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Posts Tagged ‘Porzellan’

Nachdem sich der Inspektor verabschiedet hatte, zog sich Rosalie in die Abgeschiedenheit der Bibliothek zurück, während Anthony  Gil, nach der denkwürdigen Besichtigung der Ahnengalerie, zu einem Ausritt drängte. Rosalie war froh ihren Recherchen ungestört nachgehen zu können.

Die Tür der Bibliothek öffnet sich mit leisem Knarren. Misses Morse lauscht, macht ein paar Schritte in den Raum, reckt den Hals und sieht sich aufmerksam um.

„Miss Rosalie“, ruft sie unsicher, „sind sie da?“

„Ja, Misses Morse“, hört sie Rosalies dumpfe Stimme, „ganz hinten links.“

Vorsichtig balanciert die Köchin ein Tablett mit frischem Brot, Butter, kaltem Hühnchen und einer Flasche Weißwein zwischen den langen Regalreihen hindurch. Erstaunt zieht sie die Augenbrauen hoch, als sie die junge Frau in einem Durcheinander aus Karten, Büchern und Grundrissen auf dem Boden sitzen sieht. Es hat den Anschein, ein Sturmwind hätte die Regale geleert.

„Miss Rosalie“, sagt sie mit leisem Vorwurf in der Stimme, „das schöne Kleid.“

Rosalie lächelt und steht vorsichtig auf, um keines der kostbaren Schriftstücke zu beschädigen.

„Liebe Misses Morse, sie haben so Recht! Ich war ganz vertieft in meine Recherche, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe.“ Sie streicht das blau schimmernde Seidenkleid glatt und rückt ihre warme Wolljacke zurecht. „Stellen sie den Tee doch auf den Tisch am Fenster. Dann kann ich die letzten Sonnenstrahlen genießen.“

„Zum Glück haben sie eine warme Jacke an. Sie holen sich in diesen zugigen Räumen noch den Tod.“ Die ältere Frau schüttelt besorgt mit dem Kopf und sagt mehr zu sich selbst, „heutzutage sind die jungen Leute so leichtsinnig, wenn es um ihre Gesundheit geht.“

Das Porzellan klirrt leise, als Misses Morse das Tablett auf dem Spieltisch vor dem Fenster abstellt. Sie richtet Rosalie einen Teller mit Brot und Hühnchen, gießt ihr ein Glas Weißwein ein. Rosalie setzt sich und kostet einen Schluck.

„Ein edler Tropfen“, stellt sie fest.

„Aus unserem Weinkeller“, erklärt Misses Morse, „der alte Lord war immer sehr eigen, was seine Weine betraf“, Rosalie horcht auf, „aber ich dachte, nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Nacht, könnte ihnen ein kleine Aufmunterung nicht schaden.“

Die Köchin zwinkert Rosalie verschwörerisch zu.

„Danke, liebe Miss Morse. Würden sie sich zu mir setzen und mir Gesellschaft leisten? Ich denke, das Hühnchen reicht für zwei und der Wein ebenso.“

Misses Morse errötet verlegen und setzt sich ganz vorne auf die Stuhlkante. Rosalie reicht ihr einen Teller und schmunzelt.

„Und einen Schluck Wein?“

„Nein, Miss, danke. Lieber nicht.“

Rosalie bestreicht das warme duftende Brot mit Butter, die sofort zerläuft.

„Sie sind eine begnadete Köchin“, Rosalie saugt den Geruch ein, „ich erwäge ernsthaft sie abzuwerben. John, mein Butler, liegt mir seit Wochen in den Ohren endlich wieder eine festangestellte Köchin einzustellen.“

Misses Morse Augen leuchten auf und Rosalie weiß, dass sie ihren Trumpf an der richtigen Stelle ausgespielt hat. Tatsächlich spielt sie mit dem Gedanken die freundliche Frau in ihren Haushalt aufzunehmen.

„Wissen sie, ob die Weinkeller zu dem alten oder neuen Teil des Hauses gehören?“

„Sie wurden auf einem alten Teil des Hauses aufgebaut, soweit ich weiß“, Misses Morse belegt ihr Brot mit einem Stück Hühnchen, „aber Mister Smith kennt sich besser mit diesen Dingen aus, schon sein Vater und Großvater haben den de Clares gedient. Ich bin erst mit vierzehn als Küchenmädchen hergekommen.“

„Danke für den Hinweis“, Rosalie gießt sich etwas Wein nach, „aber sie haben meine Theorie schon bestätigt. Wissen sie zufällig, ob es so etwas wie Eiskeller oder Erdgewächshäuser gab?“

Misses Morse kaut bedächtig an ihrem Bissen. Dann nickt sie.

„Ja, ich erinnere mich. Ich muss etwa 16 gewesen sein, als ich in der Nähe des großen Turms in ein Loch stürzte. Es hatte die Form einer kleinen Vorratskammer. Es dauerte drei Stunden, bis man nach mir suchte und mich befreite.“

„Ich nehme an, dass das Loch danach zugeschüttet wurde?“

Misses Morse zuckt mit den Schultern.

„Tut mir leid, Miss Rosalie. Ich weiß es nicht. Ich war nur heilfroh, dass sie mich da rausholten.“

„Macht nichts. Mir wäre es vermutlich genauso gegangen.“

Rosalie lächelt verständnisvoll. Sie hat erfahren, was sie wissen will.

Ihr Vater ermöglichte es ihr Geschichte zu studieren. Ein Wissensgebiet, dass ihm mehr als alles andere am Herzen lag. Wann immer sich die Gelegenheit bot, besichtigte er mit Rosalie Herrenhäuser, Schlösser, Kirchen, Museen, Galerien und Bibliotheken. Ihr Vater erzählte ihr die Legenden über Uther Pendragon und König Artur, der ebenso ein Bastardkind war, wie er selbst. Er brachte ihr bei, wie man recherchierte, Karten las und welche Bedeutung Symbole und Zeichen hatten.

Rosalies erste Arbeit, in langen Stunden recherchiert, handelte von der Verfolgung katholischer Gemeinden unter Heinrich dem VIII. Sie wusste von den Plünderungen der Kirchenschätze, den Morden an einzelnen Priester und ganzen Ordensbruderschaften. Wer nicht auf Heinrichs Seite war, war gegen ihn. Allerdings gab es auch die andere Seite. Zufluchtsstätten, geheime Schatzkammern, Menschen, die ihr Leben für das Leben fremder Menschen aufs Spiel setzten und den Tod fanden.

„Ich glaube, ich sollte mich wieder in die Küche aufmachen“, reißt Misses Morse Rosalie aus ihren Erinnerungen. „Seine Lordschaft und Mister Douglas werden sich hungrig sein, wenn sie von ihrem Ausritt zurückkehren.“

Sie steht auf und räumt das Geschirr zusammen.

„Sie kennen seine Lordschaft seit seiner Kindheit?“

„Ja, Miss Rosalie“, die Köchin seufzt, „ein liebenswürdiger, fröhlicher Junge. Und so hübsch. Seit er den alten Lord beerbt hat und die Last dieses düsteren Hauses tragen muss, hat er sich sehr verändert. Leider nicht zum Vorteil, wenn ich diese Meinung äußern darf.“ Sie nimmt das Tablett auf. „Er ist ein musischer, künstlerisch begabter Mensch. Ich glaube nicht, dass Mister Gil für diese Art der Verantwortung geschaffen ist.“

„Da mögen sie durchaus Recht haben, Misses Morse“, stimmt Rosalie nachdenklich zu. – Ich sollte ein ernsthaftes Gespräch mit seiner Lordschaft führen. –

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Der Spiegel ist blind. Ich nehme ein feuchtes Handtuch und wische mir ein Stück frei. Was ich sehe, erstaunt mich. Das Gesicht kommt mir bekannt vor. Aber nur entfernt. Es lächelt wie festgefroren. Ich versuche verschiedene Gesichtsausdrücke, aber dieses Eis gewordene Lächeln verschwindet nicht. Als ich die Konturen meines Gesichts abtaste, bemerke ich, dass ich eine Maske trage. Feinstes Porzellan. Es muss lange gedauert haben, sie herzustellen. Sie ist mir so ähnlich, dass sie mich irregeführt hat. Wie lange trage ich diese Maske schon? Ich erinnere mich nicht. Werde ich sie abnehmen können? Und was wird mich hinter der Maske erwarten? Bin ich noch ich, oder habe ich mich in die Maske verwandelt, die ich solange trage?

Erst vorsichtig, dann mit aller Kraft reiße ich an der Maske, aber sie sitzt bombenfest. Und da ist immer noch dieses unheimliche, unveränderte Lächeln.

„Geh weg von mir!“, schreie ich mein Spiegelbild an.

Tränen rinnen hinter der Maske über mein Gesicht. Das Porzellan fühlt sich rau und schmierig an. Plötzlich beginnt die Maske zu schmelzen. Verunstaltet und verzerrt zerläuft sie. Ich kratze mir die Reste von der Haut. Es fühlt sich an, als würde ich die Haut gleich mit herunterziehen. Der Schmerz ist nicht ohne. Tausende Stiche, die ich nicht nur auf meinem Gesicht, sondern auch in meinem Herzen spüre.

Wie konnte es geschehen, dass ich nicht bemerkt habe, wie taub ich geworden bin? Musste ich mein Herz mit einem Panzer umgeben, der sich in Form dieser beklemmenden Maske seinen Weg nach Außen suchte?

Ich konnte die Bosheit der Menschen nicht mehr ertragen. Rücksichtslosigkeit, Ausbeutung jeglicher Art, Lieblosigkeit und eiskalter Egoismus. Ich musste die Maske tragen, um nicht verletzlich und ängstlich zu wirken. Gleichzeitig haben sich die negativen Gefühle, wie eine Müllhalde in meinem Bauch aufgehäuft und mir Übelkeit bereitet. Ich öffne meinen Mund und speie all den Unrat aus, der sich in mir angesammelt hat. Messerscharf zerkratzt mir der Dreck meine Speiseröhre. Endlich ist alles draußen. Ich fühle mich wund und schwach. Mein Inneres hat sich nach Außen gekehrt.

Ich sehe mein Gesicht im Spiegel. Verquollene Augen, wundgekratzte Wangen, Lippen aufgesprungen, Haare wirr. Der Schmerz wird noch anhalten. Mein Körper muss den Bodensatz des Schmutzes ausschwemmen. Aber ich lebe. Verletzt, aber lebend. Das Atmen fällt immerhin schon etwas leichter. Ich putze den Spiegel blitzblank, um einen guten Blick auf mich zu haben. Die Maske hat mein Leben lange genug bestimmt. Es mag sein, dass es anderen nicht gefällt, dass ich die Maske ablege. Auch das werde ich überleben. Wenn eines Tages die Zeit zum Abschied kommt, will ich sagen: ich bin, die ich bin. Ich brauchte keine Maske, um ein lebenswertes Leben zu haben.

Der Text ist nach der Schreibaufgabe „Masken“  in Schreiberlebentipps entstanden.

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