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Posts Tagged ‘geheime Gänge’

Mister Smith steckt den Schlüssel ins Schloss. Er dreht ihn. Es knirscht. Die anderen Schlüssel an dem großen Eisenring stoßen geräuschvoll aneinander. Es kostet ihn Mühe die Klinke herunterzudrücken. Der Riegel klemmt. Erst nach mehrmaligem Ruckeln springt er auf.

Als Mister Smith die Flügeltür aufdrückt, geben die Scharniere ein unangenehmes Kratzen und Knarzen von sich. Um die Bilder vor der Sonne zu schützen sind die Fensterläden geschlossen. Mister Smith zündet Petroleumlampen an und verteilt sie an den Inspektor und seinen Sergeant. Eine nimmt er selbst und geht voran.

Der Ahnensaal ist riesig. Er hat die Form eines breiten Flures und läuft in der ersten Etage über die komplette Länge des Hauses. Der muffige Geruch abgestandener Luft und die Kälte jagen Rosalie eine Gänsehaut über den Rücken. Sie zieht die leichte Seidenstola enger um die Schultern.

„Sie zittern ja“, flüstert Anthony.

Hastig zieht er sein Jackett aus und legt es ihr um die Schultern. Rosalie erschnuppert Anthonys angenehmen Duft und genießt seine Wärme, die aus dem weichen Wollstoff in ihren Körper fließt. Dankbar nickt sie ihm zu und drückt kurz seine Hand. Anthony ist versucht seinen Arm um Rosalies Schultern zu legen, als er Nathans warnendem Blick begegnet. Er zuckt leicht mit den Schultern und zieht den Arm, unbemerkt von Rosalie, zurück.

Langsam schreitet die kleine Gruppe an den Porträts der de Clares vorüber. Mister Smith geht voraus, dicht hinter ihm die beiden Polizisten, gefolgt von Rosalie und Anthony und einige Schritte dahinter Gil.

Zwischen den Gemälden hängen Kerzenleuchter und weit über ihnen befinden sich die großen Kronleuchter. In der Dunkelheit wirken sie wie vielarmige Ungeheuer, die auf ihre Beute lauern. Es ist viele Jahre her, dass sie angezündet wurden und ihr warmes glitzerndes Licht bei einem glanzvollen Ball über ein fröhliche Menschenmenge verströmen durften.

„Und hier sehen sie eines der ersten Gemälde, auf denen das Collier abgebildet ist.“ Mister Smith hält inne. Er hebt die Lampe in die Höhe, damit das Porträt besser zu sehen ist. „Das Bild entstand ca. 1292 und zeigt Lady Johanna de Clare.“

Nathan und Rosalie treten näher an das Bild.

„Sie ist wunderschön“, flüstert Rosalie ehrfürchtig.

Das Ganzkörperporträt präsentiert eine Frau mit feinen, vergeistigten Gesichtszügen, in einem dunkelgrünen Samtgewand mit goldener Bordüre. Sie breitet die Arme aus und zeigt dem Betrachter ihre offenen Handflächen. Lady Johanna steht vor einer lieblichen Hügellandschaft. Auf langen blonden Haaren trägt sie ein fein gearbeitetes Diadem und um den Hals ein stilisiertes Collier mit einem Anhänger. Das Collier hat die Form eines Spitzenkragens.

Mister Smith setzt den Weg an der Ahnenreihe fort, Rosalie fällt es schwer sich von dem Gemälde zu trennen. Gerne hätte sie länger verweilt, um alle Einzelheiten aufzunehmen.

„Kommen sie, Miss Graville“, flüstert Nathan neben ihr.

Rosalie spürt seinen warmen Atem auf ihrem Hals und ihre Nackenhärchen stellen sich auf. Er legt ihr die Hand in den Rücken und schiebt sie sanft weiter. Anthony beobachte es und drängt sich zwischen den Inspektor und die junge Frau.

„Es gibt noch bessere Abbildungen des Colliers“, sagt er, nimmt ihre Hand und klemmt sie unter seinen Arm, „es ist wirklich einmalig.“

Nathan lässt sich nicht abschütteln. Er wechselt auf Rosalies andere Seite.

„Da wird gerade davon sprechen, Mister Douglas. Wie ich hörte sind sie der Experte, wenn es um die Gerüchte bezüglich der Verwendung des Colliers geht.“

Anthony stößt einen unwilligen Laut aus.

„Bitte Inspektor Robins“, sagt er kühl, „das sind keine Gerüchte, allenfalls Legenden und somit steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Die unterirdischen Gänge existieren. Zur Zeit Heinrich des VIII, versteckten die de Clares dort katholische Ordensleute. Sie wurden von einem missgünstigen Verwandten verraten, die Gänge verschlossen. Heute weiß niemand mehr, wo der Eingang zu den geheimen Gängen ist.“

Mister Smith hält erneut vor einem Gemälde inne. Seine Begleiter bilden einen Kreis um ihn. Nur Gil hält sich abseits. Ab und an von den Rändern eines Lichtkegels erfasst, bewegt er sich wie ein Geist unter den Geistern seiner Ahnen.

„Das ist ihre Urgroßmutter, Lady Mary Rosalie de Clare, Miss Graville“, erklärt er in sachlichem Tonfall.
Rosalie zuckt erschrocken zurück. Ihre Finger krallen sich in Anthonys Arm, mit der freien Hand, fasst sie nach Nathans Arm.

„Sie sieht aus wie ich?“

Die junge Frau trägt ein schlichtes weißes Kleid. Sie steht aufrecht vor einem großen Fenster und blickt den Betrachter direkt an. Ihre blauen Augen werden von langen Wimpern gerahmt. Die blonden Locken sind kunstvoll aufgesteckt und leuchten im Licht der einfallenden Sonne wie gesponnenes Gold. In der Hand hält sie einen Pinsel und steht vor einer Staffelei. Um ihren schlanken Hals liegt das kostbare Collier. Ein Detail das nicht zu der schlichten Szene passen will.

Doch es sind nicht nur die äußeren Merkmale, die ihre Urgroßmutter mit ihr gemeinsam hat, auch die Form des Gesichts und der offene neugierige Ausdruck. Lady Mary Rosalie de Clare könnte beinahe Rosalies Zwillingsschwester sein. Nur ihre Lippen sind voller und das Blau ihrer Augen dunkler und geheimnisvoller, als bei ihrer Ahnherrin.

Rosalie löst ihre Hand von Anthonys Arm und tritt einen Schritt vor. Mit der anderen hält sie immer noch Nathans Arm. Beruhigend legt er seine warme große Hand auf ihre zierliche und drückt sie sanft.

„Die Ausführung des Colliers ist meisterhaft“, bewundert Rosalie die Malerei, „an jeder Spitze hängt eine große Perle oder ein kleiner Rubin und in der Mitte ein Anhänger, der die Form eines roten Sterns hat.“

„Die Legende besagt, wer den Stein in das dafür vorgesehene Schloss steckt, finde den sagenhaften Schatz, den die Normannen auf ihren Eroberungsfeldzügen durch England erbeuteten“, erklärt Anthony.

„So, so“, sagte Nathan und der Spott in seiner Stimme ist nicht zu überhören, „Sagenhafte Schätze und Legenden. Allen hübschen Geschichten zum Trotz müssen wir einen Dieb fassen und möglicherweise einen Mörder.“ Er wendet sich an Mister Smith. „Wenn sie bitte vorangehen.“

Mister Smith waltet seines Amtes und führt die Herrschaften zurück ins Arbeitszimmer. Gil hat nicht ein Wort gesprochen.

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Ich ging die langen Regalreihen entlang und ließ meinen Blick über die Bücher schweifen. Es waren große Folianten, in Leder gebunden, mit goldenen Aufschriften, teilweise verblasst.

„Du wirst wissen, welches Buch es ist, wenn du es siehst“, hatte Pater Marcus gesagt.

Ich hasste seine kryptischen Aussprüche und argwöhnte, dass er so etwas nur sagte, um zu sehen, wie ich reagierte. Diesmal gab ich mir keine Blöße und stellte eine undurchdringliche Miene zur Schau. Marcus lächelte, dann nickte er mir zu. Ich war entlassen. Gemächlich machte ich mich auf den Weg in die Bibliothek. Nicht ohne mir vorher noch einen Apfel aus der Klosterküche zu holen. Pater Petronius schallt mich eine Schlemmerin, aber ich zuckte nur mit den Schultern. Fastentage machten mich immer so hungrig.

Ich hatte gut daran getan, meinen knurrenden Magen zu füllen. Seit einer gefühlten Ewigkeit wanderte ich zwischen den Regalen umher und wartete auf die Erleuchtung. Seufzend ließ ich mich auf einem Schemel nieder und stützte den Kopf auf die Hände. In der kühlen Stille zwischen den Büchern konnte ich meinen Träumen nachhängen, ohne getadelt zu werden. Durch ein rundes Fensterchen fielen vorwitzige Sonnenstrahlen auf die rauen Steinplatten. In ihrem Licht schwebten Staubteilchen, wie winzige Feengeschöpfchen.

Meine Augen folgten dem Lichtstrahl. Er streifte einen satt dunkelroten Buchrücken. Sofort richtete sich mein Interesse auf das Buch. Ich stand auf, um es näher in Augenschein zu nehmen. Es war riesig. In der Höhe etwas so lang wie mein Arm, von der Schulter zum Handgelenk und zwei Handbreit. Eine verschnörkelte goldene Schrift zog sich über den Buchrücken. Ich zog es mühsam heraus. Auf den Umschlag waren merkwürdige Zeichen und Symbole geprägt, die ich noch nie gesehen hatte und das Kloster war voller Embleme.

Ich schleppte das Buch zu einem Pult und hievte es hinauf. Andächtig fuhr ich mit den Fingerspitzen über das weiche Leder, ertastete die fremdartigen Zeichen. Ich schlug es auf. In endlosen dicht gedrängten Zeilen lief die Schrift über die Seiten. Ich folgte ihr mit Blicken, vermochte keinen Anfang und kein Ende zu erkennen. Pater Marcus erwartete sicher meine Rückkehr, aber ich konnte mich nicht von dem Buch losreißen. Nachdem ich eine Seite angesehen hatte, musste ich die Nächste anschauen. Eine Seite nach der anderen blätterte ich weiter. Meine Hände fühlten sich an wie Blei, meine Augenlider wurden immer schwerer.

„Sarah! Ich habe nicht gesagt, dass du deine neugierige Nase in das Buch stecken sollst!“, polterte Bruder Marcus.

Er riss mir das Buch weg und schlug es zu. Ich zuckte zusammen, schüttelte mich.

„Wo bin ich? Was ist geschehen?“, stammelte ich.

„Zum Glück nichts. Ich dachte mir schon, dass du nicht widerstehen kannst“, brummte Marcus. Er schien erleichtert. „Komm, du brauchst eine heiße Tasse Melissentee, dann geht es dir gleich wieder besser.“

Ich hätte zu gerne mehr über das geheimnisvolle Buch erfahren. Irgendetwas stimmte nicht damit. Es besaß etwas Magisches, Hypnotisches. Ich wusste, dass im Kloster Dinge aufbewahrt wurden, die böse Dinge anrichten konnten, wenn sie in die falschen Hände gerieten. Doch die waren in geheimen Gängen unter dem Gelände gut gesichert unter Verschluss.

Ich beschloss bis nach dem Tee zu warten, um Bruder Marcus das Geheimnis zu entlocken. Immerhin hatte er mich geschickt, es zu holen, dann war es das Mindeste, dass er mir erzählte, was es damit auf sich hatte.

Der Fokus aus früheren Geschichten sind die langen Regalreihen aus dem Bücherturm und das rote Lederbuch aus meiner Traumgeschichte.

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