Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Knast’

Das ist also der letzte Beitrag für dieses Jahr 🙂 . Ein bisschen Grusel gefällig? Dann viel Spaß, beim Lesen.

Die Kirchturmuhr schlägt zwölf. Mitternacht. Ich schalte den Fernseher aus. Zeit schlafen zu gehen. Eigentlich wollte ich vor einer Stunde im Bett sein, aber wie das so ist – rumgezappt und hängen geblieben. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei N24 zeigen sie um die Uhrzeit immer Knastdokus aus den USA. Brutal! Meterhohe Mauern und Stacheldraht. Gefangene mit Tattoos und Körpern wie Bodybuilder. Gehalten in Gitterzellen, von allen Seiten einsehbar oder in hermetisch abgeriegelten Kästen aus Sicherheitsglas.

Dagegen sind die Wärter blass und fluffig, wie Weißbrot. Nicht gerade das, was einem zu fünfmal Lebenslänglich verurteilten Serienmörder den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Für mich ist das ein Magnet des Grauens. Ich kann nicht abschalten, muss hinsehen. Wie können Menschen es in so einer Maschinerie aushalten? Ein hohler Betonklotz überfüllt mit Leibern, Gerüchen, Stimmen, Geräuschen aus Metall, Neonlicht und Gewalt laden die Atmosphäre auf. Ich würde verrückt. Immer Licht, immer Krach, Körper an Körper. Mir läuft eine Gänsehaut über den Rücken.

Lissi hat sich schon hingelegt. Sie hatte wieder Zoff auf der Arbeit. Ihre blöden Arbeitskolleginnen mobben sie, seit sie zur „Chefsache“ befördert wurde. Eine beschissene Situation. Ändern will sie es auch nicht. Endlich verdient sie mehr Geld, kann schicke Kleider kaufen und mit dem Chef auf Geschäftsreise gehen. Auf den hat sie es seit ersten Tag abgesehen. Eine echte Augenweide, leider verheiratet. Zum Glück bin ich selbstständig und muss mir so einen Kollegenklüngel nicht antun.
Ich gehe ins Bad und putze mir die Zähne. Ob die Gefangenen ihren Mitinsassen Streiche spielen? Mit den Zahnbürsten das Klo putzen oder so? Bei dem Gedanken wird mir übel. Ich spüle mir den Mund mit Fresh Minze aus. Vor der Tür höre ich schnelle Schritte. Lissi kann wohl nicht schlafen? Ich strecke den Kopf zur Tür hinaus. Nichts zu sehen? Ich muss mich verhört haben, rede ich mir ein.

Bevor ich in mein Zimmer gehe, schaue ich kurz bei Lissi rein. Sicher ist sicher. Ein langer Lichtschein vom Flur fällt in ihr Zimmer. Mein Schatten ist drei Meter lang. Lissis Bett ist zerwühlt, aber sie liegt nicht darin. Gibt`s doch nicht. Ich lausche. Nichts zu hören. Wach ich oder träum ich? Ich kneif mir in den Arm. Mist, das tut weh!

„Lissi, verdammt, wo steckst du?“, rufe ich.

Nichts rührt sich. Die anderen Zimmer liegen still und dunkel da. Ob Lissi schlafwandelt? Diese Phänomene können durch psychische Anspannung ausgelöst werden. Hatte ich als Kind auch mal. Als meine Mutter abgehauen ist und mich und meine Brüder bei Verwandten zurückließ. Aber darum geht’s ja gerade nicht. Wo kann Lissi bloß sein? Die Wohnungstür ist verschlossen. Fest. Zweimal. Habe ich gerade gescheckt. Scheiße! Kann man einen Menschen in seiner eigenen Wohnung verlieren?

Im Wohnzimmer höre ich plötzlich Stimmen. Das unangenehme Gefühl in meinem Bauch zieht sich immer mehr zu einem dicken Knäul zusammen. Vorsichtig gehe ich zur Tür und öffne sie sacht. Ich atme auf. Die flimmernden Schattenwürfe und die Stimmen kommen vom Fernseher. Alles kein Hexenwerk. Ist von allein angegangen. Kann vorkommen. Hab ich schon erlebt. Bei meiner Nachttischlampe. Wackelkontakt, kosmische Störungen, was weiß ich. Werde morgen beim Fernsehfritzen anrufen, der soll sich das Gerät mal anschauen. Vielleicht sollten wir gleich einen neuen kaufen. Röhrengeräte sind so was von out.
Wo ist die Fernbedienung? Habe ich wohl vorhin auf`s Sofa geworfen. Am besten ich ziehe den Stecker. Ist sicherer. Nicht das der durchschmort und abbrennt, während ich schlafe.

„Kathy! Kathy!“

Das ist Lissi! Wo ist sie und warum schreit die so? Ich tauche zwischen den Sofakissen auf, die Fernbedienung in der Hand.

„Lissi! Wo bist du?“

„Hier!“, brüllt sie hysterisch.

Ich höre dumpfes Tok-Tok. Mein Blick fällt auf den Fernsehbildschirm. Das kann nicht sein! Unmöglich! Katrin steht im Pyjama in einer Zelle im Hochsicherheitstrakt in dem die Todeskandidaten untergebracht sind. Sie donnert mit den Fäusten gegen die Innenseite des Fernsehers. Dabei lässt sie den bulligen Gefangenen, der ihr mit einem tückischen Grinsen näher kommt, nicht aus den Augen. Ich erkenne ihn wieder. Das ist der Kerl, den sie vorhin in der Doku gezeigt haben. Der hat zehn Frauen vergewaltigt und umgebracht. Von denen sie wissen. Ein Irrer! Psychopath, Soziopath. Ich schätze, ich habe bei „Criminal Minds“ nicht aufgepasst. Was ist hier los!

„Bist du es wirklich?“

„Was denkst du?! Kannst du nicht gucken?!“, schreit Lissi außer sich.

„Lissi, komm da raus. Sofort!“, brülle ich.

„Wie denn?!“

„Keine Ahnung! Wie bist du darein gekommen?“

„Weiß auch nicht. Hol mich raus! Jetzt!“

Lissi fängt an zu heulen. Ich krieg`ne Gänsehaut und Panik. Der Häftling lacht. Er steht dicht hinter ihr. Er sagt etwas, dass ich nicht verstehe. Scheiße, was kann ich tun.

„Soll ich ausschalten?“, schreie ich.

„Nein! Bloß nicht. Tu irgendwas!“

„Aber was?“

Das Grauen lähmt mich. Ich stehe hilflos da und sehe zu, wie der Kerl Lissi in eine Ecke drängt und ihr die Kleider vom Leib reißt. Sie tritt und schlägt, schreit wie von Sinnen. Oh Gott, was kann ich tun? Ich dreh gleich durch.

„Ich rufe jetzt in dem Gefängnis an. Halte durch!“

Die denken bestimmt, da ist`ne Bekloppte am Telefon, sollte ich es überhaupt schaffen nach Amerika durchzukommen. Aber was Besseres fällt mir nicht ein. Ich stürze zum Telefon. Jemand packt mich am Shirt, reißt mich zurück und hält mich im Würgegriff.

„Du rufst nirgendwo an, Schätzchen“, höre ich eine bösartige Stimme an meinem Ohr. „ich will auch ein bisschen Spaß haben.“

Alles Liebe und einen guten Start ins Jahr 2015! Mit vielen kreativen Stunden und Inspirationen!

Eure Caro

Read Full Post »

Seline ließ ihren Stift sinken und dachte an die lauten Straßen Londons. Manchmal vermisste sie das pulsierende Leben, die Pubs und die Clubs, in denen sie bis in die frühen Morgenstunden tanzte.

In Carrigan gab es eine Bar, das Golden Goose, für alles: Tanzvergnügen, Sportwetten, Billard, Steakhouse und Kaffeekränzchen. Seline seufzte. Was sagte Oma Mary immer, wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Von dieser Warte aus, hätte es Seline schlechter treffen können. Sie hatte ein eigenes Büro, auf dessen Tür ihr Name stand und eine eigene Sekretärin, wenn man Anna-Luise so bezeichnen konnte.

