Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Pistole’

Tür, Silber, Aufschrift, Dämmerung, klopfen, Spitze

„Bist du sicher, dass das“, ich deutete auf die silbernen Buchstaben der Beschwörung auf der Eingangstür, „ein ausreichender Schutz ist?“

Roman zuckte mit den Schultern.

„Es ist eine erste Barriere, die uns etwas Zeit verschaft.“

Ich war skeptisch. Eine sehr wage Aussage und wenig zufriedenstellend. Zu gerne hätte ich ihm meine Meinung dazu gesagt, aber Lucius schenkte ihm Vertrauen und hatte uns befohlen, ihn ebenfalls als einen der unseren zu akzeptieren.

Ich sah aus dem Fenster und ließ den Blick über meine geliebten Hügel schweifen. Sie waren das einzige, dass sich nicht verändert hatte. Noch nicht. Seitdem sie die Königsburg einnahmen und König Leon töteten, hatte sich alles verändert.

Die Dämmerung brach herein. Es gab eine Zeit, da liebte ich diese stille Stunde vor der Dunkelheit. Doch dies schien eine Ewigkeit her, nurn fürchtete ich sie. Die Stunde der Dämmerung war nur noch kurzes Aufatmen, dann mit dem verlöschen des letzten Tageslichtes begannen die Schrecken, die jede Nacht wiederkehrten.

„Ich übernehme die erste Wache“, bot ich an.

Roman nickte und streckte sich auf dem schlichten Holzbett aus. Ich richtete mich auf dem Lehnstuhl nahe der Tür ein, die langläufige Pistole mit den geweihten Kugeln auf den Knien.

***

Klopfen, drang in mein Bewusstsein. Ich riss die Augen auf. War ich eingenickt? Wie konnte das passieren? Die Kerze war kaum heruntergebrannt, es konnte nicht viel Zeit vergangen sein. Ich suchte den Raum nach Roman ab. Das Bett war leer. Angespannt lauschte ich. Es war totenstill. Das beunruigte mich.

„Roman, wo bist du?“, flüsterte ich.

„Hier“, hörte ich ihn hinter mir und fühlte seine spitze Klinge an meiner Kehle.

Read Full Post »

Mit dem, was Rosalie auf der anderen Seite erwartet, hat sie trotz aller Fantasie nicht gerechnet. Über ihr, getragen von kunstvoll gestalteten Säulen, öffnet sich die Kuppel einer Kapelle. Sie ist nachtblau mit goldenen Sternen. Der Raum wird von einigen Fackeln erhellt, die an den Säulen hängen. Auf zwei Seiten stehen schlichte Holzbänke, die zu einem Altar führen, über dem ein Triptychon hängt. An der unteren Kante des Aufsatzes wurden die Leisten gewaltsam entfernt. Sie liegen zersplittert auf dem Altartisch.

Vor dem Altar liegt Gil auf dem Boden. Er stöhnt und drückt sich den Oberschenkel ab. Zwischen seinen Finger sickert Blut hindurch, der Fleck vergrößert sich schnell. Rosalies Herz schlägt schneller. – Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Wo ist Anthony? –

„Es muss hier sein!“, schreit Anthony wütend.

Rosalie schaut nach rechts. In einer Nische steht eine Madonna mit Kind. Sie ist wunderschön. Im Schein der Fackeln glitzern die vergoldeten Heiligenscheine. Vor dem Heiligenbild stand eine Holzbank, auf der man zur Andacht niederknieen konnte. Anthony hat sie direkt vor die Statue geschoben. Er steht darauf und untersucht die Statue. In einer Hand hält er einen eisernen Kerzenleuchter.

„Du gibst dein Geheimnis preis, so oder so!“, schreit er und holt mit dem Leuchter zum Schlag aus.

„Nein!“, ruft Rosalie, „nicht!“

Aufgeschreckt dreht Anthony sich zur Seite und stürzt von der Bank. Stöhnend bleibt er liegen. Rosalie huscht zu Gil.

„Gil, was ist passiert?“

Sie reißt einen Stoffstreifen aus ihrem Kleid und bindet sein Bein ab.

„Ich wollte ihm das Collier nicht geben“, keucht er, fasst nach Rosalies Hand, „verzeih mir.“

„Was hast du getan?“

„Ich habe auf den Wahnsinnigen gehört“, murmelt er.

Die Augen fallen ihm zu.

„Gil bleib bei mir“, ruft Rosalie.

„Du hast alles kaputt gemacht“, Anthony rappelt sich auf, „deinetwegen wollte er den Schatz nicht mehr heben. Seit Wochen habe ich nach dem Geheimgang gesucht. Und nach dem die alte Schachtel endlich erledigt ist und wir das Collier in den Händen halten, kommst du und verdrehst ihm den Kopf.“

Anthony zieht eine Pistole aus der Jackentasche zielt – gleichzeitig ertönen zwei Schüsse. Anthony geht tödlich getroffen zu Boden. Gil gibt ein Röcheln von sich. Blut läuft aus seinen Mundwinkeln, tropft auf Rosalies Kleid.

„Rosalie!“

Sie antwortet nicht. Nathan zerrt Gils leblosen Körper von Rosalie herunter. Vorsichtig untersucht er ihren Kopf. An ihrem Hinterkopf tritt Blut aus.

„Rosalie, hören sie mich?“

Nathan tätschelt ihre blasse Wange. Sie reagiert nicht. Er hebt sie hoch, trägt sie zum Ausgang.
Im Zellentrakt kommt ihm Constable Collins mit drei weiteren Kollegen entgegen.

„Collins, gut dass sie da sind. – Bringen sie Miss Graville ins Haus und rufen sie einen Arzt. Es ist dringend!“

Er legt Rosalie in Collins Arme und gibt weitere Befehle an seine Mitarbeiter aus.

Read Full Post »

„Ich habe Angst“, flüstert Lea.

„Wieso?“

Declans steht so nah bei ihr, dass seinen warmer Atem über ihren bloßen Nacken streicht.

„Sie werden merken, dass ich nicht hier her gehöre.“

„Niemand wird es heraus finden“, erwidert Declan mit Nachdruck. „Lass dich von mir führen und alles wird gut.“

Er nimmt ihren Arm und ehe Lea groß nachdenken kann, steht sie auf dem Teppich, der von den ankommenden Autos zur Villa führt, damit sich die Damen ihre teuren Schuhe und Roben nicht beschmutzen. Lea strafft den Rücken, hebt ihren Kopf und schreitet langsam neben Declan her. Sie bemerkt seinen aufmerksamen Blick und errötet, als sie feststellt, dass er an ihrem üppigen Dekolleté hängen geblieben ist.

„Wundervoll“, raunt er ihr zu und lächelt, „ich weiß, dass du es kannst.“

„Klar, mit diesem Kleid, sehe ich geradezu wie eine Einladung zum Essen aus.“

„Oh, dein Sarkasmus kehrt zurück. Jetzt wird alles gut“, neckt Declan sie.

Die beiden betreten die festlich geschmückte Eingangshalle. Lea spürt, wie sie die Aufmerksamkeit anderer Gäste auf sich zieht. Nicht verwunderlich. Sie trägt als einzige Rot! Auffälliger kann ihr Abendkleid nicht sein. Dazu eng anliegend und mit kleiner Schleppe. Lea muss zierliche Schritte machen, um nicht zu stolpern.

„Ist es nicht zu offensichtlich, dass du mich auf dem Silbertablett servierst?“

Declan grinst und seine grünen Augen glitzern erregt. Wenn er auf der Jagd ist, gibt es kein Halten.

„Mag sein, aber du bist so verführerisch, dass dir keiner widerstehen kann“, seine Stimme klingt rau und Lea blickt zu ihm auf, „ – und dann komme ich ins Spiel.“

Lea denkt an das Waffenarsenal, das Declan unter seinem perfekt sitzenden Anzug versteckt hat. Nichts zeichnet sich unter dem teuren Stoff ab. Obwohl er mindestens zwei silberne „Pfähle“ unter dem Jacket trägt, ganz zu schweigen von silbernen Wurfsternen, und zwei Pistolen mit Silberkugeln.

„Und du bist sicher, dass wir keine Verstärkung brauchen?“

„Ich bin nicht das erste Mal auf so einer Mission“, er senkt seine Stimme, als ein eindrucksvoller Mann auf sie zu kommt, „Showtime!“

„Guten Abend, es freut mich, sie in meinem Haus begrüßen zu dürfen“, der Gentleman lächelt und seine dunklen Augen bleiben an Leas Gesicht haften, „mit wem habe ich das Vergnügen.“

„Declan Galbraith“, antwortet Declan und schiebt Lea etwas nach vorne, „darf ich ihnen meine Schwester Lea vorstellen, Mylord.“

Die Lüge geht im leicht von den Lippen. Eine gute Tarnung ist lebenswichtig.

„Mylord.“

Lea macht einen vollendeten Knicks und neigt anmutig den Kopf. Aus ihrer Hochsteckfrisur lösen sich ein paar vorwitzige Löckchen, dadurch kommt ihr schlanker Hals noch auffälliger zur Geltung. Lord Vulcan streckt ihr die Hand entgegen. Lea legt ihre Hand in seine. Erstaunt registriert sie, dass sie nicht kalt ist, wie sie es erwartet hat.

„Nicht so förmlich bitte. Nennen sie mich Marcus“, Lea nickt und Marcus wendet sich an Declan“, darf ich ihre Schwester zum Tanz entführen?“

„Wenn sie es wünscht“, erwidert Declan höflich.

Lea weiß, dass er sich innerlich die Hände reibt, weil sein Plan aufgeht. Marcus wirft Lea einen fragenden Blick zu.

„Sehr gerne eure Lordschaft“, ein feine Röte überzieht ihr Gesicht, „entschuldigen sie, Marcus.“

„Eine schöne Frau muss sich niemals entschuldigen“, sagt Marcus galant und blickt auf sie herunter.

Lea ist feingliedrig, ohne dürr zu sein, ihre helle Haut lässt das Blau ihrer Augen und den glänzenden Kupferton ihrer Haare deutlich hervor stechen. Marcus reicht ihr den Arm und Lea folgt ihm in den Ballsaal. Seine Bewegungen sind geschmeidig, wie sie es nur von Declan kennt und unter dem weichen Stoff seiner Jacke fühlt Lea einen muskulösen Arm.

„Darf ich ihnen ein Kompliment machen, Lea“, fragt Marcus.

Als sie seinen dunklen forschenden Augen begegnet, senkt sie verlegen den Blick.

„Wenn es sein muss, Mylord – Marcus. Ich bin nicht daran gewöhnt Komplimente zu bekommen.“

Dafür muss sich Lea nicht einmal verstellen, weil es stimmt. Seit Kindertagen ist sie für die meisten die kleine rote Hexe und auch wenn es meistens lustig sein soll.

„Dann lasst mich sagen, wie aufsehenerregend schön ihr seid. Noch nie in meinem ganzen Leben“, und Marcus weilt schon lange unter den Lebenden, „habe ich so eine Schönheit gesehen.“

„Danke, Marcus. Das ist sehr freundlich von ihnen.“

„Ist es nicht“, Marcus Stimme hat plötzlich einen melancholischen Ton angenommen. „Im Grund ist es sehr egoistisch.“

„Wie meinen sie das?“

Marcus bleibt Lea die Antwort schuldig, da sie inzwischen den Ballsaal erreicht haben. Er gibt den Musikern ein Handzeichen. Der Dirigent nickt und die ersten Takte der Musik erklingen. Marcus legt Lea zart den Arm um die Taille und zieht sie sacht auf die Tanzfläche. Declan hatte darauf bestanden ihr das Tanzen beizubringen, aber seine Ungeduld führte mehr als einmal zu unschönen Szenen. Er wollte alles und zwar am liebsten sofort. Marcus behutsame Führung dagegen, macht es Lea leicht ihm zu folgen. Sie schaut zu ihm auf und bemerkt seinen sehnsüchtigen Blick.

„Was macht sie traurig, Mylord?“

Ein flüchtiges Lächeln huscht über seine sinnlichen Lippen. Marcus zieht Lea dichter an sich heran, beugt sich zu ihr herunter und flüstert:

„Es macht mich traurig, dass ich deine Schönheit nicht jeden Tag sehen kann.“

Irritiert dreht Lea etwas den Kopf. Seine seidigen dunklen Locken kitzeln ihre Wange. Sein Mund ist ihrem ganz nah. Sie fühlt seinen Hauch über ihre Lippen fliegen. Ein Schauer läuft ihren Rücken herunter.

„Mylord“, Lea ringt nach Worten.

Sein Mund streift ihre Wange, ihren Mundwinkel.

„Ich wünschte, du könntest mich lieben“, Marcus drückt Lea fest an sich. „Aber ein Monster kann man nicht lieben, nicht wahr?“

Seine Lippen finden ihre. Weich und warm. Die Berührung erschüttert Lea zu tiefst. Marcus ist so sanft und doch, Lea spürt, wie sehr er sie will. Aber am meisten erschüttert sie die Erkenntnis, dass auch sie ihn will. Die letzten Takte der Musik erklingen. Marcus löst sich von Lea.

„Es ist Zeit gehen. Ich möchte nur ungern, dass Mister Galbraith ein Blutbad vor meinen Gästen anrichtet. Lebt wohl, Lea.“

Er hebt ihr Gesicht zu sich empor und küsst sie erneut. Er schmeckt ihre Tränen auf seiner Zunge. Mit ungläubigem Blick sieht Marcus Lea an. Er hört Declans schnelle Schritte, kann seinen rasenden Herzschlag unter den Anwesenden ausmachen. Marcus kann nicht länger bleiben.

„Nein, bitte nicht.“

Lea streckt ihre Hand nach seiner aus. Aber Marcus ist in der Menschenmenge verschwunden.

Read Full Post »

Kathy warf die Tür zu, schloss ab und legte den Riegel vor. Schon den ganzen Tag hatte sie sich beobachtet gefühlt. Irgendetwas stimmte nicht. Kathy hatte das im Gefühl. Ein untrüglicher Instinkt, der sich in den acht Jahren entwickelt hatte, seit ihr Steve Kendall überall hin gefolgt und ihr die Hölle auf Erden bereitet hatte. Bei dem Gedanken, dass Steve sie wieder aufgespürt hatte, wurde Kathy übel. Ihr Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen, das durfte einfach nicht wahr sein. Seine Haftstrafe war doch noch gar nicht abgelaufen. Kathy musste Gewissheit haben. Sie schaltete das Licht in ihrem Wohnzimmer ein. Dann ging sie in ihr Schlafzimmer, schob den Vorhang einen winzigen Spaltbreit auseinander und starrte auf die regennasse Straße. Wenn Steve sie verfolgt hatte, dann würde er sich zeigen, früher oder später bei ihr klingeln, um sie wieder in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie hatte seine letzten Worte, bei der Verhandlung, die zu seinem Gefängnissaufenthalt geführt hatte nicht vergessen:

„Wenn du glaubst, es ist vorbei, dann hast du dich geirrt.“ Als die Beamten ihn aus dem Saal führten, hatte er sich noch umgedreht und sie angesehen. Der Blick verfolgte sie bis in ihre Träume. Eins war ihr danach klar geworden, die Hoffnung, die sie hegte, endlich Ruhe vor ihm zu haben, war reine Illusion. Solange Steve Kendall Kraft zum Atmen hatte, würde er sie verfolgen. „Bis der Tod uns scheidet“ bekam in ihrem Fall eine ganz neue Bedeutung. Dabei war sie am Anfang so glücklich mit Steve gewesen. Er war der Romantiker, den sie sich immer gewünscht hatte. Fantasievoll, großzügig und ein wunderbarer Liebhaber. Bis sie zusammenwohnten. Ab dem Moment fing er an sie im Büro zig Mal anzurufen, nach Betriebsschluss auf sie zu warten, ihr zu folgen, wenn sie sich mit Freundinnen traf, ihre Eltern auszufragen, wo hin sie ging und mit welchen Leuten sie sich abgab. Irgendwann konnte Kathy nicht mehr daran vorbei sehen, dass das Ganze außer Kontrolle geriet und sie stellte Steve zur Rede. Beim ersten Mal schaffte er es noch ihren Unmut zu zerstreuen, aber die Lawine war ins Rollen geraten und nahm nach und nach immer bedrohlichere Formen an. Es war der reinste Terror, der darin endete, dass Steve sie verprügelte und Kathy im Frauenhaus landete. Sie erstatte Anzeige, aber das war nicht das Ende der Story, es fing erst richtig an. Steve spürte Kathy auf, wohin sie auch ging. Egal ob es eine Freundin, ein Kinobesuch, ein Stadtbummel oder ein Restaurantbesuch war. Er fand sie, machte ihr böse Szenen und randalierte, bis Kathy es aufgab irgendwohin zu gehen. Sie zog sich von allem zurück, bis sie kaum noch Freunde hatte. Aber den schlimmsten Tag erlebte sie, als ihr Chef, ein angesehener Arzt, ihr nahelegte sich einen anderen Wirkungskreis zu suchen, da er es nicht länger verantworten könne, dass seine Patientinnen von ihrem Lebensgefährten belästigt würden. Kathy hatte im ersten Moment mit dem Gedanken gespielt, sich die Pulsadern aufzuschneiden, oder Tabletten zu schlucken. Ob es am Ende der Gedanke war, dass Steve gewonnen hätte, wenn sie starb, oder ob es der fehlende Mut war, der sie davon abhielt den Suizid in die Tat umzusetzen, wusste sie heute nicht mehr. Bei ihrem letzten Zusammenstoß mit Steve hatte er ihr ein Messer in den Bauch gerammt und nur dem beherzten Eingreifen eines älteren Herrn hatte sie es zu verdanken, dass sie noch am Leben war. Steve war danach für vier Jahre in den Knast gegangen. Kathy hatte bei dem älteren Herrn, Mister Gordon, eine Anstellung als Haushälterin bekommen. ER und seine Frau waren sehr nett und behandelten Kathy wie eine Tochter. Langsam hatte Kathy gelernt wieder sie selbst zu sein und es gab Nächte, da träumte sie nicht mehr von Steve.

Kathy starrte aus dem Fenster. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Alles blieb ruhig. Es regte sich nichts. Kein Schatten, der sich bewegte, kein Auto, das nicht hier hergehörte. Sie musste sich geirrt haben. Kathy ließ den Vorhang zurückgleiten und ging in die Küche. Sie brauchte einen Kaffee mit viel Zucker. Kathy wollte sich gerade in ihren gemütlichen Ohrensessel setzen, als sie ein Geräusch an ihrer Wohnungstür hörte, das sie zusammenzucken ließ. Ihre Hände zitterten und sie musste die Kaffeetasse hinstellen, um nichts zu verschütten. Mit angehaltenem Atem schlich sie in die Diele. Da lag ein Zettel. Kathy biss sich auf die Lippe, um nicht loszuschreien. Mit zwei Fingern hob sie das zerknitterte Papier auf. Es war die Rechnung für ein Jagdmesser. Auf der Rückseite stand: „Ich sehe dich.“ Alles begann sich um Kathy zu drehen. Er war zurück. Steve war wieder da und hatte sie aufgespürt. Ihr Instinkt hatte sie nicht betrogen. Was sollte sie tun? Er war ihr sogar bis ins Haus gefolgt. Ob er noch da war? Er würde nie aufgeben, so wie er es ihr geschworen hatte. Kathy suchte verzweifelt nach der Telefonnummer des Polizisten, der ihren Fall damals bearbeitet hatte. Endlich! Sie wählte und war erleichtert, als sie seine sonore Stimme hörte.

„Malone.“ Meldete er sich.

„Hallo, Inspektor Malone. Hier ist Kathy Snyder. Erinnern sie sich noch an mich?“

Der Polizist zögerte einen Moment.

„Snyder, Snyder… .“

„Messerattacke, Stalker.“ Half Kathy nach.

„Ja, Miss Snyder, ich erinnere mich. Wie geht’s ihnen?“

„Bis jetzt ganz gut.“ Kathy versuchte beherrscht zu klingen, „aber heute habe ich einen Zettel in meiner Wohnung gefunden. Es ist die Rechnung eines Jagdmessers und auf der Rückseite steht: Ich sehe dich. Ich glaube Steve Kendall hat mich gefunden.“

„Das ist unmöglich. Er müsste doch noch mindestens ein Jahr im Gefängnis sein.“ Inspektor Malone wirkte ehrlich erstaunt.

„Aber wer macht so etwas? Ich bin mir sicher es ist Steve.“

„Sie sind jetzt zu Hause?“, fragte Malone.

„Ja, ich setzte keinen Fuß vor die Tür.“

„Ich werde mich erkundigen, ob Kendall im Knast ist. Ich rufe sie gleich zurück.“

Kathy legte auf und versuchte sich zu beruhigen. Sie war froh, dass Malone sie nicht abgewiesen hatte. Es dauerte nicht lange und das Telefon klingelte.

„Ja?“ Fragte Kathy. Es blieb still. Sie hörte nur, wie jemand atmete.

„Hallo?“ Fragte sie. „Wer ist da?“

Keine Antwort. Kathy legte auf. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Es ging wieder los. Egal was Malone sagen würde, sie wusste, Steve war zurück.

Das Telefon klingelte. Kathy nahm ab, sagte aber nichts.

„Hallo, Miss Snyder?“, fragte Malone.

„Ja. Sie sind es.“ Kathy war erleichtert.

„Was ist los?“

Malone merkte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Er hat angerufen.“

Malone räusperte sich.

„Ich muss ihnen eine schlechte Nachricht überbringen“, er machte eine Pause, „Steve Kendall, wurde vor drei Tagen entlassen, wegen guter Führung. Die Psychologen haben ihn als unbedenklich eingestuft.“

Kathy ließ sich in ihren Sessel sinken. Jetzt hatte sie die offizielle Bestätigung.

„Miss Snyder?“ Fragte Malone besorgt, „alles OK?“

Am liebsten hätte sie in den Hörer geschrien: „Nein! Nichts ist in Ordnung. Der Mann, der mich fast umgebracht hat, ist wieder auf freiem Fuß und hat mich aufgespürt. Wie kann denn da alles OK sein.“ Stattdessen sagte sie:

„Ja. Alles Ok.“

„Kommen sie doch morgen mal im Präsidium vorbei, dann nehme ich den Fall auf.“ Bot ihr Malone an.

„Ja, danke.“ Kathy legte auf.

 

Wie lange sie so dagesessen hatte, wusste sie nicht mehr. Aber als sie wieder zu sich kam, war ihr klar, niemand konnte ihr helfen und niemand würde ihr helfen. Malone sagte, er würde den Vorfall aufnehmen. Und dann? Solange Steve sie nicht anrührte, konnte er machen, was er wollte. Und Steve würde bestimmt vorsichtiger sein, als beim letzten Mal und dafür sorgen, dass es keine unliebsamen Zeugen gab. Zeit genug zum Nachdenken hatte er jedenfalls gehabt. Kathy ging in ihr Schlafzimmer, öffnete ihren Kleiderschrank und zog aus einem Regal einen Holzkasten. Nervös öffnete sie die Kiste und nahm eine kleine Pistole heraus. Kathy hatte gehofft, sie nie benutzen zu müssen, aber ihr blieb keine Wahl. Auch sie war diesmal besser vorbreitet. So leicht würde sie es Steve nicht machen, sie ins Jenseits zu befördern. „Selbst ist die Frau. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Erinnerte sie sich an die nervigen Sprüche ihrer Mutter. „Na hoffentlich“, dachte sie.

 

Sechs Wochen später:

 

In den letzte Wochen war nichts passiert. Keine Anrufe, keine Briefe und auch keine merkwürdigen Gefühle. Kathy atmete auf. Vielleicht war alles nur eine Überreaktion gewesen, oder Steve hatte eingesehen, dass er sie besser in Ruhe ließ. Möglicherweise hatte er sie dabei beobachtet, dass sie ins Polizeipräsidium gegangen war und er hatte Angst bekommen, dass die Bullen bei ihm auftauchten und Ärger machten.

Kathy musste wieder Willen lächeln, als sie die Haustür bei Mister und Misses Gordon aufschloss. Dass Steve so leicht aufgab, hätte sie nicht gedacht. Sie war heilfroh, dass es so schnell vorübergegangen war. In ihre Betrachtung versunken, nahm sie die Bewegung neben sich nicht wahr. Der

heftige Schlag zwischen die Schultern traf Kathy völlig überraschend und nahm ihr den Atem. Sie stürzte gegen die Tür und ging im Flur zu Boden. Mit einem Satz kniete jemand auf ihrem Rücken und drückte ihr eine scharfe Klinge gegen den Hals.

„Ich sehe dich“, keuchte Steve ihr ins Ohr und lachte zufrieden. „Du hast nicht mehr mit mir gerechnete, nicht wahr?“

Kathy antwortete nicht. Fieberhaft überlegte sie, wie sie an den kleinen Revolver in ihrer Handtasche kommen konnte.

„Antworte gefälligst, wenn ich mit dir rede!“, herrschte Steve sie an und drückte die Messerspitze tiefer in ihre Haut. Kathy zuckte zusammen.

„Ja, du hast recht“, gab sie sich unterwürfig. Sie musste ihn in Sicherheit wiegen.

„In den ersten Tagen hast du dich noch wie ein Angsthase verhalten, aber dann bist du immer unvorsichtiger geworden. Das war meine Chance.“

Er lachte wieder.

„Was willst du?“, fragte Kathy vorsichtig.

„Dich.“ Antwortete Steve und griff ihr mit der freien Hand an den Busen. Kathy hätte am liebsten gekotzt, aber sie unterdrückte den Würgereiz. Wenn sie mitspielte, bekäme sie vielleicht die Möglichkeit sich loszureißen. Sie musste es versuchen.

„Aber du willst es doch nicht hier auf der Erde tun. Früher hast du es doch immer so gerne auf dem Sofa gemacht“, lockte Kathy.

„Ich wusste es, du hast es auch vermisst. Gib es zu.“

Steve lockerte seinen Griff etwas.

„Ja“, sagte Kathy nur.

Steve erhob sich.

„Steh ganz langsam auf und keine unbedachte Bewegung.“ Warnte Steve sie, während er mit dem gezückten Messer im Rücken ins Wohnzimmer dirigierte.

„Tolle Bude, deine Arbeitgeber.“ Stellte er fest. „Hast es gut getroffen. Gibt’s hier auch einen Safe?“

„Nein, die Gordons haben ihr Geld auf der Bank“, log Kathy. Steve hatte im Knast seine kriminellen Fähigkeiten ausgebaut, schoss es ihr durch den Kopf.

