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Konstanten

Was wären wir ohne Konstanten? Besser ist es zu fragen: was sind wir mit zu vielen Konstanten? Bestimmte Fixpunkte oder Werte im Leben zu haben ist sicher sinnvoll, um nicht im Chaos zu versacken – aber dieses monotone Alltagseinerlei? Der Himmel möge mich verschonen. Mein Fixpunkt ist mein Zuhause, meine Familie – aber sonst würde ich sagen, gibt es keinen. Klar, das Schreiben, aber das haftete an mir, wie eine zweite Haut.

Ich will gar nicht so viele Konstanten in meinem Leben. Die, die ich habe, sind schon reichlich. Es gibt Zeiten, da würde ich sie am liebsten abschütteln und mich auf die Reise machen. Deswegen fahre ich wohl auch so gerne Auto – egal wohin – immer wenn ich am Steuer sitze, stelle ich mir vor, ich bin auf großer Fahrt. Autofahren ist meine Meditation. Fahren und die Gedanken schweifen lassen. Sie kommen und gehen. Beim Spazierengehen funktioniert das auch, aber auf einer langen Autofahrt dahin zu gleiten noch besser.

Tatsächlich beneide ich manchmal Menschen, die weniger Verpflichtungen haben als ich. Ich denke dann immer, was könnte ich alles tun, wenn ich die Zeit, die Freiheit hätte? Ist ja auch einfach, wenn man sich in der Sicherheit einer Familie sonnt. Man will immer das, was man nicht hat und über das, was andere tun, kann man, da man nicht in der Situation ist, besonders „gut“ urteilen. Aber ich stelle fest, mit zunehmendem Alter (Erfahrungswerte, Kinder gehen eigene Wege, einen Partner, der einen frei entscheiden lässt) kann ich mir erlauben, die Konstanten langsam fallen zu lassen. Und das gefällt mir. Meine Zeit einzuteilen, wie ich möchte. Öfter alle Fünfe gerade sein lassen. Mir Arbeit zu suchen, die mir in den Kram passt.

Konstanten sind gut, wenn sie uns Halt geben und sicher brauchen wir sie in gewissen Maß. Zu viel davon ist, wie alles von dem man zu viel hat, auch nicht gut. Weil man es möglicherweise nicht richtig schätzen kann oder weil man sich wie ein Hamster in seinem Rad dreht, bis man tot umfällt ohne richtig gelebt zu haben. Leben ist jetzt.

 Der Text entstand nach dem letzten Satz aus dem Buch „Der Schwarm“, von Frank Schätzing.

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Ich liebe diesen Film von Woody Allen „Midnight in Paris“. Gil Pender, ein Drehbuchschreiber, der gerne „richtiger“ Schriftsteller werden möchte, trifft im Paris der wilden 20er Jahre die Elite der Schriftsteller und Maler. Hemingway (mit dem er das unten zitierte Gespräch führt), Scott Fitzgerald, T.S. Eliot, Dalì, Picasso, Cole Porter (Musiker) usw. Gil steigt um Mitternacht in ein antikes Taxi, das ihn durch die Zeit in seine bevorzugte Vergangenheit bringt. (Warum ist mir die Geschichte nicht eingefallen *g*?)

Gil: „Und? Hatten sie Angst?“

Hem: „Wovor?“

Gil: „Davor getötet zu werden?“

Hem: „Du wirst nie gut schreiben, wenn du den Tod

Fürchtest. – Fürchtest du dich?“

Gil: „Ja, tu ich. Ich würde sagen, dass ich mich davor

am meisten fürchte.“

Hem: „Das haben andere Männer vor dir auch schon getan

und andere Männern nach dir werden das tun.“

Gil: „Ich weiß.“

Hem: „Hast du dich jemals mit einer grandiosen Frau

geliebt?“

Gil: „Ehrlich gesagt, ist meine Verlobte ziemlich

sexy.“

Hem: „Und wenn ihr euch liebt, verspürst du eine wahre

und wunderschöne Leidenschaft und zumindest für

diesen Augenblick verlierst du die Furcht vor dem

Tod?“

Gil: „Nein, das kommt nicht vor.“

Hem: „Ich glaube, dass eine Liebe, die wahr und rein

ist, einem eine Atempause vom Tod verschafft. Alle

Feigheit rührt vom nicht lieben oder vom nicht gut

lieben, was auf dasselbe hinaus läuft. Und wenn

der Mann furchtlos und treu ist und dem Tod tapfer

ins Auge blickt, wie einige Nashornjäger, die ich

kenne, oder Belmonte (Torero), der wahrhaft Mut

besitzt, liegt es daran, weil er mit genug

Leidenschaft liebt, um den Tod aus seinen Gedanken

zu verdrängen. Solange bis er zurückkehrt, wie zu

allen Männern. Und dann muss man wieder richtig

gut lieben. Denk drüber nach.“

Ich habe darüber nachgedacht. Ernsthaft! Auch auf die Gefahr hin, dass Schriftsteller im Allgemeinen und vielleicht Hemingway im Besonderen ziemlich skurrile Typen mit nicht ganz massenkompatiblen Meinungen und Ideen sind. (Aber es gefällt mir, denn wer will schon wie die Masse sein?) Auf jeden Fall bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Hemingway (in dem Film) recht hat. Wer weiß, wer dem Filmschriftsteller Hemingway, die Worte in den Mund legte, oder ob er es wirklich sagte?

Ein original Zitat: „Ich wünschte, ich wäre gestorben, bevor ich jemand anders als sie liebte.“  (Er sprach von seiner ersten Frau)

Ein Gedanke, den ich gut nachvollziehen kann. Doch in diesem Fall ist es unerheblich, ob es der echte oder der Film-Hemingway gesagt hat, weil ich denke, dass es stimmt. Wenn man mit Leidenschaft liebt, dann kann man sich eine Atempause vom Tod verschaffen. Fallen lassen. An nichts mehr denken. Nichts davor und nichts später. – Für diverse Gedanken über Alltagskram und Todesangst ist danach genug Zeit. Lieben wir zu wenig? – Ja, gut – rein rhetorisch.

Ich habe meine Entscheidung getroffen. (Ich glaube: wir lieben zu wenig.) Heute morgen im Auto. Musik dröhnte aus den Boxen. Die Sonne ging über Raureif bestäubten Feldern auf. Der Himmel im zartesten Rosa. Die A 45 frei und ich allein im Auto, auf dem Weg zu Freunden. Automeditation. Es ist wie beim Laufen. Ich kann beim Fahren (vorzugsweise beim Schnellfahren) viel besser denken. Mit der Geschwindigkeit fließen die Gedanken dahin. Wenn es doch nicht so teuer und umweltschädlich wäre … so ist das mit den Leidenschaften.

Leidenschaftlich lieben kann man immer. Jeden Tag, jede Stunde. Ohne Umweltschäden oder Geld. Dazu gehört nur ein offenes Herz. Sollte das so schwierig sein, wenn man sich überlegt was man dafür bekommt? Einen Blick auf die Ewigkeit. Und wenn es nur dieser eine kurze, wahnsinnig ekstatische Moment ist. Am Ende bleibt nur die Liebe, wenn schon alles andere vergangen sein wird. Und in gewisser Weise beruhigt mich das.

 

 

 

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