In ihrer Londoner Kanzelei waren die Sekretärinnen top gestylt. Make up, Haare vom Coiffeur, und das schicke Business Kostüm mit Pumps gehörte zur Grundausstattung. Anna-Luise trug Jeans, Turnschuhe, dazu T-Shirts mit den wildesten Logos und Aufdrucken und eine Frisur, die an einen Punk-Irokesen erinnerte. Anna-Luise war im Grunde gegen alles. Rebellion war für sie ein Lebensstil und kein Anliegen. Aber was Recherche und Computerkenntnisse betraf machte ihr keiner etwas vor. Neuliche hatte sie sich in den Rechner des CSIS gehackt. Das war wirklich eine große Nummer.

Seline war immer noch erstaunt, was Anna-Luise in so einem Kaff wie Carrigan verloren hatte. Seline fragte sie einmal danach, aber Anna-Luise blockte dieses Thema rundweg ab. Seitdem hegte Seline den Verdacht, dass ihre Sekretärin entweder auf der Flucht vor dem Gesetze lebte oder in einem Zeugenschutzprogramm steckte.

Selines Handy klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Seit wann gab es im „Golden Goose“ ein Netz? Sie erkannte die Nummer und ahnte Schreckliches. Niemand hatte dort Empfang, aber wenn ihre Mutter anrief, gab es kein Funkloch, in das sich Seline verkriechen konnte. Sie zögerte, aber nach dem das Handy gefühlte 20 Mal geklingelt hatte, gab sie auf. Ihre Mutter würde es wieder versuchen, da konnte sie das Gespräch auch gleich führen.

„Hallo Mama.“

„Ich habe so oft auf deine Mailbox gesprochen, wieso rufst du nicht zurück?“

„Dir auch einen schönen Tag Mutter!“

„Mutter, Mutter, treuloses Kind. Erst machst du dich bei Nacht und Nebel aus dem Staub und dann meldest du dich nicht mehr.“

Seline verdrehte die Augen.

„Und verdreh nicht deine Augen.“

Seline sah sich erschrocken um. Sie erwartete direkt in das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, aber sie war allein.

„Ich kenne dich Missy.“

„Mutter ich bin beinahe dreißig Jahre. Ich weiß, was ich tue.“

„Aber scheinbar nicht, was du mir antust!“

Die Stimme von Miss Monroe kippte ins Hysterische.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so verlassen hast.“

„Zum hundertsten Mal! Ich habe dich nicht verlassen. Ich wollte nur endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Das hättest du auch hier tun könne. Dein Vater hätte dir eine Kanzelei eingerichtet.“

„Ich wollte unabhängig sein Mutter. Verstehst du?“

„Ich verstehe gar nichts. Willst du uns bestrafen?“

Seline schüttelte den Kopf. Ihre Mutter würde nie verstehen, dass Seline nicht die kleine Tochter des großen Strafverteidigers Sir Albert Monroe sein wollte. Sondern Seline Monroe, Anwältin. Dass sie dafür bis nach Kanada gehen musste, hätte sie nicht gedacht, aber so lag immerhin der Atlantik und ein Teil der kanadischen Wildnis zwischen ihr und ihren Eltern.

Plötzlich erklang ein Piepton vom anderen Ende der Leitung. Das Netz war zusammengebrochen. Seline sandte ein Stoßgebet zum Himmel, der große Handynator hatte ein Einsehen und sie von ihrer Mutter erlöst. Vorerst. Vor Anna-Luise verschonte er sie nicht.

„Da sind sie ja. Ich habe sie überall gesucht!“

Anna-Luise ließ sich auf die gegenüberliegende Polsterbank fallen. Ihr Iro war heute gelb-grün und auf ihrem T-Shirt prangte ein riesiges Hanfblatt mit dem Logo „Gebt das Hanf frei“. Seline überlegte einen Moment, ob sie protestieren sollte. Immerhin war sie Anwältin und dem Gesetz verpflichtet. Andererseits, was machte das schon? Weniger Mandanten würde sie dadurch nicht haben, denn sie war die einzige Anwältin im Umkreis von 150 Meilen.

