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Posts Tagged ‘Lancelot’

„Oh, Miss, wie schön, dass sie da sind!“, höre ich die dienstbeflissene Stimme des Bahnhofsvorstehers, „es hat ja lange gedauert, aber heute fährt endlich wieder ein Zug.“

„Wie lange hat es denn gedauert?“, frage ich vorsichtig und ich befürchte insgeheim, die Antwort könnte mir nicht gefallen.

„Nun, der Aufenthalt bei Lady Shelley muss sehr unterhaltsam gewesen sein, wenn sie sich nicht mehr erinnern, wie lange sie hier waren.“ Er lächelt Beifall heischend. „Immerhin ist es schon drei Monate her, dass sie angekommen sind.“

Drei Monate!? Das kann nicht sein. Darf einfach nicht sein.

„Sind sie sicher?“, frage ich ängstlich nach, es könnte ja möglich sein, dass ich mich verhört habe.

„Aber ganz sicher, Miss“, er reckt sich zu voller Größe auf, „ich bin Bahnhofsvorsteher und muss darüber bescheid wissen.“

Der Mann nimmt meinen Koffer und schleppt ihn in den Bahnhof. Antriebslos folge ich ihm. Drei Monate. Raoul. Drei Monate. Der Zug steht auf den Gleisen. Der Schaffner läuft aufgeregt auf und ab.

„Miss, endlich“, atemlos bleibt er vor mir stehen, „wir warten schon seit einer halben Stunde auf sie. Da wird der Zugführer aber ordentlich Kohle schaufeln müssen, um die Zeit wieder aufzuholen. – Kommen sie, steigen sie ein!“

Der Bahnhofsvorsteher wuchtet meinen Koffer in den Zug und schubst mich fast hinter her. Eine halbe Stunde warten? Drei Monate! Ich stehe kurz vor einer Krise. Der Schaffner steigt in den Wagon, lässt den schrillen Ton seiner Trillerpfeife ertönen und schwenkt seine Kelle.

„Gute Reise, Miss.“

Der Bahnvorsteher schwenkt seine Mütze zum Abschied und der Zug setzt sich mit quietschenden Rädern in Bewegung. Ich gehe in ein leeres Abteil, lasse mich erschöpft in den Sitz am Fenster fallen und sehe hinaus. Das kann doch nicht wahr sein? Mein Verstand will nicht verstehen, was mein Herz gesehen hat.

„John, was hast du getan“, flüstere ich.

„Darf es etwas sein? Ein Kaffee vielleicht?“, reißt mich die freundliche Stimme einer Zugbegleiterin aus meinen Gedanken.

„Ja, gerne. Ich habe heute Morgen noch keinen getrunken.“

Mein Magen knurrt.

„Hätten sie auch etwas Essbares?“

„Aber sicher doch. Sie sehen aus, als hätten sie eine schlimme Nacht hinter sich.“

Die nette Dame gießt mir einen großen Becher Kaffee ein und reicht mir einen Teller mit zwei Muffins. Sie verströmen einen tröstlichen Duft nach Frischgebackenem.

„Ja, da haben sie Recht“, sage ich und denke, „drei Monate! Drei!“

Die Dame nickt mir mit einem liebenswürdig Lächeln zu.

„Machen sie sich keine Sorgen, Zeit heilt alle Wunden.“

„Danke“, erwidere ich.

Und die Wunde wird alle Zeiten heilen. Ich habe Raoul verloren, John hat sich für mich geopfert und Lancelot irrt durch die Zeit, um mich zu beschützen. Ich nippe an meinem Kaffee und ein paar Tränen fallen in die heiße Flüssigkeit. Ich fürchte, ich bin nicht nur verloren, sondern auch verflucht. Was sagte Lancelot damals? Es gibt jemand der Menschen verfolgt, die Welten von Fantasie in sich tragen und ich würde zu diesen besonderen Menschen gehören. Kann das wahr sein? Dann wünschte ich, dass sie in diesem Moment verfliegt, damit niemand meinetwegen mehr leiden muss.

„Wünsch dir das niemals!“

Lancelot sitzt plötzlich neben mir.

„Aber siehst du nicht, was geschieht?“, frage ich verzweifelt.

„Alles wird gut“, beruhigt mich Lancelot und streicht zärtlich über meine Hand, „glaub mir. Aber wünsch dir nie wieder, den Verlust deiner Fantasie. Wenn du dies tust, hat ER schon gewonnen und alles was ich und die anderen erlitten haben, wird umsonst gewesen sein.“

„Was soll ich tun?“

„Das, was deine Bestimmung ist. Du musst finden, was du suchst und dein Schicksal erfüllen.“

Mutlos sehe ich Lancelot an.

„Was ist mein Schicksal?“

Lancelot lächelt und küsst sanft meine Hände.

„Sieh in dein Herz und du wirst es wissen.“

Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen. Er löst sich in einem Bündel aus Sonnenlicht auf, der durch das Abteilfenster fällt. Zurück bleiben nur die schwebenden Staubpartikelchen, die in den goldenen Strahlen blinken, wie glitzernde Fischschuppen.

„Sei eine Geschichtenerzählerin“, höre ich ein Flüstern.

„Geschichtenerzählerin“, murmele ich.

Das wollte ich schon immer sein, aber ich traute mich nicht. Ich las gerne vor, wenn andere mich darum baten, aber eigene Geschichten erzählen? Bin ich dazu fähig? Lancelot sagte, ich sollte auf mein Herz hören, aber ich habe gerade nicht das Gefühl, mein Herz könnte mir irgendetwas Zuverlässiges sagen. Da war die Sache mit John. Während ich Liam als Freund betrachten kann, ist die Sache mit John anders gelagert. Ich kann hören, was mein Herz mir sagt:

„Er hätte der Richtige sein können.“

Und ich bin ehrlich genug es zuzugeben. Ich hatte es gespürt. Aber es war nur ein „hätte“. Denn ich habe mein Herz schon längst verschenkt. Raoul hatte es mit genommen, als er mich verließ. John füllte diese Lücke und ich hatte solche Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit, dass ich mir keine Gedanken machte. Raoul hat mir das Kostbarste gestohlen, die Freiheit. Ich kann nicht lieben, wen ich will, denn Raoul lässt es nicht zu. Solange er mein Herz in Händen hält, bin ich verlorener denn je. Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss versuchen mein Herz zurückzuholen. Ich liebe ihn voller Schmerz, aber ein Geschichtenerzähler braucht das Glück genauso, wie den Schmerz. Wir können keine Gefühle auslassen. Freude, Trauer, Angst, Erleichterung, Hochmut, Bescheidenheit, Liebe und Hass, gehören zu unserer Fantasie. Meine Suche wird also weiter gehen. Der Duft der Muffins dringt immer stärker in meine Gedanken. Ich spüre meinen Hunger, nehme das Muffin mit dem feinen Schokoladenguss und beiße hinein. Eine Welle des Wohlgefühls durchströmt mich. Ich werde einen Weg finden, die zu sein, die ich bin.

Ich erwache aus einem tiefen dunklen Schlaf. Ich bin mir sicher, dass ich etwas geträumt habe, denn ein beunruhigendes Gefühl hat mich erfasst. Außerdem fühle ich mich zerschlagen und gereizt. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich das letzte Mal in einem weichen Bett geschlafen habe. Der Zug durchquert eine steppenartige Landschaft unter einem stahlgrauen Himmel, der heftige Windböen über die niedrigen Gräser jagt. Mir ist kalt. Ich hole einen breiten Wollschal aus meinem Koffer und hülle mich darin ein. Ich bemerke eine silberne Thermoskanne, an der ein Zettel hängt. „Mit besten Grüßen, der Bordservice“, steht darauf. Dem Himmel sei dank, wenigstens ein Kaffee zum Aufwärmen. Froh über das fürsorgliche Geschenk, öffne ich die Kanne und gieße mir einen Kaffee ein. Ich trinke in kleinen Schlucken und genieße es, das heiße Getränk meine ausgetrocknete Kehle hinab laufen zu lassen. Ich seufze leise. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eins der Notizbücher zur Hand. „Beginn eines unbekannten Zeitalters“

Ich schlage es auf der ersten Seite auf und beginne zu lesen:

„Ich war verliebt. So verliebt, wie man es nur sein kann. Nicht in irgendetwas Bestimmtes oder in irgendjemand. Nein, ich war verliebt in das Leben und die Liebe an sich. Ich erhielt mir diese Verliebtheit manchmal sogar auf künstliche Weise. Nur um diesen Rausch, die Ekstase zu verspüren und in einen unglücklich, glücklichen Zustand zu gelangen, der meine Kreativität und meine Inspirationen, gemeinhin als Musenküsse belächelt, frei zu setzen.

Das gelang mir in dem ich, sobald ich eines schönen Mädchens ansichtig wurde, ein romantisches Gefühl für sie entwickelte und in ihr meine große Liebe erkannte, bis mir das nächste Mädchen über den Weg lief. So wurde mir niemals langweilig, da ich nach Belieben eine neue Romanze aus meinen Fantasien schöpfen konnte, ohne jemals in das triste Gefühl eines grauen Alltags abgleiten zu müssen. Die Herzen der Mädchen flogen mir zu und ich konnte mir aussuchen, wem ich mein Herz, oder dass was ich dafürhielt, schenken wollte. Mein Leben malte sich in den buntesten Farben, ohne jemals den bittersüßen Scherz des Verlassenen zu spüren, da ich immer einer neuen Raupe begegnete, die sich in meinen Illusionen zu einem Schmetterling verwandelte.

Damals wusste ich noch nichts von der Liebe, obwohl ich dachte, alles zu wissen. Dann kam der Tag, an dem ich erfahren sollte, was Liebe ist. Das neue unbekannte Zeitalter begann damit, dass ich erkannte, dass ich meine beste Freundin Sara liebte. Wir kannten uns seit Kindertagen, hatten Freud und Leid geteilt. Jeder kannte den Gedanken des anderen, ohne ihn ausgesprochen zu haben. Durch verwickelte Umstände verließ sie mich, weil sie dachte, ich hätte mich ernsthaft in ein anderes Mädchen verliebt. Und noch bevor ich es wusste, wusste Sara, dass zwischen uns mehr war als Freundschaft. Um meine Beziehung zu dem anderen Mädchen nicht zu gefährden, ging sie fort. Es dauerte nicht lange und ich spürte, dass mir etwas fehlte. Sara. Ich dachte immer an sie. Kaum eine Minute verging, in der ich nicht daran dachte, was Sara jetzt sagen oder tun würde, ob sie sich ärgern, oder glücklich sein würde. Nachts sah ich ihr Gesicht in meinen Träumen, spürte ihren biegsamen warmen Körper in meinen Armen, nur um am Morgen aufzuwachen und allein zu sein. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mich so einsam und leer gefühlt. Mein törichtes Herz hatte meine wechselnden Schwärmereien für Liebe gehalten, aber die wahre echte Liebe hatte ich nicht gesehen, obwohl sie direkt vor mir gestanden hatte. So begann die Suche nach Sara, meiner einzig wahren Liebe.“

Ich blättere die Seite um und lese weiter. Mit einer Neugier, die man beinahe voyeuristisch nennen könnte, sauge ich die Sehnsüchte eines Mannes auf, der mir noch nie begegnet ist. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass der nette Herr Grimm diese Texte nicht selbst geschrieben hat.

„An die Geliebte:

Mein Herz zerspringt vor Sehnsucht. Keine Minute vergeht, in der ich nicht an dich denke. Ich sehe dich vor mir, wie bei unserer ersten Begegnung. Je weiter du fort bist, um so mehr verzehre ich mich nach dir. Meine Seele ist leer ohne deine Liebe. Wo bist du? Gib mir ein Zeichen dich zu finden. Meine Tränen füllen Ströme. Mein Herzblut tropft in einem fort. Du bist mein Herz, mein Leben. Gib mir ein Zeichen, dass ich hoffen kann, wo es keine Hoffnung mehr gibt. Meine Einsamkeit lässt mich erfrieren und doch wärmt meine Liebe zu dir mein krankes Herz. Im Fieber seh ich dein Gesicht, deine dunklen Augen verbrennen meine Seele, deine Lippen kosten meine salzigen Tränen. Warum gingst du ohne ein Wort? Meine Verzweiflung verschlingt mich, ein Abgrund in der Nacht. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, nicht atmen ohne dich. Liebe ist wie ein wildes Tier. Hat dich ihr Biss erst infiziert, gibt es keine Heilung. Nimm mir alles, nackt und bloß will ich vor dir sein, aber nimm mir nicht deine Liebe. Meine Haut sehnt sich nach deinen Liebkosungen, mein Körper verzehrt sich nach deinem, meine Lippen suchen deinen Mund. Ohne dich gibt es nichts. Du bist Anfang und Ende. Mein Leben, meine Liebe beginnen mit dir, enden mit dir. Durch dich hab ich mich gefunden. Als du fortgingst hab ich mich verloren. Ich erinnere meine Träume, alle sprechen von dir. Deine Augen wachen über meinen Schlaf. Vergiss mich nicht. Komm zurück und liebe mich.“

Ich schließe die Augen und presse das Buch an meine Brust. Die Worte haben mir aus der Seele gesprochen. Ganz fest stelle ich mir Raouls Augen, sein Lächeln und seine Hände vor. Ich spüre, wie seine Fingerspitzen über die empfindliche Haut an meinem Hals gleiten. Fühle seine sinnlichen Lippen, die den gleichen Weg nehmen, über meine Wangen, meine Stirn und meine Nase, bis zu meinem Mund.

„Hallo, ist alles Ok mit ihnen?“

Erschrocken reiße ich die Augen auf und lasse mein Buch fallen.

„Sorry, ich wollte sie nicht erschrecken“, sagt ein schöner Mund, der zu einem ebenmäßigen Gesicht gehört und aus dem mich zwei dunkelbraune Augen neugierig anschauen.

„Dann hätten sie das nicht tun sollen!“, erwidere ich wütend, reiße ihm das Notizbuch aus der Hand, dass er aufgehoben hat und mir entgegenhält.

„Ich bin übrigens Justin“, stellt er sich vor und streckt mir die Hand entgegen.

Sein entwaffnendes Lächeln macht es mir schwer zornig zu bleiben und ich lege meine Hand in seine.

„Ich bin Noelle“, entgegne ich.

„Schön sie kennenzulernen, Noelle. Darf ich fragen, wohin sie reisen?“, fragt Justin und setzt sich mir gegenüber.

„Sie dürfen fragen, aber ich muss ihnen nicht antworten.“

„Sie scheinen eine misstrauische junge Dame zu sein“, stellt Justin amüsiert fest.

„Früher war das nicht so, aber ich fürchte, dass ich vorsichtiger werden muss, wenn ich mein Ziel erreichen will.“

Justin sieht mich interessiert an, oder sollte ich sagen, er mustert mich ausgiebig. Lässig hat er die Beine übereinandergeschlagen. Sein enges Shirt lässt einen Blick auf seinen trainierten Körper zu, und seine gepflegten Hände hat er ineinander verschränkt in seinen Schoß gelegt. Ein bemerkenswertes Bild aus Selbstbewusstsein und gutem Aussehen. Ich muss zugeben, dass mir ein Mann mit so einem Auftreten noch nicht oft begegnet ist, um nicht zusagen, nie. Es sei denn, er hätte ein gewisses Alter und ein Bewusstsein erreicht, dass ihm dieses Auftreten sichert. Justin ist noch keine dreißig Jahre alt, aber seine Selbstsicherheit ist die eines gereiften, erfahrenen Mannes. Diese Mischung aus Jugend und Reife wirkt sehr anziehend, ja geradezu aufreizend attraktiv. Besonders da Justin sie auf ganz natürliche Weise ausstrahlt. Nichts Aufgesetztes oder Falsches ist an seinem Auftreten zu erkennen.

„Gefällt ihnen was sie sehen?“, fragt er spöttisch.

„Dasselbe könnte ich sie auch fragen“, erwidere ich schlagfertig.

„Touche!“

Justin lacht und die winzigen Fältchen um seine Augen geben ihm den letzten Schliff.

„Sie sind sehr dreist“, bemerke ich, „wir kennen uns nicht und sie stellen solche Fragen.“

„Ich würde das pragmatisch nennen. Denn, wie sie ja wissen, ist Zeit ein relativer Faktor. Da wir uns in einem Zug befinden, aus dem einer von uns demnächst aussteigen könnte, muss man diese Dinge sobald wie möglich klären.“

Vor Erstaunen bleibt mir der Mund offen stehen. Die Direktheit mit er diese These in den Raum stellt, haut mich um.

„Mit welchem Ziel“, frage ich, „müssen sie das feststellen?“

Justin grinst und beugt sich vor. Seine Augen dringen dabei tief in meinen Blick.

„Muss ich dir auf diese Frage tatsächlich eine Antwort geben?“

Ich kann es nicht glauben. Er ist nicht nur dreist, er ist geradezu frech und mein Herzschlag erhöht sich um einige Schläge, während mir die Hitze ins Gesicht steigt.

„Seit wann duzen wir uns?“, frage ich aus Ermangelung einer besseren Idee.

Justin hält meinem empörten Blick stand und schmunzelt nur zufrieden. Es macht ihm Spaß mich aus der Fassung zu bringen. Ich sollte meine Sachen packen und das Abteil wechseln. Noch ehe ich mein Buch in meinem Rucksack verstaut habe, hält mir Justin eine kleine Metalldose unter die Nase. Sie sieht antik aus, ein kleines Kunstwerk. Kleine Blüten sind darauf eingraviert. Justin schüttelt das Döschen.

„Kandierte Veilchen“, lockt er mit sanfter Stimme, „mit Vanille- und Schokoladenaroma.“

Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ich zögere einen Moment zu lange. Justin hat den Deckel der Dose entfernt und ein unwiderstehlicher Duft strömt mir entgegen. Noch nie habe ich solch ein berauschendes Aroma gerochen. Dabei dachte ich, eine Kennerin von Schokoladen aller Art und Geschmacksrichtungen zu sein. Justin hält mir die Dose hin und schaut mich mit seinem unergründlichen Blick an, der mich immer tiefer in einen Strudel reißt. Mein Sinn, meine Geschmacksnerven verspüren ein unbändiges Verlangen nach dieser Süßigkeit. Dieses verheißungsvolle Aroma gepaart mit Justins betörendem Blick lässt alle Dämme brechen und als er fragt:

„Was bekomme ich dafür?“

Erwidere ich nur:

„Alles, was du willst.“

Justin setzt sich neben mich, die Dose in der Hand und flüstert mir mit rauer Stimme ins Ohr:

„Du weißt, was das bedeutet?“

Ich nicke hilflos.

„Ich will dich. Aber nicht nur deinen Körper. Ich will deine Hingabe mit ganzer Seele.“

Bei diesen Worten läuft ein Schauer durch meinen Körper. Der Duft der Süßigkeit, seine intensive Nähe, der Sog seiner Worte und dieser hypnotische Blick machen mich schwach, lähmen meinen Willen. Je länger er neben mir sitzt und mir zärtliche Worte zuflüstert, um so mehr verliere ich den Sinn für die Wirklichkeit. Seine Gegenwart und sein Zauber verschleiern meine wahren Gefühle und meine Gedanken sind schwer wie Blei. Justin dringt in meine Seele ein und ich kann nichts dagegen tun. Ich schließe die Augen, versuche mich auf Raoul zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.

„Öffne deinen Mund“, flüstert Justin.

Ich gehorche. Justin legt mir eine kandierte Blüte auf die Zunge. Wie zufällig berührt er mit den Fingerspitzen meine Lippen. Ich schließe den Mund.

„Nicht kauen“, mahnt er mich, „lass es auf der Zunge zergehen.

Ich tue, was er mir sagt. Eine Geschmacksexplosion ist die Folge. Mein Atem geht schneller, meine Haut beginnt zu kribbeln. Alles ist in mir ist in Aufruhr. Justins Lippen gleiten über meine Wange, bis zu meinem Mund und nehmen ihn in Besitz. Ich spüre, wie das Blut in meinen Adern kocht, ein Kreislauf aus Feuer und Eis. Immer schneller drehen sich meine Gedanken. Mein Verstand sackt in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

Als ich erwache, halte ich die kleine Dose in meiner Hand. Ich bin in einem Zug, auf der Reise. Alles ist in Ordnung, rattere ich diese Sätze wie Mantren herunter. Das monotone Rattern des Zuges hilft mir mein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Nach einer Weile beruhigt sich mein aufgewühlter Geist und mein erregter Körper. Justin hat sich in meine Seele geschlichen. Raffiniert und skrupellos. Hätte mir das jemand vorher gesagt, ich hätte es nicht geglaubt.

Meine Gefühle sind total durcheinander geraten und dass nicht erst seit Justin. Aber seine wissenden tiefgründigen Augen, die mir das Gefühl gaben, dass er alle meine Wünsche erfüllen könnte, hatten mir die innere Balance und Selbstverständlichkeit geraubt.

Ich fühle mich elend. Steht Justins Erscheinen mit dem Brief in Zusammenhang, den ich in dem Notizbuch gelesen habe? Hätte denn nicht Raoul erscheinen müssen? Schließlich hatte ich seine Augen gesehen und nicht Justins. Oder wahr Justin die Essenz aus allen meinen geheimen Wünschen und Neigungen, die sich durch meine Schwärmerei manifestiert haben.

Wenn ich ihn vor mir sehe, dann hat er etwas von allen Männern, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin. Sein Aussehen, seine Augen, sein Charme, seine Zielstrebigkeit und sein Wissen, das sich in seinem Verhalten mir gegenüber äußerte. Justin hatte alle versteckten Gefühle in mir angesprochen, die ich unterdrückte, weil ich auf Raoul warte. Das hatte eine Ekstase in mir ausgelöst, der ich nur durch eine Ohnmacht entkommen konnte.

Justin hätte immer mehr von mir Besitz ergriffen, bis Raoul nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung gewesen wäre. Ich muss an Lancelots Warnung vor diesem ominösen Verfolger denken, der meine Fantasie und meine Liebe fresse will, weil ihm diese Eigenschaften zuwider sind. Justin hätte meine Liebe genommen und meine Fantasie, die ich in seiner Person nährte, bis sie aufgebraucht gewesen wäre. Zum Glück hat mir mein Verstand rechtzeitig die Energie entzogen, und mich auf einen halbwegs normalen Zustand heruntergeholt, wenn man bei mir von normal sprechen kann.

Dabei fällt mir ein Mythos aus längst vergangenen Zeiten ein. Der Sukkubus. Ein Dämon, der sich von der Energie und den Träumen schlafender Menschen ernährt, mit denen sie sich nachts paaren. Wirklich eine böse Sache, wenn man überlegt, dass der Schläfer sich nicht wehren kann.

War es möglich, dass Justin so ein Sukkubus war? Mein Verstand wehrt sich dagegen, dass es einem Trugbild möglich sein sollte, mich so sehr zu beeinflussen. Das würde bedeuten, dass ich verführbar bin und mehr als mir lieb ist.

Will ich verführt werden? Ich schüttele den Gedanken ab, weil ich Angst vor der Antwort habe. Denkt Raoul noch an mich, oder lässt er sich verführen, um mich zu vergessen? Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken. Was gab es zwischen uns? Blicke, ein wildes Gefühl, dass alles durcheinander wirbelt und diese Stimme, die mich so verzaubert hat. Reicht das, um zu wissen? Lancelot, John und auch Liam haben mir versichert, dass sie mich lieben. Woher diese Gewissheit? Ist es das ständige Kreisen um diese eine Person? Was mich betrifft, muss es wohl so sein, denn Raoul geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich hoffnungslos, verzweifelt und einsam. Verloren gegangen auf meiner Reise zu mir, habe ich die Chance verpasst, den Menschen kennen zulernen, der diese eine besondere Person für mich sein könnte.

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Das Essen verlief auf angenehme Art und Weise. Meine Gastgeberin und ihre Gäste interessierten sich sehr für mich, aber ich hielt mich soweit es ging bedeckt. Ich erzählte nichts davon, dass ich ein verlorenes Kind war. Lady Shelley schien ein ausgesprochen großes Interesse an der Wissenschaft zu haben, denn die meisten der anwesenden Herren waren Ärzte, Physiker oder Chemiker. Der Einzige, der wohltuend anders war, war John. Er saß neben mir und versuchte mich, so gut es ging, von den hochtrabenden Gesprächen abzulenken. Er flüsterte mir kleine Anekdoten der gelehrten Herren ins Ohr und ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen.

Nach dem Abendessen teilt sich die Gesellschaft. Die Damen werden in den blauen Salon geführt, wo Sherry gereicht werden soll. Unterdessen begeben sich die Herren ins Raucherzimmer, um sich einen Zigarre zu genehmigen und zu fachsimpeln.

Ich trödele etwas herum und es gelingt mir, der langweiligen Damenrunde zu entwischen und in die Bibliothek zu gelangen. Leise schließe ich die Tür hinter mir. In dem großen Kamin brennt ein hell loderndes Feuer, das Buchenholz knistert leise und erfüllt den Raum mit einem angenehmen Duft. Ich schreite die langen Regalreihen entlang und kann kaum glauben, was für Klassiker sich hier verbergen. Jeder Sammler würde sich glücklich schätzen so eine Bibliothek zu besitzen. Ich nehme hier und da eines der kostbaren in weiches Leder gebundenen Bücher in die Hand. Viele sind echte Erstausgaben, aus dem Jahr, in dem sie das erste Mal gedruckt wurden. Wer auch immer diese Bücher gekauft hatte, muss eine Menge dafür ausgegeben haben. Immer weiter wandere ich in dem Regallabyrinth umher. Eins ist sicher, hier wird mich niemand so schnell finden. In der Mitte des Labyrinths steht ein Buchständer von gigantischen Ausmaßen. Darauf liegt ein ungewöhnlich großes Buch. Neugierig trete ich näher und schaue mir den Einband an. Es ist aus dunkelbraunem Leder und mit goldenen Lettern beschrieben. Die Buchstaben sind in Latein und italienisch geschrieben. Ich kann ein paar Brocken und lese etwas über Anatomie und Mensch, und einen Namen. Vor Ehrfurcht bleibt mir die Luft weg. Leonardo Da Vinci. Ich sehe mich ängstlich um, kein Laut ist zu hören. Dann schlage ich das Buch auf. Die Seiten sind aus dickem Pergament. Jede Seite ist mit detaillierten Zeichnungen der menschlichen Anatomie gefüllt. Der Mensch an sich, der Mensch ohne Haut mit Sehnen und Muskeln, nur das Skelett, die inneren Organe, Herz, Nieren usw, Augen, Zunge, Hirn und das von allen Seiten. Faszinierend zu sehen, wie genau Leonardo war, aber ich weiß, wie er zu seinen Zeichnungen kam und das ist keine angenehme Sache. Leichen sezieren, gut muss wohl sein, aber Leichen stehlen, oder frisch getöteten Verbrechern die Haut von den Knochen ziehen, ich weiß nicht, das kann nicht gut gewesen sein. Aber andererseits musste Leonardo so vorgehen, da ihn die Kirche sonst als Ketzer verurteilt hätte und vermutlich wäre er auf dem Scheiterhaufen gelandet. Wenn ich mich nicht irre, haben sie sogar Jagd auf ihn gemacht. Schade, dass die wirklich genialen Geister immer solche Probleme hatten.

„Oh, sie scheinen eine vielseitig interessierte junge Dame zu sein!“

Ich schrecke zusammen, und als ich mich umdrehe, fängt der Buchständer an zu wackeln. John kann ihn gerade noch abfangen, bevor er umkippt.

„John haben sie mich erschreckt. Mein Herz ist fast stehen geblieben.“

John lacht und nimmt meine Hand.

„So schnell bleiben Herzen nicht stehen. – Wie kommt es, dass sie aus der ehrenwerten Damengesellschaft geflüchtet sind?“

„Ich hatte keine Lust auf Gespräche über Sticken und Kinder“, sage ich und zwinkere ihm zu, „ich liebe Bücher und musste sie mir unbedingt einmal ansehen. Ich habe recht daran getan. Sie sind wundervoll. Haben sie sich die Bände schon einmal richtig angesehen? – Bestimmt. – Aber wie kommen sie eigentlich hier her? Und wie haben sie mich in dem Labyrinth gefunden?“

„Also erstens habe ich mir die Bücher angesehen, ich habe viele davon gesammelt.“

Ich schaue ihn mit großen Augen an. Wann hat er diese Bücher gesammelt und wo hat er sie aufgetrieben. Er ist kaum dreißig Jahre alt.

„Und“, fährt er fort, „ich kenne die Bibliothek wie meine Westentasche und wer sich für Bücher interessiert, der landet früher oder später bei Leonardo.“

„Donnerwetter, das ist ja ungeheuerlich.“

„Finde ich auch. Was ich besonders bedenklich finde ist, dass ein so schönes Mädchen, wie sie, diese wundervolle Nacht in einer dunklen Bibliothek verbringt. Was halten sie davon, wenn wir zum Strand hinunter gehen?“

„Das wäre wundervoll“, stimme ich begeistert zu.

Wie lange habe ich das Meer nicht mehr gesehen. Eine wilde Sehnsucht beginnt in mir zu schlagen. Das Meer.

„Komm, wir nehmen den Weg durch die Küche. Die anderen müssen nicht mitkriegen, dass wir fort sind.“

Ich kann vor Aufregung nicht sprechen und nicke nur. John sieht mich mit einem zärtlichen Blick an, schnell beugt er sich vor und küsst mich auf die Wange. Auf meinen tadelnden Blick hin sagt er entschuldigend:

„Verzeih, sie sehen so hinreißend aus, ich konnte einfach nicht anders.“

„Na, gut, ihnen sei verziehen. Komm, last uns jetzt ans Meer gehen.“

John lacht leise.

„Dann schnell, bevor sie mich auch noch vermissen.“

„Haben sie mich vermisst?“

„Was denken sie, warum ich sie gesucht habe?“

John öffnet eine geheime Tür in einer der Regalreihen. Der geheime Mechanismus ist, mich wundert gar nichts mehr, hinter Robinson Crusoe versteckt. John führt mich durch einen dunklen engen Gang, dann höre ich ein Klicken, eine weitere Geheimtür springt auf und wir stehen in der Küche. Zum Glück sind die Bediensteten schon fertig mit Aufräumen und niemand sieht wie wir das Haus durch den Dienstboteneingang verlassen. John durchquert den Garten, bis zu einer kleinen schmiedeeisernen Tür, die er mit einem Schlüssel, den aus seiner Jackentasche zaubert, öffnet. Von dort aus führt eine Steintreppe den Hügel hinab zum Strand. Ich ziehe die Schuhe aus und bohre meine Zehen in den warmen Sand. Die Wellen rollen sanft an den Strand. Ein dünner weißer Saum aus Gischt schmückt den feinen Sandstrand, wie eine Spitzenbordüre. Der riesige Mond wirft eine verschwenderische Fülle von Diamantsplittern auf das Wasser. Ich kann mich nicht sattsehen.

„Gefällt es ihnen?“, fragt John.

„Und wie! Danke! Vielen Dank! Es ist wundervoll!“

Ich umarme ihn begeistert und er legt seine Arme mich. Mein Kopf lehnt an seiner Schulter und John vergräbt seine Nase in meinem Haar. Ich spüre seine Wärme, seinen verführerischen Duft, sein Atem streicht sanft über meine Haut und ich habe plötzlich ein völlig zwiespältiges Gefühl. Ich schwanke zwischen Sicherheit, Wehmut, Liebe, Traurigkeit, Nostalgie, Deja-vu, Illusion und Realität. Ich rühre mich nicht vom Fleck und auch John hält mich ganz still in seinen starken Armen. Ich kann durch den teuren Stoff sein Muskelspiel spüren. Am liebsten würde ich die Augen schließen, mich ganz diesem Augenblick und ihm hingeben. Es kostet mich große Anstrengung es nicht zu tun, aber der Gedanke an Raoul, lässt nicht zu, dass ich mich verliere.

„Wo bist du nur so lange gewesen“, flüstert John und drückt mir einen Kuss auf die Locken.

„Ich weiß es nicht“, antworte ich leise.

„Solange habe ich auf dich gewartet und nun muss ich feststellen, dass dir ein anderer Mann begegnet ist, der dein Herz für sich eingenommen hat.“

„John“, versuche ich eine Erklärung, aber er unterbricht mich und legt mir einen Finger auf die Lippen.

„Psst! Sag nichts. Lass uns einfach hier stehen und den Augenblick genießen. Heute ist heute und morgen ist morgen.“

Ich schließe meine Arme noch fester um ihn und schmiege mich an ihn. Die Zeit hat plötzlich ihre Bedeutung verloren. Immer höher steigt der Mond und wird immer kleiner.

„Wir müssen langsam zurückgehen“, flüstert John und drückt einen Kuss auf meine Stirn.

„Müssen wir wirklich? Können wir nicht hier am Strand bleiben?“

„Du zitterst schon. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn du krank wirst.“

„John.“

„Ja?“

„Ich habe Angst in dem großen Zimmer, ganz allein in einem fremden Haus.“

„Musst du nicht. Ich sagte dir doch, dass du dich auf mich verlassen kannst. Außerdem schlafe ich in dem Zimmer neben an, wenn du mich rufst, werde ich sofort zu deiner Hilfe eilen.“

„Höre ich da etwas Spott in deiner Stimme?“, frage ich und sehe zu ihm auf.

Ein Lächeln liegt auf seinem schönen Gesicht. Johns Augen sind dunkel, wie das nächtliche Meer und halten meinem Blick stand.

„Nein“, sagt er zärtlich, „nur ein ganz kleines Bisschen. Aber ich schwöre dir, dass ich mein Leben dafür geben werde, dich zu beschützen.“

„So etwas darfst du nicht sagen“, erwidere ich erschrocken.

„Es ist mein Leben und ich gebe es, wem ich will.“

Ich sehe ihn ängstlich an.

„Hab keine Angst, Noelle, alles wird gut.“

Er fasst in mein Haar, zieht meinen Kopf in den Nacken und küsst mich unendlich sanft. Schwer atmend lehne ich meinen Kopf an seine Brust. Ich muss zugeben, dass mich dieser Kuss durcheinander bringt. John nimmt meine Hand.

„Komm, lass uns gehen.“

Schweigend gehen wir zurück zum Haus. Dort ist inzwischen alles still. Scheinbar hat sich die Gesellschaft schon in ihre Gemächer zurückgezogen. Wir schleichen die Treppe hinauf und John begleitet mich zu meinem Zimmer.

„Schließ deine Tür und sollte etwas sein, klopf einfach an die Wand hinter deinem Spiegeltisch. Dort liegt mein Zimmer. Ich nicke und sehe ihn mit großen Augen an. Die kleinen Lampen in den Gängen geben nur wenig Licht, aber ich kann in seinen Augen lesen und was ich sehe macht mich verlegen.

„Du bist wunderschön“, flüstert John, „dieser andere Mann – ich hoffe, er ist dich wert.“

Er zieht meine Hände an seine Lippen, ohne meinen Blick loszulassen und drück zärtliche Küsse auf meine Handflächen. Zögernd gehe ich in mein Zimmer und verschließe die Tür hinter mir, so wie John es mir geraten hat. Verwirrt von diesem Haus, seinen Bewohnern und besonders von diesem außergewöhnlichen Mann, ziehe ich mir das Nachthemd über, dass Jenny mir auf dem Bett bereitgelegt hat. Im Kamin verglühen langsam die Holzscheite. Ich nehme einen Kienspan, entzünde ihn an der Glut und zünde mir ein paar Kerzen an. Ich bin zwar erschöpft, aber in meinem Kopf rasen die Gedanken kreuz und quer. Dieses Haus ist geschmackvoll eingerichtet, seine Bewohner sind in teure Stoffe gehüllt, die Speisen sind auserlesen und doch, etwas stimmt nicht. Dabei ist es noch nicht einmal die antiquierte Art zu leben, sondern die geheimnisvolle Aura, die alles hier umweht, wie ein undurchdringlicher Nebel. Ich kann mich nur schrittweise vortasten. Wenn ich den Blick auf das nächste Bild werfen kann, dann ist das Vorherige schon wieder so verschwommen, dass nichts von allem zu einem Ganzen wird. Wie ein Puzzelspiel von dem man ein paar passende Teile zusammensteckt und sobald man einige weitere findet, jemand kommt und die Ersten böswillig wieder auseinanderreißt. Nichts erscheint vollständig, nur winzige Teilstücke sind zu entziffern.

Um wenigstens etwas Ruhe zu finden, hole ich die Notizbücher von Herrn Grimm aus meinem Rucksack und blättere darin herum. Aber auch mit ihnen stimmt hier etwas nicht. Die Buchstaben ähneln willkürlich hingeworfenen Kritzeln und ergeben keinen Sinn, geschweige denn ein vernünftiges Wort. Ich will die Bücher gerade wieder weglegen, als auf einer Seite Linien erscheinen, wie vor Kurzem, als das Buch mir Raouls Gesicht zeigte. Gebannt blicke ich auf die Seite, als vor meinen Augen eine schreckliche schmerzverzerrte Fratze erscheint. Ein Gesicht mit weit aufgerissenem Maul, scharfe Zähne blitzen daraus hervor, die Haare hängen wirr in dem gequälten Gesicht. Einzig seine Augen haben etwas Menschliches. Ich kann meinen Blick nicht von dem Gesicht abwenden. Hin und her gerissen von Mitleid und Grauen. Langsam verschwimmen die Linien wieder und nur ein grauer Schleier bleibt auf der Seite zurück. Ich klappe das Buch zu und verpacke die Bücher hastig in meinem Rucksack.

„Geh!“, höre ich eine warnende Stimme.

Ängstlich sehe ich mich um. Vermutlich werde ich jetzt verrückt.

„Geh, Noelle. Verlier keine Zeit.“

Atemlos springe ich auf. Es ist Raouls Stimme, also habe ich mich doch nicht geirrt. Hastig packe ich meine Sachen, ziehe mir bequeme Reisekleidung an und lösche alle Lichter. Dann öffne ich vorsichtig meine Zimmertür, versichere mich besorgt, ob auch niemand meine Flucht bemerken wird, und husche den Gang entlang zur Treppe. Die Eingangshalle ist leer. So lautlos wie möglich schleiche ich die Treppe hinunter, als ich plötzlich ein lautes Schreien höre. Mein Herz krampft sich zusammen. Das ist der Schrei eines Menschen, dem etwas Schreckliches angetan wird. Ich bin schon fast an der Tür, als wieder ein Schrei durch das Haus hallt. Es sind nur noch ein paar Schritte und ich bin frei.

„Lauf fort Noelle!“, höre ich wieder eine besorgte Stimme aus den Schatten.

„John“, durchzuckt es mich.

Für einen Moment zögere ich, dann stelle ich meinen Koffer neben die Tür, und gehe dem Schreien nach. Ich gelange zu einer Tür, die mich rohe Steinstufen hinab, in einen dunklen Kellergang, führt. Das Klischee aus einem Horrorfilm. Tu genau das, was kein normal denkender Mensch tun würde. Ich kann nicht anders. Mein Verstand schimpft wie ein Rohrspatz, um mich von diesem Wahnsinn abzuhalten, aber mein Herz sagt mir, dass ich meine Augen nicht vor dem Unglück eines anderen verschließen darf.

Die Schreie werden immer lauter. Mein Herz zerspringt fast vor Angst. Ich muss weiter gehen. Welche Kreatur hat es verdient solche Schmerzen zu erdulden? Jäh bricht das Schreien ab. Abrupt bleibe ich stehen. Was ist passiert? Ich befürchte, dass der Gefolterte entweder bewusstlos oder tot ist. Ich lausche in die Dunkelheit. Nicht weit entfernt höre ich Schritte und Stimmen. Ich raffe all meinen Mut zusammen und taste mich weiter an den rauen Wänden entlang. Da sehe ich einen Schimmer Licht. Die Stimmen werden lauter. Ich halte den Atem an und versuche einen Blick auf den Raum vor mir zu erhaschen.

Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich an meinem Verstand zweifeln. Unter dem englischen Landhaus erstreckt sich eine Art Krypta. An den marmornen Säulen hängen Fackeln, die der unterirdischen Gruft ein gespenstisches Aussehen geben. An den Wänden stehen Sarkophage, die auf ihren Deckeln Reliefe der Menschen tragen, die in ihnen bestattet wurden. In der Mitte des Raumes, unter einer Art Baldachin, steht ein Holzgestell, auf dem eine Kreatur festgeschnallt ist. Halb Mensch, halb Bestie. Lady Shelley und drei der Männer, die ich beim Dinner gesehen habe, stehen vor dem Holzgestell und streiten sich. Der Baldachin ist mir Symbolen bestickt, die mir nicht fremd sind. Ich habe sie auf einigen Seiten von Leonardos Buch gesehen. Lady Shelley trägt Handschuhe und hat ein Skalpell in der Hand.

„Sie Dummkopf“, schreit sie einen der Männer an, „sehen sie was sie angerichtet haben! Statt sich zu verwandeln, ist er ein Hybride. Halb Mensch, halb Monster. So war das nicht gedacht.“

Sie schlägt den Mann mit der flachen Hand ins Gesicht. Der gibt nur ein leises Stöhnen von sich, ohne Mary etwas entgegenzusetzen.

„Wir brauchen noch einen Katalysator. Er ist einfach zu sehr Mensch, als dass er sich freiwillig verwandeln würde“, wirft ein anderer Mann ein.

„Was soll denn das heißen? Wir haben alles so gemacht, wie Leonardo es beschrieben hat. Wir haben ihn infiziert und haben ihn einem hohen Stresspegel ausgesetzt. Das Adrenalin müsste bewirken, dass der Virus sich rasend schnelle vermehrt und die Verwandlung in Gang setzt.“

Lady Shelley ballt die Fäuste und nähert sich dem Mann, der ängstlich zurückweicht.

„Ja, aber“, stammelt er, „er ist stark. Sein Wille ist ungebrochen. Alles in ihm wehrt sich dagegen sich zu verwandeln.“

„Und was jetzt?“, Lady Shelleys Stimme schnappt über, „tun sie was, verdammt!“

Dann versetzt sie dem Mann einen heftigen Stoß gegen die Brust, die ihn taumeln lässt. Im letzten Moment kann er sich an einer Säule festhalten.

„Holen sie das Mädchen“, schlägt der erste Mann vor, „um sie zu beschützen, wird John sich verwandeln.“

Ich presse die Hände vor meinen Mund, um nicht zu schreien. Es ist John. Das Gesicht in meinem Buch, ich sehe wieder die Augen des Monsters vor mir. Es sind seine Augen. Flehende Augen. Oh, John, wie kann ich dir nur helfen? Fieberhaft überlege ich, was ich tun kann.

„Gute Idee! Los, machen sie schon!“, befiehlt Lady Shelley gereizt, „sie sind allesamt Stümper. Wenn das nicht klappt, dann Gnade ihnen Gott“, ein böses Lachen hallt durch die Krypta, „Gott, es gibt keinen Gott!“

Die drei Männer setzen sich hastig in Bewegung und ein wilder Schreck durchzuckt mein Gehirn. Sie suchen mich. Die Lady ist eine Art Frankenstein, besessen von Leonardos Forschungen. Aber das Leonardo solche perversen Forschungen angestrebt hat, ist mir neu. Allerdings war er, der Meister der Erfindung, wohl selten in der Lage, seine Erfindungen auch zu verwirklichen. Ein Genie auf dem Papier. Ich stehe hinter einer Säule und halte den Atem an. Was jetzt. Die drei Männer hasten an mir vorbei. Mir bleiben nur wenige Minuten, bis sie unverrichteter Dinge zurückkehren werden. Lady Shelley ist allein. Ich muss die Gelegenheit ergreifen und John helfen. Ich taste mich nach vorne, nehme eine Fackel aus ihrem Halter und trete hinter meiner Säule hervor.

„Sie sind ein kranker Mensch, Lady Shelley.“

Ich versuche meiner Stimme einen festen Klang zu geben, kann aber nicht verhindern, dass sie zittert. Mary fährt herum und ein teuflisches Lächeln spielt um ihre Lippen.

„Ich würde mich eher als Genie bezeichnen“, erwidert sie gelassen, „denn sehen sie, eigentlich wollte ich sie verwandeln, immerhin ist mir John lieb und teuer. Aber er hat mir sein Leben für ihrs gegeben.“

Bei diesen Worten geht mir ein Stich durchs Herz und Tränen treten mir in die Augen. Jetzt bloß nicht weinen, ermahne ich mich.

„Und welch glückliche Fügung! Dadurch werde ich tatsächlich erreichen, dass Leonardos Forschungen wahr werden. Ihren Willen hätte ich vielleicht nicht brechen können, aber John liebt sie und er wird alles tun, um sie zu verteidigen.“

Ich bin wie gelähmt. Der Plan ist tatsächlich perfide und gleichzeitig brillant. Meine Liebe gilt Raoul und hätte, statt mich zu schwächen, gestärkt. Johns Liebe zu mir wird ihn dazu bringen, alles zu tun mich vor dem Übel zu beschützen, dass mir Lady Shelley zu gedacht hat.

„Warum?“, ich bin verzweifelt.

„Forschung, meine Liebe. Ich werde das Leben neu erschaffen. Eine bessere, stärkere Kreatur hervorbringen.“

„Das ist ein Sakrileg!“

„Nein, Herzchen, das ist Genie.“

Sie nähert sich mir, als plötzlich ein Stöhnen zu hören ist.

„Lass sie!“

Johns Bewusstsein ist zurückgekehrt. Er atmet schwer. Mary fährt herum und mit ein paar Schritten ist sie neben ihm.

„Dann lass los und verwandele dich.“

„Nein, John, bitte nicht!“, rufe ich voller Angst.

„Ich muss es tun, sie wird dich sonst töten.“

Seine Augen sind auf mich gerichtet und ich sehe in seine Seele. Reine Liebe strömt mir entgegen.

„Nein!“, höre ich mich schreien.

Ich stürze auf ihn zu, werfe mich auf John und lege schützend meine Arme um ihn. Das darf nicht sein.

„Ihr seid so niedlich, aber die Verwandlung wird stattfinden. Er hat sich schon entschieden, sieh hin!“

Ein hysterisches Lachen erfüllt den Raum. Grauen erfüllt mich.

„Lancelot, wo bist du?“, flüstere ich.

„Hier, meine Herrin. Du hast mich gerufen.“

Lancelot tritt aus den Schatten. Er trägt einen Kampfanzug aus Leder, mit silbernen Nieten beschlagen, die in den flackernden Flammen der Fackeln aufblitzen. In seiner Hand hält er ein Schwert mit einem großen Namen: Flammenzunge.

„Oh, Verstärkung“, höhnt Lady Shelley, „du armer Junge. Liebst du sie etwa auch? Sie wird dich heute in den Abgrund  stoßen.“

Lancelot ignoriert ihre Tirade und tritt neben mich. Mitleidig blickt er auf John, der sich in Schmerzen windet und immer mehr zu der Bestie mutiert, die Mary aus ihm machen will.

„Bitte, hilf ihm“, flehe ich Lancelot an, „er wollte mich beschützen.“

Wortlos nickt Lancelot. Er steckt ihm einen Ring an den Finger.

„Nein!“

Lady Shelley schreit wie eine Furie und stürzt auf Lancelot zu. Aber es ist zu spät. Lancelot hat an dem Ring gedreht und John löst sich vor unseren Augen in Luft auf.

„Das wirst du büßen!“, tob Mary und stößt einen schrillen Ruf aus.

Plötzlich sind schnelle Schritte zuhören und Männer mit Masken bevölkern den Raum.

„Lauf“, flüstert Lancelot mir zu, „ich komme nach!“

Er hebt sein Schwert, und als die Maskierten angreifen, stürzt Lancelot der Menge entgegen. Ich kann nichts tun, um ihm zu helfen. Also gehorche ich seinem Rat und laufe dem Ausgang entgegen, aber Lady Shelley stellt sich mir in den Weg.

„Das hast du dir so gedacht?! Aber mir entkommst du nicht.“

Was ich sehe lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Für den Bruchteil einer Sekunde schließt sie die Augen und als sie sie wieder öffnet, sind sie rot wie Blut. Mary öffnet ihren Mund und entblößt zwei spitze Eckzähne.

„Sie sind ein Vampir! Nein, das ist unmöglich.“

„Nichts ist unmöglich“, lacht sie kalt und kommt näher, „John sah dich in seinen Träumen und ich habe dich gerufen. Und wie du siehst hat mein Plan funktioniert.“

„Nur fast!“, stoße ich hervor.

Ich reiße eine Fackel aus ihrer Halterung und senke sie ihr mit einer schnellen Bewegung entgegen. Ehe Lady Shelley sich in Sicherheit bringen kann, hat ihr kostbares Kleid Feuer gefangen. Ihr gellender Schrei lässt die Maskierten innehalten. Als sie sehen, wie ihre Gebieterin in Flammen steht, strecken sie die Waffen und verschwinden in der Dunkelheit, aus der sie kamen. Immer höher lodert das Feuer, immer schriller dröhnt das Geschrei durch die Krypta. Es ist nicht auszuhalten und ich presse mir verzweifelt die Hände auf die Ohren. Lancelot packt mich am Arm und zieht mich hastig hinter sich her.

„Raus hier“, keucht er.

Vor dem Haus steht die Kutsche, angespannt und bereit loszufahren.

„Lancelot“, stammele ich.

„Frag nicht, geh“, sein eindringlicher Blick mahnt mich zur Eile, „schnell. Sieh nicht zurück!“

Ich umarme ihn, dann steige ich ein und Lancelot gibt dem Kutscher ein Zeichen. Ein leises Schnalzen und das Pferd setzt sich in Bewegung. Das Letzte, was ich von Lancelot sehe, ist das Aufblitzen von Flammenzunge im Licht der ersten Sonnenstrahlen.

Die Kutsche fährt auf den kleinen Platz vor dem Bahnhof. Die Morgensonne scheint warm und in dem kleinen Cafe sitzen die alten Männer, rauchen und trinken Kaffee. Der junge Kutscher reicht mir die Hand und hilft mir auszusteigen. Er stellt mir meinen Koffer und meinen Rucksack auf die Eingangstufen zum Bahnhof, lüpft zum Abschied das Hütchen und fährt davon.

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Ich schrecke auf. Niemand ist in meinem Abteil. Ich bin allein. Aufmerksam schaue ich mich um. Ein Notizbuch liegt auf dem Boden. Ich hebe auf. Es muss heruntergefallen sein, als ich einschlief. Ich zupfe an meinem Kleid. Alles ist etwas verrutscht.

Aus meinem Kosmetikbeutelchen hole ich meinen kleinen Taschenspiegel. Ich sehe furchtbar aus. Meine Augen sind von meinen Tränen verquollen, meine Wangen gerötet. Leider habe ich kein Beutelchen Eis, das ich mir auf die Augen legen könnte. Ich streiche mir eine Haarlocke aus dem Gesicht, als mir etwas in den Schoß fällt.

Ich lasse den Spiegel sinken und sehe ein kleine rote Blüte in meinem Schoß liegen. Ich nehme sie auf und rieche daran. Ein Duft so süß wie Honig, so frisch wie eine Sommerbrise. Ich sehe das Gestade des Meeres an dem Titania und ihre Elfen die Nächte verbrachten, sehe die Wälder, Wiesen, die Quellen und Flüsse an denen sich die Feen vergnügten.

„Puck!“, flüstere ich ehrfurchtsvoll.

Es war doch kein Traum. Er ist hier gewesen. Alles war wirklich gewesen. Ich habe nicht geträumt. Der Duft der Blume betört mein Herz und meine Sinne. Die Sehnsucht nach Raoul wird plötzlich wieder so groß, dass ich einen scharfen Stich spüre. Schnell schlage ich das Notizbuch auf, lege die Blüte zwischen zwei leere Seiten und schlage es wieder zu. Wenn ich mein Herz nicht dauernd in Aufruhr bringen will, sollte ich jedenfalls nicht zu oft daran riechen. Immerhin hatte Amor selbst den Pfeil verschossen und die Blume mit der Liebe infiziert. An sich ein ganz hübscher Umstand, wenn es Shakespeare geholfen hat seine Stücke zu schreiben. Aber ich frage mich, wie lange wohl so eine Verzauberung anhalten mag. Was passiert, wenn der Rausch aus Amors Geschützen dem Alltag weicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese ekstatischen Zustände auf Dauer angelegt sind. Ich für mich denke, dass außer dem Rausch und der Ekstase noch etwas da sein muss, das stärker ist. Liebe und Verständnis halten bestimmt länger. Stop! Ich will jetzt nicht mehr daran denken. Und wenn ich ehrlich sein müsste, dann müsste ich meinen eigenen Rausch bekennen, der mich erfasst hat. Könnte es möglich sein, dass Amor auf mich geschossen, getroffen und Raoul verfehlt hat? Da hätte Amor aber keinen guten Abschuss gehabt. Denkbar wäre es, denn immerhin hatte er sich ja damals schon verschossen. Aber in Zeiten großer Brillenläden sollte das ja eigentlich kein Problem sein. Was auch immer es ist, ich hatte eine Begegnung der besonderen Art und wünsche mir ich könnte Raoul davon erzählen.

Was soll man tun, wenn man sich nach einem Menschen so sehr sehnt, dass alles wehtut. Das Herz, der Körper, der Kopf. Wenn die Seele nur noch Trauer trägt und man weiß, dass der andere so fern ist, dass nichts die Kluft überbrücken kann. Ich sehe mir zu, wie ich da sitze das Notizbuch an mich gepresst, zwischen dessen Seiten die rote Blume steckt und mein Herz nur einen Gedanken hat: Raoul. Ich schließe die Augen, sehe ihn vor mir. Kein anderer Gedanke hat Platz, nichts dass ihn aus meinem Kopf und meinem Körper heraus bringen kann. Es gibt noch nicht einmal Worte, mit denen ich diesen Zustand beschreiben kann. Wahnsinn würde es vielleicht treffen, aber das wäre doch zu profan. Auch wenn das Verlieben von Hormonen, Endorphinen und Adrenalin abhängen mag. Ich wehre mich aber dagegen, die Liebe als einen Cocktail zu betrachten, den meine Gene gemixt und in mir verschüttet haben, um meinen Verstand auszuschalten und den Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Nichts ist so zufällig, wie die Liebe. Nichts ist so irre und gleichzeitig so stark, egal ob in negativer oder positiver Hinsicht. Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich auf meiner Reise begegnete. Seinen Namen möchte ich vergessen, und auch die Umstände, unter denen ich ihn traf, aber diese Begebenheit ist ein interessantes Beispiel für die negative Seite.

Ich war lange allein gereist, fühlte mich einsam und dachte, es wäre an der Zeit am nächstbesten Bahnhof auszusteigen und zu bleiben. Im Zug traf ich einen Mann, der mir sympathisch war, und der mich bat, mit ihm zu gehen. In meiner Einsamkeit betrachtete ich ihn nicht mit dem Herzen und dem Verstand, sondern gab meiner Angst nach, die mir suggerierte, ich würde niemals den richtigen Menschen finden. Ich versuchte seine positiven Eigenschaften durch eine Lupe zu sehen und seine Schlechten versuchte ich unter den Teppich zukehren. Ich stieg mit ihm an seinem Zielbahnhof aus und blieb. Aber es dauerte nicht lange. Eigentlich wusste ich schon, als ich meine Sachen bei ihm in die Diele stellte, dass ich wieder fortgehen würde. Nur hatte ich nicht den Mut die Konsequenzen sofort zu ziehen. So blieb ich und begann zu schrumpfen. Meine Seele schrumpfte zu einem unansehnlichen Etwas und ich erkannte mich kaum wieder. Sein Stumpfsinn, seine Arroganz und seine Dummheit, machten mich sprachlos und begannen meinen Geist zu verwirren. Wenn ich in den Spiegel sah, fragte ich mich immer, was für ein merkwürdiges Geschöpf da vor mir stand. Alles an mir wurde glanzlos, fantasielos und nichts ergab mehr einen Sinn. Eines Morgen, er war gerade zu seiner stupiden Arbeit gegangen, als ich im Spiegel meine Augen sah. Leer und ohne Hoffung starrten sie mich an. Da schrak ich aus meinem schrecklichen Traum auf. Ich packte sofort meine Sachen, rannte zum Bahnhof und stieg in einen Zug, der mich soweit wie möglich fortbrachte. Aber ich rechnete nicht mit seiner Bosheit, die seine Dummheit, gepaart mit seiner Überheblichkeit hervor brachte. Er beschuldigte mich, ihm etwas gestohlen zu haben und da er wusste, dass ich eine Verlorene war, leider hatte ich es ihm verraten, begann er nach mir zu suchen. Auf jedem Bahnhof hingen Bilder von mir. Wie eine Verbrecherin wurde ich gejagt, obwohl ich nichts getan hatte, dass man mir zur Last legen konnte. Aber wer glaubt schon einem verlorenen Kind?

Eines Tages begegnete ich einer weisen Frau. Ich war so verzweifelt, dass ich ihr mein Herz ausschüttete. Sie hatte von dem Vorfall gehört. Wer nicht? Bei dem Aufgebot an Mitteln! Sie tröstete mich und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Er würde mich eines Tages wahrscheinlich in Ruhe lassen, aber bis dahin, riet sie mir, sollte ich in ein anderes Land gehen und dort weiter suchen.

Das tat ich. Ich bereiste viele Länder Europas. Sah das Meer, die Berge, dunkle Wälder, Schnee und Eis, die Sonne des Südens. Ich hörte fremde Sprachen und lernte neue Menschen kennen, die mir viele interessante Dinge erzählten und mir von ihren Kulturen und Gebräuchen erzählten. Sie machten mich mit Mythen und Märchen ihrer Völker bekannt und ich dachte lange schon nicht mehr an meinen Verfolger, bis er mich eines Tages doch wieder fand. Ich saß mit einem netten jungen Mann im Abteil. Er hieß Lance und erzählte mir von seiner Familie. Er hatte einen Zwillingsbruder, der in einem fernen Land weilte, während er in der Nähe seiner Familie geblieben war. Lance hatte das Herz eines Löwen. Seine schönen braunen Augen und sein strahlendes Lächeln erwärmten mein Herz, als plötzlich die Abteiltür aufschwang und mein Verfolger auf der Bildfläche erschien.

„Endlich habe ich dich gefunden“, donnerte er, „gib heraus, was du gestohlen hast!“

„Ich habe nichts gestohlen! Ich bin nur gegangen.“

Ich konnte kaum sprechen, so sehr schnürte mir die Angst die Kehle zu.

„Du hattest nicht das Recht! Ich habe dich in mein Haus aufgenommen und du gehörst mir!“, brüllte er.

Seine kalten Augen schossen Blitze hervor und mein Mut war so kleine geworden, dass es noch nicht einmal für eine Antwort reichte. Da trat Lance zwischen mich und ihn.

„Noelle gehört niemandem, nur sich selbst!“, sagte er ganz ruhig und mit ernstem Gesicht.

„Ich habe ihr zu essen gegeben, sie hat in meinem Bett geschlafen, mein Geld verbraucht. Sie gehört mir.“

Er versuchte Lance aus dem Weg zu schieben, aber der stand felsenfest und rührte sich keinen Zentimeter.

„Geh, oder du wirst es bereuen!“, warnte Lance ihn.

„Du Wicht, du bist doch nur eine Ameise und ich werde dich zerquetschen.“

Er trat nach vorne und wollte Lance einen heftigen Stoß geben, aber der sah dies voraus und sprang zur Seite. Er stolperte und Lance setze einen Schlag nach, der ihn zu Fall brachte. Ächzend versuchte er sich wieder aufzurappeln. Aber Lance zerrte ihn auf den Gang. Er versuchte Lance von den Füßen zu reißen, aber der junge Mann war kampferprobt und ließ sich seinen Vorteil nicht nehmen. Da fuhr der Zug in einen Tunnel ein. Mein Herz raste wie verrückt. Ich betete dafür, dass Lance nichts geschah. Als der Zug den Tunnel wieder verließ, war er weg. Lance stand schwer atmend auf dem Gang, eines der Fenster war geöffnet. Ich stürzte mich in seine Arme.

„Oh, Lance, ich dachte dir wäre etwas passiert! Ich bin so froh, dass du in Ordnung bist.“

Ich konnte vor Erleichterung meine Tränen nicht zurückhalten und benetzte sein Hemd. Lance drückte mich an sich und küsste mich auf die Stirn.

„Alles in Ordnung, nichts passiert. Der Finsterling muss schon früher aufstehen, um einen Lancelot zur Strecke zu bringen“, lachte er.

„Lance – Lancelot. Du bist Lancelot“, stammelte ich.

Lance nickte belustigt. Dabei erschienen zwei Grübchen auf seinem schönen ebenmäßigen Gesicht.

„Genau der.“

„Lancelot vom See“, mir blieb die Sprache weg.

„So schlimm ist das nicht“, er hob meinen Kopf etwas, damit er mir in die Augen schauen konnte, „ich bin froh, dass ich dich vor ihm gefunden habe“, stellte er ernst fest, „sonst hätte etwas Schlimmes passieren können.“

„Du wusstest, dass er kommen würde?“, fragte ich verwirrt.

„Ich weiß vieles. Aber ich darf dir nicht zuviel verraten. Merlin hat es verboten.“ Lance beugt sich etwas vor und flüstert mir ins Ohr, „Merlin hat mich geschickt. Dein Verfolger ist ein dunkles Monster, das die Liebe und Fantasien der Menschen frisst. Besonders die der Menschen, die eine ganze Welt dieser Fantasien und der Liebe in sich tragen. Und du gehörst zu ihnen. Ich musste dich beschützen, damit nichts von diesen kostbaren Gaben verloren geht.“

Hatte er Merlin gesagt? Ich sah Lancelot nur an. Ich hatte tausend Fragen und doch kam mir keine über die Lippen. Das war einfach unmöglich.

„Eins darf ich dir noch sagen“, dabei wurden seine strahlenden Augen plötzlich dunkel und traurig, „du wirst den einen Menschen finden, der dich glücklich macht.“

„Und warum bist du deswegen so niedergeschlagen?“, fragte ich leise.

„Weil ich nicht dieser Mann sein darf. Ich sehe dich schon so lange in meinen Träumen, um dich vor der Gefahr zu beschützen, aber ich muss wieder dorthin zurückkehren, woher ich gekommen bin.“

Ich sah in seine Augen und konnte dort all die Liebe und die Sehnsucht erkennen, die in ihm war. Ein heftiger Stich ging durch mein Herz. Lancelot kam meinetwegen. Auch wenn Merlin ihn zu mir sandte, ist er doch deswegen aus seiner Welt gekommen, weil er mich liebte.

„Lancelot“, flüsterte ich.

„Bitte sag nichts.“ Er legte sanft einen Finger auf meinen Mund. „Es ist mir nicht vergönnt um dich zu werben, aber du wirst immer in meinem Herzen und in meinen Träumen sein. Wenn du mich irgendwann brauchst, werde ich zu dir kommen. Ein Ritter ist treu bis in den Tod.“

Tränen lösten sich von meinen Wimpern und tropften auf meine Wangen. Zärtlich strich er sie fort. Seine Augen hielten meinen Blick gefangen. Er beugte sich vor. Seine warmen Lippen küssten mich mit einer Leidenschaft, die jeden dunklen Gedanken aus meiner Seele vertrieb, der mich in den unruhigen Zeiten davor beschäftigt hatte. Die Angst und die Dunkelheit wichen einem warmen Strahlen, dass er mir mit seinem Kuss zum Geschenk machte.

„Egal, was auch immer sein wird. Du bist nicht mehr verloren, denn ich habe dich gefunden und werde dich immer lieben.“

Der Zug fuhr wieder in einen Tunnel und als er das Tageslicht wieder erblickte, war ich allein. Lancelot war fort.

Genau wie bei Puck vorhin. Meine Begleiter haben alle ihre eigene Art sich in Luft aufzulösen. Aber so wie Puck mir die Blume zurückließ, so hatte auch Lancelot etwas zurückgelassen. Sein Kuss hatte ein Gefühl in meinem Herzen erweckt, das wie ein Sonnenstrahl in mir glühte und mir Zuversicht und Mut einflößte. Die letzten Tage hatte ich es kaum noch gespürt. Die Traurigkeit und die Verwirrung über Raouls Verschwinden senkten einen Nebel in mein Herz. Ich schlage das Notizbuch auf, dass ich fest an mich gepresst habe, als wäre es mein Rettungsanker. Langsam blättere ich die Seiten durch. Da sehe ich auf einer Seite ein paar schwache Linien, die immer stärker hervor treten. Es ist Lancelots schönes Gesicht, ein wehmütiges Lächeln schwebt auf seinem Antlitz. Unerwartet verändert sich das Bild. Ich sehe plötzlich Raouls Augen. Diese melancholischen Augen mit den sanft geschwungenen Brauen, die mich sofort ins Herz getroffen haben. Langsam verwandelt sich Lancelots Bild immer mehr ins Raouls Bild. Ich sehe seinen sinnlichen Mund, den ich so gerne küssen möchte, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Dieses Lächeln, das mich schwach macht und die Grübchen auf seinen Wangen. Grübchen? Nein. Alles ist möglich aber das? Nein! Ich kann mich nicht von seinem Anblick lösen. Immer plastischer wird Raouls Bild. Vielleicht hatte Lancelot recht.

Bin ich nicht mehr verloren, weil ich gefunden wurde und es bloß nicht bemerkt hatte? Oder habe ich etwas gefunden, was ich nicht als einen Fund betrachtet habe? Ich bin so unendlich müde. In meinem Kopf dreht sich alles. Jeder Gedanke ist wie ein Gummiband. Wenn er gedacht ist und vorschellt, kommt er augenblicklich zurück und schwirrt in meinem Kopf herum, ohne ein Ziel zu finden. Ich packe die Notizbücher in meinen Rucksack, lehne mich in meinen Sitz und schließe die Augen.

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