Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Frühstück mit Proust’

Ich bin wütend. Auf die Schriftstellerin, die mich an der Nase herumgeführt hat. Davon abgesehen, dass ich auf die Verbindung zu Proust bis Seite 273 (die vorletzte Seite des Romans) warten musste, bin ich total enttäuscht über das Ende. Es mag ja ganz toll sein, dem Leser am Ende den letzten Kniff zu präsentieren. Aber so? Ich könnte platzen!

Kurz der Inhalt:

Eine alte Dame soll ins Seniorenheim und wird von ihrer Enkelin gerettet. Sie leben zusammen in der Pariser Wohnung der Enkelin und beide profitieren davon. Die alte Dame blüht auf und verliebt sich noch einmal, während die Enkelin von der Lebenserfahrung ihrer Großmutter schöpft und erkennt, was wirklich wichtig ist. Die Großmutter, eine einfache Frau, hat ihr Leben lang heimlich die alten Meister gelesen und hilft ihrer Enkelin, ihren Roman zu überarbeiten.

Soweit so gut. Es dauerte eine Weile, bevor ich mit dem Lesen in Schwung kam. Es ist ein ruhiges Buch. Mit schönen Worten geschrieben, mit Weisheiten, in denen ich mich als Schriftstellerin und Frau wiedererkannte. Darum las ich weiter. Der Gedanke gefiel mir, dass es tatsächlich diese Gemeinschaft zwischen den beiden Frauen geben könnte. Dazu die romantischen Liebesgeschichten, die trotzdem nicht kitschig waren.

Bis zum Epilog! Da erzählte mir die Autorin dann allen Ernstes, dass die Enkelin vor Schuldgefühlen zerfließt, weil die Großmutter innerhalb von vier Monaten in diesem verfluchten Heim gestorben ist, denn die Enkelin hatte nicht den Mut die Großmutter mitzunehmen. Sie hat sich im Grunde die „gute“ Geschichte nur geschrieben, weil sie zu feige für das echte Leben war.

Alles war nur Fake! Bis auf die Tatsache, dass die Großmutter heimlich gelesen hat. Warum? Verdammt und zugenäht! Darf es denn noch nicht einmal mehr in „Wohlfühl“-Büchern ein Happy End geben? Hat sich die Autorin gedacht: „Hey, ich hatte nicht genug Drama in der Geschichte – ich muss schnell noch ein schlimmes Ende erfinden.“

Ich habe schon viele Bücher gelesen. Nicht immer ging alles gut aus und jemand starb. Kein Problem. Am Ende sterben wir alle und wo es hinpasst – Super! Ich bin die Letzte, die sich deswegen beschwert (Anna Karenina, Madame Bovary …), selbst ich lasse am Ende meiner Bücher/Geschichten wichtige Personen sterben. Aber ich lese doch nicht 274 Seiten, um am Ende zu hören: „Ätsch, ich hab dich reingelegt“. Ich neige langsam zu der Ansicht, dass ich das Ende eines Buches im Voraus lesen sollte, um dann zu entscheiden, ob ich wissen will, wie es dazu kam.

             Es dauert immer eine Weile, bis ich mich beruhigt habe. Diesmal wird es nicht so lange dauern. Als Nächstes werde ich die „Grasharfe“ von Truman Capote lesen. Ich habe es in der Stadtbücherei angefangen. Es hat mich von der ersten Seite an gefesselt. So ein Buch muss ich besitzen, das leihe ich mir nicht nur aus. Es wird mir über meine Enttäuschung hinweg helfen, da bin ich ganz sicher. Bücher sind Seelentröster, und wenn uns die guten Bücher nur über die schlechten hinweg trösten – Auftrag erfüllt.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: