linien meines Gesichts nach. Ein angenehmes Kitzeln setzt sich auf meinen Lippen fest, als er sie berührt.

„Wie schön du bist.“

Wehmut macht sich in meiner Brust breit und ich versuche die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.

„Ich möchte nicht schön sein. Schönheit macht mich traurig. Je schöner etwas ist, umso schneller vergeht es.“

„Ich werde immer wissen, wie schön du bist.“ Lucas Atem streift mein Gesicht. „Ich will dich.“

Seine raue Stimme macht mir eine Gänsehaut. Er presst mich an sich. Mit einem wilden Aufstöhnen küsst er mich. Alles an ihm, seinen Bewegungen, ist fest und stark. Lucas hat eine Kraft, wie ich sie noch nie bei einem Mann gespürt habe. Er könnte mich ohne Anstrengung zerbrechen. Sein Feuer, seine unbändige Lust erfüllt meinen Körper. Seine Hände, sein Mund sind überall. Ich verbrenne im Feuer und erfriere gleichzeitig im eisigen Wind. Lucas ist die Flamme und der Sturm.

„Oh, mein Gott“, flüstert er und liebkost meine Brüste, „du bist so unglaublich schön.“

Seine Lippen zupfen an meinen harten Knospen und ich dränge mein Becken gegen seine Lenden, fühle seinen steifen Schwanz. Langsam gleiten seine Lippen bis zu meiner Venus hinab. Als seine heiße, raue Zunge sich den Weg zu meiner Perle sucht, stoße ich einen kleinen Schrei aus, meine Finger krallen sich in die Kissen. Seine Hände legen sich um meinen Po. Seine Zunge versinkt zwischen meinen Schamlippen und stößt gierig zu meiner Venus vor. Ich fließe vor Erregung. Das treibt Lucas immer weiter an.

„Bitte, ich will dich fühlen.“

Lucas kommt über mich, sein harter, heißer Schwanz dringt langsam und tief in mich ein. Ein wilder Laut rutscht mir aus der Kehle. Ich spüre sein Gewicht auf mir. Sein Mund sucht meinen Mund. Unsere Zungen verschlingen sich in einem wilden Spiel. Ich öffne meine Augen und sehe in seine dunklen geheimnisvollen. Die Lust peitscht sich zu einer Welle auf und Lucas stößt in einem harten langsamen Rhythmus zu. Immer weiter treibt er unsere Lust und ich klammere mich an ihn. Die Explosion folgt wie Blitz und Donner. Ich komme mit einem Schrei und Tränen laufen mir über das Gesicht. Lucas stößt noch einmal zu und mit einem tiefen Stöhnen erfüllt er mich mit seinem heißen Saft. Zwei Naturgewalten, die sich aufheben, das neue Leben und der nahe Tod. Genese und Apokalypse. Er nimmt was er so lange entbehrte und ich nehme alles was sich bietet, bevor es vorbei ist.

Sanft wischt Lucas mit dir Tränen von den Wangen. Mein Herz schlägt wild gegen meine Rippen, meine Sehnsucht ist so erschöpfend, dass ich mich in ihr auflösen könnte.

„Was sind das für Tätowierungen?“

„Sie bedeuten Leben und Tod, Hoffnung und Grauen.“

„Ich möchte dir gerne etwas schenken.“

Seine dunklen Augen treffen mich direkt ins Herz.

„So? An was denkst du?“

„Ich würde dir gerne eine neue Tätowierung schenken. – Ich zeichne sie. Meinem Bruder Jonas hat einen guten Freund, der ist Tätowierer, der sticht sie dir.“

„OK.“

Ich will mich aus seinen Armen winden, aber Lucas hält mich fest.

„Nein. Du kannst nicht einfach gehen.“

Und bevor ich mich versehe, erfüllt mich Lucas mit seinem unstillbaren Verlangen und wir stürzen zurück in einen Strudel aus Lust.

***

Ich habe es mir mit meinem Block und meinen Zeichenutensilien auf meinem Bett gemütlich gemacht. Mum und Dad sind zu Onkel Mo und Tante Tia hinüber gegangen und werden den Nachmittag und Abend dort verbringen. Meine Brüder haben Lucas dazu verleitet sie zum Eislaufen zu begleiten. Ich hoffe, sie werden ihn nicht in seine Einzelteile zerlegen. Nur ein bisschen Hockey spielen haben sie gesagt. Wie das aussieht kenne ich. Ohne blaue Flecken, Prellungen und im schlimmsten Fall gebrochenen Knochen geht das nicht ab. Es klopft.

„Herein!“

„Lucas? Nanu, schon zurück?“

Er lächelt. Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass er etwas mit sich herum schleppt, das ihm das Leben zur Folter macht.

„Ja. Deine Brüder haben nicht mit meiner Gegenwehr gerechnet. Sie müssen erst mal ihre Wunden lecken.“

Er stellt mir einen heißen Kakao auf den Nachttisch.

„Darf ich die Zeichnung sehen.“

„Nein, nur nicht so neugierig sein.“

„Na gut, sag mal, hast du das Buch „Herr der Ringe“ auch hier? Wenn ich morgen etwas vorlesen soll, dann wäre es nicht übel den Text schon gelesen zu haben.“

„Da drüben im Regal.“

Lucas holt sich das Buch, setzt sich zu mir aufs Bett und beginnt mir vorzulesen. Seiner angenehmen Stimme zu zuhören ist Genuss pur. Ich lege meine Zeichensachen zusammen, kuschele mich an ihn und höre ihm zu. Sein Herzschlag ist regelmäßig, er ist ganz versunken in den Text. Irgendwann lässt er das Buch sinken und schaut mich mit verträumtem, fernen Blick an.

„Wie schön. – Es kommt mir vor, als hätte ich es in einem anderen, früheren Leben gelesen. Als würde ich es zum ersten Mal lesen und verstehen.“

Ich betrachte seine gleichmäßigen Gesichtszüge, die aristokratische Nase. Seine sonst exakt gestylten Haare sind etwas strubbelig, was ihm einen jungenhaften Touch verleiht. Mein Herz läuft über vor Liebe und Gier nach Leben. Lucas sieht zu mir herunter. Kein Wort ist nötig. Sein Blick fängt mich ein, fesselt mich und unsere Leidenschaft brennt in lodernden Flammen.

***

„Hey, ihr zwei! Kommt ihr nochmal aus dem Zimmer raus?“ Jeremy klopft.

„Ja, sind gleich da.“

„Wir haben den Film ausgeliehen, von dem wir gestern erzählt haben.“

„OK. – Kommst du mit? Bitte. Ich will dich bei mir haben.“

Lucas zieht sich an.

„Gut. Aber ich warne dich. Ich erschrecke mich dauernd.“

Lucas lacht gelöst.

„Macht nichts. Du darfst die ganze Zeit die Augen zumachen. Solange du nur bei mir bist.“

„Na, ihr Turteltauben“, Jonas grinst, „ihr lebt wohl nur noch von Luft und Liebe.“

„Hahaha“, ich gebe ihm einen Knuff in die Seite, „ich hoffe, du hast uns noch was vom kalten Braten übergelassen. – Ich mach uns ein paar Sandwiches.“

Ich nicke Lucas zu und gehe in die Küche.

„Sag mal Lucas! Wo hast du unsere Schwester gelassen.“

Höre ich Andrew witzeln.

„Das wirst du gleich sehen“, rufe ich aus der Küche, „wenn du weiter so dummes Zeug quatscht.“

Während des Films sitze ich eng an Lucas geschmiegt. Warum müssen sich meine Brüder auch immer solche aufregenden Filme anschauen? Lucas rührt keine Wimper. Sein Herzschlag kommt nicht einmal aus dem Takt. Immer wieder schaut er mich an. Sein Mund sucht meinen. Zum Glück ist es dunkel im Raum, auch so ein Ding meiner Brüder, und sie sind zu gefesselt von dem Film, als das sie uns beiden zu viel Aufmerksamkeit schenken würden. Ich kann nicht genug von ihm bekommen. Immer mehr, mehr, mehr. Ich versuche mich zu erinnern was war bevor Lucas kam, aber ich erinnere mich nicht. Wird mein Leben am Ende nur aus diesen Stunden mit Lucas bestanden haben? Er küsst mich verlangend. Nichts ist wichtig, nur das.

3.
„Lucas, Henry ist am Telefon. Er will dich sprechen.“

Ich reiche ihm das Handy. Die beiden reden kurz miteinander.

„Na, was hat er denn?“

„Henry fragt, ob wir eher kommen. Er würde gerne mit mir reden.“

„Klar. Ich helfe Sara beim Servieren, dann könnt ihr ein Gespräch unter Männern führen.“

Lucas grinst.

„Bevor Henry dich einem anderen Mann anvertraut, muss er ihn wohl erst abchecken.“

„Das kann sein. – Du bist der erste Mann in meinem Leben.“

Erstaunt sieht Lucas mich an.

„Wie meinst du das, der erste Mann?“

„So wie ich es gesagt habe. Es gab keinen Mann vor dir.“ Und es wird keinen nach dir geben. „Es war das erste Mal.“

Zärtlich nimmt Lucas mich in den Arm.

„Warum hast du nichts gesagt?“

„Was hätte ich sagen sollen? Ich wollte dich.“

„Habe ich dir auch nicht weh getan?“

Ich schüttele den Kopf.

„Nein. Es war einfach nur Wahnsinn. Ich könnte das bis zum Ende meines Lebens mit dir tun.“

Lucas lacht.

„Keine Angst. Du wirst das noch sehr oft haben.“

Ich wünschte es wäre so. Lucas knöpft langsam meine Bluse auf und küsst jeden Zentimeter Haut, den er freilegt. Als er mir die Bluse von den Schultern streift, bin ich so erregt, dass ich kaum an mich halten kann.

„Du bist wie eine Saite. Nur ein winzige Berührung und du klingst.“

Ich schließe die Augen, gebe mich seinen begehrlichen, sinnlichen Liebkosungen hin. Für Scheu, Scham und Hemmungen habe ich keine Zeit. Ich will alles, jetzt. Explodieren bis ich explodiere.

***

„Hallo, ihr beiden!“

Henry erwartet uns, drückt mich herzlich und schüttelt Lucas die Hand.

„Dann lass ich euch zwei reden. Ich gehe zu Sara. Sie kann bestimmt noch zwei Hände gebrauchen.“

„Tu das mein Mädchen. – Komm Lucas, lass uns mal einen kleinen Schnack halten.“

Lucas zieht mich zu sich heran, küsst mich sanft.

„Lauf ja nicht weg“, flüstert er.

„Niemals.“

Wie könnte ich das, nachdem ich mich an ihn verloren habe.

***

Es wird Zeit zum Vorlesen. Die Zuhörer haben sich im Gemeinschaftsraum versammelt. Nur Henry und Lucas sind noch nicht zurück. Ich will gerade mit dem Vorlesen beginnen, als sie auftauchen. Beide mit ernsten Gesichtern. Das Gespräch scheint nicht nur aus Nettigkeiten bestanden zu haben. Lucas setzt sich und beginnt. Diesmal beobachte ich ihn. Seine Stimme ist gewandt und fließt angenehm über die Zeilen. Jede Linie seines Gesichts ist mir so vertraut und doch fremd. Mein Herz könnte zerspringen vor Traurigkeit und Glück.

Als Lucas fertig ist, sind die Senioren begeistert. Sofort ist er von einer ganzen Schar älterer Damen umringt, die sich mit ihm unterhalten wollen. Lucas Superstar. Ich muss lächeln. So einen hübschen Mann sehen sie hier nicht oft. Henry gesellt sich zu mir, legt mir den Arm um die Schultern.

„Ein toller Junge. – Du liebst ihn, nicht wahr?“

„Ja, Henry, ich liebe ihn mehr als du ahnst.“

„Hast du es ihm gesagt.“

Ich schüttele den Kopf.

