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Posts Tagged ‘Mund’

„Es fing ganz harmlos an.“

Er sah sie mit einem schiefen Grinsen an. Ihr Gesichtsausdruck blieb ausdruckslos.

„Fängt es so nicht immer an?“, ihre Stimme klang monoton.

„Außerdem ist nichts weiter passiert. Nur ein Kuss.“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Wirklich nur ein Kuss.“

Sie öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Jedes Wort wäre zu viel gewesen. Erst machte sie ihm Vorwürfe, dann redete er und redete, bis sie so müde war, dass sie aufgab wütend auf ihn zu sein. Bis zum nächsten Mal. Irgendwann musste das ein Ende haben, sie wusste nur noch nicht wann.

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Im Labor

„Gut, dass du kommst“, Aaron hielt mir triumphierend ein kleines hellblaues Tütchen entgegen, „meine neuste Entdeckung.“

Er legte mir ein Papierstäbchen in die Hand, das aussah wie die kleinen Zuckertüten, die im Cafe immer neben dem Kaffee auf der Untertasse lagen. Ich drehte es hin und her, schüttelte es. Es raschelte.

„Und was soll das sein? Sag nicht Zuckertütchen. Die gibt es schon.“

Ich setzte mich auf den Drehstuhl vor Aarons Arbeitstisch. Fasziniert und mit besorgtem Interesse betrachtete ich seine Versuchsanordnungen. In den Destillierapparaten brodelte es und in Reagenzgläsern, Petrischalen und Glaskolben agierten merkwürdige Stoffe miteinander. Es wäre nicht das erste Mal, dass Aaron Substanzen miteinander mischte, die, nun sagen wir einmal, explosive Legierungen ergaben. In seinem Labor roch es immer merkwürdig. Diesmal lag ein Duft von Zuckerwatte und gebrannten Mandeln in der Luft.

Aaron sah mich mit strafendem Blick an und nahm mir das Tütchen aus der Hand, bevor ich es aufreißen konnte.

„Ich weiß, dass du mich für einen verrückten Wissenschaftler hältst, was ich vielleicht auch bin“, er hielt kurz inne. Ehe ich ihm meine Ansicht über ihn bestätigen konnte, fuhr er fort, „aber das es Zuckertütchen schon gibt, weiß ich selbst!“

Seine blauen Augen funkelten mich ärgerlich an und in meinem Bauch flog ein wilder Schwarm Schmetterlinge auf. Aaron würde nie merken, was ich für ihn empfand. Es schien außerhalb seines Horizonts zu liegen, dass ich in ihn verliebt sein könnte. Tatsächlich waren wir wie Tag und Nacht. Was unsere Zusammenarbeit schwierig, aber auch sehr erfolgreich machte.

„Also, was ist denn nun das Besondere?“

„Schneegestöber in Tüten.“

Aaron nahm eine kleine Kiste von seinem Schreibtisch und hielt sie mir vor die Nase.

„Ähm, wie bitte?“, ich musste mich verhört haben, „Schneegestöber in Tüten?“

Ich sah Aaron misstrauisch an und argwöhnte, er wollte mich auf den Arm nehmen.

„Nicht nur“, er grinste breit und hielt mir den Karton hin, in dem verschiedene bunte Papiertütchen lagen, „es gibt auch Nebel, Wind und Regen in verschiedener Stärke, Blitze, Donner, und eben Schneegestöber.“

„Das mag ja ein netter Party-Gag sein, aber wie soll uns das bei der Arbeit helfen.“

Wieder das ärgerliche Funkeln in seinem Blick und mein Herzschlag beschleunigte sich. Himmel, diese Augen!

„Party-Gag!“, er sah mich mit strafendem Blick an, „das lass nur meine Sorge sein! Du kennst mich inzwischen drei Jahre und vertraust mir immer noch nicht.“ Aaron stellte den Karton wieder zurück. „Apropos, bist du mit deiner Recherche weitergekommen?“

Er setzte sich hinter den Schreibtisch, lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Das machte er selten. Aaron musste sehr zufrieden mit seiner neuen Entdeckung sein.

