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Tee mit einem Todesengel

Der Todesengel empfängt uns stilecht in einem Mausoleum im Westteil des Highgate Cemetery, London. Im Eingangsbereich des Grabmals ist ein Tisch für Zwei gedeckt. Weiße gestärkte Tischdecke und Servietten gehören ebenso zum guten Ton, wie feines chinesisches Porzellan.

In einer Ecke lehnt das Arbeitswerkzeug meines Gastgebers, die große Sense mit stabilem Eichenholzgriff und glänzender, speziell gehärter Stahlklinge.

Der Todesengel sieht etwas blass aus, begrüßt mich aber mit einem festen Händedruck und bietet mir galant einen Platz an. Der Gastgeber selbst gießt Tee ein und bietet Gebäck an. Meine Bedenken bezüglich der Verträglichkeit entkräftet er mit einem winzigen Lächeln und dem Kommentar, er würde nur in der hiesigen Edelbäckerei Candy&Cake kaufen. Tatsächlich lässt er einen erlesenen Geschmack erkennen, beim Gebäck ebenso wie bei der Wahl des Tees.

Der Todesengel ist in den edlen schwarzen Anzug eines angesagten Designers gekleidet. Auf die Frage nach der Zweckmäßigkeit seiner Kleidung, antworte er, dass es für Männer seiner Profession angemessen sei, sich dem Ernst des Anlasses anzupassen und den Kunden in Würde die letzte Ehre zu erweisen.

Hier ein Auszug aus dem Interview:

„Herr Todesengel … .“

„Bitte, sagen sie Azrael. Ich hasse Formalitäten. Mein Beruf liegt weit außerhalb der gesellschaftlichen Normen, da können wir uns die Wahrung der Konventionen sparen.“

„Gerne, Azrael. Würden sie ihren Beruf auch als Berufung bezeichnen?“

„Eher nicht. Einer musste den Job erledigen. Nachdem ich die Sache mit der Sintflut zur Zufriedenheit vom Boss gelöst hatte, übertrug er mir den Job des Projektleiters.“

„Das heißt also, sie sind nicht der einzige Vollstrecker.“

„Stimmt. Gerade in der heutigen Zeit, mit den schnell wachsenden Konflikten, Bürgerkriegen, länderübergreifenden Auseinandersetzungen, Drogen, den verschiedenen mafiösen Organisationen, Autounfällen usw., suche ich immer fähige Leute, die mich unterstützen.“

„Interessant. Wer kommt ihrer Meinung nach für diesen Job infrage?“

„Eine gute Konstitution muss der Bewerber auf jeden Fall mitbringen. Immerhin muss die Sense jederzeit mitgeführt werden und wir haben einen 16 bis 18 Stundentag. Schlaf und Freizeit sind Luxus. Außerdem sollte man Geduld und Scharfblick beweisen. Nicht jeder, der dafür gehalten wird oder danach aussieht, steht auf der schwarzen Liste.“

Bei diesen Worten lächelt Azrael müde und nippt an seinem Tee. Bei diesem immensen Arbeitspensum verwundert es nicht, dass er erschöpft und abgespannt wirkt.

„Wollen sie damit andeuten, dass nicht jeder Kunde zu seiner vorgegebenen Zeit abtritt?“

„Das ist richtig. Aber es ist schwierig gute Mitarbeiter zu finden. Der Lohn ist ausgesprochen gut. Innerhalb weniger Jahre kann es der Mitarbeiter zu einem kleinen Vermögen bringen, abgesehen von der stattlichen Abfindung beim Ausscheiden. Doch in Anbetracht der Menge an Kunden und der schwindenden Mitarbeiterzahlen – können Fehler beim Abarbeiten der Liste auftreten.“

„Das ist nachzuvollziehen, aber sehr bedauerlich.“

„Niemand bedauert das mehr als ich. Immerhin bin ich der Verantwortliche in der ganzen Sache. Ich habe Controller eingestellt, die die Außendienstmitarbeiter über eine Deadline unterstützen. Wir sind mit der neusten Technik ausgestattet – aber ein gewisser Fehlerquote besteht trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Doch manchmal hatte dies durchaus einen positiven Effekt.“

„Können sie Namen nennen?“

Azrael schmunzelt und seine schwarzbraunen Augen glänzen. Er zögert einen Moment, bevor er antwortet.

„Ich weiß, das wird für Tumult sorgen und der Boss wird nicht erfreut sein, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen unser Metier etwas aus der Zone des Negativen herauszuheben. Der Führer des dritten Reiches hätte zum Beispiel noch nicht das Zeitliche gesegnet, wäre ich nicht eingeschritten.“

„Darf ich mir die Frage erlauben, warum diese Maßnahme nicht eingeleitete wurde, bevor der Mann so viel Unheil anrichten konnte.“

Mein Gegenüber scheint auf diese Frage gefasst zu sein.

„Diese Frage höre ich immer wieder und ehrlich? Ich bin es leid. Ihr Menschen macht es euch einfach. Denkt ihr vielleicht mir macht es Spaß tausende Menschen zu töten in Kriegen, die ihr angezettelt habt? Wer treibt ganze Völker durch gewaltsame Konflikte in die Flucht? Wer zündet Flüchtlingsheime an? Verprasst Millionen für Vergnügungen und lässt gleichzeitig Menschen verhungern? Wer schädigt die Umwelt und schröpft die Ressourcen? Wer ist so machtgierig und geldgeil, dass ihm seine Mitbewohner egal sind? Das seid ihr und nicht wir! Wir machen die Drecksabreit und müssen uns dann solche Fragen gefallen lassen.“

In diesem Moment ertönt ein Klingelton. Mein Gastgeber zieht einen Pieper aus der Tasche. Ein besorgter Blick auf das Display, dann er erhebt er sich und greift zur Sense. Unser Gespräch scheint beendet zu sein. Azrael entschuldigt sich für den hastigen Aufbruch. Auf meine Frage nach dem Grund, wird er sehr ernst. Leider könne er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kommentar zur Sache abgeben, verspricht aber mich auf dem Laufenden zu halten.

Dieses aufschlussreiche Interview mit einem außergewöhnlichen Gesprächspartner führt uns allen einmal mehr vor Augen wie wichtig Toleranz, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft in unserer von Krisen geschüttelten Zeit sind. Dadurch können Menschenleben geschont und überflüssige Tode vermieden werden. Eine Sache, die uns allen am Herzen liegen sollte.

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