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Posts Tagged ‘Glut’

– Was hat sich Großvater nur dabei gedacht! Was habe ich mir dabei gedacht! Und dabei habe ich mir vorgenommen ganz ruhig und gefasst zu bleiben. Ich hätte auf John hören sollen, er hat mich gewarnt. – Mit energischen Schritten umrundet sie den großen Brunnen vor dem Haus. – Ich sollte nach Hause fahren. Aber das wäre ein Triumph. Gil würde sich ins Fäustchen lachen, dass er die lästige Erbin losgeworden ist. Ich muss mehr wissen. – Rosalie hält kurz inne, atmet tief durch. – Ich werde meine allwissende Quelle anzapfen müssen. – Kurz darauf sitzt sie bei Misses Morse in der Küche, genießt ein Stück frisch gebackenen Kuchen und eine Tasse Tee.

***

Rosalie liegt im Bett, in spitzenbesetzten Kissen und Decken und betrachtet den reich bestickten Baldachin über sich. Sie hat den Verdacht, das Bett gehörte schon zur ersten Möblierung des Hauses und obwohl sie in ihrem eigenen Heim den modernen Stil bevorzugt, übt das altmodische Ambiente einen besonderen Reiz auf sie aus.

Ihre Gedanken kreisen um die beiden Besitzer des Anwesens. Lady Edna, die in selbstgewählter Begrenzung aus Konvention und Arroganz wie ein zurückgebliebenes Kind wirkte, nicht im Stande einfachste Zusammenhänge zu verstehen. Während Gil sich durch die Traditionen an das Haus und das Erbe ketten ließ, alles genau beobachtete, sich auf der Suche nach einem Ausweg im Kreis drehte und eine Mauer aus eisiger Ablehnung aufbaute.

Rosalie schlägt die Decke zurück, schlüpft in Pantoffeln und Morgenrock und verlässt ihr Zimmer. Sie könnte Mister Smith aus dem Bett klingeln und ihn bitten ihr einen Tee zu bringen, doch sie will seine Abneigung gegen ihre Person nicht verstärken. Den Weg in die Küche findet sie ohne nachzudenken.

***

Durch den nachglühenden Herd herrscht in der Küche noch eine angenehme Temperatur. Rosalie legt einen Holzscheit nach und ragt mit dem Schürhaken mehr Glut um das Holz. Sie rückt den Wasserkessel über die Feuerstelle. Er ist noch zur Hälfte gefüllt und lauwarm. Rosalie nimmt eine kleine Teekanne vom Regal, füllt eine Handvoll Pfefferminzblätter ein und zieht sich einen Stuhl vor den Herd. Das trockene Holz knistert hinter der Ofentür und verströmt einen harzigen Geruch. Rosalie genießt die Stille und die behagliche Atmosphäre.

Ihre Gedanken kehren zum Nachmittag zurück, als sie Misses Morse in der Küche aufsuchte, um ihr ein paar Auskünfte bezüglich ihres Großvaters, Lady Ednas und des Familienschmucks zu entlocken.
Misses Morse genoss die Aufmerksamkeit der schönen Miss Rosalie und ließ sich nur zu gerne herab, ihr interessante Einzelheiten über ihre Ahnen anzuvertrauen. Immerhin, so sagte sie sich, war die Miss die Enkelin seiner Lordschaft und es wäre sträfliche Nachlässigkeit gewesen, ihr die Bedeutung ihres Großvaters vorzuenthalten.

Rosalie versucht sich einen Reim auf Misses Morse Mitteilungen und die merkwürdige Dynamik in dieser Familie zu machen. Nach der Testamentseröffnung hatte sie nicht vorgehabt am Dinner teilzunehmen, bis Anthony sie bei Misses Morse in der Küche aufspürte und sie mit Engelszungen davon überzeugte nicht klein beizugeben.

Sie machte aus der Not eine Tugend. Ein Erbe ihrer Eltern. Rosalie zog eines ihrer schönsten Kleider an, steckte ihr Haar zu einer eleganten Frisur auf und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Kannst du deine Feinde nicht schlagen, gewinn sie für dich, beherzigte sie die Maxime ihres Vaters. Bis dahin war es ihr meistens gelungen, Neider oder Kritiker für sich zu gewinnen, aber was Lady Edna und Gil betraf war sie alles andere als sicher.

Erleichtert stellte Rosalie fest, dass sie nicht der einzige Gast war. Lady Edna thronte wie eine bösartige Krähe in schwarzer Witwentracht und streng frisiertem Haar an einem Ende der Tafel. Neben ihr saß Pater Markus dessen geistiger Beistand, gegen diese schreckliche Frau, seine Anwesenheit verlangte. Anthony flüsterte ihr in einem unbeobachteten Moment zu, dass der Pater Lady Ednas Beichtvater war. Die alte Dame beobachte die junge Frau mit Argusaugen. Zu ihrem Überdruss konnte sie keine Regelverstöße gegen die Etikette feststellen. Die fixe Idee Rosalie bei einem Faux Pas zu erwischen und bloßzustellen, schlug fehl.

Des weiteren bereicherte eine adelige Familie aus der Nachbarschaft das Dinner. Rosalie verdächtigte Lady Edna Gil verkuppeln zu wollen. Die drei Töchter im heiratsfähigen Alter konnten ihre Augen nicht von Gil und Anthony abwenden. Es kostete Rosalie Mühe das alberne Kichern der jungen Damen nicht mit sarkastischen Worten zu kommentieren.

Victor, der schneidige Bruder der drei Mädchen entschädigte Rosalie mit einem interessanten Gespräch über eine Reise nach Ägypten, von der er gerade ein paar Tage zuvor zurückgekehrt war. Er schien Gefallen an ihr zu finden und wich ihr den ganzen Abend keinen Schritt von der Seite.

Rosalie war so beschäftigt, beschäftigt zu sein, dass sie nicht bemerkte, das sowohl Gil, als auch Anthony ihren Gesprächspartner mit Argusaugen beobachteten. Je mehr sie sich in die Unterhaltung mit Robert vertiefte, je weiter sank die Stimmung bei den beiden Herren, die parallel die Laune der flirtenden Mädchen herabsetzte.

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Der letzte glückliche Sommer

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit … die leuchtenden Sonnentage über einem sanften Meer, ließ in uns die Illusion entstehen, dass es immer so weitergehen und kein Ende nehmen würde. Doch in einer Nacht änderte sich alles. An dem Abend, der dieser schicksalhaften Nacht vorausging, ahnte keiner meiner Freunde, wie schrecklich es tatsächlich werden würde.

Ich erinnere mich, wie wir dem leisen Plätschern der Wellen lauschten, das sich mit dem Knistern des Lagerfeuers vermischte. Wir träumten vor uns hin. Ab und zu fielen kurze Bemerkungen, die keine besondere Bedeutung hatten. Plötzlich strich eine kühle Brise über den sonst menschenleeren Strand und die fast erloschene Glut flammte erneut auf.

Noch heute höre ich Toms raue unheilschwangere Stimme, als er sagte:

„Leute, etwas Schlimmes wird geschehen. Ich spüre es in meinen Knochen.“

Damit meinte er sein linkes Schienbein, das er sich als kleiner Junge gebrochen hatte und das ihn bei Wetterwechsel schmerzte.

Jay schüttelte den Kopf, verdrehte genervt die Augen gen Himmel und blies den Rauch seiner Zigarette in die wieder windstille Abendluft.

„Du immer mit deinen Vorahnungen. Nichts wird geschehen. Du wirst sehen“, knurrte er.

„Genau“, stimmte Sally zu, „du bist ein Schwarzseher.“

„Und du ein Schwarzfuß“, neckte Tom sie.

Worauf Sally eine leere Zigarettenschachtel nach ihm warf.

„Da passt ihr ja hervorragend zusammen“, stellte Andrew lapidar fest.

Mary stimmte Andrew zu. Die beiden waren seit Beginn des Sommers ein Paar und Mary teilte seine Auffassung im Grunde immer, wenn es um andere ging. Solange er ihrer Meinung war, wenn es um sie ging.

Ich sagte nichts, wollte nicht abergläubisch erscheinen, wusste aber, dass Tom schon einige Male recht behalten hatte, was seine Voraussagen betraf. Ich sah zu David hinüber. Er schlug die Augen auf, lächelte mir kurz zu, dann lehnte er sich wieder entspannt zurück. Solange David ruhig blieb, gab es keinen Grund besorgt zu sein. Er war der Älteste unserer Gruppe und jeder akzeptierte seine Ansichten als maßgebend.

Ich verliebte mich auf Anhieb in David. Natürlich. David war groß, sportlich, hatte dunkle Haare und die verführerischten Katzenaugen, die sich ein Mädchen vorstellen kann. Leider war ich nicht die Einzige, die seinem Charme verfiel. Jedes Mädchen im Umkreis von zwei Meilen schwärmte von ihm. Ich war sehr schüchtern und rechnete mir keine großen Chancen bei ihm aus, umso mehr erstaunte es mich, als er sich auf dem Heimweg vom Strand zu mir gesellte und nach meiner Hand griff. Ich war selig und völlig abgelenkt von dem Geschehen vor uns. Als die Gruppe den Leuchtturm passierte, blieb David stehen.

„Komm“, sagte er, „ich will mit dir allein sein.“

Mein Herz raste und ich brachte kein Wort heraus. Ich nickte nur und folgte ihm. David zog mich zum Eingang des Leuchtturms. Er drückte die Türklinke herunter und schob die schwere Eisentür auf. Wir drängten uns durch den schmalen Spalt in das finstere Innere des Turms. David legte die Arme um meine Taille und ich schlang meine Arme unbeholfen um seinen Hals. Ich hörte das Lächeln in seiner Stimme, als er sagte:

„Das hast du noch nicht oft getan?“

„Nein“, flüsterte ich und verwünschte meine schwachen Nerven. David denkt bestimmt, ich bin ein „Fräulein-Rühr-mich-nicht-an“, ging es mir durch den Kopf.

„Macht nichts. Ich weiß genug für uns beide.“

Das glaubte ich ihm aufs Wort, schluckte die Bemerkung aber hinunter. Ich wünschte mir, dass David mich wollte und mir beibrachte, wovon ich bis jetzt mehr oder weniger nur gelesen hatte. Ich streckte mich ihm entgegen, als er sich zu mir herunterbeugte und mich aufreizend und fordernd küsste.

„Hat dich schon einmal ein Junge geküsst?“, fragte er.

„Ein Junge schon, aber kein Mann, wie du“, antwortete ich atemlos.

„Das Gefühl habe ich auch“, stellte er triumphierend fest.

David presste mich mit seinem muskulösen Körper gegen die Wand. Die Kälte der Mauer an meinem Rücken und seine offenkundige Erektion an meinem Bauch verursachten mir eine Gänsehaut.

„Dann sollten wir es gleich noch mal versuchen“, flüsterte er an meinem Ohr.

Sein warmer Atem löste einen neuen Schauer in mir aus und ich schmiegte mich willig an ihn. Gerade als Davids Mund sich wieder meinen Lippen näherte, hämmerte jemand gegen die metallene Tür des Leuchtturms.

„David! Bist du da drin! David!“

Es war Tom. Er schrie verzweifelt immer wieder Davids Namen. David ließ mich los und versuchte die Tür aufzureißen. Sie bewegte sich keinen Zentimeter.

„Das ist nicht möglich“, keuchte David, „sie muss aufgehen.“

Sie öffnete sich nicht, so sehr er sich mühte. Draußen schrie Tom wie von Sinnen. Drinnen kämpfte David mit der Tür. Er schrie und schlug mit den Fäusten gegen das unnachgiebige Metall. Seine Knöchel bluteten, hinterließen eine dunkelrote Spur auf dem Türblatt. Ich stand nur da, wusste nicht, wie ich hätte helfen können. Der Schrecken lähmte mich.

Jäh verstummte Tom. David hielt inne. Wir lauschten. Die schlagartige Stille war unerträglich. Ein leises Geräusch ließ uns zusammenzucken. Der Riegel des Schlosses löste sich. Die Tür sprang auf. Ich griff nach Davids Hand. Sein warmer fester Händedruck gab mir etwas Sicherheit.
Vorsichtig traten wir ins Freie und fanden uns in einem Albtraum gefangen. Unsere Freunde waren tot. Ihre Körper zerrissen und verstümmel, als wären sie von einem Rudel wilder Tiere attackiert worden. Übelkeit stieg mir in die Kehle. Ich drehte mich weg. Mein Inneres kehrte sich nach außen.

***

Dieser Sommer liegt inzwischen fünf Jahre zurück. Niemand fand heraus, wer unsere Freunde tötete und warum wir überlebten. David reiste noch vor der Beerdigung ab. Vermutlich fühlte er sich schuldig, weil es ihm nicht möglich gewesen war, Tom zu helfen. Aber wie hätten wir das tun können? Die Tür war fest verschlossen.

Seitdem gingen David und ich getrennte Wege. Doch dieses Ereignis hat uns nicht losgelassen. Jeder versuchte auf seine Weise damit fertig zu werden. Ich habe Davids berufliche Laufbahn verfolgt. Er ist ein ausgezeichneter Forensiker geworden und klärt außergewöhnliche Verbrechen auf. Während ich meinen Master in Geschichte und Mythologie gemacht habe. Ich bin die beste meines Fachgebietes.

Das muss ich sein, denn anders als David, glaube ich nicht, dass ein menschlicher Serienkiller unsere Freunde auf dem Gewissen hat und endlich habe ich einen Anhaltspunkt gefunden, der mich der Lösung des Rätsels näher bringen könnte.

Ich bin gespannt, was David dazu sagt. Heute treffe ich ihn das erste Mal, nach diesem schicksalsträchtigen Tag, wieder. Ich rief ihn an und erzählte ihm, dass ich neue Erkenntnisse habe. David lachte mich aus und wollte nicht kommen, als ich ihn bat mir eine Chance zu geben. Zwei Tage später hatte er sich anders überlegt.

In zwei Minuten kommt David mit dem Zug um 12:34 Uhr an. Zig Fragen donnern durch meinen Kopf. Wie sieht er wohl aus? Hat er sich verändert? Was erwartet er von mir? Soll ich ihn umarmen? Oder lieber nicht? Wird er mir helfen oder reist er mit dem nächsten Zug wieder ab?

„Vorsicht an der Bahnsteigkante“, schnarrt die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher, „der Zug aus London läuft ein.“

 

Der Anfangssatz und die Worte, die ich mir im Generator erspielt habe, sind:

Dieser Sommer schien für die Ewigkeit…

Königin, Leuchtturm, Erfolg, Leistung, necken, gebogen, Zug, umleiten, schmal, Beerdigung, akzeptieren

Leider konnte ich noch nicht alle Wort in diesen Teil des Textes einbauen. Aber da die Aufgabe „zwischen 6 Zeilen und zwei Seiten“ lautet, habe ich nach vier Seiten ein vorläufiges Ende gesetzt. Aber es interessiert mich schon sehr, was für einen Anhaltspunkt sie gefunden hat …. 😉

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Es gibt diese Tage, da dreht sich alles um sich selbst. Regenverhangen der Himmel, tränenverhangen mein Herz. Warum das alles? Warum das Leid, der Schmerz?

Wir alle sind auf der Suche nach Liebe, einem Zuhause. Und doch, nichts bleibt. Nur eine Drehung nach rechts oder links kann unser Leben aus dem Gleichgewicht bringen. Die Diagnose eines Arztes, die Entscheidung eines geliebten Menschen, eine Firmenpleite – und nichts ist mehr, wie es war, es hätte sein können. Alle Pläne sind dahin.

Die Stimme in deinem Kopf schreit immer wieder: „Steh auf! Steh auf!“ Aber dein Körper rührt sich nicht vom Fleck. Kein Gedanke lässt sich fassen. Sie rasen dahin, wie ein Sturm und wirbeln alles durcheinander. Und alles, was du dir wünscht, ist eine Hand, die deine hält und Stille in dem Brüllen deines Gedankentornados.

Wo du auch bist – in Gedanken reiche ich dir meine Hand. Schicke dir einen Funken Hoffnung, der deine Glut entfacht und dein Herz erwärmt. Der Sturm geht vorüber. Narben mögen bleiben, aber wir leben noch. Am Ende hat nichts Bedeutung, nur die Liebe.

Die Musik zu dem Text ist aus der Serie: Parade`s End (Ford Madox Ford), Main Titles, Komponist Dirk Bosse

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