„Ja, bin ich. Der Gegenstand steht im Museum in Flensburg, in der stadtgeschichtlichen Ausstellung.“

Ich stand auf und ging zur Anrichte hinüber. Ich stellte eine Tasse unter den Kaffeeautomaten und wählte Milchkaffee.

„Bist du sicher?“, ein leiser Ton von Skepsis schwang in seiner Stimme mit.

Diesmal funkelte ich Aaron ärgerlich an. Hinter mir setzte sich die Kaffeemaschine in Gang und gab ein Zischen und Mahlen von sich.

„Wie sicher kann man sich sein? Reicht dir 99%?“

„99,999% wären mir lieber. Aber gut, wenn du meinst.“

Ich nahm die Kaffeetasse von der Maschine und setzte mich wieder. Durchatmen, nicht provozieren lassen, dachte ich.

„Eine Ferndiagnose zu stellen ist immer schwierig“, erwiderte ich so lässig, wie möglich, „deswegen fahre ich morgen früh nach Flensburg, um mich selbst von der Echtheit des Artefakts zu überzeugen“, und um Aaron zu ärgern fügte ich hinzu, „Oliver ist schon unterwegs und bereite alles vor.“

„Oliver?“, Aarons Gesichtsausdruck versteinerte sich, „du willst mit diesem Dilettanten zusammenarbeiten?“

„Von ihm stammt der Tipp. Ich finde, da hat er es verdient, dabei zu sein.“

Aaron stand auf, beugte sich über den Schreibtisch und sah mir tief in die Augen.

„Nur über meine kalte Leiche!“, sagte er und ich konnte die Wut in seiner Stimme hören, „das letzte Mal, als er dabei war, wärst du beinahe getötet worden. Das Risiko gehe ich nicht noch einmal ein! Ich begleite dich auf Schritt und Tritt.“

Ich öffnete den Mund, aber er hob den Finger.

„Keine Widerrede! Ich lasse dich keine Sekunde mit diesem Schwachkopf allein. Denk nicht mal daran!“

Ich schloss den Mund wieder. Tatsächlich wollte ich ihm nur sagen, dass ich mit seiner Begleitung sehr einverstanden war. Doch wenn er unbedingt an meinen Widerspruch glauben wollte, ich hinderte ihn nicht daran.

Oliver war noch neu in unserem Business und hatte wenig Erfahrung. Er war ein auffallend gutaussehender Mann und versuchte sich ausdauernd an mich heranzumachen, aber ganz wohl war mir in seiner Gegenwart, seit dem letzten gemeinsamen Auftrag, auch nicht mehr.

„Ich hole dich um acht Uhr ab.“

Ich musste lachen.

„Das tust du nicht! Ich fahre. Um acht Uhr vor deiner Haustür.“

„Du fährst wie ein Henker“, stellte Aaron fest und zog eine Braue hoch.

„Und du wie meine Großmutter!“, ich schüttelte den Kopf, „entweder auf meine Weise oder du musst mit dem Zug fahren.“

Aaron zögerte und für einen Moment dachte ich, er würde sich gegen die Autofahrt mit mir entscheiden, aber der Gedanke an Oliver und mich schien ihm wenig zu behagen.

„Gut, auf deinen Weise“, gab er nach, „ich muss noch einige Vorbereitungen treffen.“

Das war mein Zeichen.

„Dann lass ich dich mal machen“, ich grinste, „bis morgen.“

Beschwingt tänzelte ich aus Aarons Labor. Ich freute mich auf unseren Ausflug. Es war das erste Mal nach meinem Unfall.

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„Sorry, wichtiger Fall. Muss länger arbeiten.“

Wut steigt in meiner Kehle hoch, als ich Bernds Zeilen auf dem Display lese. Ich stehe seit 10 Minuten im Regen, der inzwischen durch meine Pumps dringt und warte auf sein Erscheinen. Es ist das dritte Mal, dass er mir absagt, doch dieses Szenario setzte dem Debakel die Krone auf.

„Du kannst mich mal, sorry“, tippe ich unbeholfen, balanciere den Regenschirm auf meiner Schulter.

Ich schiebe das Handy zurück in die Tasche und sehe mich nach einer Zuflucht um, in der ich mich aufwärmen könnte, bevor ich in meine einsamen vier Wände zurückkehre, die ein Teil meiner Schwierigkeiten sind.

Ein Stück die Straße hinunter fällt mir ein Schild auf. Musikbar Odeon. Warmes Licht spiegelt sich in den Pfützen auf dem Bürgersteig. Ich husche unter den Vordächern der geschlossenen Läden entlang. Alles ist besser, als die Einsamkeit.

Ich liebe das kleine Gartenhaus der Gründerzeitvilla, unter den riesigen alten Bäumen. Es ist wie ein verwunschenes Paradies. Leider hatte die Schlange Adam aus meinem Paradies vertrieben, oder sollte ich sagen entführt, und mich Obdachlos gemacht. Andererseits würde ich kaum in diesem traumhaften kleinen Häuschen wohnen, wenn ich nicht einen kompletten Neustart in einer fremden Stadt hingelegt hätte.

Dass sich Bernd, einer der Junior-Anwälte der Kanzlei für die ich arbeite, für mich interessierte tat mir gut, am Anfang. Jetzt ist es nur noch eine Farce. Besser, es war eine. Schluss damit.

Mit einem Ruck ziehe ich die Tür zum Odeon auf und stürze beinahe über die dicke Matte, die als Fußabtreter dient. In letzter Sekunde fange ich mich ab. Meine Handtasche und den Schirm kann ich nicht retten. Der Schirm landet unter einem Tisch und der Inhalt der Tasche ergießt sich in den Gastraum. Das Stimmengewirr der Gäste verstummt. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Nur der Mann am Flügel schaut nicht auf. Er spielt weiter, als ob nichts geschehen ist.

„Entschuldigung“, stammele ich und erröte bis unter die Haarspitzen.

Peinlich berührt von meinem Auftritt, raffe ich hastig meinen Kleinkram zusammen und stopfe ihn zurück in die Tasche. Unterstützung bekomme ich von einer freundlichen Bedienung. Die Gäste haben sich inzwischen wieder ihren Gesprächen zu gewendet.

„Machen sie sich keine Sorgen“, sagt sie und reicht mir meine Geldbörse, „das kann passieren.“

Ich ordne meine Kleider. Sie nimmt mir die Jacke ab und hängt sie an die Garderobe, steckt meinen Schirm in den dafür vorgesehenen Ständer. Ich setzte mich an die blankpolierte Bar aus rotem Holz. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass niemand hinschaut, streife ich meine nassen Pumps ab und klammere meine Zehen um den Metallring des Barhockers, der als Fußtritt dient. Die Kälte des Metalls rinnt meine Schienbeine hoch und löst eine Gänsehaut aus, die bis in den Nacken steigt. Ich erschauere.

„Was darf ich ihnen bringen?“, der Barkeeper schaut mich erwartungsvoll an.

„Einen großen Milchkaffee und etwas Alkoholisches zum Aufwärmen, bitte.“

Er lächelt und zwinkert mir zu.

„Da habe ich was für sie.“

Auf dem silbernen Schildchen an seiner Weste lese ich seinen Namen.

„Darauf habe ich gehofft, Josh“, erwidere ich sein Lächeln.

Während Josh die silberglänzende imposante Kaffeemaschine dazu bringt kochendheißes Wasser durch die Düsen durch den Kaffeefilter zu pressen und mir einen Milchkaffee braut, sehe ich mich um.

Das Odeon ist eine Musikbar der gehobenen Klasse. Der Gastraum ist größer, als es beim ersten Hinsehen den Eindruck machte. Die Theke hat die Form eines langgezogenen L und führt den Besucher in einen weiteren Gastraum dahinter. Die Einrichtung ist gediegen, das Mobiliar aus dunkelrotem Holz, wie der Tresen. Die Tapete ist aus goldgemusterter Seide.

Die Gäste an den kleinen Tischen sind elegant angezogen. Die Damen tragen Kleider und Schmuck, die Herren Anzüge und Krawatten. Ich fühle mich deplatziert. Es kommt mir vor, als hätte der Sturz mich in eine andere Zeit katapultiert. Wenn sich die Tür öffnet, Hemingway und Fitzgerald hereinkommen und neben mir am Tresen platznehmen, würde ich mich nicht wundern.

