Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Parkplatz’

Augen Blicke

Lea parkt den Wagen. Es dauerte eine Weile, bis sie einen Parkplatz ergatterte. Darauf war sie vorbereitet. Es war nicht ihr erster Besuch in Berlin. Aber hier scheint das bessere Viertel zu sein, denkt sie und sieht sich um, nur noch um die Ecke gehen, ein Stück die Straße hinunter, dann stehe ich vor Jeans Haus.

Sie zögert. Es kommt ihr vor wie ein Traum. Soll sie die Grenze überschreiten? Was würde geschehen? Leas Herz schlägt bis zum Hals. Jeder Schritt macht sie atemloser. Sie denkt an die Mail, als Jean sie fragte, ob sie Lust hätte ihn zu besuchen. Er würde ihr die Sehenswürdigkeiten zeigen.
Natürlich wollte sie. Gleichzeitig schwankte Lea zwischen Euphorie und Panik. Endlich begegnete sie ihm in der realen Welt. Seine Stimme, seine Worte vereinten sich mit der Person. Wie würde es sein, ihm gegenüberzustehen?

Lea erreicht das Haus. Sein Name fiel ihr gleich ins Auge. Sofort ist es wieder da. Das Stolpern ihres Herzens. Was denkt er, wenn er mich sieht? Wird er mich mögen? Oder verpuffte die Faszination, die sie sich durch die Entfernung aufgebaut hatte?
Lea denkt an das letzte Mal, als sie dieses Bangen fühlte. Es ist über 1o Jahre her. Damals verschmolzen Stimme und Wort zu einer Einheit. Wie Jing und Jang schmiegten sie sich ineinander. Alles, was übrig blieb, sind ein sanfter Duft, ein Lächeln, ein zärtlicher Satz. Nur noch ein undeutliches Bild in ihrer Erinnerung.

In diesem Moment beneidet sie die Menschen, denen alles egal ist. Die in der Hektik, in ihren kleinlichen Gedanken, ihrem spießigen Zuhause gefangen sind und wie Hamster im Rad rotierten. Sie vermissen nichts, weil sie nichts haben. Ihre Herzen sind leer und öde. Täglich der gleiche Trott. Rennen, hetzten, alles mitnehmen, abends noch Schrott-TV. Gespräche dauern nur wenige kurze Sätze. Das, was zwischen den Anfang des Werbespotts, den Klobesuch und das Ende des Spotts passt. Einmal in der Woche Statistiksex. Man ist ja ein Paar. Das 1 ½ Quotenkind. Golf und Reiten. Formel 1 und Germany`s next Topmodel. Pauschalurlaub und überkommene Traditionen.

Lea wollte nie so werden. Ihr Hunger nach Leben ist ungebrochen. Egal, wie sehr ihr die alten Traditionen und Konventionen eingetrichtert worden waren. Die Sehnsucht ist nur größer geworden. Sie schreibt sich alles von der Seele. In den einsamen Stunden am PC wünschte sie sich tausend Mal auszubrechen. Lea will weinen und Lachen, bis ihr die Stimme versagt. Sie will Liebe und Sex, bis ihr Herz stehen bleibt. Will das Leben umarmen. Sich daran klammern und ganz vom Gefühl durchdrungen werden. Sich völlig hingeben.

Sie bekommt Angst vor ihren eignen Gedanken. Wie viel von diesen Gedanken kann sie Jean zumuten? Er ist erfolgreich, gebildet, viel beschäftigt. Dozent an der Uni. Stand mit beiden Beinen im Leben. Lea empfand sich oft als chaotisch und getrieben. Sie wollte hemmungslos und wild sein, und kämpfte mit der Angst für verrückt und liederlich gehalten zu werden.

Andererseits hat Jean ihr aus seinem Leben geschrieben. Alles andere als althergebracht. Ein Leben wie aus Hemingways Romanen. Mit Havanna und Whiskey. Lea hat sich während der Zeit ihrer Gespräche vorgestellt, wie es gewesen wäre, die Welt mit seinen Augen zu sehen. So frei und ungebunden zu sein. Stark und unabhängig.

Eine Fantasie, in der sie sich mit Jean gemeinsam sah, gefällt ihr besonders:
Irgendwo an einem Meer, an einem warmen Tag in der Abenddämmerung. Neben ihm auf der Terrasse auf einem breiten Bett zu liegen, seiner angenehmen Stimme zu lauschen, träge vom Tag und anschmiegsam zu sein. Seine Hand auf ihrem Nacken zu spüren. Wie seine Fingerspitzen langsam ihre Wirbelsäule herab glitten …

Die Tür wird aufgerissen. Lea zuckt zusammen. Das ist er. Jean. Lässig in Jeans und Hemd.

„Hallo“, flüstert sie und schaut ihn staunend an.

Er lächelt. In Leas Bauch schlägt ein Funken auf und steigt langsam, brennend ihre Lungen hinauf, in ihre Kehle.

„Auch Hallo. Ich hab dich gesehen und befürchtet, du würdest wieder gehen.“

Lea schüttelt den Kopf. Ihr fehlen die Worte. Er zieht eine Augenbraue hoch. Das kennt er nicht von ihr.

„Komm ich nehm dir die Tasche ab.“

Lea überlässt sich seiner Fürsorge, folgt ihm und überlegt fieberhaft, was sie sagen und tun soll. – Lass es auf dich zu kommen. – Versucht sie sich zu beruhigen. – Wie lasse ich etwas auf mich zu kommen, dass ich mir mehr als alles andere herbeisehne? –

Jean öffnet die Wohnungstür und macht eine einladende Geste.

„Bitte, komm rein.“

Lea tritt ein. Er schließt die schwere Tür hinter ihr, stellt die Tasche auf den glänzenden Parkettboden. Sie dreht sich zu ihm um. Atemlos aufgeregt steht sie da. Für eine endlose Sekunde schauen sie sich in die Augen. Lea errötet. – Kann er es in meinem Augen lesen? – Jean macht einen Schritt vorwärst, legt die Hände auf ihre Hüfte und zieht Lea näher zu sich. Sie hält den Atem an. – Bitte lass mich nicht mehr los. –

Jean hält Leas Blick fest, als er sich zu ihr beugt. Er sieht, wie sich ihre Lider schließen. Zart küsst er ihre Stirn, ihre Wangen, spürt wie sie ihm entgegen kommt, die Lippen leicht öffnet. Jean nimmt ihren Mund. Lea schmiegt sich an ihn. Sein dezenter Duft steigt ihr in die Nase. Eine holzige Note und seine Wärme vermischen sich zu einem verführerischen Cocktail, der Lea einhüllt, sie zu ihm zieht und ihre Bedenken weg spült. Sie ist angekommen.

Read Full Post »

Wie hilflos kann man sein, denke ich und sehe auf den rauchenden Motor. Tja, wenn man als Frau eine Panne hat, dann sollte man entweder Mechatronikerin sein, ein Handy dabei haben, um den ADAC zu rufen, oder lange Beine und eine tiefes Dekolleté sein eigenen nennen, die einen Mann dazu bringen Mitleid zu haben. Da ich nichts von den drei Dingen zur Hand habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen.

Die letzte Behausung sah ich vor etwa 10 Kilometern. Ich habe die Qual der Wahl, entweder den Weg zurück oder darauf hoffen, dass ich in Fahrtrichtung eher auf einen hilfsbreiten Menschen treffe. Dass ich in Rumänien in der tiefsten Provinz liegen geblieben bin und kein Wort Rumänisch spreche ist das nächste Problem, aber darum werde ich mich kümmern, wenn ich einen Einheimischen vor mir habe.

Ich schnappe meinen Rucksack mit den wichtigen Sachen und entscheide mich, in Fahrtrichtung zu laufen. Da ein Unglück selten allein kommt, setzt die Dämmerung schlagartig ein, kaum das ich mich in Bewegung setze. Von Natur aus bin ich kein Angsthase, aber hier, nicht weit weg von Mythen und Legenden, beginne ich mir doch Gedanken zu machen.

Aber da mir keine Menschenseele begegnet und ich zwischen üppigen Wiesen und lichten Hainen wandere, schiebe ich meine wilden Fantasien beiseite. Irgendwo werde ich einen Parkplatz und einen Autofahrer finden, der mir weiter hilft. Auf meiner Fahrt die Landesstraße hinunter habe ich viele gesehen, manche kaum zwei Kilometer auseinander. Jetzt wo ich einen brauchte, kommt keiner. Murphys Gesetz geht mir durch den Kopf – du stehst immer an der falschen Schlange in der Kasse, das Brot fällt immer mit der Butterseite nach unten und wenn ich einen Parkplatz brauche, dann ist keiner da.

Während ich über den Ungerechtigkeiten des Lebens brüte, bemerkte ich nicht, dass ich beobachtet werde. Erst als mich jemand anruft und ich beinahe einen Herzkasper bekomme, seh ich sie. Am Wegesrand steht ein kleines Mädchen. Sie sieht ärmlich gekleidet aus, aber sauber. Ihr dunkles Haar ist zu Zöpfen geflochten. Sie starrt mich an, als hätte sie noch nie einen Menschen gesehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu ihr gehen soll. Was ist wenn sie plötzlich ihren kleinen Mund aufreißt, ihre Vampirzähne ausklappt und mich beißt. Wir stehen uns eine ganze Weile gegenüber und messen uns mit Blicken. Sie vertraut mir genauso wenig, wie ich ihr.

Das Ding ist, dass ich nicht mehr jungfräulich bin, was solche Erscheinungen betrifft. Meine letzte Begegnung mit einem kleinen bezopften Mädchen kostete meinen Partner das Leben. Ich gebe mir die Schuld, da ich auf sie herein gefallen bin und er mich rettete. Mein bisschen Leben schulde ich seinem Blut.
Plötzlich lächelt sie und winkt mir zu. Sie scheint wirklich harmlos zu sein, sieht aus wie ein ganz normales süßes Kind. Gerade will ich auf sie zugehen, als ich eine leise Stimme höre:
„Tu es nicht, lauf!“
Und ich laufe.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: