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Posts Tagged ‘messerscharf’

Der Spiegel ist blind. Ich nehme ein feuchtes Handtuch und wische mir ein Stück frei. Was ich sehe, erstaunt mich. Das Gesicht kommt mir bekannt vor. Aber nur entfernt. Es lächelt wie festgefroren. Ich versuche verschiedene Gesichtsausdrücke, aber dieses Eis gewordene Lächeln verschwindet nicht. Als ich die Konturen meines Gesichts abtaste, bemerke ich, dass ich eine Maske trage. Feinstes Porzellan. Es muss lange gedauert haben, sie herzustellen. Sie ist mir so ähnlich, dass sie mich irregeführt hat. Wie lange trage ich diese Maske schon? Ich erinnere mich nicht. Werde ich sie abnehmen können? Und was wird mich hinter der Maske erwarten? Bin ich noch ich, oder habe ich mich in die Maske verwandelt, die ich solange trage?

Erst vorsichtig, dann mit aller Kraft reiße ich an der Maske, aber sie sitzt bombenfest. Und da ist immer noch dieses unheimliche, unveränderte Lächeln.

„Geh weg von mir!“, schreie ich mein Spiegelbild an.

Tränen rinnen hinter der Maske über mein Gesicht. Das Porzellan fühlt sich rau und schmierig an. Plötzlich beginnt die Maske zu schmelzen. Verunstaltet und verzerrt zerläuft sie. Ich kratze mir die Reste von der Haut. Es fühlt sich an, als würde ich die Haut gleich mit herunterziehen. Der Schmerz ist nicht ohne. Tausende Stiche, die ich nicht nur auf meinem Gesicht, sondern auch in meinem Herzen spüre.

Wie konnte es geschehen, dass ich nicht bemerkt habe, wie taub ich geworden bin? Musste ich mein Herz mit einem Panzer umgeben, der sich in Form dieser beklemmenden Maske seinen Weg nach Außen suchte?

Ich konnte die Bosheit der Menschen nicht mehr ertragen. Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung jeglicher Art, Lieblosigkeit und eiskalter Egoismus. Ich musste die Maske tragen, um nicht verletzlich und ängstlich zu wirken. Gleichzeitig haben sich die negativen Gefühle, wie eine Müllhalde in meinem Bauch aufgehäuft und mir Übelkeit bereitet. Ich öffne meinen Mund und speie all den Unrat aus, der sich in mir angesammelt hat. Messerscharf zerkratzt mir der Dreck meine Speiseröhre. Endlich ist alles draußen. Ich fühle mich wund und schwach. Mein Inneres hat sich nach Außen gekehrt.

Ich sehe mein Gesicht im Spiegel. Verquollene Augen, wundgekratzte Wangen, Lippen aufgesprungen, Haare wirr. Der Schmerz wird noch anhalten. Mein Körper muss den Bodensatz des Schmutzes ausschwemmen. Aber ich lebe. Verletzt, aber lebend. Das Atmen fällt immerhin schon etwas leichter. Ich putze den Spiegel blitzblank, um einen guten Blick auf mich zu haben. Die Maske hat mein Leben lange genug bestimmt. Es mag sein, dass es anderen nicht gefällt, dass ich die Maske ablege. Auch das werde ich überleben. Wenn eines Tages die Zeit zum Abschied kommt, will ich sagen: ich bin, die ich bin. Ich brauchte keine Maske, um ein lebenswertes Leben zu haben.

Der Text ist nach der Schreibaufgabe „Masken“  in Schreiberlebentipps entstanden.

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