„Nun, dass werden wir noch sehen.“

Steve lachte. Sein Misstrauen hatte ebenfalls größere Ausmaße angenommen.

„Los zieh dich aus“, befahl er.

Mit zitternden Fingern knöpfte sich Kathy die Bluse auf. Die Tasche war zu weit weg, um sie zu erreichen und das Messer hielt er fest in der Hand.

„Komm schon Schätzchen, mach mal ein bisschen Show, wie in den guten alten Zeiten.“

Steve zog sie mit den Augen aus und Kathy lief eine Gänsehaut über den Rücken. Kathy gehorchte und wog sich im Takt einer imaginären Musik. Ihr Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Da bemerkt sie neben der Obstschale auf dem Tisch einen Teller mit Apfel- und Orangenschalen. Ein kleines spitzes Obstmesser lag darauf. Das konnte ihre Chance sein. Kathy achtete darauf, den Teller mit ihrem Körper zu verdecken, tanzte hin und her, öffnete ihren BH, zog ihn langsam aus.

Steve stierte auf ihre Brüste und konnte sich kaum noch bremsen. Er kam näher.

„Sofa ist langweilig“, keuchte er. „Loss zieh die Hose aus, wir nehmen den Tisch.“

Kathy öffnete den Knopf ihrer Jeans, zog den Reißverschluss langsam herunter. Steve verdrehte die Augen.

„Mach schon. Ich will endlich wieder ein richtiges Weib vögeln.“ Blaffte er und riss ihr die Hose runter. Kathy griff sich das kleine Messer. Sie legte alle Wut und Angst der letzten Jahre in den Stoß und hieb das Messer, bis zum Schaft, in Steves Hals. Steve ließ Kathy sofort los und griff nach dem Obstmesser in seinem Hals. Kathy hörte ihn röcheln, als sie zu ihrer Tasche rannte, die kleine Pistole herauszerrte und auf Steve richtete. Er hatte sich das Messer herausgezogen und sah sie mit großen Augen an. Steve versuchte etwas zu sagen, aber Kathy vernahm nur ein grässliches Gurgeln und sah, wie Blut aus seinem Mund lief. Steve kam auf sie zu, sein Jagdmesser in der einen, das Obstmesser in der anderen Hand. Kathy zitterte wie Espenlaub. Sie hatte gehofft, der Messerstich würde reichen, um Steve zu stoppen.

„Komm nicht näher!“, schrie sie ihn an. „Ich schieße.“

Kathy fuchtelte mit der Pistole herum. Steve ging trotzdem weiter. Immer mehr Blut lief aus seinem Mund und hinterließ eine rote Spur auf den Fliesen.

„Bleib stehen!“

Kathys Stimme überschlug sich vor Hysterie. Er ging weiter. Kathy richtete die Pistole auf Steve, schloss die Augen und drückte ab. Nach dem Schuss hörte sie ein lautes Poltern. Vorsichtig öffnete Kathy die Augen. Steve lag zusammengebrochen vor ihren Füßen. Sein Blut war auf ihre Hose und auf ihre Schuhe gespritzt.

„Bis das der Tod uns scheidet“,murmelte Kathy.

Read Full Post »

III.

(Sätze-mit-nicht-mehr-als-sieben-Wörtern-Übung)

Mani knackt sie alle

Mani sah in das Fenster gegenüber. Endlich ging das Licht aus. Er sah auf sein Handy. 22 Uhr 37. Mani wartete geduldig. Das war sein Job. Sitzen und warten. Er sah wieder auf sein Handy. 23 Uhr 4. Fast eine halbe Stunde vergangen. Jetzt dürfte die alte Dame schlafen. Mani schlich zum Haus. Mit Schwung erklomm er den Balkon. Das war die leichteste Übung. Ein Fensterflügel stand offen. Wie in den Nächten davor. Mani hatte alles genau beobachtet. Er fasste durch den Spalt. Vorsichtig drückte er den Griff herunter. Der andere Fensterflügel öffnete sich. Leise drückte Mani ihn herunter. Ein leises Quietschen war zu hören. Mani wartete, lauschte. Er hörte leise Atemzüge. Die schläft fest, dachte er beruhigt. Bedächtig stieg er ein. Nur ja nichts umwerfen. Mani zückte seine kleine Taschenlampe. Ruhig ließ er den Strahl kreisen. Lautlos schlich er ins Wohnzimmer. Hinter dem Bild war der Safe. Ein echter Burgwächter. Damit kannte er sich aus. Er arbeitete seit 20 Jahren dort. Wurde gut bezahlt der Job. Außerdem brachte er einen guten Nebenverdienst. Mani erkannte die reichen Schnösel sofort. Frau Schneider-Möhring war eine davon. Goldbehängt, mit Aktienanteilen und Grundbesitz. Mani hängte den Monet ab. Er holte sein Stethoskop aus der Hosentasche. Langsam drehte er das Zahlenrad. Er hörte es knacken. Vier Mal. Er drehte am Drehkreuz. Der Tresor sprang auf. Mani starrte auf die leeren Fächer.

„Scheiße!“, entfuhr es ihm.

Das Deckenlicht flutete auf.

„Da haben sie recht“, hörte er sie.

Er fuhr herum. Die alte Schneider-Möhring im Morgenmantel. Sie richtete eine Pistole auf ihn.

„Geben sie sich keine Mühe. Die Polizei ist schon im Anmarsch. Einen wie sie erkenn ich sofort.“ Sie grinste spöttisch. „Mein verstorbener Mann war einer von euch.“

Mani blieb der Mund offen stehen. Er hörte das Heulen der Sirenen.

„Du hast noch einen kleinen Vorsprung. Das war der stille Alarm.“ Frau Schneider-Möhring machte eine Handbewegung. „Lauf.“

Mani sah sie verständnislos an.

„Oder willst du auf die Bullen warten?“

Mani begriff endlich. Er rannte wie ein Hase.

Frau Schneider-Möhring schloss den Safe. Sie hängte den Monet zurück. Sie lächelte. Eine Nacht nach ihrem Geschmack.

IV.

(Reizworttext) Siamkatze, Verzweiflung, Schadensbegrenzung

Voller Verzweiflung saß ich vor dem PC. Die Datei war weg! Vor zwei Sekunden war sie noch da und jetzt war sie weg. Leerer Bildschirm und Mister North saß hinter seinem riesigen Teakholzschreibtisch und wartete. Er wartete auf die Anweisungen, die er mir diktiert hatte. Eilig, dringend, am liebsten vorgestern hatte er gesagt. Mister North war ein guter Chef, aber ständig im Stress und an Tagen wie diesen, wenn alles besonders wichtig war, konnte er ziemlich unwirsch werden, wenn etwas nicht klappte. Es gab zwei Möglichkeiten das Problem zu lösen: Mich aus dem 24. Stock stürzen, das würde als Entschuldigung reichen, oder Schadensbegrenzung durch Naturkatastrophe, landesweiten Stromausfall, Bürgerkrieg oder ähnlich einschneidende Ereignisse. Aber wo ich so schnell einen Wirbelsturm herbekommen oder wie ich einen Bürgerkrieg anzetteln konnte, war mir nicht klar. Stromausfall kam da schon eher infrage.

„Julia, wann ist der Brief fertig. Ich warte!“ hörte ich seine tiefe, ungeduldige Stimme durch die Wechselsprechanlage. Oh, Gott, was jetzt, der rettende Einfall musste her, sofort. Aber mein Hirn war so leer wie mein Desktop

„Noch einen Moment, Mister North“, ich versuchte ruhig zu klingen, „ich bin gleich da.“

Er gab keine Antwort. Ich konnte mir sein Gesicht mit der zornigen Stirnfalte gut vorstellen. Wenn nicht gleich etwas passierte, würde er aus seinem Büro stürmen und ich das Donnerwetter meines Lebens kassieren. Eigentlich konnte ich schon mal meine Sachen packen.

„Na, Probleme?“

Adam vom Support lehnte sich lässig an den Tresen und sah zu mir herunter.

„Was ist denn das für eine Frage?“, ich begann gerade hysterisch zu werden. „Gleich kommt Mister North aus dieser Tür und wird mich den Schweinen zum Fraß vorwerfen, weil der Text weg ist!“

Er grinste.

„Was kriege ich, wenn ich dir den Text wieder herstelle.“

„Was du willst!“

Ich sah an seinem Blick, dass diese Äußerung viel zu voreilig gewesen war. Adam schob mich mit meinem Bürostuhl zur Seite.

„OK, ich besorge dir den Text und du gibst mir, was ich will.“

„Ja.“

Jetzt war sowieso alles egal, denn ich hörte, wie Mister North die Klinke seiner Tür herunter drückte. Gleichzeitig summte der Drucker und Adam hielt mir meinen Text entgegen. Erleichtert reichte ich ihn Mister North, der ohne ein weiteres Wort verschwand. Ich drehte mich zu Adam um und erwartete seine Forderung.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: