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Posts Tagged ‘Groll’

Schreibe einen Brief an einen fiktiven Charakter.

Lieber Ishmael,

wenn ich das Meer sehe, denke ich an dich. Ich sitze im feinen weißen Sand, schaue den Wellen zu, die ans Ufer rollen und den Segelschiffen, die in der Westerschelde mit einander wetteifern. Ab und zu kreuzt ein Containerschiff die Fahrrinne und entfernt sich gemächlich, bis es hinter der Horizontlinie verschwunden ist.

Ich liebe es dort zu sitzen und dem ewigen Rauschen des Meeres zu lauschen, unter einem hellblauen Himmel. Mein Herz schlägt höher und mein größter Wunsch ist es, nie wieder gehen zu müssen. Jeden Morgen über den Deich zu steigen und es wiederzusehen. Mein Meer. Meine Sehnsucht. Ich weiß, sie wird nie gestillt – denn ich muss wieder gehen. Fort, dorthin wo Berge meinen Blick einschränken, das Grau des Alltags mich einholt und mit festem Griff packt.

Das war bestimmt nicht dein Problem, als du mit Kaptän Ahab unterwegs warst und in seinen Hass auf den weißen Wal verwickelt wurdest. Du suchtest ein Abenteuer, eine weiße Insel mit Palmen, exotischen Schönheiten und jungen Frauen mit bronzefarbener Haut, die dich in Fantasien entführten, die du dir niemals hättest träumen lassen.

Nie hättest du gedacht, welchen Schrecken du ausgesetzt sein könntest. Der brüllende Ozean, der alles frisst, was wagemutig genug ist, ihm zu trotzen. Einem riesigen Meerungeheuer, dass kaum so furchtbar sein konnte, wie der Mann, der seine Manschaft wohlbehalten zurück in den Heimathafen bringen sollte. Du sahst deine Kameraden streben, erlebtest den Wahnsinn des Hasses an deiner eigenen unschuldigen Seele. Du musst unter einem Glückstern geboren sein, dass du diese schreckliche Katastrophe überlebt hast und davon erzählen konntest.

Wir, deine atemlosen Zuhörer wissen, dass die Geschichte eine Allegorie ist, aus der wir lernen könnten. Den Groll loslassen und vergeben, sich nicht vom Hass verzehren lassen. Doch wie wir Menschen sind, nicken wir heute betroffen mit dem Kopf, und haben es morgen vergessen.

Ich sitze im warmen Sand. Meine Zehen boren sich in die feinen Körnchen. Es riecht nach Salz, Sonne und der besonderen Essenz, die dem Meer eigen ist. Ich schaue den Möwen zu, die in der warmen Brise über dem Meer schaukeln und meine Haut streichelt.

Ich stelle mir vor, du sitzt neben mir. Wir reden nicht. Du verstehst mich und ich verstehe dich. Auf die eine oder andere Weise hat uns das Leben Narben zu gefügt. Sie heilen. Manchmal schnell, manchmal nie. Und doch bestehen wir in diesem brüllenden Ozean, der unser Leben ist. Du nimmst meine Hand in deine, küsst mich auf die Wange. Alles wird gut, sagts du. Ich glaube dir. Du hast überlebt, also muss es so sein.

Ich bleibe noch ein bisschen sitzen, genieße diese kostbaren Momente, die nicht wiederkehren, schau dir nach, wie du mit der Brise entschwindest. Du hast ein Stück meines Herzens mitgenommen und mir dafür ein Stück deines Herzens dagelassen.

Ich danke dir, für deine Zuversicht und deinen Mut

C.

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Personen: Kupplerin, glücklicher Jüngling, Adelaide, Richter

Ort:     Siena, 1687

An einem lauen Sommerabend im Juli. Der glücklich verliebte Jüngling Tertulio streift durch den Garten seiner Liebsten Adelaide und hofft ihr jungfräuliches Antlitz zu erblicken. Doch auch die geldgierige Kupplerin Marte und der Vater von Adelaide, ein angesehener Richter, sind in dieser Abendstunde unterwegs.

Richter: Marte! Marte!

Alles bleibt still. ER geht weiter in den Garten.

Richter: Marte! Marte!

Marte:   Ja Herr, hier bin ich!

Richter: Habt ihr, was ich verlangte?

Marte:   Ja, Herr, hier sind die Dokumente.

Marte reicht dem Richter einen Lederbeutel.

Richter: Gut, hier ist euer Lohn!

Der Richter überreicht der Kupplerin einen klirrenden Beutel mit Münzen.

Marte:   Danke, Herr. Und wie soll es weiter gehen?

Richter: Sucht einen reichen adligen Freier. Adelaide wird

Sich damit abfinden müssen. In dieser Sache verstehe ich keinen Spaß. Dieser junge Schnösel Tertulio wird sie niemals bekommen.

Marte:   Ist es wegen seines Vaters?

Richter: Warum fragt ihr? Ihr wisst es! Alle Welt weiß es.

Dieser gemeine Mensch hat mich zum Gespött aller

gemacht und jetzt ist meine Zeit gekommen. Ich

werde mich rächen und meine Ehre wieder herstellen.

Marte:    Ihr seid ein listiger Fuchs mein Herr, es wird euch gelingen einen Sieg über euren Feind zu erringen.

Richter:  Ihr habt meine Weisung! Nun geht und führt euren Auftrag aus!

Marte tritt ab und der Richter geht ins Haus.

Tertulio, der alles belauschte, kommt aus seinem Versteck

und ist verzweifelt. Er eilt zum Fenster seiner Geliebten

und klettert an einer Efeupflanze zu ihrem Balkon. Adelaide

erwartet ihn schon und ist freudig erregt.

Adelaide: Oh, mein liebster Tertulio, endlich bist du bei mir! Wie sehr habe ich dich herbeigesehnt, du Rose im Liebesfrühling meines Herzens.

Tertulio ergreift ihre zarte Hand und überschüttet sie mit

Liebkosungen.

Tertulio: Oh, meine Liebste, wie begehrte ich es dich zu sehen, mich dem Vergnügen hinzugeben dich zu küssen und zu kosen.

Adelaide: Ach, mein Herz, du weißt, ich bin ganz dein! Nur lass uns Moral und Anstand waren.

Tertulio: Moral! Anstand! Welch hehre Worte! Verstecken sie sich doch hinter geheuchelter Biederkeit und sucht uns zu Fall zu bringen.

Adelaide: Du sprichst in Rätseln, mein Liebster!? Was ist dir? Dein Antlitz ist so weiß, als wie der Tod.

Tertulio: Mir ist als sei ich schon in den Fängen des Sensenmannes. Verrat wird gerade gegen unsere Liebe geschmiedet.

Adelaide: Was sagst du da?

Tertulio: Ich habe es mit eigenen Ohren vernommen. Ich ging im Garten einher und genoss die Wollust dieses duftenden Abends, die Pracht der Blüten und die Strahlen des verscheidenden Sonnenwagens. Als ich deinen Vater und Marte, diese alte gierige Vettel, belauschte.

Adelaide: Das kann nicht sein! Oh, weh, ich fürchte eine Ohnmacht nahen.

Tertulio: Bitte nicht Geliebte, hört was ich zu sagen habe. Euer Vater hegt einen harten Groll gegen meinen Vater und will sich rächen, in dem er euch an einen reichen Herrn verheiraten will, und ich soll leer ausgehen.

Adelaide: Welch bösen Scherz hat sich das Schicksal mit uns erlaubt, Mutter Maria hilf uns, ich flehe zu dir. Sollte ich euch nicht ehelichen, ich nehm die Tracht und weihe mich der Heiligen.

Tertulio: Sprecht nicht so, ich bitt euch. Bei meiner Liebe zu euch schwört mir, dass ihr nichts Unbedachtes tut. Ich muss nun scheiden, um Rettung für uns zu schaffen. Morgen werde ich zur selben Stunde erscheinen. Haltet euch bereit und verzagt nicht!

Adelaide: Ich werde euch erwarten, mein Liebster. Gebt acht auf eure Schritte.

Tertulio: So scheide ich und hoffe auf einen guten Stern, der uns behütet.

Tertulio küsst die Hände seiner Liebsten, schwingt sich

eilends über den Balkon und entschwindet im Dunkel des

Gartens.

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