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Posts Tagged ‘Pfauenfedern’

Geboren am 5.9.1870 in Berlin, gestorben am 28.6.1928 in Garmisch-Partenkirchen. Auburtin entstammte einer französischen Emigrantenfamilie. Nach dem Studium der Germanistik, Kunst- und Literaturgeschichte arbeitete er für die »Berliner Börsenzeitung«, die Zeitschriften »Jugend« und »Simplicissimus« und das »Berliner Tageblatt«, für das er von 1911 bis 1914 als Auslandskorrespondent in Paris tätig war. Seit 1917 führten ihn Reisen in mehrere europäische Länder.

Seine Kurzgeschichten sind nicht nur schön zu lesen, sondern haben auch (fast) immer ein ungewöhnliches Ende. Wer Lust auf schöne Kurzgeschichten hat, ist mit Victor Auburtin gut beraten. Hier ein Auszug aus Pfauenfedern:

Einleitung

Vor mir auf dem Tisch liegen drei Bogen Papier, liniiert, etwas gelblich. Daneben ein gut angespitzter Tintenstift. Ich untersuche diesen Tintenstift und bemerke, dass sein Name ist: Dessin Wilson 416 B.

Und mehr Werkzeug brauche ich nicht beisammen zu haben, um der berühmteste Mensch der Welt zu werden.

Auch sonst sind die Umstände dem großen Vorhaben recht günstig.

Es ist Februarabend. Die weißen Vorhänge sind heruntergelassen, die Tischlampe brennt, und die Tabakpfeife ist in richtigem Gang; sammetweich, ohne Nebengeräusche zieht der Rauch durch das Rohr.

Aber drüben auf dem Wandbrett schimmern im Halblicht die Raritäten und die Zierrate: die bronzenen Schalen mit den Löwenköpfen, die gefleckten Schnecken, die Millefiorigläser vom Rialto in Venedig und die stillen Gläser mit den Pfauenfedern.

Also beispielsweise so: an diesem Februarabend könnte ich mit diesem Tintenstift auf dieses gelbe Papier einen Gesang in Terzinen schreiben, gegen den die Divina Commedia erblasste wie eine Gaslaterne am Mittag. Es liegt das alles nur bei mir, alles ist zur Hand. Einen Sonnengesang mit Feuerrädern und tausend flammenden Fenstern.

Oder was hinderte mich, eine Entdeckung naturwissenschaftlicher Art jetzt einfach auf dieses Papier hinzuschreiben? Bunsens Abhandlung über die Spektralanalyse war anderthalb Druckseiten lang und hat die wissenschaftliche Welt umgeworfen. Und was wäre Bunsens Abhandlung über die Spektralanalyse gegen die Entdeckung, die ich jetzt hier aufzuzeichnen die beste Gelegenheit habe?

Überhaupt fällt mir ein, dass das wahre Wort der Welt noch gar nicht gesprochen worden ist, das Wort, auf das sie alle warten. Sehen wir die Werke der Großen durch: sie hauen alle immer irgendwie daneben. Sie sind in der Enge ihrer Zustände befangen, wie jener Dante, oder sie sind, wie Goethe, so stolz, dass sie niemals mit der rechten Sprache herausrücken.

Ich könnte es schreiben, das Weltwort, das die Geschlechter  der Menschen hinrisse, auf dieses Papier schrieb ich es hin mit dem Tintenstift Dessin Wilson 416 B.

Gott könnte ich werden. Bisher hat noch kein Gott geschrieben. Buddha träumte unter Feigenbäumen, Phöbus Apollon leuchtete, Jesus ließ sich ans Kreuz schlagen, alles ganz schön, aber nicht verständlich genug. Also auf; ich wäre der erste Gott mit einem Tintenstift, und feurige Apostel trügen meine Flugschriften in die Welt und lehrten alle Völker.

Oder soll man einen Operntext entwerfen? 20000 Mark ließen sich in einem Schmiss verdienen.

Das Zimmer ist voll Rauch, gewaltige Schwaden umgeben mein Haupt, und die Strahlen des Geistes zucken in ihnen. Die drei Bogen sind vollgeschrieben.

Nun, ich glaube nicht, dass man mich darum zum Gott ausrufen wird, und noch weniger wird mir einer 20000 Mark dafür geben. Aber es ist mein Werk, in seinem Gewebe, mit seinen Fäden, und Stufen und Lichtern.

Und vorsichtig fasse ich es an, und setzte das Schimmerwesen auf das Wandbrett zwischen die Raritäten und Zierrate.

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