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Posts Tagged ‘Geister’

„Ich seh nur der Geister Schatten.“

Adam verdrehte theatralisch die Augen und machte die ganz große Geste. Ich boxte ihn an den Oberarm.

„Lass das! Jetzt machst du dich noch lustig. Aber wenn du erst einen Zusammenstoß mit einem Geist hattest, dann lachst du nicht mehr!“ Ich steckte den Schlüssel ins Schloss des Eisentores. „Und bitte, sei endlich leise.“

Adam zuckte mit den Schultern und schüttelte missbilligend den Kopf. Er wollte noch etwas sagen, aber ich legte den Finger an den Mund und sah ihn böse an. Beleidigt verkniff er sich den Kommentar. Ich drehte den Schlüssel und das Schloss sprang wiedererwarten mit einem sanften Klicken auf.

„Müsste das nicht quietschen?“, fragte Adam spöttisch.

Er drückte die Klinke herunter und drückte den Torflügel auf. Ich wollte ich gerade ermahnen, als zwei Dinge geschahen, die meine ganze Aufmerksamkeit forderten.

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„Henry starb vor zwei Jahren. Heut habe ich ihn das erste Mal gesehen.“

Elly holte tief Luft. Sie fasste Sara am Arm. Sie blieben stehen.

„Das hat aber lange gedauert.“

Sara nickte. Sie sah Elly mit großen Augen an. Elly war ihre beste Freundin und der einzige Mensch, der von ihrem Geheimnis wusste.

„Ich habe ihn gefragt, wo er solange gewesen ist. Aber er wusste es auch nicht.“

„Glaubst du, er war in der Hölle oder im Fegefeuer.“

„Ach, Quatsch. Das gibt es nicht. Es gibt keinen feurigen Ort an dem die Seelen gequält werden. Es gibt nur die Geister und das Licht. Wenn sie dorthin gehen, dann sind sie erlöst.“

Sara kramte in ihrer Handtasche herum, zog zwei Schokoriegel heraus und drückte Elly einen in die Hand.

„Aber wo war Henry dann die ganze Zeit.“

Elly riss das silberne Papier des Schokoriegels auf und biss eine Ecke ab.

„Das ist es, was ich unbedingt herausfinden muss.“

Die beiden setzten ihren Weg fort. Sara pellte ihren Riegel ebenfalls aus.

„Wo gehen wir hin?“, nuschelte Elly mit vollem Mund.

„Zu Madame Breda“, nuschelte Sara zurück.

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„Rosalie“, Anthonys Stimme reißt sie aus ihren Gedanken, „sie sind noch auf?“

Er nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben sie an den Herd. Rosalie lächelt. Er trägt dicke Wollsocken, hat aber noch Dinnerhose und Hemd an, nur ohne die enge Krawatte. Sein blondes Haar ist zerzauster als sonst.

„Ich konnte nicht schlafen. Mir geht so viel im Kopf herum. Möchten sie auch einen Tee?“

Sie steht auf, füllt das kochende Wasser aus dem Kessel in die Teekanne und holt eine zweite Tasse für Anthony aus dem Küchenschrank.

„Sehr gerne. Darf ich fragen, welche schweren Gedanken ihren Schlaf vertreiben?“

„Oh, diese Familie lässt mir einfach keine Ruhe“, seufzt Rosalie und fragt, „Zucker?“

Anthony nickt und lässt seinen Blick über Rosalies schlanke Figur gleiten, die von dem seidenen Morgenrock sanft umspielt wird. Ihr Haar fällt in weichen Wellen über den Rücken. Vor Anthonys geistigem Auge erscheint das Bild von Rosalie, nackt in seinem Bett, nur geschmückt mit ihrem langen wundervollen Haaren.

Rosalie gießt den Tee ein und reicht Anthony eine Tasse.

„Danke“, er lächelt sie an, „es ist selten, dass ich schlaflose Nächte nicht bedauere.“
Rosalie nippt an ihrem Tee.

„Anthony“, beginnt sie unsicher und sucht nach den richtigen Worten, während er seinen Stuhl näher rückt, „sie sind wirklich ein Lichtblick in dieser unterkühlten Gesellschaft“, sie wird von einem schrillen Aufschrei unterbrochen.

Poltern und Scheppern ist zu hören, dazwischen weitere Schreie. Eine unheimliche Stille tritt ein. Rosalie und Anthony blicken sich für eine Schrecksekunde an, dann springen sie auf und laufen in die große Halle hinaus. Am Fuß der Treppe liegt Lady Edna verdreht wie eine Gliederpuppe in einer Blutlache. Ihr Stock liegt einige Meter weit weg. Die beiden bleiben wie erstarrt vor ihr stehen. Rosalie blick auf. Am oberen Ende der Treppe steht Gil und blickt zu ihnen hinunter. Misses Morse, Mister Smith und die anderen Dienstboten erscheinen wie Geister aus den Schatten. Leise tuschelnd halten sie Abstand. Misses Morse schluchzt gedämpft in den weiten Ärmel ihres Morgenrocks. Rosalie fasst sich als erste.

„Wir müssen einen Arzt rufen. Und den Bestatter.“

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Die Texte entstanden im Schreibkurs unter dem Thema Perspektivwechsel.

Thea

Thea steht vor der gotischen Kapelle und dreht den schweren Schlüssel zaudernd hin und her. Rein gehen oder nicht, das ist die entscheidende Frage. Der Weg von Galway bis London war lang, der Mietwagen teuer und überhaupt, was blieb ihr anderes übrig? Als sie der Brief vom Tod ihres Vaters erreichte, war sie in Tränen ausgebrochen, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gab. Immerhin hatte sie ihn nie gesehen. Danach, in einem überschwänglichen Moment der Trauer und des Selbstmitleids, packte sie ihren Koffer, mietete sich den Wagen und fuhr los.

Thea steckte den alten Eisenschlüssel in das Schloss und dreht ihn herum. Es knirscht. Sie drückt die Tür auf und tritt ins Halbdunkel der Eingangshalle. Ein dicker Samtvorhang versperrt ihr die Sicht auf den Andachtsraum. Sie gibt sie sich einen Ruck, schiebt den Vorhang zur Seite und dringt den Hauptraum vor. Es riecht stark nach Weihrauch und Kerzen. Thea schnürt es die Kehle zu. Sie muss ein Husten unterdrücken. Die bemalte Kapellendecke breitet sich wie ein bunt bestickter Baldachin über ihr aus. Dicke Granitsäulen stützen das Kirchenschiff.

Thea erschrickt, als sie das Echo ihrer Schritte von den Wänden wieder hallen hört. Sie hält inne und geht auf Zehenspitzen weiter. Neben dem Altar führt eine ausgetretene Steintreppe hinunter in die Krypta. Dort werden die verstorbenen Kirchendiener der oberen Schicht beigesetzt. Und dort ist er begraben. Ihr Vater. Der Mann, der ihre Mutter schwängerte und dann allein ließ, weil er einem höheren Ziel folgen musste.

Bei dem Gedanken dreht sich Thea der Magen um. Höheres Ziel! Thea denkt an ihre Mutter, die irgendwann aufgab und ihrem „sündigen“ Leben ein Ende machte. Schande! Selbstmörder sind verflucht. Noch ausgestoßen im Tod.

Unschlüssig steht Thea da. Will sie wirklich das Grab ihres Vaters sehen? Des Mannes, der sie und ihre Mutter opferte?

Thea kramt die kleine Taschenlampe aus ihrer Jackentasche. Ein Knopfdruck und ein helles Licht flammt auf. Vorsichtig steigt sie die glatten Stufen hinab, wendet sich nach links, wie der Friedhofswärter sagte.

Trotzdem die Beerdigung einige Tage her ist, liegen Blumen auf dem marmornen Sargdeckel. Ein süßer Duft von Rosen, Chrysanthemen und Nelken erfüllt die stickige Luft und macht das Atmen schwer. Wie ungerecht, geht es Thea durch den Kopf, er hatte alles. Geld, Macht und sogar im Tod liegt er da wie ein König, während Mama auf dem Selbstmörderfriedhof verscharrt wurde, wie ein streunender Hund. Sie spukt auf den Sarg, dreht sich um und will gerade die erste Stufe erklimmen, als sie ein beängstigendes Geräusch hört.

 

Connor

Ich starre die Decke der Kapelle an. Die Gemälde sind wirklich beeindruckend. Die Farben, die Feinheit der Figuren. Egal wie oft ich sie angesehen habe, ich kann mich nicht daran sattsehen. Kein Wunder, wenn man sonst nicht sehr viele Möglichkeiten der Beschäftigung hat.

Es ist ein Kreuz allein zu sein. Und damit meine ich allein. Allein und verlassen von aller Welt. Niemand weiß, dass ich existiere, weil mich niemand sieht, sich niemand an mich erinnert. Ist schon komisch, wenn das ich alle sehen kann, aber mich niemand und doch kann ich nicht darüber lachen. Es ist verrückt, total Psycho. Wenn ich mich wenigstens jemandem zeigen könnte, dann wäre noch ein Kick dabei. Aber nichts!

Und das blöde ist, obwohl ich in einer Kapelle residiere, und die Toten hier rein und raus getragen werden, ist mir noch niemand begegnet, der ist wie ich. Ein Geist, ein Gespenst, ein Körperloser, – was immer ich auch bin. Vielleicht besser? Wer weiß, nachher ist dieser jemand einer, der dauernd quatschen muss, oder ein Trauerkloß, der sein Ableben nicht verwinden kann. Dann ist es allemal besser allein zu sein.

Das Geräusch der Tür ist nicht zu überhören. Jedesmal wenn der Schlüssel herumgedreht wird, knirscht es, als würde Metall auf Metall geschabt. Ein hässliches Geräusch. Mich wundert, dass das noch niemand abgestellt hat, aber die müssen das auch nicht dauernd hören.

Ich setze mich auf. Der Samtbehang des Vorraums wird zurückgeschoben und eine Frau kommt herein. Sie trägt einen roten Mantel und ihre langen blonden Haare sind zu einem Zopf geflochtenen. Ihre Absätze klackern auf dem Granitboden. Sie bleibt stehen und schaut sich um, dann schleicht sie weiter, als ob sie befürchtet, dass sie jemand bei etwas Ungesetzlichem erwischt. Allerdings kann man hier nicht viel mitgehen lassen. Ein paar silberne Leuchter, die alte Bibel, aber sonst? Vielleicht die beiden Heiligenbilder in den Nischen. Aber die stehen hinter schmiedeeisernen Gittern und sind mit schweren Schlössern gesichert. Der Christus hängt angenagelt über dem Altar in luftiger Höhe, der geht nirgendwohin und außerdem ist er nicht antik genug.

Ich frage mich, wieso sie in die Gruft hinabsteigt. Da stehen doch nur die Särge der alten Priester. Vermutlich sind sie zu Staub zerfallen, oder verschrumpelte wie Mumien. Aber es soll ja einen schwunghaften Reliquienhandel geben und irgendwann sind die alten Fingerglieder und Zehen aufgebraucht, und die Leute brauchen Nachschub.

Himmel, die spukt auf den Sarg vom alten Matthew! Ich muss lachen. Sie sieht gar nicht so gewalttätig aus. Eher brav, mit ihren großen Kinderaugen. Sie dreht sich um. Erschrocken starrt sie mich an. Sie sieht nicht durch mich hindurch, sondern direkt in meine Augen. Das gibt`s doch gar nicht!

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