Mein Blick bleibt an dem schwarzen blankpolierten Flügel und dem Eroberer seiner Tasten hängen. Die leichte Melodie, die unter seinen Fingern aus den Seiten fließt, hat eine melancholische Wendung genommen. Mein Herz macht einen schmerzhaften Hopser. Für einen Moment halte ich den Atem an. Wie kann er Musik spielen, die meinen Herzschlag beeinflusst?

„Milchkaffee und heißer Amaretto mit Sahne“, Josh stellt die Getränke neben mich auf den Tresen, „das wärmt.“

„Danke, Josh“, sage ich artig und habe das Gefühl, beobachtet zu werden.

Josh entfernt sich taktvoll und ich wende meine Aufmerksamkeit erneut dem Pianisten zu. Kurz habe ich den Eindruck, er hätte in meine Richtung geschaut, aber seine Augen sind auf die Notenblätter vor ihm gerichtet. Ich bin sicher, dass das Musikstück, das er jetzt spielt, nicht auf den Blättern steht. Die Melodie hüllt mich ein, streicht über meine Haut, füllt den Raum, als könnte sie ein ganzes Universum mit Energie aufladen.

Ich nippe an dem heißen Amaretto, der mir süß die Kehle hinab läuft und eine angenehme Wärme ausstrahlt. Meine Augen heften sich auf die Hände des Mannes im dunklen Anzug. Mit eleganter Leichtigkeit laufen seine Finger über die schwarz- weißen Tasten. Mal sanft, mal fest schlagen sie die Töne an, die gleich leise klirrende Perlenketten durch den Raum schwingen. Ich habe das Gefühl, er spielt nur für mich, obwohl er durch nichts zeigt, dass er mich beachtet. Sein Blick wandert nicht in meine Richtung, scheint nach innen gerichtet zu sein.

Der Amaretto ist alle. Ich habe nicht bemerkt, dass ich das Glas ausgetrunken habe. Die Melodie geht in eine andere über. Die Sehnsucht des Liedes ergießt sich in mein Herz. Es erzählt von Sehnsucht, Einsamkeit und Träumen. Tränen treten mir in die Augen. Energisch versuche ich sie wegzudrängen. Ein wehmütiges Lächeln liegt auf den sinnlichen Lippen des Mannes. Seine Lider sind halb geschlossen. Versunken in seine Musik sitzt er da. Ganz nah und doch fern.

„Noch einen Amaretto“, fragte Josh neben mir und reißt mich aus meinen Betrachtungen.

„Gerne“, ich lächele ihm dankbar zu.

„Kommt sofort.“

Ich schaffe es meinen Blick solange von dem Klavierspieler zurückzuhalten, bis Josh mir den Amaretto hinstellt und sich anderen Gästen zu wendet. Als würde ich unter einem Bann stehen, zieht es meinen Blick wieder zu ihm. Er ist schlank, hat kurze dunkelblonde Haare und dieser Mund! Mit den Augen taste ich die Linien seiner Lippen nach. Wie es sich anfühlt, wenn sich sein Mund auf meinen legt?

Jeder Anschlag eines Tons rührt etwas in meinem Inneren an. Die Schutzmauer, die ich so mühsam aufgebaut und aufrecht gehalten habe, bekommt Risse. Mein Verstand warnt mich. Wenn ich nicht bald gehe, wird sie zerbersten und einstürzen. Ich ignoriere ihn, trinke den heißen süßen Amaretto, lecke mir die Sahne von den Lippen. Genieße das wohlige Gefühl der Leichtigkeit, das der Alkohol in mir auslöst, und meine Fantasie auf den Flügeln der Musik dahin schweben lässt.

Die Finger des Klavierspielers beherrschen die besonderen Nuance, die Tasten mal sanft, mal fester anzuschlagen, je nach Belieben schnell oder langsam dahin zu fließen. Seine Hände sind gepflegt, kurze Nägel, kraftvolle schöne Finger.

Ich stelle mir vor, wie er den Reißverschluss meines Kleides herunterzieht, seine Fingerspitzen mein Rückrad entlang streichen, wie er die Haken meines BH`s öffnet und meine Brüste freilegt. Die schwarze Spitze über meine Knospen reibt und sie hart und spitz abstehen, nur darauf warten von seinen Fingern umschlossen und süßer Qual ausgesetzt zu sein. Ein erregendes Kribbeln sammelt sich in meinem Nacken, versetzt meinen Körper in lustvolle Spannung nach mehr. Ich warte gespannt, welche Wunderdinge er mit seinen Zauberhänden tun kann.

Ein Seufzer springt von meinen Lippen. Unbewusst nur, aber nicht aufzuhalten. Der Mann am Piano blickt auf. Unsere Blicke treffen sich. Funken fliegen. Ich bin sicher, er erkennt mich, die große Sehnsucht, die er mit seinem wundervollen Spiel auslöst. Doch dann schaut er auf die Tastatur, sinkt zurück in sich selbst.

Es fühlt sich an, als wäre ich in eine eiskalte Pfütze ohne Boden gesprungen. Ich gehe unter. Das Wasser schlägt über mir zusammen. Ich schnappe nach Luft, Wasser dringt in meine Kehle, nimmt mir den Atem.

„Kann ich etwas für sie tun?“, fragt Josh neben mir, „sie sind ganz blass geworden.“

„Nein danke“, sage ich und meine Stimme zittert, „ich möchte zahlen.“

Ich suche meine Geldbörse, begleiche die Rechnung.

„Würden sie mir ein Taxi rufen? Der Regen hat nicht nachgelassen und der Weg in die Kastanienallee ist weit“, bitte ich den netten Barmann nach einem kritischen Blick aus dem Fenster.

„Sehr gerne“, Josh nickt und lächelt. „Wohnen sie in einer der alten Villen?“

„Nein. Nur im Gartenhaus unter den Kastanien.“

Ich gehe zur Garderobe und schlüpfe in meine Jacke, angele meinen Schirm aus dem Schirmständer. Eingehüllt in die sanften Melodien, trete ich auf die Schwelle der Bar. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Die Töne verstummen und gießen Stille über mich aus. Nur der Regen singt sein Lied. Ich fühle sie wieder, die Einsamkeit. Schlimmer als zu vor.

Das Taxi hält. Ich laufe über den Bürgersteig, gleite auf den Beifahrersitz und nenne die Adresse. Der Fahrer gibt nur einen zustimmenden Laut von sich und fährt los. Ich sehe aus dem Fenster. Meine Gedanken fahren Achterbahn.

Ich sehne mich schmerzhaft nach ihm, dem unbekannten Mann am Flügel. Sein Spiel brannte sich in meine Seele, legte ein Feuer, das meinen Körper erfasste. Es weckte verdrängte Lüste und Begierden auf und macht mich verrückt. Ich will ihn. Will seinen Körper und seine Seele erkennen. Mein Verstand tadelt meine Gier, doch meine hungernde Seele und mein ausgezehrter Körper kämpfen jeden Einwand nieder. Ich muss ihn wiedersehen, koste es, was es wolle.

Die schlafende Stadt fliegt an mir vorbei. Der Fahrer hält vor der Villa. Ich zahle, steige aus. Schnell betrete den Vorgarten, gehe den schmalen Plattenweg ums Haus entlang. Ich will nur noch eins, ins Bett. Mich in die warme weiche Decke einhüllen und die Hände des Klavierspielers auf meinem Körper fühlen, im Traum.

Ich krame in der Handtasche nach dem Haustürschlüssel. Er ist nicht da. Hektisch wühle ich in dem Chaos herum. Der Schlüssel ist taucht nicht auf. Er liegt wahrscheinlich im Odeon unter einem der Tische. Ich muss nochmal zurück in die Bar. Allerdings hat der Taxifahrer mein letztes Geld bekommen. Das bedeutet den ganzen Weg zu Fuß. Im Regen, mit diesen blöden Pumps. Das alles für ein Date mit einem Mann, der mich zwei Mal versetzt hatte, nur damit ich den Samstagabend nicht wieder allein verbringen musste.

Plötzlich fühle ich mich unendlich einsam. Ich denke an den Mann am Flügel. Seine sinnlichen Lippen, die schönen Hände, die den Saiten des Instruments die sehnsüchtigen Klänge entlockten und mich auf diese unglaublich intensive Weise berührten. Tränen rinnen über meine Wangen, tropfen auf den Jackenkragen.

Es hilft nichts. Wenn ich in mein Bett will, muss ich zur Bar gehen und meinen Schlüssel holen. Ich mache mich auf den Rückweg, biege gerade um die Ecke der Villa, als ich mit einem Mann zusammenstoße. Ängstlich mache ich ein paar Schritte zurück.

„Keine Angst“, sagt er mit beruhigender Stimme, „ich wollte dir deinen Schlüssel bringen.“

„Danke“, sage ich und erkenne den Mann vom Flügel, „sie sind hier?“

„Als du das Odeon verlassen hattest, war es, als würde ein Stück meines Herzen mit dir gehen. Ich musste dich wiedersehen, um mich zu vergewissern, dass es nicht nur Einbildung ist.“

Wie ist es möglich, dass er ausspricht, was ich ebenso fühle? Auf der offenen Hand hält er mir den Schlüssel entgegen. Ich will ihn entgegen nehmen, aber er schließt mein Hand in seiner ein. Nicht fest. Ich könnte sie jederzeit herausziehen, aber ich will es nicht. So fühlen sich also seine warmen Hände auf meiner Haut an. Ein wildes Kribbeln zieht sich meinen Arm hinauf. Mein Herz überschlägt sich beinahe und mein Atem geht stoßweise.

„Möchten sie einen Kaffee mit mir trinken?“, frage ich mit zitternder Stimme.

„Ja“, sagt er und ich höre sein Lächeln, als er weiter spricht, „morgen früh. Ich bringe ihn dir ans Bett.“

In meinem Hirn rasen die Gedanken durcheinander. Bedeute es das, was ich denke, dass es bedeutet? Er führt mich zu meiner Haustür, nimmt mir den Schlüssel ab und schließt auf. Sacht schließt er die Tür hinter uns. Wir stehen im dunklen Flur, dicht voreinander. Ich weiß, dass er mich küssen, mit seinen schönen Händen berühren und meinen Körper mit seinem in Ekstase versetzten wird und doch kann ich mich nicht rühren. Ist es nur einer dieser One-Night-Stands, die meine Sehnsucht für einen Moment übertönen und mich umso sehnsüchtiger zurücklassen?

„Komm zu mir“, sagt er leise. Seine Stimme ist so melodisch, wie sein Spiel, „hab keine Angst. Ich weiß nicht, was mit uns geschieht, aber du gehörst zu mir. Ich habe lange auf dich gewartet und ich lasse dich nicht mehr gehen.“

Er legt seine Hände in meine Taille und zieht mich an sich. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Es ist wie nach Hause kommen. Der Sturm in meinen Gedanken kommt zur Ruhe, obwohl mein Körper sich in einer Aufruhr befindet, die ich seit Langem nicht mehr gefühlt habe.

„Küss mich“, flüstert er mit rauer Stimme an meinem Ohr.

Sein heißer Atem streift über mein Gesicht. Die Finger seiner linken Hand zerwühlen mein Haar. Ich lehne meinen Kopf in den Nacken und biete ihm meinen Mund zum Kuss. Er beugt sich zu mir, als sich unsere Lippen kosten, erschauern mein Körper und meine Seele unter dem aufgewühlten Gefühl, das dieser Mann in mir auslöst. Es ist wahr, muss wahr sein. Wir gehören zusammen, sind füreinander bestimmt. Er küsst mich so zärtlich, lustvoll und sinnlich, dass ich die Zeit und den Raum um mich herum vergesse, wie im Odeon, als er mich mit seinen Melodien betörte.

Wir gehen ins Schlafzimmer. Die Gefühle in mir reffen sich zu Wellen auf, wollen Ausdruck finden, doch kein Wort ist annähernd genug, um sie zu beschreiben. Er zieht mich langsam aus. Seine Fingerspitzen setzen winzige Brände auf meine Haut. Jede Berührung durchdringt mich, jagt Schauer über meinen Körper und weckt mein Begehren in einem Ausmaß, das mich um den Verstand bringt. Ich bin das Instrument, das er durch seinen Anschlag zum Klingen bringt, mal sanft, mal nachdrücklicher. Er beherrscht das Spiel auf meinem Körper ebenso virtuos, wie auf dem Flügel. Ich öffne mich ganz für ihn, überlasse ihm den Rhythmus, fließe auf seinem Gezeitenstrom. Unsere Körper sprechen aus, was nicht in Worte zu kleiden ist. Die Nacht gehört uns, löscht die Erinnerung an Einsamkeit und Kälte aus.

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Meine Sucht nach dir

 

Bist eine Droge

Ein Tropfen von dir

Auf der Zunge zergeht

Und, alles kehrt sich um

 

Unten ist oben

Hell ist dunkel

Kalt ist heiß

Gefangen ist frei

 

Der Duft deiner Haut

Dein Blick durch und durch

Deine Hand im Nacken

Dein Mund auf meinen Lippen

 

Hab dich geatmet

Dich getrunken

Bis zur Neige

Alles genommen

 

Durst nach dir brennt in meiner Kehle

Werde niemals satt

Mein Herz verzehrt sich

Mit dir beginnt das Leben

 

Dein Begehren ist mein Rausch

Deine Lust mein Elixier

Hör mein Flehen

Bitte, gib mir mehr von dir

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„Hast du das gesehen?“

„Nein? Was?“

Ich blickte irritiert aus dem Fenster des Cafes und sah Autos und Menschen hinterher, die in einem nicht enden wollenden Strom an uns vorbei rauschten.

„Da war Matthias Schweighöfer!“, Sannes Stimme schnappte fast über. Sie sprang auf und griff nach ihrer Tasche. „Kannst du meinen Kaffee mitbezahlen? Ich muss hinterher, vielleicht krieg ich ein Autogramm. Wir treffen uns nachher im Hotel.“

Und weg war sie. Ich schüttelte den Kopf. Berlinale! Toll! Genau die richtige Zeit Berlin einen Besuch abzustatten. Wenn die Stadt überfüllt und die Promidichte mindestens 200 Prozent höher war, als sowieso schon. Aber was tut man nicht alles für eine Freundin?

Immerhin hatte ich nun Zeit in Ruhe zu lesen und etwas zu schreiben. Trotz Sannes Prominenten-Hatz hatte ich schon einiges von Berlin gesehen. Das Wetter war herrlich und am Nachmittag wollte ich zum Wannsee hinausfahren. Sanne war für die nächsten Stunden beschäftigt und würde mich bestimmt nicht vermissen.

„Entschuldigen sie“, sagte eine angenehme Stimme und ich sah auf, „darf ich mich zu ihnen setzen? Leider ist alles besetzt und ich habe gesehen, dass der Platz gerade frei geworden ist.“

Zwei blaue Augen strahlten und ein sinnlicher Mund lächelte mich aus einem markanten Gesicht an. Ich nickte und machte eine generöse Geste.

„Gerne. Im Moment ist geht es in Berlin ziemlich verrückt zu. Ich bin eigentlich zur falschen Zeit hier.“

Er setzte sich und winkte dem Kellner.

„Darf ich sie zu einem Kaffee und einem Stück Kuchen einladen? Damit sie nicht einen gar so schlechten Eindruck meiner Heimatstadt haben.“

Ich errötete.

„Danke schön, sehr gerne. Es tut mir leid, wenn sie denken ich hätte eine schlechte Meinung von Berlin, aber ich gebe zu, ich stürze mich nicht so gerne in hysterische Menschenmassen.“

Er lachte.

„Zwei Latte Macchiato“, bestellte er, „und zwei Stück Käsekuchen.“ Dann wandte er sich wieder an mich, „ihre Freundin schon. Ich bin übrigens Tom.“

„Freut mich sehr, Tom. Mein Name ist Lea. Ja, Sanne liebt die Promis. Einmal über den roten Teppich“, ich grinste, „am liebsten mit Brad Pitt. Aber ich fürchte, da kratzt Angelina ihr die Augen aus.“

„Das befürchte ich auch“, Tom schmunzelte, „und was haben sie noch vor, nachdem sie schnöde für Matthias Schweighöfer im Stich gelassen wurden?“

Der Kellner servierte den Kaffee und den Kuchen.

