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Posts Tagged ‘Kapelle’

Mit dem, was Rosalie auf der anderen Seite erwartet, hat sie trotz aller Fantasie nicht gerechnet. Über ihr, getragen von kunstvoll gestalteten Säulen, öffnet sich die Kuppel einer Kapelle. Sie ist nachtblau mit goldenen Sternen. Der Raum wird von einigen Fackeln erhellt, die an den Säulen hängen. Auf zwei Seiten stehen schlichte Holzbänke, die zu einem Altar führen, über dem ein Triptychon hängt. An der unteren Kante des Aufsatzes wurden die Leisten gewaltsam entfernt. Sie liegen zersplittert auf dem Altartisch.

Vor dem Altar liegt Gil auf dem Boden. Er stöhnt und drückt sich den Oberschenkel ab. Zwischen seinen Finger sickert Blut hindurch, der Fleck vergrößert sich schnell. Rosalies Herz schlägt schneller. – Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Wo ist Anthony? –

„Es muss hier sein!“, schreit Anthony wütend.

Rosalie schaut nach rechts. In einer Nische steht eine Madonna mit Kind. Sie ist wunderschön. Im Schein der Fackeln glitzern die vergoldeten Heiligenscheine. Vor dem Heiligenbild stand eine Holzbank, auf der man zur Andacht niederknieen konnte. Anthony hat sie direkt vor die Statue geschoben. Er steht darauf und untersucht die Statue. In einer Hand hält er einen eisernen Kerzenleuchter.

„Du gibst dein Geheimnis preis, so oder so!“, schreit er und holt mit dem Leuchter zum Schlag aus.

„Nein!“, ruft Rosalie, „nicht!“

Aufgeschreckt dreht Anthony sich zur Seite und stürzt von der Bank. Stöhnend bleibt er liegen. Rosalie huscht zu Gil.

„Gil, was ist passiert?“

Sie reißt einen Stoffstreifen aus ihrem Kleid und bindet sein Bein ab.

„Ich wollte ihm das Collier nicht geben“, keucht er, fasst nach Rosalies Hand, „verzeih mir.“

„Was hast du getan?“

„Ich habe auf den Wahnsinnigen gehört“, murmelt er.

Die Augen fallen ihm zu.

„Gil bleib bei mir“, ruft Rosalie.

„Du hast alles kaputt gemacht“, Anthony rappelt sich auf, „deinetwegen wollte er den Schatz nicht mehr heben. Seit Wochen habe ich nach dem Geheimgang gesucht. Und nach dem die alte Schachtel endlich erledigt ist und wir das Collier in den Händen halten, kommst du und verdrehst ihm den Kopf.“

Anthony zieht eine Pistole aus der Jackentasche zielt – gleichzeitig ertönen zwei Schüsse. Anthony geht tödlich getroffen zu Boden. Gil gibt ein Röcheln von sich. Blut läuft aus seinen Mundwinkeln, tropft auf Rosalies Kleid.

„Rosalie!“

Sie antwortet nicht. Nathan zerrt Gils leblosen Körper von Rosalie herunter. Vorsichtig untersucht er ihren Kopf. An ihrem Hinterkopf tritt Blut aus.

„Rosalie, hören sie mich?“

Nathan tätschelt ihre blasse Wange. Sie reagiert nicht. Er hebt sie hoch, trägt sie zum Ausgang.
Im Zellentrakt kommt ihm Constable Collins mit drei weiteren Kollegen entgegen.

„Collins, gut dass sie da sind. – Bringen sie Miss Graville ins Haus und rufen sie einen Arzt. Es ist dringend!“

Er legt Rosalie in Collins Arme und gibt weitere Befehle an seine Mitarbeiter aus.

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Der Wind heulte um die Kapelle St.Jacobi und die kleine Glocke auf dem roten Ziegeldach gab ein leises Klingen von sich. Der Herbst hatte Santa Maria de Monte fest im Griff. Die engen Gassen, in denen im Sommer Reisende lustwandelten, waren nun menschenleer und still. Sie machten einen beinahe abweisenden Eindruck. Ein Schwarm Krähen flog auf. Ihr lautes Krächzen vermischte sich mit dem Sturm. Die grünen Fensterläden des herrschaftlichen Gutshofes, der an St.Jacobi grenzte, klapperten rhythmisch gegen die rohen Steinmauern. Die mächtige Zeder auf dem vorgelagerten Rondell ließ ein sonores Knarren hören, als würde sie bei jeder Windböe, der ihre ausladenden Äste erfasste aufstöhnen. Es roch nach Erde und nassem Gras. Auf dem einsamen Kirchplatz verweisten die Steinbänke und das Wasser des kleinen Zierbrunnens spritze weit über seine Umrandung hinaus. Ein leichtes Aufflammen von Rot stahl sich zwischen der schweren Wolkenbrandung hindurch, die über den Himmel toste, und zeigte das Ende des Tages an.

