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Posts Tagged ‘Jahrzehnte’

„Jeder Augenblick, jedes beiläufige hingeworfenen Wort,
jeder Blick, jeder tiefe oder nur als Scherz gemeinte Gedanke,
jede unmerkliche Regung des menschlichen Herzens,
ebenso wie der fliegende Flaum der Pappeln oder
das Blinken der Sterne in einer Pfütze bei Nacht –
alles sind kleine Körnchen Goldstaub.
Wir Schriftsteller gewinnen sie im Laufe von Jahrzehnten,
diese Millionen kleiner Körnchen,
wir sammeln sie, ohne es selbst zu merken,
verwandeln sie in eine Legierung
und schmieden dann aus dieser Legierung
unsere „Goldene Rose“ –
eine Erzählung, einen Roman oder eine Dichtung.“

Konstantin Paustowski, Die goldene Rose

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Emily wäscht das Geschirr. Sie blickt auf ihre Hände. Sie sind alt geworden. Rau, faltig von der vielen Arbeit. Ihre Hände haben in all den Jahren viel geleistet. Die harte Arbeit im Krankenhaus, in ihrem großen Garten mit dem vielen Gemüse, im Haushalt mit den vier quirligen Kindern. Aber Emily erinnert sich auch an eine Zeit in der ihre Hände jemand berührten, einen ganz besonderen Menschen.

Der zweite Weltkrieg war nun schon Jahrzehnte her, doch sie erinnerte sich noch ganz genau daran, als sie ihm das erste Mal begegnete. Sie sah sein Lächeln vor sich, dass er sich unter Schmerzen abrang, roch diesen sauberen Geruch nach Seife und Rasierwasser und hörte den Klang seiner Stimme, als er ihr seinen Namen sagte:

„Captain Jack Johnson.“

Er war Offizier der amerikanischen Luftwaffe und nahe London stationiert. Sie, Emily, war Lazarettschwester und hatte in den zwei Jahren, die sie im Lazarett arbeitete, viele schlimme Dinge gesehen. Jacks Armbruch und die Prellungen waren gegen die Verletzungen der anderen Soldaten eine Kleinigkeit. Trotzdem er nur eine Bagatelle hatte, er war vom Flügel seines Jagdbombers gestürzt, kam er jeden Tag, damit Emily seinen Arm begutachten konnte. Und mit Jack kam Spaß in den grauen, harten Lazarettalttag, was sie wunderte, denn auch er musste Schlimmes erlebt haben. Emily hatte die Narben an seinem Körper gesehen. Vielleicht waren sie nicht bis zu seiner Seele durchgedrungen. Jack war immer gut gelaunt. Für die Jungs brachte er Zigaretten und Schokolade, Zeitschriften, oder auch mal einen Whisky mit. Immer hatte er einen Scherz auf den Lippen und mit den Gesünderen spielte er Poker. Die Ärzte sahen das nicht gerne, aber da er auch für sie die eine oder andere Kleinigkeit mitbrachte, ließen sie es stillschweigend geschehen. Für Emily brachte er Kaffee und Pralinen mit, die ihre Familie mit „Hallo“ begrüßte. Manchmal stellte er auch eine Rose auf ihren Schreibtisch und freute sich, wenn sie errötete. Emily war es ein Rätsel woher der nicht versiegende Fluss von Luxusgütern kam. Jack war sehr verschwiegen, was diese Dinge betraf und lachte nur, wenn sie ihn warnte, dass er irgendwann auffliegen würde. Dann kam der Tag an dem Jack der Gips abgenommen wurde und Emily spürte, dass es ihr fehlen würde sein Lächeln nicht mehr zu sehen. Er erschien wie immer gut gelaunt.

„Hallo, Emily, mein Sonnenschein“, neckte er sie, „ich habe eine Überraschung für sie.“

Jack setzte sich auf die Untersuchungsliege.

„So, was ist es denn diesmal Schönes.“

Emily zwinkerte ihm zu und begann damit seine Gipsbinden zu lösen.

„Es ist eine Einladung. Am Samstag ist Offiziersball und ich möchte, dass sie mich begleiten.“

Emily sah ihn erstaunt an.

„Sie wollen mich mitnehmen?“

„Ja“, er blickte sich gespielt suchend um, „ich kann ja schlecht mit Paul oder Jimmy tanzen gehen?“

Die Erwähnten brachen in Gelächter aus.

„Das ist nett, aber ich muss ablehnen.“

„Nein, das dürfen sie nicht! Bin ich denn so unansehnlich, oder muss ich vor ihnen auf die Knie fallen?“

Jack war drauf und dran sich auf den Boden zu werfen.

„Ausgehen, ausgehen!“ Skandierten Paul und Jimmy.

„Hören sie auf“, Emily versuchte ein böses Gesicht zu machen, „das ist nicht der Grund, aber meine Mutter wird mich nicht mit einem fremden Soldaten ausgehen lassen. Sie wissen doch, die sind so liederlich und führen ein Lotterleben. Besonders die Piloten. Auf jeder Airbase haben sie eine Freundin.“

Jack grinste und legte sich feierlich die Hand aufs Herz.

„Sie sind die Einzige, ich schwöre!“

„Das kann jeder sagen.“

„Und wegen ihrer Mutter, machen sie sich keine Sorgen. Ich habe sie schon um Erlaubnis gefragt und sie hat ja gesagt.“ Emily lachte schallend, „nun da bleibt mir wohl nichts anderes über als ja zu sagen.“

„Ja!“ Jack strahlte sie an. „Sie werden das schönste Mädchen des Abends sein. Ich hole sie am Samstag um sieben ab.“

Paul und Jimmy klatschten Beifall. Damit drückt er ihr einen Kuss auf die Wange und verschwand mit seinem abgegipsten Arm.

Am Samstag war Emily so aufgeregt, dass ihr die Zeit bis zum Abend wie ein Jahr vorkam. Sie zog sich mindestens acht Mal um. Bis es sieben war und es pünktlich an der Tür klingelte, lief sie hundert Mal zum Fenster und hielt nach Jack Ausschau. Als er dann vor ihr stand, verschlug es ihr die Sprache. In seiner Offiziersuniform sah er umwerfend aus. Das schwarze Haar streng zurück gekämmt und nicht so strubbelig wie sonst. Die schwarzen Ausgehschuhe glänzten wie Spannlack. An seiner Brust trug er einen Orden für besondere Tapferkeit.

„Hallo Jack.“ Emily fühlte sich plötzlich befangen.

„Hallo Emily, du siehst wunderbar aus.“ Er strahlte sie an und überreichte ihr einen Blumenschmuck. „Wollen wir gehen?“ „Ja, gerne.“

Und zu ihrer Mutter gewand sagte er:

„Ich bringe Emily unbeschadet wieder nach Hause.“

Ihre Mama nickte nur und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. Galant half Jack Emily in den Mantel und hielt ihr die Wagentür auf. Während der Fahrt waren beide sehr nervös und sprachen wenig. Emily erkannte den sonst so redegewandten Jack nicht wieder.

Beim Ball ließ er sie nicht aus den Augen, holte ihr etwas zu Essen und zu trinken, tanzte nur mit ihr und wenn ein anderer Mann auch nur in ihre Nähe kam, verstellte er ihm den Weg. Jack tanzte himmlisch. Sie ließen kaum einen Tanz aus und hätten sie auch für etwas anderes Interesse gehabt, als für sich selbst, hätten sie bemerkt, dass alle Augen auf sie gerichtet waren.

Auf dem Weg nach Hause hielten sie am Fluss. Jack half Emily aus dem Wagen. Schweigend gingen sie unter dem sternenübersäten Himmel am Fluss entlang, bis Jack Emilys Hand ergriff und stehen blieb.

„Emily, ich muss dir was sagen.“

Sie horchte auf, denn ein großer Ernst lag in seiner Stimme.

„Ja, was denn?“

„Morgen rücken wir aus.“

Plötzlich herrschte eine bedrückende Stille.

„Wann kommst du wieder?“ Fragte Emily, als sie sich etwas gefasst hatte.

„Ich weiß es nicht. Normalerweise dürfte ich es dir noch nicht mal sagen, aber ich kann nicht einfach fortgehen und dich hier so unwissend zurück lassen.“

Emily liefen Tränen über die Wangen. Er würde gehen, in diesen scheußlichen Krieg, der so viele Männer fraß und die, die er nicht verschlang zerstört zurück ließ. Jack sah sie an.

„Ich liebe dich“, flüsterte er.

„Ich dich auch,“ erwiderte Emily.

Da riss er sie in seine Arme und küsste sie voller Leidenschaft. Wie lange sie so dort gestanden hatten, wusste sie nicht mehr, als er den Finger unter ihr Kinn legte und mit rauer Stimme sagte:

„Emily, meine süße kleine Emily, versprich mir, dass du auf mich wartest und das du mich heiratest, wenn ich wieder komme.“

„Ja, Jack, ich warte auf dich“, sagte sie schlicht.

Er wusste, dass sie es ernst meinte. Dann zog er ein kleines Kästchen aus der Tasche und öffnete es. Ein wundervoller goldener Reif mit einer kleinen Blüte lag darin. Jack nahm ihn heraus und steckte ihn an ihren Ringfinger.

„Damit du immer an mich denkst.“

Sie hob den Kopf und sah in seine Augen. Als ob sie jemals an etwas anderes denken könnte. Zärtlich küssten sie sich, bevor sie ins Gras sanken und sich bis zur Trunkenheit liebten.

Jack kam nicht wieder. Der unsinnige Krieg arroganter Willkürherrscher fraß den Mann, den Emily liebte und um den sie heiße Tränen vergoss, bis keine Tränen mehr in ihr waren.

Ein Kamerad, Tony, brachte ihr seinen Orden, als Andenken. Aber es gab noch ein anderes Andenken von Jack. Das Kind, das Emily unter dem Herzen trug. Einen Sohn, das Ebenbild seines Vaters. Jack Junior war zwei Jahre, als sie Tonys Werben nachgab und ihn heiratete. Sie bekamen noch drei wunderbare Kinder. Tony wusste, dass er Emilys Liebe mit einem Jacks Traumbild teilen musste, aber er liebte sie und machte ihr nie einen Vorwurf.

So waren die Jahre ins Land gegangen. Emily war alt, grau und weise geworden. Sie lächelte. Es war ein gutes Leben gewesen, auch wenn es oft hart war; und sie hatte auf Jack gewartet. Sie tat es heute noch. Er war der Mann ihres Herzens, der eine Besondere, und sie war dankbar. Es war nicht jedem vergönnt seinen Seelenverwandten zu finden, auch wenn die Zeit mit ihm viel zu kurz war. Emily trocknete sich ihre Hände ab und streifte den kleinen Goldreif mit der Blüte über den Finger. Es würde nicht mehr lange dauern und sie würde wieder mit Jack zusammen sein.

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