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Posts Tagged ‘Geste’

„Hast du das gesehen?“

„Nein? Was?“

Ich blickte irritiert aus dem Fenster des Cafes und sah Autos und Menschen hinterher, die in einem nicht enden wollenden Strom an uns vorbei rauschten.

„Da war Matthias Schweighöfer!“, Sannes Stimme schnappte fast über. Sie sprang auf und griff nach ihrer Tasche. „Kannst du meinen Kaffee mitbezahlen? Ich muss hinterher, vielleicht krieg ich ein Autogramm. Wir treffen uns nachher im Hotel.“

Und weg war sie. Ich schüttelte den Kopf. Berlinale! Toll! Genau die richtige Zeit Berlin einen Besuch abzustatten. Wenn die Stadt überfüllt und die Promidichte mindestens 200 Prozent höher war, als sowieso schon. Aber was tut man nicht alles für eine Freundin?

Immerhin hatte ich nun Zeit in Ruhe zu lesen und etwas zu schreiben. Trotz Sannes Prominenten-Hatz hatte ich schon einiges von Berlin gesehen. Das Wetter war herrlich und am Nachmittag wollte ich zum Wannsee hinausfahren. Sanne war für die nächsten Stunden beschäftigt und würde mich bestimmt nicht vermissen.

„Entschuldigen sie“, sagte eine angenehme Stimme und ich sah auf, „darf ich mich zu ihnen setzen? Leider ist alles besetzt und ich habe gesehen, dass der Platz gerade frei geworden ist.“

Zwei blaue Augen strahlten und ein sinnlicher Mund lächelte mich aus einem markanten Gesicht an. Ich nickte und machte eine generöse Geste.

„Gerne. Im Moment ist geht es in Berlin ziemlich verrückt zu. Ich bin eigentlich zur falschen Zeit hier.“

Er setzte sich und winkte dem Kellner.

„Darf ich sie zu einem Kaffee und einem Stück Kuchen einladen? Damit sie nicht einen gar so schlechten Eindruck meiner Heimatstadt haben.“

Ich errötete.

„Danke schön, sehr gerne. Es tut mir leid, wenn sie denken ich hätte eine schlechte Meinung von Berlin, aber ich gebe zu, ich stürze mich nicht so gerne in hysterische Menschenmassen.“

Er lachte.

„Zwei Latte Macchiato“, bestellte er, „und zwei Stück Käsekuchen.“ Dann wandte er sich wieder an mich, „ihre Freundin schon. Ich bin übrigens Tom.“

„Freut mich sehr, Tom. Mein Name ist Lea. Ja, Sanne liebt die Promis. Einmal über den roten Teppich“, ich grinste, „am liebsten mit Brad Pitt. Aber ich fürchte, da kratzt Angelina ihr die Augen aus.“

„Das befürchte ich auch“, Tom schmunzelte, „und was haben sie noch vor, nachdem sie schnöde für Matthias Schweighöfer im Stich gelassen wurden?“

Der Kellner servierte den Kaffee und den Kuchen.

„Ich hatte an den Wannsee gedacht, bei dem fantastischen Wetter.“

„Eine gute Wahl. Wäre es vermessen sie zu fragen, ob ich sie begleiten darf?“

Tom nippte an seinem Kaffee, ohne den Blick von mir abzuwenden. Ich errötete wieder. Sannes dramatischer Abgang hatte mir einen Gentleman beschert.

„Das würde mich sehr freuen.“

„Ich verspreche ihnen, sie werden es nicht bereuen.“

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Irokesenschnitt, Gärtner, Verträge, Papierkram, Klettere aus dem Fenster, Zigarette, Nähstube, Feuer und Wasser

Die Idee für den Text entstand aus einem Schreibkurs, in dem wir eine Wortsammlung aus Tagesassoziationen aufschrieben und die Mitschreiber aus der Sammlung jeweils 8 Wort aussuchten. Aus diesen entstand der folgende Text:

              Die Firma

„Unterschreiben sie bitte beide Verträge.“

Der Mann aus der Personalabteilung klang mehr als gelangweilt. Dieses ganze Theater wegen ein paar Stunden Arbeit. Aber man (die Firma) wollte sich absichern. Immerhin waren Feuer und Wasser zwei gefährliche Elemente und sie zu bekämpfen konnte in der ein oder anderen Situation lebensgefährlich sein.

Er schob mir einen Stapel Papierkram über den gigantischen Schreibtisch und sah mich mit gleichgültigem Blick über seine Goldrandbrille hinweg an. Ihn würde es vermutlich nicht mal in Bewegung bringen, wenn ich vor ihm in Flammen aufginge. Ich war versucht den Mann auf die Probe zu stellen, aber für den ersten Tag in der Firma schien mir das nicht angebracht. Ich war jung, ich brauchte das Geld. Also unterschrieb ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Noch bevor das I-Tüpfelchen über meinem Namen getrocknet war, drückte er auf den roten Knopf an seiner Telefonanlage und sagte:

„Molly schicken sie doch bitte den Gärtner.“

Ich vermied es, ihn fragend anzusehen. Gärtner? Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte, flog die Tür auf, ein junger Mann mit einem auffallenden Irokesenschnitt, im Arbeitsoverall, erschien im Türrahmen und grinste breit:

„Na, Kleine, alles locker“, sagte er mit einer angenehm tiefen Stimme, die ich nicht erwartete, „ich habe gehört, ich soll dich rumführen.“

Der Personalmensch nickte stumm und wandte sich wieder seinem Aktenstapel zu. Offensichtlich war ich entlassen, erhob mich und sah den Iro-Gärtner erwartungsvoll an.

„Also dann… .“

„Ladys first!“, sagte er und machte eine ausladende Geste, „da geht’s lang.“

Ich verkniff mir zu sagen, ich sehr genau wüsste, wo`s lang ginge. Das würde er sicher früh genug erfahren. Etwas Restgeheimnis konnte nicht schaden. Die Tür zu dem drögen Bürohengst fiel hinter uns ins Schloss. Ich entspannte mich. Der Iroman schleuste mich durch endlose Gänge, Treppenhäuser hinauf und hinunter. Wir passierten eine Nähstube mit schnatternden jungen Mädchen und landeten endlich im Freien. Ich war total perplex. Wir befanden uns hoch über dem Firmenkomplex auf einer Dachterrasse. Sie glich einem Urwald. Mit Gewächshäusern, einem Teich, Bäumen und Blumenbeeten.

„Sorry“, sagte Iroman, „aber ich muss kurz eine rauchen. Meine erste Pause heute.“

Ich verkniff mir ein Schmunzeln. Er schien es mit der Arbeit nicht so genau zu nehmen. Immerhin war es erst neun Uhr früh. In meiner alten Firma hätten sie mich dafür von der Dachrinne geschubst.

„Schon gut. Alles easy!“, sagte ich lässig.

Ich trat an den Rand der Terrasse und genoss den Blick über die weite Landschaft. Die Firma lag in der Mitte eines weitläufigen Tals. Rundum waren nur Wiesen, Äcker und Wald zu sehen. An einigen Hängen hatte man Weinberge angelegt.

„Gefällt es dir?“, fragte der Gärtner.

Ich nickte wortlos. Dies würde definitiv mein Lieblingsplatz werden. Um ein Stück des Himmels zu sehen, musste ich hier nicht, wie in der Klitsche, in der ich vorher gearbeitet hatte, aus dem Fenster klettern, mich an stinkenden Mülltonnen vorbei quetschen und über schlafende oder tote Obdachlose hinweg steigen. Ich hatte das Gefühl mir wären in diesem Moment Flügel gewachsen. Der Iroman zog an seiner Zigarette, blies den Rauch genüsslich aus. Ich wusste, dass er nicht die Landschaft, sondern mich ansah.

„Sieh mich nicht so an!“, sagte ich strenger, als beabsichtigt.

„Warum nicht? Wie kommt ein nettes Mädchen, wie du, in so einen abgefahrenen Laden, wie diesen?“

Ich zuckte mit den Schultern und schwieg.

„Du musst nicht reden, wirklich.“

„Aber wissen willst du es gerne, oder?“

Der Iroman lachte und es klang angenehm.

„Ich fürchte nur, dass du es lieber nicht so genau wissen willst. Ist`ne lange traurige Geschichte.“

„Oh, dass macht gar nichts. Ich habe Zeit.“

„Musst du denn nicht weiter arbeiten?“

Ich sah ihn das erste Mal direkt an und stellte fest, dass er interessante grüngoldene Augen hatte, mit denen er mich aufmerksam musterte.

„Wenn du erst mal in diesem Laden arbeitest, hat Zeit keine Bedeutung mehr, glaub mir“, sein ironischer Unterton war nicht zu überhören.

Er setzte sich auf eine kunstvoll verzierte Holzbank, die von einem üppigen Rosenbogen überspannt wurde, und streckte seine langen Beine aus. Irgendwie war er hier total fehl am Platz, wie eine Kuh am Nordpol, aber vermutlich war das Ganze sein Werk – immerhin war er der Gärtner. Ich hatte das Gefühl ihm zu widersprechen würde nichts nützen, also stellte ich meinen Rucksack ab und setzte mich neben ihn.

„Ich höre!“, sagte er und sah mich erwartungsvoll an.

Ich zögerte einen Moment. Wie fängt man eine Geschichte, wie meine an? Mit es war einmal? Vermutlich würde er mich für verrückt erklären – aber da es der Wahrheit entsprach, entschloss ich mich dabei zu bleiben. Wenn man lügt, sollte man sich schließlich immer so dicht wie möglich an die Tatsachen halten.

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