„Überall gesucht, finde ich etwas übertrieben“, wandte Seline ein.

„Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen“, Anna-Luise sah Seline an, als hätte sie es mit einem zurückgeblieben Kind zutun. „Sie wissen was ich meine. Ich bin auch nur gekommen, weil der Mann am Telefon gesagt hat, es wäre dringend. Sie sollen sofort zum Bearscreek – Hotel kommen.“

„Und wer war der Mann am Telefon?“, Selines Geduld war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft.

„Ich glaube, Mister North.“

„Sie glauben? Es geht um Fakten und Tatsachen. Das ist in meinem Beruf essenziell.“

„Fakten, Fakten, Fakten“, betete Anna-Luise herunter, „wenn sie mich nachts wecken, würde mir das als erstes einfallen. – Was ist jetzt? Fahren wir nach Bearscreek raus oder nicht?“

„Wir?“

„Ja wir. Ich habe keine Lust den ganzen Tag in dem muffigen Büro zu hocken, das ist mal eine Abwechslung.“

„Meinetwegen. Aber ich fahre! In ihr Auto steige ich nie wieder.“

Seline dachte mit Schrecken an die Todesangst, die sie ausgestanden hatte, als sie vor drei Wochen mit Anna-Luise fahren musste, weil ihr Rover in der Werkstatt war.

„Ok. Aber wenn wir nicht bald fahren, sitzt Mister North im Knast.“

Seline verschluckte sich an ihrem letzten Tropfen Kaffee.

„Knast? Was soll das heißen?“

„Der Bulle meint, Mister North hätte seinen Bruder um die Ecke gebracht.“

„Und das sagen sie mir erst jetzt?!“

„Würde es dann schneller gehen?“

Anna-Luise sah Seline mit einem Unschuldsblick an. Seline ignorierte sie, legte das Geld auf den kleinen Teller und eilte zur Tür.

„Los Anna-Luise! Schlafen sie nicht ein“, rief sie ihrer Sekretärin über die Schulter zu, „sonst fahre ich ohne sie.“

Seline dachte an ihre Mutter. Anna-Luise wäre genau der Typ Mensch, den sie ihrer Mutter gönnte und umgekehrt. Vielleicht sollte sie die beiden zusammen auf eine einsame Insel schicken. Wer von beiden wohl zuerst einen Nervenzusammenbruch erleiden würde? Seline grinste. Der Gedanke verbesserte ihre angeschlagene Laune immerhin soweit, dass sie die Fahrt nach Bearscreek genießen konnte. …

Read Full Post »

Postkartentext – von einem Schreibpartner

(auf der Karte ist ein Indiansummer-Wald hinter einem See mit Kanu zu sehen)

Hallöchen Schwesterherz,

du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön es hier ist. Kanada ist ein Traum. Zuerst hatte ich echt Schiss, dass es mir hier zu ruhig wird, aber ich kann dir nur eins sagen, damit kann ich leben. Es ist einfach nur himmlisch, nicht jeden Morgen von dem melodischen Gebrüll unserer lieblichen Mutter geweckt zu werden. Sogar die Kreissägen im nahe gelegenen Sägewerk klingen sanfter! J Aber du fehlst mir dafür umso mehr. Ich denke an dich und hab dich lieb.

1000 Drücker, bis bald

Seline

Text von mir:

Seline ließ ihren Stift sinken und dachte an die lauten Straßen Londons. Manchmal vermisste sie das pulsierende Leben, die Pubs und die Clubs, in denen sie bis in die frühen Morgenstunden tanzte. Hier in Carrigan gab es eine Bar, dass Golden Goose, für alles. Tanzvergnügen, Sportwetten, Billard, Steakhaus und Kaffeekränzchen.

Seline seufzte. Was hatte Oma Mary immer gesagt: wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Und von dieser Warte ausgesehen hätte sie es auch schlechter treffen können. Seline hatte ein eigenes Büro, auf dessen Tür ihr Name stand, eine Sekretärin, wenn man Alissa so bezeichnen konnte.

In ihrer Londoner Kanzlei waren die Sekretärinnen immer top gestylt. Make up, Frisur vom Coiffeur, und das schicke Business Kostüm mit Pumps gehörte zur Grundausstattung. Alissa trug Jeans, Turnschuhe, dazu T-Shirts mit den wildesten Logos und Aufdrucken. Ihre Frisur erinnerte stark an einen Punk-Irokesen. Alissa war im Grunde gegen alles. Rebellion ein Lebensstil und kein Anliegen. Aber was Recherche und Computerkenntnisse betraf, machte ihr niemand etwas vor. Neulich hackte sie sich sogar in den Rechner des CSIS, das war wirklich eine große Nummer.

Seline war immer noch erstaunt darüber, was Alissa in so einem Kaff wie Carrigan verloren hatte. Bei Nachfragen blockte sie sofort ab. Seitdem hegte Seline den Verdacht, dass ihre Sekretärin entweder auf der Flucht vor den Gesetzesvertretern lebte oder in einem Zeugenschutzprogramm steckte.

Selines Handy klingelte. Erschrocken zuckte sie zusammen. – Um Himmelswillen, seit wann gibt es im „Golden Goose“ ein Netz? – Sie erkannte die Nummer und ahnte Schreckliches. – Na klar, niemand hat hier Empfang, aber wenn meine Mutter anruft, dann gibt es kein Funkloch das groß genug ist, um mich darin zu verkriechen. – Seline zögerte. Nachdem das Handy gefühlte zwanzig Mal geklingelt hatte, gab sie auf. Ihre Mutter würde es wieder versuchen, da konnte sie dieses Gespräch auch gleich führen. Seline nahm den Anruf an und wappnete sich innerlich gegen die kommende Tirade.

„Hallo Mama.“

„Ich habe schon sooft auf deine Mailbox gesprochen, wieso rufst du nicht zurück?“

„Dir auch einen schönen Tag, Mutter!“

„Mutter, Mutter! Treuloses Kind. Erst machst du dich bei Nacht und Nebel aus dem Staub und dann meldest du dich nicht mehr.“

Seline verdrehte die Augen. – Nacht und Nebel, na klar!-

„Und verdreh nicht deine Augen.“

Seline sah sich erschrocken um. Sie erwartete direkt in das Gesicht ihrer Mutter zu sehen, aber sie war allein. – Woher weiß sie das? –

„Ich kenne dich, Missy.“

Kam die Antwort postwendend. – Und Gedankenlesen kann sie auch. –

„Mutter, ich bin beinahe dreißig Jahre alt. Ich weiß was ich tue.“

„Aber scheinbar nicht, was du mir antust!“

Die Stimme von Miss Monroe kippte ins Hysterische.

„Was habe ich dir getan, dass du mich so verlassen hast.“

„Zum hundertsten Mal! Ich habe dich nicht verlassen. Ich will endlich auf eigenen Beinen stehen.“

„Das hättest du auch hier in London tun können. Dein Vater hätte dir eine Kanzelei eingerichtet.“

„Aber ich will unabhängig sein, Mutter. Verstehst du?“

„Ich verstehe gar nichts. Willst du uns bestrafen?“

Seline schüttelte den Kopf. – Mutter wird nie verstehen, dass ich nicht ewig die kleine Tochter des großen Strafverteidigers Sir Albert Monroe bleiben will, sondern Seline Monroe, Anwältin. Dass ich dafür bis nach Kanada gehen muss, habe ich zwar nicht gedacht, aber so liegen wenigstens der riesige Atlantik und ein Teil der kanadischen Wildnis zwischen mir und ihnen. –

Plötzlich erklang ein Piepton vom anderen Ende der Leitung. Das Netz war zusammengebrochen. Seline sandte ein Stoßgebet zum Himmel, der große Handynator hatte ein Einsehen und sie von ihrer Mutter erlöst. Vorerst. Vor Alissa verschonte er sie nicht.

„Da sind sie ja. Ich habe sie schon überall gesucht!“

Alissa ließ sich auf die gegenüberliegende Polsterbank fallen. Ihr Iro war heute Morgen gelb-grün und auf ihrem T-Shirt prangte ein riesiges Hanfblatt mit dem Logo „Gebt das Hanf frei“.

Seline überlegte einen Moment, ob sie gegen Alissas Outfit protestieren sollte. Immerhin war sie Anwältin und dem Gesetz verpflichtet. – Andererseits, was macht das schon? Weniger Mandanten werde ich dadurch nicht haben. Als einzige Anwältin im Umkreis von 150 Meilen.-

„Überall gesucht finde ich etwas übertrieben, wenn man bedenkt, dass Carrigan nur zwei Hauptstraßen und vielleicht 15 Nebenstraßen hat“, wendete Seline ein.

„Sie müssen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Und Carrigan hat 23 Nebenstraßen!“, Alissa sah Seline an, als hätte sie es mit einem zurückgeblieben Kind zutun. „Sie wissen was ich meine. Ich bin auch nur gekommen, weil der Mann am Telefon gesagt hat, es wäre dringend und sie sollen sofort zum Bearscreek – Hotel kommen.“

„Und wer war der Mann am Telefon?“, Selines Geduld war nach dem Gespräch mit ihrer Mutter erschöpft.

„Ich glaube der Bulle.“

Alissa zuckte gleichgültig, mit den Schultern. Sie machte sich nichts aus Polizisten, um nicht zu sagen, sie hatte eine Antipathie ihnen gegenüber.

„Sie glauben es war Sheriff Cole? Es geht um Fakten und Tatsachen. Das ist in meinem Beruf essenziell.“

„Fakten, Fakten, Fakten“, betete Alissa herunter, „wenn sie mich nachts wecken, würde mir das als erstes einfallen. – Was ist jetzt, fahren wir nach Bearscreek raus oder nicht?“

„Wir? Ich denke, sie mögen keine Bullen.“

„Tu ich auch nicht. Aber bei dem Wetter habe ich keine Lust den ganzen Tag in dem muffigen Büro zu hocken, während sie sich einen schönen Tag am See machen.“

„Meinetwegen. Aber ich fahre! In ihr Auto steige ich nie wieder.“

Seline dachte mit Schrecken an die Todesangst, die sie ausgestanden hatte, als sie vor drei Wochen mit Alissa fahren musste, weil ihr Rover zur Inspektion in der Werkstatt war.

„OK. Aber wenn wir nicht bald fahren, sitzt Mister North im Knast.“

Seline verschluckte sich an ihrem letzten Tropfen Kaffee.

„Mister North in den Knast? Was soll das heißen?“

„Der Bulle ist der Ansicht, Mister North hätte seinen Bruder um die Ecke gebracht. Deswegen sollen sie ja hinfahren.“

„Und das sagen sie mir erst jetzt?!“

„Wäre es sonst schneller gegangen?“

Alissa sah Seline mit einem Unschuldsblick an. Seline beschloss sie zu ignorieren. Sie legte das Geld auf den kleinen Teller neben die Rechnung und eilte zur Tür.

„Los, Alissa, schlafen sie nicht ein“, rief sie ihrer Sekretärin über die Schulter zu, „sonst fahre ich ohne sie.“

Alissa war genau der Typ Mensch, den Seline ihrer Mutter gönnte und umgekehrt. – Vielleicht sollte ich die beiden zusammen auf eine einsame Insel schicken. Wer von beiden wohl zuerst einen Nervenzusammenbruch bekäme? – Seline grinste. Der Gedanke verbesserte ihre angeschlagene Laune immerhin soweit, dass sie die Fahrt nach Bearscreek genießen konnte, obwohl sie Alissa im Schlepptau hatte.

Der Anfang dieser Krimistory entstand in einem Schreibkurs. Der Text auf der Postkarte wurde von einer Mitschreiberin geschrieben, was mich zu der folgenden Geschichte inspirierte.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: