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Posts Tagged ‘Hoffnungsschimmer’

Sacht entsteigt die Morgenröte
Den grauen Schatten der Dämmerung
Hingegossen über den wartenden Himmel
Den beginnenden Tag mit Schönheit bestäubend
Bevor das Hetzen und Jagen der Welt
Unser Herz beschweren kann
Ein Hoffnungsschimmer der unendlichen Zeit

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„Es war einmal“, beginne ich.

„Oh, ein Märchen?“

Raoul zieht erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Nein“, ich muss lachen, „aber es muss ja einen Anfang für die Geschichte geben. Ich kann auch beginnen mit: Es wird einmal sein. Diese Geschichte kann immer und jederzeit stattfinden.“

„Gut. Entschuldige, ich werde versuchen, nicht mehr dazwischen zu reden.“

Raoul zwinkert mir zu.

„Es ist die Geschichte einer jungen Frau und eines jungen Mannes. Nennen wir sie Maja und Gabriel. Sie trafen sich in einem fernen Land, an einem fernen Meer, wie es der Zufall so wollte.“

„Oder das Schicksal“, murmelt Raoul.

Ich ignoriere den Einwurf.

„Maja hatte das Gefühl, von einer Last befreit zu sein. Ihr Herz atmete auf und warf alles von sich, was sie bedrückte. Vor ihr lag das Meer und über ihr erstrahlte ein blauer Himmel, der so hoch war, dass man das Ende nicht abwägen konnte. Die kleine Pension, in der sie untergekommen war, lag auf einem Felsen, direkt über einer winzigen Bucht, die man über eine schmale Steintreppe erreichen konnte. In ihrem Koffer befanden sich nur die wichtigsten Dinge, kein unnötiger Ballast. Ihre beiden Lieblingsbücher und ein Laptop steckten in einem Rucksack und warteten auf ihren Einsatz. Der Balkon vor ihrem Zimmer lag zum Meer hin und hatte gerade genug Platz für ein Tischchen und zwei bequeme Korbstühle. Am Geländer war ein Sonnenschirm angebracht, der alle Farben des Regenbogens auf seinem Schirm vereinte. Von irgendwoher ertönte leise Musik. Sanfte lateinamerikanische Rhythmen, die sich wie aromatische Düfte in die Luft erhoben und sich in ihren Gedanken verewigten. Sie war sich sicher, dass sie später, wenn sie an diese ersten Augenblicke zurückdachte, immer diese Musik hören würde. Unauslöschlich verbanden sie sich mit diesem magischen Moment. 

Sie setzte sich auf den Balkon und lauschte gedankenverloren der köstlichen Melodie, die zu ihr herauf schwebte, sich in ihre Ohrmuschel setzte, unter ihre Zunge kroch, die Bilder in ihrer Iris einkreiste, über ihren Hals, ihre Schultern strich, bis sie schließlich von ihrem ganzen Körper Besitz ergriffen hatte.

Noch vor ein paar Stunden hatte sie auf einem lauten Flugplatz gestanden. In einem grauen Häusermeer, unter einem stahlgrauen Himmel, mit der Schuld einer gescheiterten Beziehung beladen, die sie befürchten ließ, sich eher von einer Klippe zu stürzen, als einen Hoffnungsschimmer am Horizont zu erblicken. Aber nun, hier an diesem Meer, unter diesem Himmel gab es nichts mehr, das sie von sich trennte. Ihr Herz, ihre Seele und ihre Gedanken begannen wieder im Einklang miteinander zu schwingen. Alles relativierte sich unter der Unendlichkeit des Himmels und er Tiefe des Meeres. Was ist Zeit im Angesicht der Ewigkeit der Gezeiten? Was für eine Bedeutung hat das Leben im Angesicht der unbändigen Gewalt der Elemente?

Da hörte Maja einen Schrei. Hastig sprang sie auf und sah, dass jemand im Wasser trieb. Die Person musste von der Klippe gesprungen sein. In Windeseile rannte Maja die Treppe hinunter, zu der Stelle von der die Person gesprungen war. Der Körper trieb leblos im Wasser. Maja riss sich die Kleider vom Leib und sprang hinter her. Sie war eine gute Schwimmerin, aber es fiel ihr schwer den leblosen Körper zum Ufer zu schleppen. Die Wellen waren nicht hoch, aber es kostete sie alle Kräfte. Sie zog die Person an den Strand. Es war ein Mann, Gabriel. Sein schwarzes wirres Haar ließ sein schönes Gesicht noch bleicher erscheinen. Maja beugte sich zu ihm herunter und blies ihm ihren warmen Atem zwischen die kalten Lippen. Immer wieder gab sie ihm ihren Atem zu trinken, bis sein stummes Herz einen Schlag tat. Voller Angst, dass er wieder in die schreckliche Dunkelheit zurückfiel, küsste sie ihn. Da schlug er seine Augen auf. Sie waren von einem goldenen Braun und in ihnen lag alle Traurigkeit der Welt. Er sah Maja fragend an.

„Warum?“

Gabriel fiel in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

„Ich kenne den Grund“, flüsterte Maja leise.

 

„So!“, unterbricht Raoul ungehalten meine Erzählung, „und was ist der Grund dafür?“

Erstaunt, von so viel Leidenschaft, sehe ich ihn an und bemerke ein dunkles Glimmen in seinen schönen Augen.

„Unerwiderte Liebe. – Verzeih mir, wenn ich dich verletzt haben sollte.“

„Man lebt nur einmal und man liebt nur einmal!“, sagt er ohne mich anzusehen.

Raoul blickt aus dem Fenster und ich sehe, wie aufgewühlt er ist.

„Du hast meine Geschichte erzählt“, stößt er wütend hervor.

„Das wusste ich nicht! Verzeih mir. Es ist so herausgesprudelt.“

Deshalb hatte ich so viel Traurigkeit in seinen Augen gesehen und deswegen, war es mir gewesen, als ob ich ihn kennen würde. Mir ist so etwas schon öfter passiert. Ich setze mich neben ihn, nehme seine Hand und streichele sie beruhigend. Er zittert bei meiner Berührung. Still sitzen wir einfach nur da. Sehen der Landschaft zu, die an uns vorbei huscht und ich bemerke, dass sich langsam der Abend über dem Land ausbreitet. Die untergehende Sonne hat den Himmel mit einem sanften rosa Schleier überzogen.

„Wie der Schleier einer Braut“, sage ich leise.

Ich will mich wieder auf meinen Platz setzen, aber Raoul hält meine Hand fest.

„Erzähl mir noch eine Geschichte“, bittet er.

„Gut. Ich habe von einem netten Herrn ein paar Bücher geschenkt bekommen. Daraus werde ich dir vorlesen“, schlage ich vor.

Ich hoffe, dass die Geschichten darin weniger aufregend für Raoul sind. Raoul nickt zustimmend. Ich hole das Bündel Notizbücher aus dem Rucksack und reiche es Raoul.

„Aus welchem soll ich dir vorlesen?“

Er schaut sich die Etiketten an. Dann nimmt er eins davon und legt es auf die anderen.

„Dies hier“, sagt er und sein eindringlicher Blick trifft mich.

„Gut. Die Windrose.“

Ich stecke die anderen Bücher wieder ein und schlage, das Notizbuch auf.

 

„Es war einmal eine Zeit, als noch Götter auf Erden weilten, da lebte ein Nomadenvolk am Rande einer großen Wüste. Sie wurde Sandmeer genannt, da es in ihr soviel Sandkörner, wie Wassertropfen in den Ozeanen gab. Am Tage war es dort so heiß, dass sich kaum jemand aus den Zelten herauswagte, nur die mutigsten Krieger bestiegen ihre Kamele und kundschafteten die mächtigen Sanddünen aus. Nur während der kurzen Zeit der Dämmerung und der Morgenröte war es möglich unbeschadet hinauszugehen, denn in den sternenübersäten Nächten sank die Temperatur so stark, dass man aufpassen musste nicht zu erfrieren.

Die Nomadenfrauen waren die schönsten Blumen, die je ein Menschenauge erblickte. Ihre Haut war weiß, ja fast durchsichtig und ihre Augen so schwarz, wie der nächtliche Himmel. Sie waren feingliedrig und zart und doch von starkem Willen. Wer einmal eine dieser Frauen sah, verfiel ihr ohne sich je wieder davon zu erholen. Deswegen passten die Wüstensöhne besonders gut auf ihre Töchter und Schwestern auf.

Eines Tages, es war zurzeit der Dämmerung, kam der Gott Asch auf die Erde, um nach seinen Kindern zu sehen. Um nicht erkannt zu werden, nahm er die Gestalt eines Falken an und kreiste über der Oase Nahadip, wo die Wüstensöhne ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Asch ließ sich auf einer Palme nieder und beobachtete das Treiben der Menschen. Da wurde er eines Mädchens gewahr, so schön, dass die Göttinnen vor Neid erblassen würden. Ihre langen Haare hatten die Farbe von glänzendem Kupfer, und als sie ihre Kleidung ablegte, um in dem Spiegelteich der Oase zu baden, sah Asch ihren makellosen Körper im Licht der untergehenden Sonne wie einen Mondstein leuchten. Er hielt den Atem an und war gebannt. In dem Moment, in dem er seine Augen auf sie richtete, erfasste ihn eine unbändige, unsterbliche Liebe zu dem Mädchen. Sein Falkenherz schlug so laut, dass das Mädchen für einen Moment zu ihm aufblickte. Ein Lächeln huschte über ihre sanften Gesichtszüge und Asch hatte das Gefühl bei diesem Anblick sterben zu müssen.

Da aber die Götter nicht bei den Sterblichen verweilen dürfen, kehrte Asch in den Himmel zurück. Aber was er auch tat, immer sah er nur sie vor seinen Augen, die holde Wüstenblume aus der Oase Nahadip. Asch kehrte jeden Abend zu dem Spiegelsee der Oase zurück und wartete auf das Mädchen. Oft sah er sie und sie erblickte ihn. Eines Abends streckt sie die Hand aus und rief ihn. Nach einer Schrecksekunde breitete der Falke seine Flügel aus und schwebte auf ihren Arm. Ganz nah kam sie ihm und betrachtete seine Augen, die ganz anders als Vogelaugen blickten.

„Wer bist du?“, fragte sie.

„Ich bin Asch, der Falkenköpfige“, antwortete er.

„Und ich bin Saphira, die Tochter von Amir dem Helden“, stellte sie sich vor und fragte ihn, „warum kommst du jeden Abend hier her? Du bist ein Gott und hast sicher Wichtigeres zu tun?“

„Was gibt es Wichtigeres als dich zu sehen, Schönste aller Wüstenblumen.“

Asch verwandelte sich in einen Mann und Saphira betrachtete ihn voll Wohlwollen.

„Ich danke dir für dein Lob, aber du hast meine Schwestern noch nicht gesehen“, lächelte Saphira bescheiden.

„Und wenn sie tausend Mal schöner wären als du, bist du doch die eine, die ich will“, sagte Asch voller Inbrunst und Leidenschaft.

„Ich danke dir abermals. Du bist der schönste Mann, den ich je erblickte und wenn meine Schwestern dich sehen, dann werden sie um dich buhlen und du wirst mich vergessen.“

„Niemals!“, stieß Asch erregt hervor.

Inzwischen hatte sich die Nacht auf die Oase herabgesenkt und Asch musste Saphira wieder verlassen. Durch diese Begegnung war er in noch größerer Liebe entbrannt und ließ keinen Abend verstreichen, ohne Saphira zu besuchen. Seine Vorliebe für die schöne Menschenfrau blieb den anderen Göttern nicht verborgen. Eines Tages stellte ihn Bastet, die Göttin des Glücks und der Fruchtbarkeit, zur Rede. Asch schüttete ihr sein Herz aus. Bastet, die ein großes Herz für Liebende hatte, versprach ihm ein gutes Wort bei Amun einzulegen. Tatsächlich ließ sich Amun erweichen und ließ Asch zu sich rufen.

„Wie ich von Bastet hörte, hast du dein Herz an eine Sterbliche verloren“, sagte Amun.

„Ja, so ist es, Herr. Es ist über mich gekommen, wie ein Sandsturm, den man kommen sieht und dem man nicht entkommen kann.“

„Du weiß, dass es verboten ist, sich eine Menschenfrau zu erwählen?“

„Ich weiß, mein Herr, aber ich kann nichts dagegen tun. Lieber verzichte ich auf mein ewiges Leben, als auf Saphira.“

„Große Worte, Asch, große Worte“, sprach Amun, „wenn es aber nun dein unbedingter Wunsch ist, dann soll er sich erfüllen.“

Asch fiel auf die Knie.

„Danke, oh Herr, ich werde dir auf ewig dankbar sein.“

„Aber es sind Bedingungen daran geknüpft“, warf Amun ein, „niemals darfst du Saphira unglücklich machen, indem du anderen Frauen nachschaust, oder sie betrügst.“

„Das verspreche ich, ich werde Wort halten!“, sagte Asch voller Leidenschaft und überglücklich, seinem Wunsch so nahe zu sein.

„Hältst du nicht Wort, wirst du den Rest deiner Tage als Falke verbringen, ohne dich zurück verwandeln zu können und ich werde Saphira einen würdigeren Mann geben, als dich.“

„Das wird niemals geschehen! Niemals!“

Asch sprang auf und verneigte sich.

„Dann geh und handele weise!“, sagte Amun.

Nachdenklich sah er Asch nach, denn er kannte das verräterische Herz der Menschen und wusste, wie viel Leid sie über sich brachten.

     Asch nahm Saphira zur Frau und war glücklich. Sie versüßte seine Nächte und erfreute seine Tage. Dann, eines Tages, kam eine Schwester von Saphira zu Besuch. Erst bemerkte Asch sie nicht, er hatte nur Augen für seine Frau. Aber je länger die Schwester im Haus weilte, umso mehr sah er, wie schön sie war. Dann lauerte er ihr eines Tages am Spiegelsee auf, als die Stunde der Dämmerung nahte. Begehrlich betrachtete Asch die schöne junge Frau. Plötzlich kam ihm seine eigene Frau so glanzlos und einfach vor. Immer öfter schlich er sich hinaus und beobachtete die Jungfrau. Sein Herz wurde immer dunkler und schwärzer. Seine verbotene Leidenschaft machte ihn streitsüchtig und reizbar, das ließ er an seiner Frau aus. Saphira konnte Asch nichts mehr recht machen und wurde von Tag zu Tag unglücklicher. Eines Abends, als er wieder am Spiegelsee auf das Mädchen wartete, erschien Bastet und sah Asch traurig an.

„Was willst du hier?“, fragte Asch wütend.

„Ich bin hier, um dir eine Nachricht von Amun zu überbringen“, erwiderte Bastet traurig, „er lässt dir sagen, dass er die Not deiner Frau Saphira gesehen hat und wenn du dich nicht änderst, wird er die Strafe an dir vollziehen.“

„Mach dir keine Sorgen, ich mach das schon“, wehrte er Bastets guten Rat ab.

In der nächsten Zeit versuchte er sich zu ändern, aber es dauerte nicht lange und er fiel wieder in seine unselige Verhaltensweise zurück. Als er versuchte Saphiras Schwester zu verführen, vollstreckte Amun die Strafe an Asch und verwandelte ihn in einen Falken. Niemals wieder würde er menschliche Gestalt annehmen können. Asch weinte und flehte, er demütigte sich, aber Amun ließ sich nicht erweichen.

„Du warst ein Gott und ich habe dich gewarnt, aber du hast nicht auf mich gehört.“

Amun suchte unter den mutigsten Söhnen der Nomaden einen stattlichen guten Mann aus, Samadi, der nach langen Prüfungen und Härten Saphiras Herz gewann. Ihr Vertrauen war durch Aschs Verrat verloren gegangen und musste erst von Neuem gewonnen werden. Es dauerte lange ehe sie Asch, den schönen Gott, vergessen konnte, aber der Krieger Samadi erwies sich Saphiras Liebe als würdig und die Beiden lebten ein langes glückliches Leben in der Oase Nahadip.“

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Die folgenden zwei Texte, beide mit demselben Anfangsabsatz, sind in unserem Schreibcafe entstanden. Dazwischen liegen vier Wochen.

Aufgabe: erster Absatz

Text I

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß …

Es kostete Alexander viel Mühe ihn ausfindig zu machen und jetzt, in dem Moment des Erkennens, war ihm flau im Magen. Alle hatten ihn gewarnt. Seine Mutter, seine Verlobte. Seine Freunde und Arbeitskollegen, Journalisten wie er. Nicht zimperlich, die die gefährlichsten Orte der Welt besucht hatten. Alexander stand da, wie angewachsen, hilflos. Er zögerte. Entweder weiter gehen und tun, als ob nichts wäre, oder ansprechen und sich der Realität stellen, dass dieser Mann sein Vater war. Ein Verräter, der seine Familie im Stich gelassen hatte.

Alexanders Unschlüssigkeit dauerte einen Moment zu lange. Der Obdachlose erwachte aus seiner Versunkenheit und bemerkte ihn. Sein trüber Blick gab Alexander das Gefühl, dieser Mann lebte seit Langem nicht mehr in dieser Welt. Der Mann zog eine Hand aus der Tasche. Sie steckte in einem zerschlissenen Handschuh, denen die Fingerspitzen fehlten. Seine Nägel glichen ungepflegten Klauen. Er hielt die Handfläche auf. Alex schauderte. Trotzdem ging er auf ihn zu, kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Als er vor dem Obdachlosen stand, schlug ihm ein Geruch nach muffiger Kleidung, Schweiß und kaltem Rauch entgegen. Alexander war schlimmere Gerüche gewöhnt, sonst wäre ihm der Schwaden auf den Magen geschlagen. Seine Finger tasteten nach zwei harten Münzen. Er legte sie in die Hand des anderen Mannes. Der beäugte die Geldstücke misstrauisch. Als er zwei zwei Eurostücke erkannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Die Hand klappte zu wie eine Auster. Hastig verbarg er den Schatz in seiner Tasche. Er sah Alexander an und nickte ihm zu. Seine Augen schienen ihm klarer. Für einen kurzen Moment dachte Alexander einen Funken Bewusstsein in ihnen zu entdecken. Es verglomm so schnell es gekommen war. Alles Einbildung, dachte Alexander, wenn man etwas unbedingt glauben will, klammert man sich an den kleinsten Hoffnungsschimmer. Die Frage nach dem Namen des Obdachlosen lag ihm auf der Zunge. Jetzt oder nie. Alexander schluckte sie herunter. Vielleicht war er sein Vater, vielleicht nicht. Alexander wollte es nicht mehr wissen. Er war der, der er war. Nichts würde daran etwas ändern.

Text II

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß…

Ich blieb im Schatten stehen und beobachtete ihn. War das wirklich Declan? Da er saß, konnte ich seine Größe nur schätzen. Der Mann, den ich suchte, war groß. Etwa 1.90 Meter. Die zotteligen langen Haare, die abgewetzte Kleidung und dieser Schnurrbart. Declan hätte sich niemals so in der Öffentlichkeit gezeigt. Jedenfalls nicht freiwillig. Für einen Auftrag möglicherweise, aber privat, keine Chance. Nur über seine Leiche. Das war so ein Kindheitsding, erzählte er mir in einer schwachen Stunde. Als ich nachfragte, schüttelte er nur den Kopf und sagte: Alles vorbei. Muss man nicht aufwärmen.

Mir wird bewusst, wie wenig ich über ihn weiß. Obwohl wir fünf Jahre fast jeden Tag zusammen verbrachten. Er konnte singen. Ich erwischte in einmal dabei, seitdem war er vorsichtig. Declan hielt sich, wenn es um sein Privatleben ging, sehr bedeckt.

Beruflich war er der zuverlässigste, kompetenteste Partner, den ich je hatte. Dazu einer der begnadetsten Schützen des NYPD. Mehr als einmal rettete er mir den Hals.

Als er vor einem Jahr verschwand, konnte ich es nicht fassen. Er erschien morgens nicht zum Dienst. Meldete sich weder krank, noch ließ sonst etwas von sich hören. Er verschwand, wie vom Erdboden verschluckt. Tagelang klapperte ich die Krankenhäuser ab. Seine Wohnung war leer. Nicht ein Stäubchen. Ich suchte in den dunklen Vierteln nach ihm, weil ich fürchtete, jemand hätte ihn erschossen. Ich setzte sämtliche Unterweltkontakte auf seinen Verbleib an. Nichts! Wie konnte ein Mann so spurlos verschwinden? Ich hatte die Mafia in Verdacht.

Seitdem arbeitete ich allein. Mehr oder weniger. Mein Chef drehte mir immer mal wieder einen neuen Partner an. Aber es dauerte nicht lange, bis sie von selbst das Handtuch warfen. Das funktionierte einfach nicht. Entweder Declan oder keiner.

Was hat Declan dort hingebracht? Als einer meiner Informanten mir mitteilte, dass er ihn gefunden hat, wollte ich es nicht wahrhaben. Aber je länger ich ihn betrachte, umso unausweichlicher  ist die Gewissheit. Mein Gefühl will es nicht wahrhaben, aber mein Verstand muss akzeptieren, was meine Augen sehen. Der Mann mit dem leeren Blick ist Declan.

 

 

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