„Du musst es ihm sagen. Er hatte es schwer genug und er ist mit dem, was er erlebt hat, noch nicht im Reinen.“

„Ich dachte es mir. Auch wenn er lächelt, sind seine Augen meistens traurig.“

Lucas kommt auf uns zu.

„Pass auf ihn auf“, flüstert Henry, „du bist stärker als er.“

Erstaunt sehe ich Henry an. Lucas fasst sofort nach meiner Hand.

„Was habt ihr zwei zu tuscheln?“

„Geheimsachen“, sagt Henry und grinst, „macht`s gut ihr zwei. – Geht schon.“

Er schiebt uns sanft Richtung Ausgang.

„Danke, Henry.“

„Gerne, immer doch.“

***

Lucas Handy klingel. Er nimmt ab. Hört kurz zu, legt auf. Sein Gesicht hat plötzlich einen zornigen Ausdruck angenommen. Ich lege sanft meine Hand auf seine.

„Lucas, was ist los?“

„Nichts. Ich muss morgen nach Portland.“

Ich möchte ihn fragen warum, aber ich sage nichts. Henrys Rat fällt mir ein. Ihm die Wahrheit sagen. Wie? – Ach, Lucas, was ich dir noch sagen wollte, ich habe einen Tumor im Kopf und könnte jederzeit tot umfallen. Aber mach dir keine Gedanken, alles wird gut. – Schweigend sitzen wir da und hängen unseren Gedanken nach. Lucas löscht das Licht. Mondlicht erhellt das Zimmer. Ich stehe auf und gehe zum Fenster, blicke auf die verschneite, märchenhafte Landschaft.

„Ist es nicht wunderschön? Winterwunderland.“

Lucas tritt hinter mich, legt dir Arme um mich, küsst meinen Hals und meinen Nacken. Sofort regt sich mein Verlangen.

„Komm“, flüstert er, „ich will dich ganz nah spüren.“

Es hört sich so traurig an, als wäre es das letzte Mal. Mit geschickten Fingern kleidet er mich aus. Lucas zieht mich etwas vor, bis ich in einem Kegel aus Mondstrahlen stehe.

„Du siehst aus wie eine Göttin. Aus dem Licht des Mondes geboren.“

„Dann würde ich mit dem Mondlicht verschwinden und du würdest mich erst beim nächsten Vollmond wiedersehen.“

Ich strecke meine Arme nach ihm aus. Lucas sieht zu mir herunter. Ich kann seine Augen nicht sehen. Er steht im Schatten. Ich fühle, dass er mir etwas sagen möchte, aber er bleibt stumm. Als wäre ich eine Feder hebt er mich hoch und trägt mich zum Bett. Lucas entledigt sich seiner Kleidung und legt sich neben mich. Engumschlungen liegen wir da, spüren die Nähe des anderen, die Wärme, den Herzschlag. Als wenn das ein Abschied ist.

„Kommst du zurück?“

Lucas schweigt. Als er spricht ist seine Stimme nicht seine eigene.

„Ich weiß es nicht.“

Dann küsst er mich mit einer Leidenschaft, die mich verbrennt. Kein Morgen, kein gestern. Nur jetzt, dieser Moment. In dieser Nacht liegt mein Leben, wenn er morgen geht, sterbe ich bevor mich der Tumor aus dem Leben kickt, ohne ihn ist alles sinnlos.

4.
„Henry! Lucas ist weggefahren.“

„Wohin?“

„Nach Portland.“

„Sag Jeremy und Jonas Bescheid, dann hol mich ab.“

Ich zerre meine Jacke vom Haken, schlüpfe in meine Stiefel. Während ich den Wagen aus der Garage fahre, rufe ich Jeremy und Jonas an. Als ich beim Seniorencenter vorfahre, steht Henry schon fix und fertig da. Jeremy und Jonas biegen gerade in Jonas schwarzer Corvette um die Ecke. Jeremy kurbelt das Fenster runter.

„Was ist los?“, fragt er.

„Lucas ist weg. Nach Portland“, presse ich hervor.

„Wohnt da nicht irgendwo Lucas Exfrau?“, Jeremy runzelt die Stirn.

Ich zucke mit den Schultern. Davon weiß ich nichts.

„Wir sollten uns beeilen. Fahr erst mal Richtung Portland und gib mir bitte dein Handy.“

Henry nickt mir zu. Ich starte den Wagen.

„Liegt da vorne in der Mulde.“

Ich lenke den Wagen auf die Schnellstraße. Henry telefoniert mit einem alten Freund. Ich höre Lucas Namen und ein paar andere Infos.

„Wie viel Vorsprung hat Lucas?“

„Eine Dreiviertelstunde, vielleicht etwas mehr.“

Henry gibt die Infos weiter. Gespannt lauscht er dem anderen Gesprächsteilnehmer. Dann programmiert er das Navi.

„Danke, Mike, wir sehen uns dort.“

„Geht es dir gut?“, fragt Henry.

„Geht schon.“

Schweigend rasen wir über die leere Schnellstraße. Zum Glück ist es früh am Tag und es herrscht noch kein Verkehr. Das Navi lotst uns in ein sauberes Villenviertel. Vor einem umzäunten Grundstück halten wir an. Jeremy und Jonas halten hinter uns. Wir steigen aus. Vor dem Haus steht ein schwarzer SUV. Lucas Wagen.

„Hier wohnt Lucas Exfrau.“

„Henry, was ist los?“

„Der Typ, für den Lucas unschuldig im Knast saß, ist ein ehemaliger Arbeitskollege. Erst hat er sich seinen Job unter den Nagel gerissen und dann seine Exfrau. Ich fürchte Lucas wird eine Dummheit begehen, die er nicht wieder gut machen kann.“

Jetzt ist mir einiges klar.

„Er hat es mir nicht erzählt, weil er mich nicht belasten wollte?!“

Henry nickt. Ein Polizeiauto in Zivil hält.

„Das ist Mike, ein alter Freund von mir.“

Mike begrüßt uns, während sich zwei seiner Kollegen an dem eisernen Tor zu schaffen machen.

„Meine Jungs machen das Tor auf.“

Tatsächlich schwebt die Eingangspforte geräuschlos auf.

„Bitte, lass mich gehen.“

Ich sehe Mike flehentlich an. Meine Angst, sie könnten Lucas verletzen oder Schlimmeres, schnürt mir die Kehle zu.

„Das ist ein Männerjob.“

„Meine Schwester wird mehr erreichen als sie, Sir.“, Jeremy hält den Polizisten zurück.

„Ich denke auch, Mike“, stimmt Henry zu, „lass sie mit Lucas reden.“

„Na, gut, aber wir bleiben in der Nähe.“

„Beeil dich, Kleine und hol ihn da heil raus. Ich kümmere mich um den Rest“, sagt Jonas mein Polizistenbruder.

Er drückt mich fest an sich, dann schiebt er mich durch das Tor. Henry und Jeremy sind mir dicht auf den Fersen. Direkt dahinter Mike und Jonas. Lautlos schleichen wir um die Villa in den Garten. Da sehe ich eine dunkle Gestalt zwischen den schneebedeckten Büschen. Lucas. Ich pirsche mich heran.

„Stehen bleiben.“

Seine Stimme ist kalt wie Eis. Da erkennt er mich. Erstaunen huscht über sein Gesicht. Ich sehe die Waffe in seiner Hand.

„Stella?! – Bitte geh! Ich muss das tun.“

„Ich kann nicht gehen, Lucas. Ich weiß, was du tun willst.“

„Er hat mir alles genommen. Erst hat er mir das Rauschgift untergejubelt, dann hat er meinen Posten genommen und meine Frau. Das er bezahlt ist das Mindeste. Er soll leiden, so wie ich gelitten habe.“

Lucas Stimme zittert vor Wut.

„Er soll bezahlen, aber nicht so. Lucas, ich flehe dich an, lass dich von deiner Rache nicht zerstören.“

Ich gehe auf ihn zu.

„Du wirst sterben.“

„Woher weißt du das?“

Er hat es gewusst. Und nichts gesagt.

„Jeremy hat es mir erzählt, bevor ich zu euch kam.“

„Du hast mich aus Mitleid geliebt?“

Die Enttäuschung schmerzt mehr, als ich ahnte. Tränen laufen mir über die Wangen. Lucas schaut mich mit fiebrigem Blick an.

„Zuerst war es Mitleid. – Aber dann, hat sich alles geändert. – Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ohne dich hat nichts einen Sinn und er“, Lucas deutet mit der Waffe auf die Villa, „muss bezahlen. Jemand muss für das Unrecht bezahlen.“

„Du hast Recht. Aber Jeremy ist ein guter Anwalt. Er wird ihn bezahlen lassen. Stimmt`s?“

Jeremy steht plötzlich neben mir.

„Lucas, lass den Scheiß! Mach dich nicht unglücklich. Ich biete jeden Mann aus meinem Büro auf! Der Mistkerl soll bluten.“

„Junge, du hast eine zweite Chance bekommen. Nutze sie und sei nicht so dumm, wie ich damals.“

Was meint Henry denn damit? Was hat er Lucas erzählt? Zumindest hat seine Stimme eine beruhigende Wirkung. Lucas lässt die Waffe sinken. Jonas taucht unerwartet aus dem Schatten auf und nimmt ihm die Waffe ab. Ich fasse nach Lucas Hand und ziehe ihn sanft hinter mir her. Alles ging so schnell, dass kein Hausbewohner etwas mitbekommen hat. Während sich die Männer noch besprechen und die Kollegen das Tor wieder verschließen, steigen Lucas und ich in den Wagen. Ich fahre los. Lucas lehnt seinen Kopf erschöpft gegen die Scheibe, schließt die Augen. Ich lege eine CD ein. Michael Buble singt „I wanna go home…“.
Ich halte auf der Marquam Brücke. Ehe Lucas reagieren kann, bin ich aus dem Auto gesprungen, und schwinge mich über das Geländer. Die Tiefe macht mir ungeheure Angst. Ich zittere am ganzen Körper und klammere mich am Geländer fest.

„Komm sofort zurück!“, brüllt Lucas.

Er packt mich an der Hand. Sein Griff ist stahlhart.

„Ich werde sterben, Lucas. Irgendwann.“

„Das kann sein, aber solange du lebst hast du nicht das Recht dein Leben wegzuwerfen.“

„Ich weiß. Du auch nicht.“

„OK, ich hab`s verstanden. Jetzt komm sofort zurück!“

Ich drehe mich ein Stück, lehne mich zu ihm und will zurück auf die Straßenseite klettern, als ich abrutsche. Ein Schrei. Lucas reagiert blitzschnell, packt mit der einen Hand meine Jacke, fast mit dem anderen Arm nach und hält mich an der Taille. Mit einem Ruck zieht er mich zu sich hinüber, presst mich fest an sich. Der Schreck sitzt tief.

„Oh, mein Gott, ich hab dich schon fallen sehen. – Tu das nie, nie wieder.“

Ich nicke. So habe ich mir das auch nicht vorgestellt. Lucas nimmt mein Gesicht in seine Hände und küsst mich. Ein Auto hält neben uns. Jonas lässt die Scheibe herunter.

„Seht zu, dass ihr nach Hause kommt. Sonst haben wir Mum und Dad am Hals. Das wollt ihr bestimmt nicht.“

„Das hat mir gerade noch gefehlt.“ Lucas lächelt befreit. „Mit Mum und Dad soll man sich nicht anlegen.“

„Nein, bestimmt nicht.“

Jonas lässt den Motor aufheulen, grinst und fährt los. Lucas nimmt mir den Schlüssel aus der Hand.

„Nach dem Schreck fahre ich. Nicht das du versuchst mich noch mal zu überraschen.“

Ohne Wiederrede lasse ich mich auf den Beifahrersitz sinken. Abrutschen hatte ich nicht vorgesehen, ich wollte ihn nur erschrecken. Lucas startet den Wagen. Sein liebevoller Blick trifft mich.

„Lass uns nach Hause fahren.“

„Ja, nach Hause.“

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