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Posts Tagged ‘Großvater’

Die Feenburg

Sia stand vor der Burgmauer und starrte hinauf. Das also ist der Eingang, dachte sie und seufzte, Großvater hat vergessen zu erwähnen, wie schwierig es wird hinein zu gelangen. Einige abenteuerlustige junge Männer ihres Dorfes hatten es schon versucht und waren kläglich gescheitert.

In der sagenumwobenen Feenburg gab es einen Brunnen mit heilendem Wasser, wenn Sia den Geschichten glauben schenkte, die die Alten in kalten Winternächten am Feuer erzählten. Es war der letzte Strohhalm, an den sie sich klammerte, nachdem die Ärzte ihren geliebten Großvater aufgegeben hatten. Niemand wusste, woran er litt. Die geheimnisvolle Krankheit ereilte ihn von heute auf morgen und ließ ihn in unfassbarer Geschwindigkeit verfallen.

Ich habe keine Zeit, dachte Sia, ich muss hinaufklettern. Egal, was es kostet. Sie streifte die Lederhandschuhe über, ergriff die Efeuranken und setzte den ersten Fuß in das Gestrüpp.
„Denk an Großvater!“, sagte sie leise vor sich hin, „er muss gesund werden.“

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Die wuchtigen Eichenmöbel, dunkelgrüne Brokatstoffe, mit passender Seidentapete bespannte Wände und eine, in Jahrhunderten geschwärzte, Holzdecke, in Lady Ednas Zimmer vermitteln Rosalie und Nathan den Eindruck einen Sprung durch die Zeit, in ein weit zurückliegendes Jahrhundert, gemacht zu haben. Auf dem Toilettentisch, mit dem goldgerahmten Spiegel, liegen korrekt aufgereiht Bürsten, Kämme, Handspiegel, diverse Cremetiegel aller Größen und kristallene Flakons mit Duftwässern. Nur die Haarnadeln und Bänder in der zarten Porzellanschale mit Veilchenmotiv bilden eine chaotische Masse.

Nichts in Lady Ednas Zimmer deutet auf die Annehmlichkeiten des in den Jugendjahren steckenden zwanzigsten Jahrhunderts hin. Bis auf den Safe.

„Da ist ja das gute Stück.“

Nathan geht vor dem kniehohen Würfel aus Stahl in die Hocke. Die Tür mit dem Zahlenschloss steht offen. Eine der beiden massiven Schubladen wurde herausgerissen.

„Wie sie sehen, ist der größte Teil des Schmucks noch da. Auch die Schachtel in der Lady Edna die Familienjuwelen der de Clares aufbewahrte. Nur das Collier fehlt. Sagt Gil.“

Nathan wirft einen Blick in die unversehrte Schublade. Er stößt einen Pfiff aus.

„Aufs Geld scheint es der Dieb jedenfalls nicht abgesehen zu haben. Der Wert der Goldmünzen ist immens!“

Auf der flachen Hand hält er Rosalie eine Münze entgegen. Sie nickt anerkennend und nimmt die Münzen mit Daumen und Zeigefinger auf, weil sie annimmt der Inspektor erwartet diesen Akt des Interesses von ihr. Dabei berührt sie mit den Fingerspitzen Nathans Handfläche. Für den Bruchteil einer Sekunde prallen ihre Blicke aufeinander. Rosalies Herz macht einen zusätzlichen Schlag. Die Münze gleitet zurück in seine Hand. Nathan legt die Münze zurück. Er hebt die durchwühlte Schmucklade hoch und stellt sie auf einen zierlichen Tisch vor dem Fenster.

„Was hat es denn mit dem Collier auf sich?“, fragt er und blickt Rosalie streng an, „hat Gil auch dazu eine Meinung.“

Zuerst ist sie erstaunt, dann lacht sie hell auf. Nathan huscht ein Lächeln über die Lippen.

„Nein, hat er nicht. Aber Anthony hat mir von den sagenumwobenen de Clare Juwelen erzählt. An dem Collier hängt einer der ungewöhnlichsten Rubine, die je zu einem Schmuckstück verarbeitet wurden. Wenn man den Familienlegenden Glauben schenkt darf, ist er Schlüssel zu einem riesigen Schatz, der unter dem Schloss versteckt liegen soll.“

Nathan hat den zum Collier passenden Ring aus seinem Samtbett gezogen und hält ihn in die Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch die Wolken in Lady Ednas Zimmer gebahnt haben. Der Rubin leuchtet in einem tiefroten Feuer.

„Mein Erbteil“, seufzt Rosalie, „scheint kein Glück zu bringen.“

Nathan fasst nach Rosalies linker Hand.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie abergläubig sind“, mit sanftem Druck schiebt er ihr den Rubin in der kunstvoll gestalteten Fassung auf den Ringfinger. „Passt wie angegossen.“

Das kühle Gold an ihrem Finger irritiert Rosalie. Der Ring bedeckt ein ganzes Fingerglied. Sein Gewicht lässt sich nicht ohne weiteres ausblenden. Sie spürt ihn bei jeder Bewegung ihrer Hand.

„Was für ein Stein. Wie groß ist erst der Rubin am Collier“, überlegt Rosalie und sieht den Inspektor fragend an.

„Das sollten wir Mister de Clare fragen.“ Nathan überreicht Rosalie die Schmuckschachtel. „Kommen sie. Ich finde das Ganze sehr mysteriös. Ehrlich gesagt“, er hält abrupt im Satz inne und hält Rosalie die Tür auf.

Als er nicht weiterspricht beendet sie den Satz für Nathan: „ehrlich gesagt, ist es wahrscheinlich, dass der Dieb einer von uns ist. Wer wüsste sonst von dem Schatz? Ein Einbrecher von außen, hätte den gesamten Schmuck mitgenommen und die Goldmünzen.“

Er zieht eine Augenbraue hoch, wirft ihr einen erstaunten Blick zu. So viel Ehrlichkeit hat er nicht erwartet. Es war nicht Nathans erster Fall in Adelskreisen. In London bearbeitete er viele Fälle in gesellschaftlich hochstehenden Familie. Für seinen Chef war er der richtige Mann für diese Leute, er kannte sich aus, konnte sich auf dem glattem Parkett der oberen Zehntausend bewegen und Nathan war diskret. Das brachte einen der hohen Herren auf die Idee, er sei deswegen bestechlich. Man hätte Nathan einiges bescheinigen können, Bestechlichkeit gehörte nicht dazu. Das brach das Genick seiner glänzenden Karriere und er wurde in die Provinz versetzt.

„Haben sie keine Angst, dass sie mich auf eine Spur bringen, die ein schlechtes Licht auf ihre Familie wirft, wenn sie sich als wahr erweist?“

Rosalie bleibt vor der Treppe stehen. Gil und Anthony sehen interessiert zu ihr empor. Sie dreht sich zu Nathan um und flüstert:

„Es ist mir egal. Ich schulde dieser Familie nichts. Ich, ich meine wir, sind ein Leben lang ohne sie zurecht gekommen. Der Grund, warum ich zu der Testamentseröffnung kam, war etwas über meinen Großvater zu erfahren. Bis jetzt wenig Schmeichelhaftes und ich glaube kaum, dass es besser wird. Im Übrigen bin ich ebenso verdächtig. Die Familienjuwelen sollte ich erst nach Lady Ednas Tod bekommen. Und das ist sie ja jetzt.“

Bevor sie einen Fuß auf die Treppe setzen kann, fast Nathan nach ihrer Hand und zieht sie ein Stück zurück, so dass sie aus dem Blickfeld der beiden anderen Männer verschwindet.

„Dann hätten sie den ganzen Schmuck genommen“, sagt Nathan leise. Er beugt sich weiter zu Rosalie. Sein warmer Atem streift ihre Wange. Er drückt sanft ihre Hand. Ein angenehmes Kribbeln läuft ihren Rücken hinauf. „Tun sie mir den Gefallen, passen sie auf sich auf.“ Nathan löst den Griff und schiebt ihr eine Karte mit einer Nummer in die Hand. „Sie können mich jederzeit erreichen.“

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Charakterbeschreibung (vorläufig) aus meinem Anfang des Rundenromans aus Tag 87:

Rowenna Anderson:

Tochter von Grant und Mary Anderson, die aus altem Adel stammt, aber leider schon verstorben ist. Rowenna ist 28 Jahre, ledig. Lebt in Oxford mit ihrem Vater in einem Häuschen.

Arbeitet als Assistentin ihres Vaters. Er ist Historiker und interessiert sich besonders für alte Häuser, in denen es angeblich spukt. Er schreibt über die Geschichten der Geistererscheinungen.

Rowenna ist 1, 65 groß, normale Figur, halblange glatte blonde Haare und blaugraue Augen. Sie hat einen Abschluss in Psychologie. Mit Männern hat sie bis jetzt durchsetzte Erfahrungen gemacht und beschlossen, vorerst keine neue Beziehung einzugehen.

Sie ist taff. Schon seit ihrer Kindheit lebt sie in alten Häusern und ist nicht leicht zu erschrecken. Rowenna ist praktisch veranlagt. Sie mag besonders die zwanziger Jahre und kleidet sich gerne so. Ihr verstorbener Großvater mütterlicherseits legte Wert darauf, dass sie reiten und schießen kann. Sie ist belesen. Rowenna hat einen Hund, Morris, einen Mischling etwa Pudelgröße, der sie überall hin begleitet. Ihre beste „Freundin“ ist ein Jugendfreund, mit dem sie zur Schule gegangen ist. Laurence Henson. Er ist Polizist.

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Die fünf wilden Worte: Kürbisblüte, Sauerstoffflasche, Kartoffelpulver, Flugzeugabsturz, Gardinenstange. Wer hat sich die bloss ausgedacht?

http://www.schooloftext.de/

„Der beinahe Flugzeugabsturz einer 747 über New York konnte durch einen mutigen Piloten und einen aufmerksamen Fluglotsen gerade noch verhindert werden…“ hörte ich die Radioansagerin, „und nun hören sie Robbie Williams mit „Candy“.

Das ist ja gerade nochmal gut gegangen. Aber ob das wirklich jemand interessiert? Die meisten hören doch nur richtig hin, wenn es ein Tote gab. Für einen einzigen Menschen hört niemand wirklich hin. Es sei denn, es ist eine spektakuläre Sache oder man ist betroffen.

Ich betrachtete die orangegelben Kürbisblüten. Sie waren noch zusammengerollt, wie Schmetterlinge, die sich aus ihren Kokons schälen, bevor sie die Flügel aufrollen und ausstrecken, um fort zu fliegen.

Es war das erste Mal, dass ich versuchte etwas in meinem Blumenkasten zu züchten. Meine Oma riet mir zu Kürbissen. „Die sind pflegeleicht, du musst sie nur etwas düngen, gießen und aufpassen, dass sie nicht in der Nässe stehen. Das wird schon.“ Und tatsächlich waren aus der handvoll Samen, die sie mir gab, eindrucksvolle Blätter gesprosst. Seit einigen Tagen trugen die Pflanzen Blüten.

Ich versuchte die Triebe mit Gardinenstangen im Zaum zu halten, aber die Triebe hatten sich schon selbstständig gemacht. Sie wuchsen über den Balkon, an einer Säule hinab zu dem Balkon meines Untermieters. Er war selten zu Hause und ich hoffte, dass es ihm nichts ausmachte, dass sich die ungewollte Hausbegrünung schon bis zu ihm hinunter getastet hatte. Mir fiel die fleischfressende Pflanze aus dem Musical „Der kleine Horrorladen“ ein. Was würden wohl meine Kürbisse fressen wollen, wenn ihnen der Dünger und das Wasser nicht mehr reichten? Konnte aus einer so zarten Blüte ein wildes Monster werden? Das Telefon riss mich aus meinen verdrehten Gedanken.

„Hallo Schätzchen“, säuselte meine Mutter, das sichere Anzeichen, dass sie etwas wollte.

„Hi Mom, was kann ich für dich tun?“

„Wie kommst du nur darauf, dass ich etwas von dir will? Ich werde mich ja noch nach deinem Befinden erkundigen dürfen“, sagte sie leicht pikiert und für einen Moment überlegte ich, ob ich ein schlechtes Gewissen haben sollte, weil ich so vorschnell dachte. Ihr folgender Satz enthob mich dieser Selbstkasteiung.

„Könntest du bitte die Sauerstoffflasche für Großvater aus dem Sanitätshaus abholen.“

„Wieso kann Ben das denn nicht erledigen? Kriegst du ihn nicht vom Sofa? Oder kriegt er sich nicht vom Sofa?“, fragte ich sarkastisch.

„Dein Bruder ist völlig fertig, dass solltest du doch auch verstehen können. Immerhin warst du auch schon mal arbeitslos.“

„Aber nicht drei Monate hintereinander! Und ich konnte während der Zeit noch sehr gut autofahren. Du erinnerst dich sicher daran?!“

Ich verdrehte die Augen und zog eine fiese Grimasse, die meine Mutter zum Glück nicht sehen konnte…dachte ich.

„Du solltest deine Augen nicht verdrehen, dass ist nicht sehr schwesterlich. Also, was ist?“

„Ja Mom, aber nur ausnahmsweise, weil ich noch was besorgen muss. Das nächste Mal ist Ben wieder dran.“

„Natürlich Schatz. Ach und wenn du schon mal in den Supermarkt fährst, bringst du bitte eine Tüte Kartoffelpulver für Ben mit? Danke! Bis später.“

Sie legte auf und ich wusste, dass Ben sich beim nächsten Mal genauso drücken würde. Unser Bennylein, unser Nesthäkchen, der Stammhalter. Am liebsten hätte ich ihn erwürgt. Wie konnte ein einzelner Mensch so faul sein? Klar, wenn Mama ihn dabei auch noch unterstützte! Die kleine Kröte ging immer hübsch den Weg des geringsten Widerstandes und wenn meine Schwester und ich es auch nur wagten, an seinem Image zu kratzen, kratzte Mom an uns. Eines Tages würde er sein Fett weg kriegen. 100 Prozent!

Also zog ich mich an und schnappte mir die Einkaufstasche. Ich musste noch Katzenfutter, Getränke und ein paar Lebensmittel kaufen. Kartoffelpulver für Ben. Ha! Vielleicht sollte ich ihm ein bisschen Abführmittel untermixen. Das würde seinen lahmen Hintern auf jeden Fall in Bewegung bringen. Wenn ich mir vorstellte, wie er es plötzlich kommen fühlte und es nicht mehr rechtzeitig schaffte. – Wie war das? Fett weg? Ich musste grinsen. Der Gedanke gefiel mir ausnehmend gut. Neben dem Sanitätshaus gab es eine Apotheke und die Mädels dort waren sehr freundlich und hilfsbereit. Die konnten mir sich ein gutes Präparat empfehlen…

 

 

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