„Ich hatte an den Wannsee gedacht, bei dem fantastischen Wetter.“

„Eine gute Wahl. Wäre es vermessen sie zu fragen, ob ich sie begleiten darf?“

Tom nippte an seinem Kaffee, ohne den Blick von mir abzuwenden. Ich errötete wieder. Sannes dramatischer Abgang hatte mir einen Gentleman beschert.

„Das würde mich sehr freuen.“

„Ich verspreche ihnen, sie werden es nicht bereuen.“

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„Der geflügelte Löwe“, flüsterte Karan, „es gibt ihn wirklich.“

„Meinst du, es ist wahr und hier liegt das Geheimnis der Fürsten der alten Reiche verborgen?“

Alynd berührte sacht Karans Arm. Er erschrak, so sehr bannte das große Siegel seine Gedanken. Karan kannte den Zauberspruch, der es öffnen konnte. Besessen war er davon gewesen, die Burg der Alten zu finden und dem Wahrheitsgehalt der Legenden auf den Grund zu gehen. Nun da Karan sein Ziel fast erreicht hatte, schien ihm das Ganze nichts mehr zu bedeuten. Zu viele Opfer hatte er bringen müssen und niemand war Schuld dran, nur er allein.

„Willst du den Spruch nicht sagen?“

Alynd sah ihn fragend an. Karan vermied es zurückzuschauen.

„Sollen die Opfer umsonst gewesen sein? Der Schmerz, die Tränen und Entbehrungen?“, fragte sie sanft.

Karan wandte ihr das Gesicht zu. Kein Vorwurf über sein Versagen lag in ihren dunklen Augen, nur unendliche Liebe. Sie liebte ihn, hatte es schon immer getan. Jetzt, am Ende des Weges, erkannte er es. Wie war das möglich? War das die Antwort auf alle Fragen? Den Sinn, die Tiefe, die Essenz des Lebens an sich? Die Liebe.

„Bist du sicher? Wollen wir das wirklich tun?“, fragte er.

Alynd nickte.

„Ja. Ich werde immer bei dir sein. Wohin du auch gehst. Ob zum Guten oder Schlechten. Nichts wird mich von dir trennen.“

Sie griff nach seiner Hand. Spürte die rauen Stellen, die Schwielen der harten Arbeit an seinen Fingern. Hände die hart zupacken und sanft streicheln konnten. Karan hob Alynds Hand zum Mund und küsste ihren Handrücken. Ihre Augen versanken in einander. Die Prinzessin und der Schmied. Das waren sie einmal gewesen. Alynd kam es vor, als wäre es Zeitalter her. Nun waren sie Liebende. Sie lächelte ihm ermutigend zu.

Karan legte die frei Hand auf das große Siegel. Er spürte das Relief des geflügelten Löwen unter seiner Handfläche. Dann sprach er den Zauberspruch.

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Hier noch ein Text von einem mir bisher unbekannten Autor:

Ich fühlte mich nun viel besser und war voller Hoffnungen. Ich spürte den Kuss immer noch auf meinen Lippen, als wäre er ein körperlicher Gegenstand; ich hütete ihn sorgsam und bewahrte ihn wie einen Schatz an Entzücken, was für einen Verliebten das erste Süße Erlebnis ist. Der Kuss wird nämlich von dem schönsten aller Körperorgane gezeugt; denn der Mund ist das Organ der Sprache, und die Sprache ist der Schatten der Seele. Die Vereinigung zweier Münder lässt köstliches Wonnegefühl in die Brust hinabströmen und zieht die Seelen zu den Küssen empor. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor ein derartiges Glück empfunden zu haben; damals erfuhr ich zum ersten Mal, dass nichts einem Liebeskuss an Glückseligkeit gleichkommt.

Aus: Leukippe und Kleitophon

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