In der Ferne mischte sich das Knattern eines heranbrausenden Autos unter das Heulen des Windes. Es dauerte nicht lange und ein knallroter Adler mit schwarzem Verdeck bog in das schmiedeeiserne Tor des Gutshofs ein und hielt abrupt vor der ausladenden Haupttreppe. Misstrauisch beäugt von der Katze des Hauses, die sich eilig über den Hof trollte, weil sie hoffte, mit dem Neuankömmling hineinzugelangen.

Ein großer schlanker Mann, Mitte zwanzig, sprang elegant aus dem Wagen. Noch eher er den großen Lederkoffer aus dem Fond gezerrt hatte, scholl ihm ein vielfaches Willkommen entgegen. Das Haus hatte seine Bewohner ausgespienen, den ältesten Sohn der Familie, Leonardo, zu begrüßen. Ein Schwall gelben warmen Lichts schwappte über die breiten Marmorstufen in die Dunkelheit. Ein Bediensteter nahm dem jungen Herrn den Koffer ab, während die Familienangehörigen ihrer freudigen Pflicht nachkamen und ihn mit Umarmungen, Küssen und Freudentränen begrüßten.

Leo lächelte. Er hatte es erwartet, seine laute italienische Familie, und doch fühlte er sich, wie immer etwas fremd, wenn er aus Florence heimkehrte. Es brauchte seine Zeit, aus einer pulsierenden Stadt, in der man oft anonym blieb, wieder in die vertrauten heimatlichen Gefilde zurückzufinden. Trotz aller Liebe zu diesen Menschen überkam ihn das Bedürfnis sich in einen stillen Winkel zu verkriechen, um anzukommen.

In dem großen Esszimmer war eine beachtliche Tafel gedeckt, und während man ein opulentes Mahl einnahm und dem selbst gekelterten Rotwein des hauseigenen Weinberges zusprach, redeten und lachten alle durcheinander. Jeder wollte wissen, wie es Leonardo in den letzten Monaten ergangen war, wen er getroffen hatte und welche besonderen Neuigkeiten es in der Stadt gab. Seine drei Brüder und die Männer der Familie interessierten sich vorzugsweise für die neusten technischen Errungenschaften, während sich der weibliche Teil der Anwesenden für Bälle und Klatsch erwärmten. Breitwillig gab er Auskunft. Nach dem Essen zogen sich die Männer in das Rauchzimmer zurück. Leonardos Vater Matteo schenkte den guten Grappa ein und bot Zigarren an. Leonardo und seine Brüder hatten inzwischen das Alter erreicht, sich den älteren Männern anzuschließen. Bevor sie den Salon erreichten, zog ihn Gabriele, sein Lieblingsbruder, ihn am Ärmel seines Jacketts.

„Komm Leo.“

Er hatte ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen und zwinkerte Leo zu. Der nickte. Die beiden jungen Männer blieben zurück und bogen in einen der spärlich erleuchteten Flure ab. In dem alten Gutshof gab es unzählige Flure, Türen, Räume verschiedenster Größe, Dachböden, Treppen und Kellergewölbe. Nachdem Leo und Gabriele eine Tür geöffnet, eine Treppe hinab gestiegen, zwei Keller durchquert, einen modrigen Flur entlang, eine Treppe hinauf gegangen, Gabriele eine Tür aufgeschlossen, sie einen kleinen Vorraum betreten und eine dritte Tür geöffnet hatten, befanden sie sich in der Sakristei der Kapelle.

„Nicht gerade warm hier?“, stellte Leo fest.

„Jammer nicht“, lachte Gabriele, „sonst müsste ich denken, die Stadt verweichlicht dich.“

Leo knuffte seinen Bruder freundschaftlich in die Seite.

„Ja, nicht frech werden.“

„Ich dich nicht“, wehrte Gabriele lachend ab.

Er zündete einen Kienspan an und warf ihn in den kleinen eisernen Gussofen. Sofort fingen die dünnen Äste unter den Holzscheiten Feuer und innerhalb kürzester Zeit bollerte der Ofen sachte vor sich hin und gab eine angenehme Wärme ab.

„Wird Pater Daniele nicht böse, wenn du seinen Holzvorrat abfackelst?“, fragte Leo schmunzelnd.

Gabriele schüttelte unwillig den Kopf.

„Vater lässt uns jeden Herbst soviel Holz herüber schleppen, damit könntest du den Mailänder Dom heizen, da werde ich ja wohl etwas für uns verbrauchen können.“

Er nahm eine der dicken Altarkerzen, die Pater Daniele in der Sakristei aufbewahrte, und zündete sie an. Sie flackerte einen Augenblick, brannte dann aber gleichmäßig vor sich hin.

„Außerdem genießt Pater Daniele jeden Sonntag unsere Gastfreundschaft. Wie war das noch: geben ist seliger denn nehmen?“

Leo konnte sich das Lachen nicht verkneifen.

„Schön wieder zu Hause zu sein.“

Die Brüder setzten sich neben den Ofen. Leo zog ein silbernes Etui aus der Brusttasche des Jacketts und reichte es Gabriele.

„Danke! Die guten Kubanischen.“

Gabrieles Augen leuchteten. Er zog eine Zigarrenschere aus seiner Hosentasche entfernte das obere Ende der schlanken Cohiba und reichte sie an seinen Bruder weiter. Bevor die Zwei ihre Zigarren anzünden konnten, öffnete sich die Tür zur Sakristei. Die Zwillinge erschienen.

„Schau sie dir an!“, Riccardo schüttelte den Kopf, „ein konspiratives Treffen ohne uns.“

„Das sieht euch ähnlich“, fügte Antonio an.

Die Zwillinge ließen sich ebenfalls am Ofen nieder und Leo reichte ihnen sein Etui und die Zigarrenschere. Gabriele seufzte.

„Kann man in diesem Haus keine Geheimnisse habe?“

Die Zwillinge grinsten.

„Ein Friedensangebot.“

Antonio und Riccardo reichten ihren älteren Brüdern jeweils eine flache silberne Flasche. Gabriele öffnete den Verschluss und schnupperte an der Öffnung.

„Wie habt ihr das geschafft? Vaters guter Whiskey!“, sagte er anerkennend und nahm einen Schluck.

„Tja, wer kann, der kann.“

Die Zwillinge grinsten und zündeten sich die Cohibas an. Schweigend saßen die Brüder beieinander und pafften. Ab und an nahm einer einen Schluck Whiskey. Zwischen ihnen brauchte es nicht viele Worte, auch wenn es in Diskussionen oft heiß herging.

Leo war 25, Gabriele 24 und die Zwillinge 22 Jahre alt. Niemals hatte es ein Außenstehender geschafft einen Keil zwischen die Brüder zu treiben. Ihre Charaktere waren manchmal Feuer und Wasser, aber die Stimme des Blutes war so stark, dass sie bis dahin allen Anfeindungen standgehalten hatte. Selbst ihren Eltern gegenüber bildeten sie eine gemeinsame Front. Sie konnten nicht ahnen, dass ihre Loyalität in dieser Nacht auf eine harte Probe gestellt werden sollte….

Der Text entstand in einer Schreibstunde, in der es um den Ort im Text ging. Erst sollte der Ort beschrieben werden, dann sollten die Personen auftreten. Als Anregung hatten wir ein Bild von einem italienischen Dorfplatz mit Kapelle und Haus.

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Die Texte entstanden im Schreibkurs unter dem Thema Perspektivwechsel.

Thea

Thea steht vor der gotischen Kapelle und dreht den schweren Schlüssel zaudernd hin und her. Rein gehen oder nicht, das ist die entscheidende Frage. Der Weg von Galway bis London war lang, der Mietwagen teuer und überhaupt, was blieb ihr anderes übrig? Als sie der Brief vom Tod ihres Vaters erreichte, war sie in Tränen ausgebrochen, obwohl es keinen vernünftigen Grund dafür gab. Immerhin hatte sie ihn nie gesehen. Danach, in einem überschwänglichen Moment der Trauer und des Selbstmitleids, packte sie ihren Koffer, mietete sich den Wagen und fuhr los.

Thea steckte den alten Eisenschlüssel in das Schloss und dreht ihn herum. Es knirscht. Sie drückt die Tür auf und tritt ins Halbdunkel der Eingangshalle. Ein dicker Samtvorhang versperrt ihr die Sicht auf den Andachtsraum. Sie gibt sie sich einen Ruck, schiebt den Vorhang zur Seite und dringt den Hauptraum vor. Es riecht stark nach Weihrauch und Kerzen. Thea schnürt es die Kehle zu. Sie muss ein Husten unterdrücken. Die bemalte Kapellendecke breitet sich wie ein bunt bestickter Baldachin über ihr aus. Dicke Granitsäulen stützen das Kirchenschiff.

Thea erschrickt, als sie das Echo ihrer Schritte von den Wänden wieder hallen hört. Sie hält inne und geht auf Zehenspitzen weiter. Neben dem Altar führt eine ausgetretene Steintreppe hinunter in die Krypta. Dort werden die verstorbenen Kirchendiener der oberen Schicht beigesetzt. Und dort ist er begraben. Ihr Vater. Der Mann, der ihre Mutter schwängerte und dann allein ließ, weil er einem höheren Ziel folgen musste.

Bei dem Gedanken dreht sich Thea der Magen um. Höheres Ziel! Thea denkt an ihre Mutter, die irgendwann aufgab und ihrem „sündigen“ Leben ein Ende machte. Schande! Selbstmörder sind verflucht. Noch ausgestoßen im Tod.

Unschlüssig steht Thea da. Will sie wirklich das Grab ihres Vaters sehen? Des Mannes, der sie und ihre Mutter opferte?

Thea kramt die kleine Taschenlampe aus ihrer Jackentasche. Ein Knopfdruck und ein helles Licht flammt auf. Vorsichtig steigt sie die glatten Stufen hinab, wendet sich nach links, wie der Friedhofswärter sagte.

Trotzdem die Beerdigung einige Tage her ist, liegen Blumen auf dem marmornen Sargdeckel. Ein süßer Duft von Rosen, Chrysanthemen und Nelken erfüllt die stickige Luft und macht das Atmen schwer. Wie ungerecht, geht es Thea durch den Kopf, er hatte alles. Geld, Macht und sogar im Tod liegt er da wie ein König, während Mama auf dem Selbstmörderfriedhof verscharrt wurde, wie ein streunender Hund. Sie spukt auf den Sarg, dreht sich um und will gerade die erste Stufe erklimmen, als sie ein beängstigendes Geräusch hört.

 

Connor

Ich starre die Decke der Kapelle an. Die Gemälde sind wirklich beeindruckend. Die Farben, die Feinheit der Figuren. Egal wie oft ich sie angesehen habe, ich kann mich nicht daran sattsehen. Kein Wunder, wenn man sonst nicht sehr viele Möglichkeiten der Beschäftigung hat.

Es ist ein Kreuz allein zu sein. Und damit meine ich allein. Allein und verlassen von aller Welt. Niemand weiß, dass ich existiere, weil mich niemand sieht, sich niemand an mich erinnert. Ist schon komisch, wenn das ich alle sehen kann, aber mich niemand und doch kann ich nicht darüber lachen. Es ist verrückt, total Psycho. Wenn ich mich wenigstens jemandem zeigen könnte, dann wäre noch ein Kick dabei. Aber nichts!

Und das blöde ist, obwohl ich in einer Kapelle residiere, und die Toten hier rein und raus getragen werden, ist mir noch niemand begegnet, der ist wie ich. Ein Geist, ein Gespenst, ein Körperloser, – was immer ich auch bin. Vielleicht besser? Wer weiß, nachher ist dieser jemand einer, der dauernd quatschen muss, oder ein Trauerkloß, der sein Ableben nicht verwinden kann. Dann ist es allemal besser allein zu sein.

Das Geräusch der Tür ist nicht zu überhören. Jedesmal wenn der Schlüssel herumgedreht wird, knirscht es, als würde Metall auf Metall geschabt. Ein hässliches Geräusch. Mich wundert, dass das noch niemand abgestellt hat, aber die müssen das auch nicht dauernd hören.

Ich setze mich auf. Der Samtbehang des Vorraums wird zurückgeschoben und eine Frau kommt herein. Sie trägt einen roten Mantel und ihre langen blonden Haare sind zu einem Zopf geflochtenen. Ihre Absätze klackern auf dem Granitboden. Sie bleibt stehen und schaut sich um, dann schleicht sie weiter, als ob sie befürchtet, dass sie jemand bei etwas Ungesetzlichem erwischt. Allerdings kann man hier nicht viel mitgehen lassen. Ein paar silberne Leuchter, die alte Bibel, aber sonst? Vielleicht die beiden Heiligenbilder in den Nischen. Aber die stehen hinter schmiedeeisernen Gittern und sind mit schweren Schlössern gesichert. Der Christus hängt angenagelt über dem Altar in luftiger Höhe, der geht nirgendwohin und außerdem ist er nicht antik genug.

Ich frage mich, wieso sie in die Gruft hinabsteigt. Da stehen doch nur die Särge der alten Priester. Vermutlich sind sie zu Staub zerfallen, oder verschrumpelte wie Mumien. Aber es soll ja einen schwunghaften Reliquienhandel geben und irgendwann sind die alten Fingerglieder und Zehen aufgebraucht, und die Leute brauchen Nachschub.

Himmel, die spukt auf den Sarg vom alten Matthew! Ich muss lachen. Sie sieht gar nicht so gewalttätig aus. Eher brav, mit ihren großen Kinderaugen. Sie dreht sich um. Erschrocken starrt sie mich an. Sie sieht nicht durch mich hindurch, sondern direkt in meine Augen. Das gibt`s doch gar nicht!

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