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Posts Tagged ‘heiliges Feuer’

Ich schaue auf mein Notizbuch. Drei Sätze habe ich mir abgerungen. Die Worte sind zäh wie Sirup vom Löffel getropft. Sie haben ein unangenehmes Ziehen bei mir hinterlassen. Ich lese die Zeilen wieder und wieder. So süß und unecht. Seit Wochen hänge ich jetzt schon in diesem Loch und finde keinen Ausweg. Sprachlose Träume beunruhigen mich. Nichts ergibt einen Sinn. Ich brauche Hilfe. Wer hilft einer erfolglosen Schriftstellerin? Beim Schreiben ist man allein.  Ich seh mich, wie so viele vor mir, desillusioniert in einer verrauchten Kneipe, den Melodien des Pianisten lauschen und den Rest meines Lebens mit Alkohol betäuben.

Eine halbe Stunde später sitze ich in meinem Lieblingscafé und bestelle einen Milchkaffee. Ich betrachte die vorüberhastenden Menschen. Niemand schaut den anderen an. Blind und stumm. Bin ich verloren?

„Ist hier ein Platz frei?“

Ich sehe in zwei dunkle Augen.

„Ja, setzen sie sich.“

Ich nehme meine Tasche vom Stuhl. Der Mann setzt sich und schaut mich interessiert an.

„Sie sind traurig.“ Seine Stimme wirkt hypnotisch. „Ich möchte ihnen helfen.“

„Mir kann niemand helfen.“

„Sie dürfen nicht so schnell aufgeben. – Ich bin übrigens Aidan.“

Er lächelt. Mysteriös und faszinierend zugleich. Sein ebenmäßiges Gesicht lässt ihn alterslos erscheinen, aber seine geheimnisvollen Augen sind tief wie schottische Seen und so unergründlich.

„Ich heiße… .“

„Sandrine.“

„Woher wissen sie das?“

Aidan lacht.

„Ich weiß noch viel mehr. Ich kann sehen, was den Menschen fehlt. Ihnen fehlen die Worte.“

Ich kann nicht glauben, was ich höre.

„Ich möchte ihnen die Worte wieder geben, aber dazu müssen sie mir vertrauen. Ich weiß was sie suchen und wie sie es erreichen können.“

Seine Stimme ist sanft wie Seide und verursacht mir Gänsehaut.

„Ich kenne sie doch gar nicht.“

„Sie kennen mich. Aber sie können sich nicht an mich erinnern. Kommen sie heute Abend bei Mondaufgang in den Kirschgarten.“

Aidan erhebt sich und geht. Die Tür fällt hinter ihm zu und ich erwache aus einem Traum. Ich trinke meinen Kaffe und zahle. Während ich nach Hause gehe, versuche ich seine Stimme und seine Augen abzuschütteln. Es gelingt mir nicht. Immer wieder gehen mir seine Worte durch den Kopf. – Ihnen fehlen die Worte – das hätte jeder Scharlatan wissen können, versuche ich meine Zweifel zu verteidigen. Aber wenn er tatsächlich weiß, wie ich meine Sprache wieder finden kann?

Der Mond geht langsam auf. Riesig und orange. Die Nacht ist warm und Glühwürmchen durchschwirren den Kirschgarten am Sardansee. Ich spüre Aidans Anwesenheit. Seine Augen sind auf mich gerichtet. Auf der Lichtung, vor dem Keltenstein, steht eine dunkle Gestalt. Aidan.

„Hallo Sandrine.“

Seine Stimme ist ernst und feierlich. In diesem Moment spüre ich eine kalte Faust nach meinem Herzen greifen. Ich kenne den Grund. Ich muss weglaufen, aber meine Beine sind schwer und ich kann nicht zurück. Aidan zieht mich zu dem Findling.

„Es ist Zeit. Leg dich auf den Stein.“

Ich zögere.

„Was ist der Preis?“

„Was für ein Preis? Ich nehme kein Geld.“

Ich kann sein Lächeln hören.

„Alles hat seinen Preis. Gott und der Teufel nehmen die Seele. Was ist dein Preis?“

„Dein Herz.“

„Mein Herz?!“

„Dein Herz gegen deine Sprachlosigkeit.“

„Wie kann ich meine Sprache finden, ohne mein Herz.“

„Es wird in dir schlagen, aber es wird mir gehören. Du wirst erfahren, was Liebe ist.“

„Ich weiß, was Liebe ist“, antworte ich trotzig.

„Du hast nicht die leiseste Ahnung.“

Seine Stimme verwirbelt meine Gedanken.

„Gib mir dein Herz und du wirst nie wieder ohne Worte sein.“

Ich sehe Aidans Augen vor mir. Willenlos steige ich auf den Stein. Seine Worte sind wie die Zeilen eines Gedichts:

„Heiliges Feuer

Höre mich

Heile

Zerstöre

Läutere

Erneuere

Heiliges Feuer

Steig herauf

Nimm was dein

Gib was mein“

In diesem Moment schießt eine Flamme aus dem Stein und reißt mich von den Füßen. Meine Kleidung lodert lichterloh. Ich schreie vor Schmerz. Alles in mir glüht und brennt. Der Feuerwirbel schleudert mich auf und nieder. Ich schreie, aber kein Laut kommt über meine Lippen. Ich sehe in jeden Abgrund und erklimme die höchsten Berge. Ich fühle das Feuer und das Eis.

Alles in mir, an mir verändert sich. Es zerreißt mich in Millionen Stücke. Die Blockaden fallen wie Schlacken aus der Esse. Nichts Störendes bleibt zurück. Als ich wieder zu mir komme, schwebe ich in der Weite des Raumes. Über mir der Himmel. Ich bin riesengroß und gleichzeitig winzig. Tausende Worte erfüllen mich, als hätte jemand die Grenzen meines Verstandes gesprengt.

Ich sehe Aidan vor mir, nackt. Er legt seine Hand auf mein Herz und ein wilder Schmerz durchströmt mich. Ich erkenne ihn. Heiler und Zerstörer. Ich erkenne Liebe und Leid und ich bezahle den Preis. Mein Herz, das ihn lieben wird, bis in den Tod und das Leid, dass er mir zufügen wird. Seine Lippen legen sich auf meine, erspüren meinen ganzen Körper. Jeder Kuss ist wie ein Beben auf meiner Haut. In mir sammeln sich tausend Gedanken, weben sich Geschichten. Ich spüre ihn mit allen Sinnen, höre seinen Herzschlag, schmecke seine Haut, trinke seinen Atem und jedes Härchen seines Körpers legt eine Flamme aus Lust auf meine Haut. Als sich unsere Körper vereinigen, erzittert mein Innerstes und ein Schrei entringt sich meiner Kehle. Er erfüllt mich mit Liebe und doch spüre ich jetzt schon die Trauer, wenn er mich verlassen wird. Aidan legt sein Feuer in mich, bis die Nacht uns in die Morgendämmerung entlässt.

Als er mich vom Opferstein herunter hebt und in einen weichen Umhang hüllt, flüstert er mir leise ins Ohr:

„Erinnerst du nun, wo wir uns begegnet sind?“

„Ja, in meinen Träumen.“

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